Buzz Aldrin: Die ewige Nummer 2 auf dem Mond – und auf der Erde
«Grossartige Trostlosigkeit», sagte er, als er aus der Luke stieg und den staubig grauen Mond betrat. Er sagte diese Worte mehr zu sich, weil ein anderer 19 Minuten davor die Menschheit adressiert hatte. Neil Armstrong, der erste Mann auf dem Mond. Buzz Aldrin war bloss der Zweite. «Der Zweite in einer Menschheit, für die der Erste alles ist und der Zweite nichts», wie Stefan Zweig es formulieren würde.
Bild: NASA
Vom Weltall zurückzukehren, ist schwer für alle Astronauten und Astronautinnen. Es setzt sich nicht nur in den Knochen fest, sondern auch in der Seele. Lässt die kleine blaue Kugel mitsamt ihren Grenzen und Kriegen lächerlich erscheinen. Von dort oben scheint alles so überwindbar.
Dieses Gefühl hat auch Buzz Aldrin mitgenommen. Und immer wieder hat er davon erzählt, von dieser grossartigen Trostlosigkeit, von dem Moment, als er, Neil und Michael die einzigen Menschen waren, die sich nicht auf der Erde befanden.
Aber niemand konnte es wahrhaft verstehen, kaum jemand ausser ihnen hatte diese wesensverändernde Erfahrung gemacht. Und nur zwei standen dabei auf dem Mond. Buzz war derjenige, der kam, als der Sprung für die Menschheit bereits getan war.
Und während der Mond von Armstrong besetzt blieb, fand Aldrin auch auf der Erde keinen Platz mehr.
Er war da oben gewesen, höher ging nicht. Und doch genügte es nicht, ganz besonders seinem Vater nicht, dem US-Army-Piloten und Luftfahrtpionier, der bis zu seinem Tod nicht verkraften konnte, dass sein Sohn bloss der «zweite Mann auf dem Mond» war. Als die US-Post Neil Armstrong als «First Man on the Moon» auf einer ihrer Briefmarken verewigte, demonstrierte Aldrin senior vor dem Weissen Haus, in der Hand ein Schild, auf dem stand: «My Son Was First Too.»
Nach seiner Anerkennung hatte Aldrin junior immer gestrebt. Der Junge, der von seiner kleinen Schwester stets «Buzzer» gerufen wurde, weil sie «Brother» nicht aussprechen konnte – und der bald allen nur noch unter «Buzz» bekannt war.
Bild: wikimedia
Er wurde Maschinenbauingenieur, Kampfpilot im Koreakrieg, doktorierte in Astronautik, wurde erst Offizier, dann Oberst der US Air Force mit Spezialfunktion in der Raumfahrtplanung und stiess schliesslich zur NASA, für die er Rendezvous-Karten und Navigationstechniken entwickelte und später als Co-Pilot auf der Gemini-12-Mission eingesetzt wurde.
Und als er am 24. Juli 1969 vom Mond wieder herunterkam, fand er sich plötzlich in der Rolle des Performers, reiste als «NASA-Bote» herum, teilte seine Geschichte und Gefühle mit der Welt. Aber Buzz war ein Mann der Tat, er wollte doch gar nicht reden und auftreten. Und wieder war da dieses Gefühl, nicht zu genügen. Er wollte bei sich bleiben, im Bett bleiben. Bis er sich irgendwann nicht mehr daraus erhob.
Er wurde depressiv, begann zu trinken und beschrieb seinen Zustand in einem BBC-Interview 1980 mit den folgenden Worten:
«Es ist ein Wunsch, in sich selbst zu bleiben. Eine Angst davor, hinauszugehen und mit Menschen zu sprechen, ein starkes Gefühl eines verunsicherten Selbstbewusstseins, das einen dazu bringt, im Bett bleiben zu wollen und überhaupt nicht aufzustehen. Sich der Blicke anderer Menschen extrem bewusst zu sein, fast schon paranoid – später habe ich gelernt, dass Alkoholabhängige eben diese Art von Angst, Sorge und Beklemmung erleben und dieselbe Ichbezogenheit teilen. Und worum es dabei eigentlich geht, ist eine auf sich selbst gerichtete Besorgnis, ein sehr aufgeblähtes Ego, das die ganze Aufmerksamkeit nach innen lenkt. Und obwohl das so unangenehm ist, besteht der Weg aus dieser Angst und Depression darin, aus sich selbst herauszugehen, sich mit Aktivitäten zu beschäftigen und langsam anzufangen, an andere Menschen zu denken.»
Buzz Aldrin, 1988
Auch seine Mutter hatte das Licht der Öffentlichkeit und dann das Leben an sich nicht mehr ertragen und brachte sich um. Buzz selbst machte weiter, liess sich scheiden, heiratete wieder – und liess sich nochmals scheiden.
«Ich erinnere mich, dass ich eines Tages eine Ausgabe des LIFE-Magazins in die Hand nahm, in der ein Artikel über uns stand. Ich las ihn und dachte: ‹Wenn es doch nur wirklich so wäre.› Da waren all diese glücklichen, zufriedenen Ehefrauen und Kinder, die aus ihren glücklichen Gärten lächelten, während ihre Ehemänner stolz daneben standen. Nun, Tatsache ist, dass der Ehemann wahrscheinlich quer durch das Land geflogen war, um für das Foto zu posieren, die Kinder ihm fast fremd waren und die Ehefrau vor einer ganzen Reihe von Dingen Todesangst hatte. Wir wurden als perfekte, typisch amerikanische Familie dargestellt.»
Buzz Aldrin in der Los Angeles Times, 1972
Im Jahr 1978 wird er nüchtern. Heiratet zum dritten Mal, Lois Driggs Cannon managt mit ihm seine Firma StarBuzz, zuständig für sein Image, seine Auftritte und Markenrechte.
Er beteuert, er habe die Öffentlichkeit nie gewollt – und doch kann er nicht mehr ohne sie. Seit der Apollo-11-Mission ist sie untrennbar mit ihm verwoben, ihr verdankt er seine Depression ebenso wie sein Einkommen. Denn auch als Zweiter auf dem Mond lässt sich davon leben. Die Frage ist bloss, wie gut.
Seine dritte Scheidung kostete viel. Und 2018, als Buzz 88 Jahre alt war, beantragten zwei seiner Kinder gemeinsam mit seiner Ex-Managerin eine Vormundschaft, um die volle Kontrolle über sein Vermögen, seine Stiftungen und seine Marke Buzz Aldrin zu bekommen. Dafür behaupteten sie, er sei paranoid und leide unter kognitivem Verfall.
Buzz wiederum antwortete mit einer Gegenklage und warf ihnen Verleumdung, finanzielle Ausbeutung und das Ausführen unbefugter Geldtransfers vor. Seine damalige Managerin habe ihn zusätzlich dazu gedrängt, für Produkte zu werben, an die er nicht glaubte, ganz besonders nicht an Fabergé-Eier und französische Parfums.
Der familiäre Rechtsstreit endete ohne richterliches Urteil – Andrew und Janice zogen ihren Antrag, Buzz seine Klage zurück.

Im selben Jahr erschien «First Man», der Film über Neil Armstrong mit Ryan Gosling in der Hauptrolle – in dem Buzz, gespielt von Corey Stoll, bloss am Rande etwas mitschwebt. Am Rande des Erträglichen auch, er ist nämlich der Arsch mit den taktlosen Sprüchen, arrogant und draufgängerisch.
«Sie brauchten wohl diesen Charakter», sagte Buzz später dazu. Ihm gefällt natürlich der Dokfilm «In the Shadow of the Moon» (2007) viel besser, in dem er selbst zu Wort kommt.
Manchmal scheint ihm die Erinnerung an die Mondlandung derart zu zerfliessen, dass er nicht mehr unterscheiden kann, ob ein Gefühl davor, währenddessen oder erst danach in ihm aufkam – ob es wirklich das seine war oder eines, das sich erst aus den Fragen der anderen geformt hat, genährt vom wiederholten Erzählen und dem vielfachen Zitieren seiner selbst. So ist alles allmählich zu einem unauflösbaren Klumpen geworden, zusammengegossen und über die Zeit zu einem Denkmal verhärtet – mehr Symbol als Wahrheit. Dafür geschaffen für die Ewigkeit.
Denn in der Bedeutungslosigkeit zu versinken ist für Buzz Aldrin keine Option. Die Bedeutung ist ihm aber manchmal auch ein bisschen zu viel, dann bricht er sie wieder mit Mond-und Sternchen-Krawatten und T-Shirts, auf denen «Get your ass to Mars» draufsteht. Oder er twittert das:
I was on the Moon! #Apollo11 @NASA https://t.co/6Nb2cQVU32
— Dr. Buzz Aldrin (@TheRealBuzz) July 21, 2018
Oder er lässt sein Gesicht liften und sagt:
Die Schwerkraft hielt er damit ein Weilchen auf. An seinem 93. Geburtstag heiratete er seine langjährige Freundin, die Chemieingenieurin Dr. Anca Faur. 27 Jahre jünger war sie und starb trotzdem vor ihm. Am 28. Oktober 2025 – an einem aggressiven Krebs. Für 2 Jahre, 9 Monate und 8 Tage war sie seine vierte Ehefrau.
On my 93rd birthday & the day I will also be honored by Living Legends of Aviation I am pleased to announce that my longtime love Dr. Anca Faur & I have tied the knot.We were joined in holy matrimony in a small private ceremony in Los Angeles & are as excited as eloping teenagers pic.twitter.com/VwMP4W30Tn
— Dr. Buzz Aldrin (@TheRealBuzz) January 21, 2023
Seither ist es still geworden um Buzz. Er ist inzwischen auch schon 96 Jahre alt. Am 20. Januar 2030 wird er sogar 100 Jahre alt sein.
Und wenn er auch nicht der erste Mann war, der den Mond betrat, so war er doch der erste, der sich auf dem Mond erleichtert hat. Das steht sogar im Guinnessbuch der Rekorde: «Nach der erfolgreichen Landung auf dem Mond am 20. Juli 1969 stiegen die Apollo-11-Astronauten Neil Armstrong und Buzz Aldrin die Leiter hinunter auf die Mondoberfläche. Noch während er auf der Leiter stand, urinierte Aldrin in einen speziellen Auffangbeutel in seinem Raumanzug.»
Buzz selbst fügte später hinzu:
