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Prekäre Arbeitsverhältnisse erhöhen das Risiko eines vorzeitigen Todes

Fahrradkurier (Symbolbild GIG Economy)
Velokurier mit eigenem Fahrrad: Prekär Beschäftigte müssen für die Arbeit oft ihre eigenen Werkzeuge oder Fahrzeuge stellen.Bild: Shutterstock

Du arbeitest, bist aber nicht fest angestellt? Dann stirbst du früher

06.09.2023, 09:1306.09.2023, 14:06
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Wenn Kritik an prekären Arbeitsverhältnissen laut wird, geht es meistens um Ausbeutung und fehlende soziale Absicherung – auch in Europa. Denn solcherart Beschäftigte haben keinen Anspruch auf bezahlte Ferien und Lohnfortzahlungen im Krankheitsfall. Eine neue Studie aus Schweden weist nun auf ein bisher kaum beachtetes Problem hin: Menschen ohne sicheren Arbeitsplatz haben ein höheres Risiko, vorzeitig zu sterben.

Die sogenannte Gig Economy hat in den letzten Jahren einen wahren Boom erlebt. Gig Economy ist ein modischer Ausdruck für jenen Teil des Arbeitsmarkts, in dem Aufträge kurzfristig an Arbeitssuchende, Freelancer oder geringfügig Beschäftigte vergeben werden. Ein Beispiel dafür ist der scheinselbständige Paketzusteller, der dir deine Bestellung im eigenen Fahrzeug nach Hause bringt.

20 Prozent höheres Sterberisiko für prekär Beschäftigte

Das ist zumindest das Ergebnis einer Untersuchung des Instituts für Umweltmedizin am schwedischen Karolinska Institutet, die im Fachmagazin «Journal of Epidemiology and Community Health» erschienen ist. Die Forscher um Nuria Matilla Santander werteten die Registerdaten von 250'000 in Schweden lebenden Arbeitnehmern im Alter zwischen 20 und 55 Jahren aus, und dies für den Zeitraum von 2005 bis 2017. Berücksichtigt wurden sowohl Personen, die von ungünstigen zu guten Arbeitsbedingungen wechseln konnten, als auch solche, die in prekären Arbeitsverhältnissen festsassen.

Nuria Matilla Santander, Assistenzprofessorin Karolinska Institutet
https://staff.ki.se/people/nuria-matilla-santander
Nuria Matilla Santander, Assistenzprofessorin am Karolinska Institutet und Hauptautorin der Studie. Bild: Karolinska Institutet

Die Auswertung der Daten ergab, dass die Mitglieder der ersten Gruppe – also jene, die ihre Arbeitsbedingungen verbessern konnten – ein um 20 Prozent geringeres Sterberisiko aufwiesen als jene, die in einer prekären Beschäftigung verblieben, ungeachtet der weiteren beruflichen Entwicklung. Bei jenen Personen, die 12 Jahre lang eine sichere Beschäftigung hatten, sank das Risiko eines vorzeitigen Ablebens sogar um 30 Prozent.

«Durch die von uns verwendeten Methoden können wir relativ sicher sein, dass der Unterschied in der Sterbewahrscheinlichkeit auf die Unsicherheit der Beschäftigung und nicht auf individuelle Faktoren zurückzuführen ist.»
Nuria Matilla Santander, Karolinska Institutet

«Dies ist die erste Studie, die gezeigt hat, dass die Wahrscheinlichkeit zu sterben abnimmt, wenn man von einem prekären Job zu einer sichereren Arbeit wechselt», stellt Theo Bodin fest, einer der Co-Autoren der Studie. «Das ist dasselbe, wie wenn man sagt, dass die Wahrscheinlichkeit eines frühen Todes höher ist, wenn man weiterhin in einem Job ohne richtigen Arbeitsvertrag arbeitet.»

Riesige Bevölkerungsdatenbank

Von Vorteil für die Studie erwies sich der Umstand, dass die Wissenschaftler auf eine riesige Bevölkerungsdatenbank zurückgreifen konnten. «Eine so grosse Studienpopulation ermöglichte es uns, viele Faktoren zu korrigieren, die die Sterbewahrscheinlichkeit beeinflussen, etwa Alter, Krankheiten, an denen Arbeitnehmer leiden können, oder auch Lebensveränderungen wie Scheidungen», erklärt Matilla Santander. «Durch die von uns verwendeten Methoden können wir relativ sicher sein, dass der Unterschied in der Sterbewahrscheinlichkeit auf die Unsicherheit der Beschäftigung und nicht auf individuelle Faktoren zurückzuführen ist.»

«Wenn wir die Zahl der flexiblen Arbeitsplätze auf dem Arbeitsmarkt reduzieren, können wir viele vorzeitige Todesfälle in Schweden verhindern.»
Nuria Matilla Santander, Karolinska Institutet

Aufgrund ihrer Ergebnisse sind die Forscher der Ansicht, dass die Arbeitsplatzsicherheit auf dem schwedischen Arbeitsmarkt verbessert werden sollte. Das Problem könnte eigentlich ganz einfach gelöst werden, glaubt Matilla Santander. «Diese Ergebnisse sind wichtig, weil die erhöhte Sterblichkeitsrate, die wir in dieser Gruppe von Arbeitnehmern sehen, vermieden werden kann. Wenn wir die Zahl der flexiblen Arbeitsplätze auf dem Arbeitsmarkt reduzieren, können wir viele vorzeitige Todesfälle in Schweden verhindern», sagt sie.

Mangelnde Vorhersehbarkeit und Sicherheit im Job

Prekäre Beschäftigungsverhältnisse gibt es in vielen verschiedenen Formen: Freelancer, Zeitarbeiter, Beschäftigte in Minijobs, schlecht bezahlte Saisonarbeiter. Kennzeichnend für solche Arbeitsverhältnisse sind geringer Lohn, keine soziale Absicherung, mangelnder Einfluss, fehlende Rechte, kurzfristige Verträge und daher eine ungewisse Zukunft für den Beschäftigten. Oft müssen auch Werkzeuge oder Fahrzeuge, die für die Ausübung der Arbeit notwendig sind, vom Beschäftigten selbst mitgebracht werden. Einer solchen Arbeitsexistenz fehlen die Vorhersehbarkeit und Sicherheit, die vielen Leuten sehr wichtig sind. Und dies wirkt sich – wenig erstaunlich – negativ auf die Gesundheit aus.

Tomatenpflücker in Spanien
Tomatenpflücker in Spanien: schlecht bezahlte Saisonjobs.Bild: Shutterstock

Woran Menschen sterben, die längere Zeit in prekären Beschäftigungsverhältnissen leben, ist noch nicht geklärt. Es könnte daran liegen, dass sie ungesünder leben, dass sie ungesündere Arbeit verrichten oder dass sie aufgrund der unsicheren Beschäftigung permanentem Stress ausgesetzt sind. Erst weitere Untersuchungen könnten hier Klarheit schaffen. (dhr)

Kein Vorgesetzter, flexibler Zeitplan, schnelle Auszahlungen

Video: srf/Roberto Krone
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64 Kommentare
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Snowy
06.09.2023 10:01registriert April 2016
Die Gleichung ist eher:

Arm = kränkeres und kürzeres Leben

Reich = gesünderes und längeres Leben

Ist nun wahrlich keine Breaking Headline.
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