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Zahlenblindheit

Der Patient konnte die ihm gezeigte Ziffer nicht erkennen. Er sagte, sie sehe für ihn aus «wie Spaghetti». Bild: Johns Hopkins University

Mysteriöse Hirnstörung – Mann kann die Ziffern 2 bis 9 nicht mehr sehen



Das menschliche Hirn ist ein seltsames Organ. Das merkt man besonders dann, wenn es nicht normal funktioniert – manche Hirnstörungen führen uns drastisch vor Augen, wie sehr das, was wir uns als Realität zu sehen gewohnt sind, von der Arbeit unseres Gehirns bestimmt wird. Ein Beispiel dafür ist der Fall eines Patienten, der trotz intaktem Sehsinn sämtliche Ziffern von 2 bis 9 nicht erkennen kann, aber die Ziffern 1 und 0 sowie römische Ziffern oder Buchstaben völlig normal sieht.

Forscher um Teresa Schubert von der Harvard University haben auf dem Wissenschaftsportal «Proceedings of National Academy of Sciences» (PNAS) eine Studie veröffentlicht, die sich mit dem merkwürdigen Fall befasst. Der heute 60-jährige Amerikaner leidet seit acht Jahren an einer Sehstörung, die nach einer Art Anfall auftrat, dem fortschreitende Schäden in verschiedenen Hirnregionen folgten. Der Patient – in der Studie als «R. F. S.» bezeichnet – kann seither die Ziffern 2 bis 9 nicht mehr erkennen. «Wenn man ihm eine Zahl zwischen 2 und 9 zeigte, war R.F.S. ausserstande, diese Ziffer oder auch nur ihre Form zu erkennen», schreiben die Forscher. «Er sah stattdessen nur ein Knäuel schwarzer Linien – ähnlich wie Spaghetti.»

Since 2011, the patient known as RFS has only been able to see wavy lines when looking at the digits 2 through 9.

Links die Ziffer, die R. F. S. gezeigt wurde, rechts seine Zeichnung, wie er die Ziffer wahrnahm. Bild: Johns Hopkins University

Es spielte für R. F. S. keine Rolle, ob ihm kleine, gedruckte Ziffern oder solche in der Form von grossen Schaumstoff-Figuren gezeigt wurden – er konnte sie alle nicht erkennen, auch Zahlenkombinationen nicht. Zudem konnte er nicht aus der Gestalt der von ihm wahrgenommenen «Spaghetti-Knäuel» auf die jeweiligen Ziffern schliessen, denn die Form dieser Knäuel änderte sich jeweils auch dann, wenn ihm dieselbe Ziffer gezeigt wurde.

Äusserst seltsam ist die Tatsache, dass R. F. S. – der vor seiner Erkrankung als Ingenieur arbeitete und daher viel mit Zahlen zu tun hatte – keine Schwierigkeiten bekundet, die Ziffern 0 und 1 zu erkennen und zu verstehen. Auch Buchstaben oder Sonderzeichen wie &, %, # oder $ kann der Patient problemlos erkennen. Und er kann auch Objekte problemlos erkennen, die sehr ähnlich aussehen wie eine Ziffer – beispielsweise ein grosses B, das einer 8 ähnelt. R. F. S. kann auch nach wie vor rechnen; allerdings muss er die Ziffern dann als römische Zahlzeichen vor sich haben oder sie als Zahlwörter ausschreiben. Es handelt sich bei seinem Leiden also um eine hoch selektive Zahlenblindheit.

Klar ist, dass der Sehsinn des Mannes intakt sein muss. Erst im Gehirn geschieht etwas, das dafür sorgt, dass gewisse Ziffern lediglich verzerrt in sein Bewusstsein gelangen. Sein Gehirn erkennt die Ziffer – um sie dann umgehend nicht mehr zu erkennen. «Wenn er eine Zahl ansieht, muss sein Gehirn ja zunächst feststellen können, dass es sich um eine der betroffenen Ziffern handelt und nicht um etwas anderes – das ist wirklich ein Paradox», bemerkt Co-Autor Michael McCloskey von der Johns Hopkins University dazu in einer Mitteilung der Universität.

Erst mit eine Reihe von Experimenten gelang es den Forschern, dem Leiden des Patienten auf die Spur zu kommen. So bemerkten sie, dass R. F. S. auch Objekte nicht erkennen konnte, die innerhalb einer Ziffer oder dicht daneben lagen. So war er nicht imstande, eine Violine zu erkennen, die in einer grossen 3 eingezeichnet war. Wurde dieselbe Zeichnung der Violine weiter von der 3 entfernt, konnte er sie jedoch sehen.

Die Forscher zeichneten nun die Hirnströme von R. F. S. auf, während ihm Ziffern mit eingebetteten Bildern oder Wörtern und solche ohne diese Objekte gezeigt wurden. Schaute R. F. S. eine Ziffer mit einem darin eingezeichneten Gesicht an, konnte er dies nicht erkennen. Die Aufzeichnung seiner Hirnströme lässt jedoch vermuten, dass sein Gehirn das Gesicht doch registrierte, obwohl R. F. S. nichts davon bewusst merkte. Seine Gehirnströme zeigten dieselben Muster, wenn ihm ein Gesicht gezeigt wurde, das nicht in einer Ziffer eingebettet war und das er normal sehen konnte.

Einer der Tests zeigte, dass sich dieZahlenblindheit von R.F.S. auch auf Formen direkt auf oder neben den Ziffern überträgt. Obwohl «6» und «G» einander sehr ähneln, konnte R.F.S. zwar eine eingebettete Nase, nicht aber die Zahl mit der Birne erkennen.

Die Birne in der Ziffer 6 konnte R. F. S. ebensowenig erkennen wie die Ziffer selbst. Den ähnlichen Buchstaben G dagegen erkannte er, ebenso die darin eingezeichnete Nase. Bild: PNAS

Auch als die Forscher R. F. S. ein in einer Ziffer eingebettetes Wort präsentierten, konnten sie denselben Effekt feststellen: «R. F. S. erkannte kein Wort», sagt Schubert, «aber sein Hirn nahm nicht nur wahr, dass da ein Wort war, sondern konnte es auch identifizieren, etwa das Wort ‹Tuba›.» Sein Gehirn führte also komplexe Analysen des Gesehenen aus, ohne dass etwas davon in sein Bewusstsein drang.

Schliesslich diagnostizierten die Wissenschaftler die Krankheit des Mannes: Es handelt sich, wie sie annehmen, um eine sogenannte kortikobasale Degeneration (CBD), eine seltene Hirnstörung. Sie wurde durch die Schädigung von zwei Hirnarealen verursacht: dem Cortex und den basalen Ganglien. Dies führt zu Symptomen wie Gedächtnisproblemen oder Muskelkrämpfen, ähnlich wie bei der Alzheimer-Krankheit.

Für R. F. S. entwickelten die Forscher ein spezielles numerisches System, das er auswendig lernen konnte und im Alltag – und sogar bei der Arbeit bis zu seiner Pensionierung 2014 – einsetzen konnte. Allerdings hat sich sein Gesundheitszustand seither stark verschlechtert. Die durchschnittliche Lebensdauer nach einer Diagnose mit CBS beträgt nur acht bis zehn Jahre. Immerhin sind seine kognitiven Funktionen, abgesehen von seiner spezifischen Zahlenblindheit, noch weitgehend intakt.

(dhr)

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16Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Maya Eldorado 27.06.2020 11:02
    Highlight Highlight Merkwürdiger Fall! Unglaublicher Fall!
    Da kommt mir doch der Gedanke: Der erste April ist doch vorbei.
  • Spi 27.06.2020 08:24
    Highlight Highlight Ich wette, der ist Informatiker.
  • lilie 27.06.2020 07:45
    Highlight Highlight Unglaublicher Fall. Daran sieht man, wie hochkomplex unser Hirn arbeitet - fällt ein Teil in der Verarbeitungskette aus, kommt es teilweise eben zu solch skurilen Störungen.

    Wer sich für solche Fälle interessiert, dem empfehle ich die Bücher von Oliver Sacks, einem Neurologen, der seine besonders eindrücklichen Fälle mit viel Einfühlungsvermögen und Respekt in anektotischer Form veröffentlichte (sein vermutlich bekanntestes Werk heisst "Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte").

    Wirklich sehr lesenswert, auch schön zum Verschenken! 😃
    • Zingarro96 27.06.2020 08:38
      Highlight Highlight Danke für den Tipp☺️ Muss ich gleich mal lesen
    • Kimbim 27.06.2020 09:54
      Highlight Highlight Für Oliver Sacks gibts ein 💜. Kann mich der Empfehlung nur anschliessen. Auch seine Autobiografie ist sehr lesenswert.
  • Sir Lanzelot 27.06.2020 07:21
    Highlight Highlight Irgendwie habe ich meine Zweifel... Klingt unglaublich.
    • ch.vogel 27.06.2020 09:02
      Highlight Highlight War auch mein erster Gedanke...

      Nicht dass ich den Mann oder die Wissenschaftler anzweifeln möchte, ich weiss dass Hirnschädigungen teilweise sehr spezielle Auswirkungen haben können.

      Aber angenommen der Mann "simuliert" dies nur (z.B. um früher pensioniert zu werden, was nach 2 Jahren mit 54 auch geschah): Wie könnte man das überprüfen?
      Wie im Artikel geschrieben geben die Hirnströme keinen Hinweis darauf. Dass er nur 1 und 0 lesen kann, obwohl andere Ziffern Buchstaben sehr ähnlich sind (z.B. 6 und G) ist auch eher seltsam. Müsste er nicht z.B. auf Distanz bei einer 6 manchmal ein G sehen?
    • mon tuno 27.06.2020 09:23
      Highlight Highlight Tja, wenn man so etwas selbst erlebt ist das sehr beängstigend: Während einer Lebenskrise hatte ich starke kognitive Störungen - wurde getestet was das Zeug hielt, keine Tumore gefunden, die üblichen Erkrankungen waren negativ. Schliesslich blieb übrig, dass es scheinbar stressbedingt, und durch Depressionen begünstigt war.

      Es fing damit an, dass ich keine Sätze mehr bilden konnte. Oder die Zeigerstellung der Uhr deuten...
    • lilie 27.06.2020 10:15
      Highlight Highlight @ch.vogel: Simulanten könnte man in einem solchen Fall ziemlich leicht herausfiltern.

      Es fängt damit an, dass er die (in seinem Fall ziemlich komplizierten) "Regeln" seiner Störung hätte memorieren und zuverlässig replizieren müssen. So viel "Arbeit" machen sich aber Simulanten in der Regel nicht bzw. sie verstricken sich meist bald in Widersprüchen oder fallen in Alltagssituationen auf die Nase.

      Dazu kommt, dass "Simulieren" eine Hirnleistung ist, die sich während der Untersuchung als erhöhte Frontalcortexleistung hätte zeigen müssen. Das war aber offenbar nicht der Fall.
  • Pana 27.06.2020 07:06
    Highlight Highlight Mit anderen Worten, sein Gehirn hat auf das Dual/Binärsystem umgeschaltet, oder?
    • Lienat 27.06.2020 07:38
      Highlight Highlight Dann kann er ja die Ziffern 2 bis 9 durch ihre ASCII-Codes darstellen.
    • DonChaote 27.06.2020 08:26
      Highlight Highlight @Lienat
      Nein, das müssten dann die zahlen im binärcode sein. ;)

      2 (binär im ascii-code) -> 0011 0010
      2 (in binärcode) -> 0010
      9 (binär im ascii-code -> 0011 1001
      9 (in binärcode) -> 1000
    • Lienat 27.06.2020 13:30
      Highlight Highlight @DonChaote: Geundsätzlich einverstanden, nur dass 9 im Dualsystem nicht 1000, sondern 1001 ist 😉
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  • plaga versus 27.06.2020 06:41
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