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Wie Putin ein Stück ukrainische Geschichte vernichtet

Die Ukraine hat über 400 Museen und 3000 Kulturstätten – und sie alle sind von der russischen Invasion bedroht. Warum Putin die ukrainische Kultur ins Visier nimmt, wie die Ukrainer versuchen, ihr kulturelles Erbe zu schützen und wie eine ukrainische Künstlerin zum Friedenssymbol wurde.
15.03.2022, 07:0716.03.2022, 11:27

Die Kultur-Frage ist womöglich ein Auslöser dieses russischen Angriffskrieges, der nun bereits seit mehr als zwei Wochen die Ukraine erschüttert.

Und so vernichtet die russische Armee auf ihrem Kriegsmarsch durch die Ukraine nicht nur Menschenleben und entwurzelt eine Generation ihrer Heimat, sondern zertrampelt und zerstört auch Kulturstätten. Dadurch lässt der Invasor einen Teil der ukrainischen Geschichte verblassen, stellt Orte der Erinnerung infrage, schafft Eckpunkte der ukrainischen Identität ab, versucht das kulturelle Gedächtnis einer Nation von der Bildfläche zu tilgen – und begeht ein Kriegsverbrechen.

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Das Schicksal der ukrainischen Kulturgüter in diesem Krieg kann bei Weitem noch nicht abgeschätzt werden. Diese losen Spotlights sollen die Komplexität des Themas zeigen – ohne in irgendeiner Form Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben:

Maria Prymachenko: Die ukrainische Nationalidentität und ihr Friedenssymbol

Bereits in den ersten Stunden des Krieges wurde dem ukrainischen Kulturerbe ein derber Stoss versetzt: Am 25. Februar brannte ein Museum in Iwankiw in der Nähe von Kiew nach einem russischen Angriff. Ersten Berichten zufolge sollen dabei 25 Werke der Künstlerin Maria Prymachenko – einer Ikone der ukrainischen Nationalidentität – den Flammen zum Opfer gefallen sein.

Da der russische Präsident Wladimir Putin in einem Aufsatz vom letzten Sommer behauptete, dass die Ukrainer und die Russen «ein Volk» mit einer Kultur seien, wurden früh Befürchtungen laut, dass seine Armee gezielt versuchen könnte, Ikonen der künstlerischen Traditionen der Ukraine zu zerstören. Wie unbarmherzig die russische Armee der ukrainischen Kultur zusetzen kann, hat sie bereits 2014 bei der Invasion der Krim bewiesen: Das Heimatmuseum von Donezk wurde 15 Mal von Panzerabwehrraketen getroffen. Dabei wurden etwa 30 Prozent der Sammlung des Museums zerstört, rund 45'000 künstlerische und archäologische Objekte sind für immer verloren.

Prymachenkos Werk gilt als fest in der ukrainischen Ästhetik verwurzelt: Bevor sie in den 1930er Jahren mit der Malerei begann, erlernte sie Volkskunst wie Stickerei und Ostereierverzierung. Aus diesem Grund ist die Anwältin Natalia Gnatiuk, eine Partnerin der «Maria Prymachenko-Familienstiftung» der Ansicht, dass der Angriff auf das Museum in Iwankiw ein erklärtes Ziel der russischen Invasion und kein Kollateralschaden war, wie sie gegenüber CNN erläutert:

«Es war das erste in Iwankiw zerstörte Gebäude. Die Aufgabe der Besetzer ist es, unsere ukrainischen Wurzeln zu zerstören, unsere ukrainische Kultur zu vernichten – sie hassen sie. Und Maria Prymachenko ist nicht nur das Symbol von Iwankiw, sondern auch ein Symbol für die gesamte Ukraine und die Welt von heute.»

Die Bilder der Künstlerin wurden in Städten in ganz Europa ausgestellt. Im Jahr 1936 soll Pablo Picasso nach dem Besuch einer Ausstellung ihrer Bilder in Paris gesagt haben: «Ich verneige mich vor dem künstlerischen Wunder dieser brillanten Ukrainerin.»

Inzwischen sind Berichte aufgetaucht, wonach ein Mann Dutzende der Werke aus dem brennenden Museum gerettet haben soll. Anastasiia Prymachenko, die Urenkelin der Künstlerin, sagte gegenüber der «The Sunday Times», dass alle Prymachenko-Gemälde aus dem Gebäude gerettet worden seien: «Einem heldenhaften Mann ist es gelungen, die Gemälde aus dem Feuer zu retten.» Diese Angaben liessen sich bis jetzt nicht unabhängig prüfen. Sie fügte hinzu: «Wenn dieser Krieg zu Ende ist, ist dies die erste Heldengeschichte, die wir erzählen werden.»

Während die 25 Originalwerke Prymachenkos aus dem verbrannten Museum noch nicht wieder aufgetaucht sind, erhob sich eines ihrer Motive wie ein Phönix aus der Asche, um auf Demonstrationen weltweit zum Symbol für Frieden in der Ukraine zu werden: eine blau-weisse Friedenstaube auf gelbem Grund mit roten Blumen.

Prymachenkos Taube wird weltweit an Demonstrationen zum Symbol für den Frieden in der Ukraine, hier San Francisco (USA), 06. März 2022.
Prymachenkos Taube wird weltweit an Demonstrationen zum Symbol für den Frieden in der Ukraine, hier San Francisco (USA), 06. März 2022.Bild: keystone

Charkiw: Die sowjetische Architektur bekommt Risse

Seit dem 1. März 2022 wütet die russische Armee in Charkiw, von 1917 bis 1934 die Hauptstadt der Sowjetukraine. Entsprechend prägend sind die architektonischen Zeugen dieser Epoche für die Geschichte des Landes: Mit ihrer wuchtigen Präsenz sind sie prägende Orte der Erinnerung.

Der Freiheitsplatz in Charkiw umgeben von Gebäuden aus der Sowjetzeit vor dem Krieg (aufgenommen vom Dach des Derschprom-Hochhauses):

Bild: getty

Der Freiheitsplatz in Charkiw am 01. März 2022 nach einem russischen Angriff:

Bild: keystone

Besonders die Gebäude um den zentralen Freiheitsplatz in Charkiw – mit über elf Hektar einer der grössten Plätze Europas – wurden durch die russische Aggression verheerend beschädigt.

Und genau dort befindet sich ein architektonisches Juwel des sowjetischen Konstruktivismus: der erste sowjetische Wolkenkratzer, eines der ersten Hochhäuser Europas: das Derschprom-Gebäude. Erbaut zwischen 1925 und 1928 hatte es ursprünglich eine Höhe von 68 Metern. Der Gebäude-Komplex besteht aus drei Blöcken, die durch Brückenübergänge verbunden sind. 1954 wurde auf dem Gebäude eine Fernsehantenne installiert, sodass die Gesamthöhe nun 108 Meter beträgt.

Das Derschprom ist eines der herausragendsten Gebäude der Sowjetarchitektur überhaupt.

Sieben der originalen 12 Aufzüge im Derschprom haben bis vor dem russischen Angriff noch funktioniert, ohne dass sie jemals ausgetauscht wurden. Das ist bemerkenswert, denn bereits einmal in der Geschichte wurde der Friedens-Platz von einem Invasor arg in Mitleidenschaft gezogen: beim Überfall auf die Sowjetunion durch Nazi-Deutschland 1941.

Am 25. Januar 2018 wurde das Derschprom per Dekret zum «Denkmal von nationaler Bedeutung». Das Bauwerk ist Kandidat für die Aufnahme in die UNESCO-Welterbeliste. Der aktuelle Zustand des Derschproms ist nicht bekannt.

Lemberg: Eine Stadt bunkert ihre Schätze

«Sie sind Barbaren. Es ist ihnen egal, was sie zerstören», das sagt Lilya Onyshchenko, die Leiterin des Amtes für Denkmalschutz der Stadt Lemberg, dem Guardian, während sie im historischen Zentrum einer der kulturell bedeutendsten Städte Europas steht – einem UNESCO-Welterbe. Lemberg ist seit Jahrhunderten vom Zusammenleben mehrerer Ethnien geprägt. Bauwerke der Renaissance, des Barocks, Klassizismus und Jugendstils beherrschen das Stadtzentrum.

Der Guardian beschreibt, wie während des Gesprächs Bauarbeiter im Hintergrund damit beschäftigt gewesen seien, ein Gerüst um eine Renaissance-Kapelle zu errichten. Um die Ecke habe ein Team auf einem riesigen Kran die Glasfenster der Kathedrale verkleidet sowie das Gebäude mit Brettern vernageln. Und auch Bilder in den Sozialen Medien geben Einblick in die verzweifelten Bemühungen der Ukrainer, ihre Kulturstätten in Lemberg vor Kriegs-Schäden zu bewahren:

Onyshchenko erklärt dem Guardian: «Moskau will die ukrainische Kultur auslöschen. Sie ist das, was uns und unsere Identität ausmacht. Sie ist eine Erinnerung daran, wer wir sind.»

In den Wochen vor dem Krieg zögerte die Regierung Selenskyjs, Exponate aus Museen und Kirchen zu entfernen, da sie befürchtete, dies würde zu einer Panikstimmung beitragen. Darum müssen Museums- sowie Archivmitarbeitende nun in aller Hast Artefakte verpacken, um sie vor Zerstörung und Plünderung zu schützen.

Handschriften und alte Dokumente des «Andrey Sheptytsky National Museum» in Lemberg werden verpackt, um sie sicher zu verstauen, 04. März 2022.
Handschriften und alte Dokumente des «Andrey Sheptytsky National Museum» in Lemberg werden verpackt, um sie sicher zu verstauen, 04. März 2022. Bild: keystone

Auch wertvolle Objekte aus Kirchen wurden mittlerweile in Bunker verfrachtet. Der Guardian dokumentierte den Transport eines hölzernen Altarbilds aus der armenischen Kirche von Lemberg, das ins 14. Jahrhundert datiert. Die Zeitung schreibt: Das letzte Mal, als das Altarbild bewegt worden sei, war kurz bevor die Nazis 1941 in die Stadt einmarschierten. Damals hat die historische Architektur Lembergs den Krieg fast unbeschadet überstanden.

Ein Altarbild aus dem «Andrey Sheptytsky National Museum» in Lemberg wird ins Magazin getragen, Freitag, 4. März 2022.
Ein Altarbild aus dem «Andrey Sheptytsky National Museum» in Lemberg wird ins Magazin getragen, Freitag, 4. März 2022. Bild: keystone

Am Dienstag versuchten Mitarbeiter der Stadtverwaltung vier Kalksteinbrunnen, die mit mythischen Skulpturen geschmückt sind, vor möglichen Kugeln und Feuer zu schützen. Dazu packten sie Neptun und Kohorte in feuerfeste Materialien:

Damit sie möglichst lange im kriegsgebeutelten Land ausharren können, hat eine Gruppe von Museumsdirektoren eine Initiative ins Leben gerufen, um den Helfern Geld zukommen zu lassen, so Olha Honchar, Museumsdirektorin des «Memorial Museum of Totalitarian Regimes ‹Territory of Terror›» in Lemberg gegenüber dem Guardian.

Leere Vitrinen im Museum für Religionsgeschichte in Lemberg am 07. März 2022. Die Artefakte liegen mittlerweile in Bunkern.
Leere Vitrinen im Museum für Religionsgeschichte in Lemberg am 07. März 2022. Die Artefakte liegen mittlerweile in Bunkern.Bild: keystone

Und während sich die Helfer vor Ort um die Objekte bemühen, versuchen weltweit mehr als 1000 Bibliothekare, Archivare und Forscher digitale Inhalte und Daten der ukrainischen Museen und Archive ausfindig zu machen und zu sichern – im Rahmen der Initiative «Saving Ukrainian Cultural Heritage Online».

Wie das Haager-Emblem das UNESCO-Kulturerbe schützen soll

Am 8. März ruft die Generaldirektorin der Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO), Audrey Azoulay, zum «Schutz des ukrainischen Kulturerbes» auf, das von der reichen Geschichte des Landes zeuge – und das als Katalysator für den Frieden dienen könne.

Lazare Eloundou, Leiter des Welterbezentrums der UNESCO, bezeichnet das ukrainische Kulturerbe als «wichtig für die ganze Welt». Der Schutz des kulturellen Erbes ist nicht nur um seiner selbst willen wichtig, sondern helfe auch dem ukrainischen Volk, sich von dem Trauma des Konflikts zu erholen.

Eine der sechs Ausgrabungsstätten in und um die antike Stadt Chersones auf der Halbinsel Krim, die eine UNESCO-Welterbestätte in der Ukraine bilden.<br>
Eine der sechs Ausgrabungsstätten in und um die antike Stadt Chersones auf der Halbinsel Krim, die eine UNESCO-Welterbestätte in der Ukraine bilden.
Bild: getty

Die UNESCO ist in der Ukraine vielfältig präsent. Sieben UNESCO-Welterbestätten hat die Ukraine aktuell vorzuzeigen, für siebzehn weitere Stätten strebt die Ukraine derzeit eine Aufnahme ins UNESCO-Register an. Daneben sind an ukrainischen Universitäten zum Beispiel UNESCO-Lehrstühle anerkannt oder Weltdokumentenerben verzeichnet.

Die Sophienkathedrale, das Höhlenkloster Lawra Petschersk und die Erlöserkirche von Berestowoin (alle in Kiew) gehören zu den herausragendsten Bauwerken europäisch-christlicher Kultur. Sie bilden eine der sieben UNESCO-Welterbestätte der Ukraine. Im Bild: die Sophienkathedrale in Kiew.
Die Sophienkathedrale, das Höhlenkloster Lawra Petschersk und die Erlöserkirche von Berestowoin (alle in Kiew) gehören zu den herausragendsten Bauwerken europäisch-christlicher Kultur. Sie bilden eine der sieben UNESCO-Welterbestätte der Ukraine. Im Bild: die Sophienkathedrale in Kiew. Bild: getty

Auffällig: Sechs der sieben durch die UNESCO akkreditierten Welterbestätten in der Ukraine sowie die siebzehn ukrainischen Kandidaten fallen in die Kategorie des sogenannten «Kulturerbes». Welche Kriterien erfüllt sein müssen, damit ein Gut als Kulturerbe gilt, ist in den UNESCO-Richtlinien festgelegt. So muss es zum Beispiel ein «einzigartiges oder zumindest aussergewöhnliches Zeugnis von einer kulturellen Tradition» abbilden oder «einen oder mehrere bedeutsame Abschnitte der Geschichte der Menschheit versinnbildlichen».

Das Emblem des Haager Abkommen von 1954

Um das ukrainische Kulturerbe vor der Zerstörung durch russische Truppen zu schützen, erklärte die Unesco, dass sie «so schnell wie möglich wichtige historische Denkmäler und Stätten in der Ukraine mit dem unverwechselbaren Emblem der Haager Konvention von 1954» kennzeichnen wolle.

Emblem der Haager Konvention von 1954 in Aserbaidschan an der Archäologischen Grabungsstätte von Gobustan
Emblem der Haager Konvention von 1954 in Aserbaidschan an der Archäologischen Grabungsstätte von GobustanBild: Wikipedia / Anonymous7682

Das «Haager Abkommen für den Schutz von Kulturgut bei bewaffneten Konflikten» ist ein völkerrechtlicher Vertrag, der regelt, wie Kulturgut während eines Krieges oder bewaffneten Konfliktes vor Zerstörung, Beschädigung, Diebstahl oder Plünderung geschützt werden kann. Dabei dient das ikonische Emblem dazu, Kulturgut für alle Parteien klar zu kennzeichnen.

132 Vertragsstaaten sind dem «Haager Abkommen» beigetreten und haben sich somit verpflichtet, auch während eines bewaffneten Konfliktes kulturelles Erbe zu schützen und dieses Label zu achten – sowie Verstösse strafrechtlich zu ahnden. Russland ist Vertragspartei des «Haager Abkommens» in Rechtsnachfolge der 1957 beigetretenen Sowjetunion.

Eine der 16 Holzkirchen, die zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert datieren, in der Karpatenregion (Ukraine/Polen). Sie gehören zum UNESCO-Weltkulturerbe. Acht der Kirchen befinden sich in der Ukraine.
Eine der 16 Holzkirchen, die zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert datieren, in der Karpatenregion (Ukraine/Polen). Sie gehören zum UNESCO-Weltkulturerbe. Acht der Kirchen befinden sich in der Ukraine.Bild: getty

Obwohl die Zerstörung von Kulturstätten als Kriegsverbrechen geahndet werden kann, wurden in den letzten Jahren Angriffe auf solche Stätten gezielt als Kriegsinstrument missbraucht. Zu nennen sind hier unter anderem die Plünderungen in Hatra und Nimrud sowie des Museums von Mosul im Irak oder die Zerstörungen der syrischen Kulturstätten in Aleppo und Palmyra.

Im September 2017 wurde ein Verstoss gegen das Haager Abkommen vor dem internationalen Strafgerichtshof in Den Haag verhandelt: Ahmad al-Faqi al-Mahdi von der Terrormiliz «Ansar Dine» wurde der Planung und teilweisen Ausführung der Zerstörung von Mausoleen und einer Moschee in Timbuktu, des Kriegsverbrechens schuldig gesprochen – er wurde zu neun Jahren Haft verurteilt.

Die Bedrohungslage des UNESCO-Kulturerbes

Die Bedrohung des UNESCO-Kulturerbes ist akut. Die Stadt Lemberg wird beschossen. In einem Video, das am Dienstag aufgenommen wurde, erklärte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj, Moskau habe eine der Holzkirchen aus dem 19. Jahrhundert im Dorf Viaziwka in der westlichen Region Schytomyr ausgebrannt. Olha Rutkovska, Mitglied der «Ukrainischen Vereinigung zum Schutz von Denkmälern», bezeichnet dies auf Facebook als «ein Akt des Völkermords an der ukrainischen Nation».

Eloundou sagt gegenüber dem Guardian: «Wir helfen, wo wir können. Wir arbeiten mit unseren internationalen Partnern zusammen, um die Schäden mithilfe von Satellitenbildern zu überwachen. Wir werden weiterhin Fachleute für das kulturelle Erbe zusammenbringen, um einen Aktionsplan zu erstellen.»

Wie Oligarchen im Kunsthandel Sanktionen umgehen könnten

Maya Asha McDonald ist Kunsthistorikerin und spezialisiert auf die christlich-byzantinische Kunst. Im Zuge des Ukraine-Kriegs beschrieb sie in einem Beitrag auf dem Portal Artnet, ein Online-Diensthändler für den internationalen Kunsthandel, eine Begegnung mit Putin im Jahr 2019 – und dessen Besessenheit mit russischer Kunst, die damals zutage trat. Sie äussert, dass Putin das kulturelle Erbe Russlands als anderen Nationen überlegen betrachte. Und sie schreibt: «Ich befürchte, dass er die russischen Museen mit Schätzen bereichern wird, die er mit einem Gefühl des Anspruchs aus der Ukraine entwenden wird.»

Dabei sieht sie besonders das Kunstmuseum in Charkiw in Gefahr, geplündert zu werden. Denn dort befinden sich elf Gemälde des russischen Künstlers Ilja Repin (1844–1930), der bedeutendste Maler des russischen Realismus.

Nach der Annexion der Krim soll Russland nach Angaben der ukrainischen Regierung Millionen archäologische Artefakte von der Krim nach Russland transportiert haben – bevorzugt wohl solche, die mit der orthodoxen Kirche in Verbindung stehen. Im Jahr 2020 beschuldigten die USA die Brüder Arkadi und Boris Rotenberg – beide Milliardäre und Putins Judopartner – weiterhin auf dem Kunstmarkt eingekauft zu haben, um trotz der ihnen auferlegten Sanktionen Geld zu waschen.

McDonald äussert die Befürchtung, dass Oligarchen nun ähnliche Taktiken anwenden werden, um Sanktionen zu umgehen. Oder dass sie geplünderte Kulturgüter aus der Ukraine auf dem illegalen Kunstmarkt verkauft werden – und so Milliarden scheffeln könnten.

Mit dem Krieg vernichtet die russische Armee nicht nur das Leben von Menschen oder deren Zukunft, sondern versucht auch ihre Vergangenheit auszulöschen: Kultur ist die zweite Front im Krieg.

(yam)

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68 Kommentare
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N. Y. P.
15.03.2022 07:24registriert August 2018
Eine unvorstellbare Tragödie.

Zum Glück kümmern sich soviele gute Menschen um die Kultur und Identität der Ukraine.

Ich hoffe, dass der Westen nach Ende des Krieges, die Sanktionen aufrecht erhalten wird, bis Putin 150 - 200 Milliarden Franken an die Ukraine zurückbezahlt hat, für den Wiederaufbau.
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Spitzbuab
15.03.2022 07:50registriert Oktober 2018
Die Nazis sind damals genau gleich vorgegangen.
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Linus Luchs
15.03.2022 08:06registriert Juli 2014
Menschen töten, Kultur und Kunst zerstören. Das ist nicht nur verbrecherische Brutalität, das zeigt auch Putins geistige Enge, seine Armseligkeit. Er ist eine durch und durch primitive Person.
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