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Interview

«LSD und Mescalin könnten helfen, die wichtigsten Probleme unserer Zeit zu lösen»

Michael Pollan ist der bekannteste Food-Journalist der USA. In seinem neuesten Buch befasst er sich jedoch mit psychedelischen Drogen. Er erklärt, weshalb sich gerade ältere Menschen auf einen LSD- oder Mescalin-Trip begeben sollten – und wie die Gesellschaft davon profitieren würde.



Ich bin 65 Jahre alt und habe noch nie psychedelische Drogen genommen.
Michael Pollan: Sie sollten es versuchen.

Weshalb?
Normalerweise bringen wir LSD und Mescalin in Verbindung mit Jugendlichen, denn in diesem Alter sucht man seine Identität, geht Risiken ein und hat noch keine Verpflichtungen. Ich denke jedoch, dass psychedelische Drogen im Alter wertvoller sind.

Was sind die Gründe für diese ungewöhnliche These?
Je älter wir werden, desto mehr sind wir Gefangene unserer Gewohnheiten. Psychedelische Drogen helfen uns, diese Gewohnheiten zu durchbrechen und unser Verhalten neu zu beurteilen. Daher schreibe ich in meinem Buch auch: Für Junge sind psychedelische Drogen Verschwendung. Aber in Ihrem Alter sollten Sie es versuchen, unbedingt.

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Rät zum Trip im Alter: Michael Pollan. In seinem Buch «Verändere dein Bewusstsein» (Kunstmann Verlag) erzählt der amerikanische Starjournalist die faszinierende Geschichte der psychedelischen Drogen und schildert die Trips, die er selbst unternommen hat.

Ich mag es nicht, die Kontrolle über mich zu verlieren.
Das kann ich gut verstehen. Ich bin ebenfalls ein vorsichtiger Mensch. Bevor ich mich auf LSD einliess, las ich alle Gruselgeschichten über psychedelische Drogen. Zudem habe ich Probleme mit meinem Herzen. Deshalb sprach ich mit meinem Arzt und verschiedenen Spezialisten, bevor ich mich entschlossen habe, es tun.

Wie gefährlich sind psychedelische Drogen wirklich?
Physiologisch gesehen kann ich Entwarnung geben: Sie sind nicht giftig. Es gibt keine tödliche Dosis für LSD oder andere psychedelische Drogen. Und sie machen nicht süchtig. Doch im Drogenrausch kann man dumme Sachen machen. Sich auf die Strasse stürzen beispielsweise, oder aus dem Fenster. Daher sollte man diese Drogen nur unter kompetenter Aufsicht einnehmen.

Kann man auch vollkommen durchdrehen?
Es hat Fälle gegeben, in denen es zu einem psychischen Zusammenbruch gekommen ist. Es gibt Menschen, die zu verrückt sind, um psychedelische Drogen einzunehmen.

Was ist mit Horror-Trips?
Die gibt es.

Haben Sie selbst einen Horror-Trip erlebt?
Ich hatte einen Trip, der schrecklich begonnen hat. Aber der Schluss war toll. Zuerst war es wie in einem Raumschiff. Alles schüttelte und es war sehr laut. Aber am Ende hatte ich ein wunderbares Gefühl, am Leben zu sein. Horror-Trips können jedoch gemanagt werden. Wenn etwas Unangenehmes auftaucht, sollte man die Augen davor verschliessen, raten die Therapeuten.

Um zu beschreiben, wie psychedelische Drogen im Gehirn wirken, beschreiben Sie folgendes Bild: Stellen Sie sich einen schneebedeckten Hügel vor, auf dem Kinder Schlitten fahren. Nach einer gewissen Zeit gibt es Bahnen, und die Schlitten fahren immer in den gleichen Bahnen. Psychedelische Drogen sind wie frischer Schnee, der alles wieder zudeckt und neue Bahnen ermöglicht.
Ich habe dieses Bild von einem holländischen Neurowissenschaftler übernommen. Ein Schweizer hätte wahrscheinlich Berge und Skifahren verwendet. Aber es beschreibt sehr gut, was ich anfangs bereits erwähnt habe: Je älter wir werden, desto tiefer werden unsere Gewohnheits-Bahnen. Manche Menschen werden unfähig, sich ausserhalb dieser Bahnen zu bewegen. Psychedelische Drogen schütteln diese Gewohnheits-Bahnen auf und ermöglichen neue Freiheiten.

Was heisst das konkret?
Ich kenne Menschen, die dank LSD aufgehört haben zu rauchen. Krebskranke verlieren ihre Angst vor dem Tod. Auch wenn wir nicht genau wissen, was es ist, enthalten diese Drogen eine Substanz, die es uns erlaubt, neue Perspektiven zu erschliessen.

Sie beschreiben eindrücklich, wie sich während eines Trips das Ego auflöst. Warum soll das eine bereichernde Erfahrung sein?
Ich habe erlebt, dass ich viel offener geworden bin. Ich lasse mehr zu: Gefühle der Verbundenheit mit der Natur oder mit anderen Menschen. Man gerät in einen Flow und man realisiert, dass das Ego sich gegen diese Gefühle stemmt, weil sie keinen praktischen Nutzen haben. Das Ego ist schrecklich praktisch orientiert. Die Drogen zeigen auf, dass wir mehr sind als unser Ego. Wir gehen nicht unter, wenn wir nicht mehr vom Ego beherrscht werden. Selbst wenn man sein eigenes Ego wie einen Farbfleck am Boden sieht, kann man immer noch seine Umwelt wahrnehmen. Es ist eine sehr beruhigende Erfahrung.

Das tönt doch arg religiös oder gar spirituell.
Religiös würde ich es nicht nennen. Aber mein Verständnis für Spiritualität hat sich verändert. Ich hatte zuvor geglaubt, dass Spiritualität etwas Übernatürliches sei. Als Rationalist war mir das zuwider, deshalb war Spiritualität nichts für mich. Dank dem Drogen-Trip habe ich jedoch realisiert, dass es bei der Spiritualität vor allem um mächtige Verbindungen geht: Welche Gefühle empfinde ich für die Pflanzen in meinem Garten oder für meine Frau, meine Eltern und meinen Sohn? Wie hängt das alles mit dem Universum zusammen? Das hat nichts mit Gott zu tun, sondern mit mir selbst. Das Gegenteil von Spiritualität ist nicht Materialismus, sondern Egoismus.

Ist diese Erfahrung mehr als das, was ein Tourist erlebt? Im Sinne von: Ich war in Indien, Russland und Frankreich. Jetzt habe ich auch noch einen spirituellen Trip erlebt.
Fremde Länder zu besuchen, erweitert sicher unseren Horizont. Aber die psychedelischen Drogen sind eine weit extremere Form davon. Die Erkenntnisse, die man dabei gewinnt, bleiben stärker hängen. Deshalb werden sie auch in Psychotherapien verwendet.

Für Freud waren die Träume der Königsweg zum Unterbewussten. Sie bezeichnen die psychedelischen Drogen als Super-Autobahn zum Unterbewussten.
Wenn wir davon ausgehen, dass das Meiste unserer geistigen Tätigkeit ausserhalb unseres Bewusstseins geschieht, dann geht es bei der Drogen-Erfahrung um den Zugang zum Unterbewussten. Das Bewusstsein ist nur die Spitze des Eisberges. Freud plagte sich mit dem Problem herum, dass die Menschen sich schlecht an ihre Träume erinnern können, und dass eine Therapie mit freien Assoziationen sehr viel Zeit braucht. Die psychedelischen Drogen sind der viel schnellere Weg zum Unterbewussten.

Wer sollte von dieser Abkürzung Gebrauch machen?
Menschen, die in ihrem eigenen rigiden Denken gefangen sind. Das ist bei Depressionen, übertriebenen Angstgefühlen, Essstörungen und Süchten der Fall. Die Auflösung des Ego kann helfen, diese Probleme zu lösen.

Auch der amerikanische Geheimdienst CIA hat lange mit psychedelischen Drogen experimentiert. Er tat es nicht aus therapeutischen Gründen.
Der CIA wollte diese Drogen als Waffe einsetzen. Sie erhofften sich, dass Menschen unter Drogeneinfluss Geheimnisse verraten. Das hat nicht funktioniert. Auch als Mittel zur Gehirnwäsche hat LSD gefloppt. Es gab selbst Pläne, Drogen als Bio-Waffe einzusetzen, indem man sie ins Trinkwasser giesst oder feindliche Staatsoberhäupter dazu verleitet, dummes Zeug zu machen. LSD in Fidel Castros Zigarren zu schmuggeln, beispielsweise. Ob diese Pläne je durchgeführt wurden, weiss man nicht. Die entsprechenden Unterlagen sind alle vernichtet worden. Übrigens: Auch die Nazis haben mit psychedelischen Drogen experimentiert, und wahrscheinlich auch die Sowjets.

Sie beschreiben die Karriere eines gewissen Al Hubbard, der eine seltsame Mischung aus CIA-Agent, Millionär und Mystiker war.
Hubbard ist eine sehr interessante Person, und ich habe viel Zeit darauf verwendet, sein Leben zu recherchieren. Er war einst Alkohol- und Waffenschmuggler, dann arbeitete er für den US-Geheimdienst OSS (Vorgänger des CIA, Anm. d. Verf.). Dann hatte er eine Midlife-Krise. In einem Traum erschien ihm ein Engel, der ihm versprach, er werde etwas kennenlernen, das den Gang der Zivilisation verändern werde. Wenig später hat Hubbard einen Artikel über LSD gelesen und war überzeugt, dass dies der Stoff sei, den der Engel gemeint hat.

Dann hat er tausende von LSD-Portionen bei Sandoz gekauft – damals war dies noch legal – und begonnen, sie zu verteilen, vor allem an der Stanford University im Silicon Valley.
Das Basler Pharmaunternehmen Sandoz war interessiert, Versuchskaninchen für LSD zu finden. Sie wussten, dass sie etwas Grosses hatten, aber sie wussten nicht, was. Deshalb belieferten sie Hubbard mit LSD. Hubbard seinerseits war überzeugt, dass er die Welt verändern könnte, wenn er genügend LSD an Wirtschaftsbosse, führende Akademiker, Künstler und religiöse Führer verteilen würde.

Als eigentlicher LSD-Papst dieser Zeit gilt jedoch Timothy Leary.
Leary wollte LSD nicht an die Eliten, sondern an die Massen verteilen. Hubbard hat Leary gehasst. Er war überzeugt, dass Leary die LSD-Sache vermasselt hat, was in einem gewissen Sinn auch stimmt.

«Turn dich an, schliess dich uns an und steige aus» («turn on, tune in, drop out»), lautete Learys legendäres Motto. Er sah in LSD eine Waffe, um die Gesellschaft zu verändern. Lag er so falsch?
Überhaupt nicht. LSD hat in den Sechzigerjahren einen tiefgreifenden Effekt auf die Gesellschaft gehabt. Die Droge war ein wichtiger Teil der Gegenkultur, die damals entstanden ist. Es hat die Menschen dazu ermuntert, ausserhalb des Gewohnten zu denken und zu leben. Die traditionellen Autoritäten und Institutionen wurden in Frage gestellt. Präsident Nixon war überzeugt, dass LSD der Treiber der Proteste gegen den Vietnamkrieg war und Leary der gefährlichste Mann in den USA. LSD war eine Gefahr für das Establishment. Deshalb wurde es verboten und Leary ins Gefängnis geworfen.

Hubbard brachte LSD ins Silicon Valley. Auch dort hatte es grosse Wirkung. Steve Jobs hat sich etwa über Bill Gates lustig gemacht, weil er nie LSD geschluckt haben soll.
Gates hat tatsächlich LSD ausprobiert, aber offensichtlich hat es bei ihm nicht gewirkt … Von Jobs weiss man, dass er sein berühmtes Flair für Design unter anderem LSD zu verdanken hat. Doch schon zuvor waren psychedelische Drogen im Silicon Valley weit verbreitet, etwa bei den Ingenieuren von Ampex, einem legendären Unternehmen in den Sechzigerjahren.

Wie erklären Sie das?
Die Denkweise eines Computer-Ingenieurs und psychedelische Drogen passen gut zusammen. Bei beiden geht es darum, Muster zu finden. Zudem hilft LSD diesen Nerds, ihre enge Welt aufzubrechen. Mir hat ein junger Software-Ingenieur, der mit Video-Games sehr viel Geld verdient hat, erzählt: Ich habe erst dank LSD entdeckt, dass Emotionen in der Kunst eine grosse Rolle spielen. Nun geht er in Museen und kauft Bilder.

Derzeit sind jedoch Mikrodosierungen von LSD in dieser Szene beliebt. Das soll angeblich die Effizienz erhöhen.
Es spricht für die Genialität des US-Kapitalismus, dass es ihm gelungen ist, eine Aussteiger-Droge ins Gegenteil zu verwandeln. Bei Mikrodosierungen steht nicht das Ausbrechen, sondern das Optimieren im Mittelpunkt. Allerdings: Ob es tatsächlich auch funktioniert, ist noch ungewiss. Es gibt zu wenig Forschung auf diesem Gebiet.

Im Zeitalter der künstlichen Intelligenz sind kreative Menschen sehr gefragt. Ist dies eine neue Chance für psychedelische Drogen?
Daran könnte etwas sein. Die Drogen eröffnen zweifellos neue Horizonte. Viele Künstler bekennen, dass psychedelische Drogen ihnen geholfen haben.

John Lennons «Lucy in the Sky with Diamonds».
LSD hatte eine grossen Einfluss auf die Beatles, die allerdings auch sonst sehr talentiert waren. Aber generell könnte es schon sein, dass psychedelische Drogen im digitalen Zeitalter eine Renaissance erleben.

Haben die psychedelischen Drogen heute noch das Potential, die Gesellschaft zu verändern?
Die Drogen haben einen Einfluss auf zwei der bedeutendsten Probleme im 21. Jahrhundert: den Klimawandel und die zunehmende Aufteilung der Gesellschaft in verfeindete Stämme. Sie fördern die Verbundenheit mit der Natur und das Zusammengehörigkeitsgefühl aller Menschen, nicht nur die Zugehörigkeit zu einem Stamm. Wir haben mit LSD eine Droge, die uns hilft, unsere Entfremdung von der Natur und von anderen Menschen zu überwinden.

Das tönt vielversprechend. Aber wie bringen Sie die Drogen unter die Menschen?
Das ist die entscheidende Frage. Kürzlich wurde ich gefragt: Sollte Trump psychedelische Drogen schlucken?

Sollte er?
Wenn er es wünscht, soll er es tun. Aber ich glaube kaum, dass er will. Es würde sein Ego, seine Superpower, zerstören. Zudem hat er Null Interesse an der Natur. Beim Golfen fährt er sogar mit seinem Wägelchen auf das Green.

Könnte man mit Drogen nicht auch gesellschaftlichen Schaden anrichten, die Menschen zufriedenstellen, wie das etwa in Aldous Huxleys Roman «Schöne Neue Welt» geschieht?
Psychedelische Drogen eignen sich dazu schlecht. Sie bewirken das Gegenteil. Vergessen wir nicht: Sie stellen die Hierarchien im Gehirn auf den Kopf.

Werden Sie weiterhin psychedelische Drogen einnehmen?
Derzeit bin ich vorsichtig. Ich habe meine Drogenerfahrungen offen kommuniziert und will nicht Schwierigkeiten mit dem Gesetz erhalten. Aber in einer Gesellschaft, in der Drogen legal sind, würde ich mir wünschen, an jedem Geburtstag einen Trip einzuwerfen. Das wäre ein gutes jährliches Ritual.

Albert Hofmann beschreibt die zufällige Entdeckung von LSD

Video: srf

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