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Negative Schlagzeilen ohne Ende: Das französische Pannen-AKW Flamanville. 
Bild: reuters

Fünf Jahre nach Fukushima: Warum die Atomenergie keine Zukunft hat

In verschiedenen Ländern werden neue Atomkraftwerke gebaut. Von einer Renaissance der Technologie kann trotzdem keine Rede sein. Denn wo gebaut wird, gibt es fast nur Probleme.
12.03.2016, 12:0701.04.2016, 13:45

Die Atomenergie sorgt wieder einmal für Schlagzeilen. Vor genau fünf Jahren ereignete sich vor der japanischen Küste das schwere Seebeben, das einen Tsunami und die Katastrophe im AKW Fukushima Daiichi zur Folge hatte. Diese Woche gelangte zudem ein Strategiepapier an die Öffentlichkeit, das eine PR-Firma im Auftrag des Stromkonzerns Alpiq erstellt hat. Demnach sollen die schweizerischen Atomkraftwerke an eine staatliche Auffanggesellschaft ausgelagert werden.

Nach dem Reaktorunglück in Tschernobyl 1986 ging bei der Atomenergie lange nichts mehr. Vor einigen Jahren jedoch wurde ihr ein Comeback prophezeit. Die CO2-freie Stromproduktion aus Kernkraftwerken wurde als Wundermittel gegen den Klimawandel propagiert. Die Gefahren der Technologie rückten in den Hintergrund. In diversen Ländern wurden neue Projekte lanciert. So auch in der Schweiz. 2008 präsentierte der Energiekonzern Atel – eine Vorgängerin von Alpiq – Pläne für einen neuen Reaktor auf dem Gelände des AKW Gösgen.

«Die Atomenergie hat in keiner Weise eine Zukunft. Sie wird uns in Form von Altlasten und hohen Entsorgungskosten aber noch lange beschäftigen.»
Rudolf Rechsteiner

Sie dürften Makulatur bleiben. Nach Fukushima forcierte Bundesrätin Doris Leuthard ihre Energiestrategie 2050. Sie sieht den Ausstieg aus der Atomenergie vor, neue Projekte sollen keine Bewilligung erhalten. National- und Ständerat haben beide Punkte abgesegnet. Deutschland will bis 2020 sämtliche Meiler vom Netz nehmen. Andernorts hingegen wird weiter gebaut, vor allem in China. Ist die Kernenergie also ein Auslaufmodell, oder hat sie ihre Zukunft noch vor sich?

Atombombe als Motiv für neue AKW

Der frühere Basler SP-Nationalrat Rudolf Rechsteiner hat eine dezidierte Meinung: «Die Atomenergie hat in keiner Weise eine Zukunft. Sie wird uns in Form von Altlasten und hohen Entsorgungskosten aber noch lange beschäftigen.» Bei den meisten Bauprojekten handle es sich um Ankündigungen, die nie ausgeführt würden. China sei eine Ausnahme, doch selbst dort erlebten Wind- und Solarenergie einen stärkeren Aufschwung, sagt Rechsteiner. Tatsächlich werden Wind- und Solaranlagen laufend billiger, während es bei neuen AKW zu massiven Kostenüberschreitungen kommt.

Als Energieexperte propagierte Rechsteiner die Stromerzeugung durch Wind und Sonne bereits zu einer Zeit, als man dafür belächelt wurde. Heute führt er ein eigenes Beratungsbüro. Er mag nicht ganz unbefangen sein, doch die Fakten sprechen für ihn. Hinter dem Bau neuer Atomkraftwerke stecken meist nicht wirtschaftliche, sondern politische Motive. So in China, Indien oder Russland. Oder es geht um einen «Nebeneffekt»: Die Atombombe. Als Beispiele nennt Rechsteiner Iran, Saudi-Arabien und Ägypten – Länder mit besten Voraussetzungen für Solarenergie.

Andernorts hingegen häufen sich die Probleme:

Japan

Die Katastrophe vom 11. März 2011

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Erdbeben und Tsunami – die Katastrophe vom 11. März 2011
quelle: epa / str
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Die mit der Strombranche verbandelte Regierung will trotz Fukushima an der Kernenergie festhalten. Nach der Katastrophe wurden alle 48 Reaktoren heruntergefahren. Nur gerade vier sind seither wieder ans Netz gegangen, mehrere sollen stillgelegt werden. Die japanische Bevölkerung ist heute mehrheitlich gegen die Atomenergie.

Schweden

2010 verkündete die Regierung den Ausstieg aus dem Atomausstieg, den das Stimmvolk 1980 beschlossen hatte. Heute ist davon keine Rede mehr, sondern nur noch von der Abschaltung von Reaktoren. Bis 2020 sollen vier vom Netz genommen werden. In Skandinavien herrscht wie im übrigen Europa ein Stromüberschuss mit tiefen Preisen. Atomstrom rentiert nicht mehr.

Finnland

Anders als im Nachbarland will die Regierung die Atomkraft ausbauen, um die Abhängigkeit von russischen Energieimporten zu senken. Bislang allerdings gibt es nur Probleme. Im AKW Olkiluoto begann der französische Konzern Areva 2005 mit dem Bau eines dritten Reaktorblocks. Er sollte 2009 in Betrieb gehen. Inzwischen ist die Rede von 2018. Die Kosten sind aus dem Ruder gelaufen, der Bau eines vierten Reaktors wurde 2015 abgeblasen. Ein weiteres neues AKW soll ausgerechnet von einer russischen Firma gebaut werden und ist entsprechend umstritten.

Frankreich

Mit 75 Prozent Anteil an der Stromversorgung ist Frankreich das AKW-Land par excellence. Die Schweizer Strombranche machte jahrelang glänzende Geschäfte mit der «Umwandlung» von billigem französischem Atomstrom in teure einheimische Wasserkraft. Die goldenen Zeiten aber sind vorbei. Dafür stehen nicht nur die Probleme im ältesten französischen Reaktor in Fessenheim unweit von Basel, wo es 2013 beinahe zum GAU gekommen wäre. Der einstige Vorzeigekonzern Areva etwa ist ein Sanierungsfall.

Greenpeace-Protest in Fessenheim, wo es 2013 beinahe zum GAU gekommen wäre.<br data-editable="remove">
Greenpeace-Protest in Fessenheim, wo es 2013 beinahe zum GAU gekommen wäre.
Bild: PATRICK SEEGER/EPA/KEYSTONE

2015 hat die Regierung beschlossen, den Anteil des Atomstroms von 75 auf 50 Prozent zu senken. Für negative Schlagzeilen sorgt auch der Bau des Europäischen Druckwasserreaktors (EPR) in Flamanville an der Kanalküste. Er sollte zu einem Exportschlager werden und könnte stattdessen «das Ende der Nuklearentwicklung Made in France einläuten», so das deutsche «Handelsblatt». Die Bauarbeiten sind um Jahre in Verzug, die Kosten haben sich auf neun Milliarden Euro verdreifacht, und zuletzt wurden schwere Mängel am Reaktordruckbehälter entdeckt.

«Eine Wind- oder Solaranlage ist in kurzer Zeit erstellt, im Gegensatz zu Atomkraftwerken. Selbst Erdgas kann da nicht mithalten.»
Rudolf Rechsteiner

Grossbritannien

Die damalige Labour-Regierung genehmigte 2008 den Bau von vier neuen Atomkraftwerken. Doch auch mit diesen Plänen gibt es fast nur Ärger. Der staatlich kontrollierte französische Energieriese EDF will beim bestehenden AKW Hinkley Point zwei EPR-Reaktoren bauen, verlangt dafür aber einen fixen Abnahmepreis von rund 13 Rappen pro Kilowattstunde. Der Marktpreis für Strom beträgt derzeit drei bis vier Rappen. Ein durchaus atomfreundlicher Gastbeitrag in der «Financial Times» fordert die heutige konservative Regierung zu einem Stopp des Projekts auf.

USA

In den Vereinigten Staaten sind 100 Atomreaktoren in Betrieb, so viele wie in keinem anderen Land. Die Regierung Obama wollte die Kernenergie weiter ausbauen, als Massnahme gegen den Klimawandel. Davon ist heute keine Rede mehr. Fünf Reaktoren sind in Bau oder geplant, ob sie je vollendet werden, ist unklar. Das billige Schiefergas setzt dem Atomstrom zu, und auch die Solarenergie erlebt einen Boom, wie das Newsportal Vox schreibt.

Solarkraftwerk in der Wüste von Nevada.<br data-editable="remove">
Solarkraftwerk in der Wüste von Nevada.
Bild: Chris Carlson/AP/KEYSTONE

Hinzu kommen Sicherheitsprobleme: Die staatliche Aufsichtsbehörde NRC stellte den AKW zuletzt ein gutes Zeugnis aus. Zu ganz anderen Schlüssen kamen sieben Ingenieure, die für die NRC arbeiten. Sie gingen mit einem Bericht an die Öffentlichkeit, wonach in 99 der 100 US-Reaktoren Sicherheitsmängel vorhanden sind. Die Agentur Bloomberg kam vor einem Jahr zu einem ziemlich ernüchternden Schluss: Die Kernenergie sei in den USA «praktisch tot».

Von einer Renaissance des Atomstroms kann somit zumindest in den westlichen Industrieländern keine Rede sein. Und die Perspektiven sind angesichts der Fortschritte bei den erneuerbaren Energien kaum erfreulicher. Nicht nur werden sie laufend billiger. Rudolf Rechsteiner erwähnt als weiteren Vorteil den Zeitfaktor: «Eine Wind- oder Solaranlage ist in kurzer Zeit erstellt, im Gegensatz zu Atomkraftwerken. Selbst Erdgas kann da nicht mithalten.»

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Die Hoffnungen der AKW-Befürworter richten sich deshalb auf Kraftwerke der vierten Generation. Sie sollen sicherer sein und erst noch weniger Abfall produzieren. Selbst das Bundesamt für Energie (BFE) sieht hier ein Potenzial. Ganz im Gegensatz zu Alt-Nationalrat Rechsteiner: «Alle forschen ein wenig herum, aber niemand entwickelt diese Technologie, es fehlt das Geld für eine industrielle Dimension.» Er erinnert an andere vermeintliche Durchbrüche, die sich als Totgeburten entpuppt haben, etwa den Schnellen Brüter.

Die Schweizer AKW

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akw
quelle: keystone / gaetan bally
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Es ist definitiv zu früh, das Ende des Atomzeitalters auszurufen. Und doch spricht fast alles dafür, dass die Technologie ein Auslaufmodell ist. Eines allerdings, das uns noch sehr lange beschäftigen wird. Die Entsorgung der AKW ist langwierig und teuer. Bis die Ruine in Fukushima beseitigt ist, sollen nicht wie ursprünglich angenommen 40, sondern 70 Jahre vergehen. Vom in den meisten Ländern ungelösten Abfallproblem ganz zu schweigen.

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