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Wer will schon die Wahrheit hören? Bild: kafi freitag

Ich will ehrlicher und direkter sein!

Liebe Frau Kafi, ich gehöre zu der ach so netten und rücksichtsvollen Gattung Mensch. Etwas mehr Ehrlichkeit/Direktheit ohne schlechtes Gewissen die nächsten Tage fände ich toll. Ich denke, das muss man trainieren. Wo fange ich an? Bei der Kollegin, dem Freund, der Mutter oder besser auf öffentlicherem Terrain, bei einer Verkäuferin oder so? Kannst du mir ein Trainingsprogramm zusammenstellen? Braucht es vielleicht ausgleichende Tätigkeiten wie Umarmungen? Herzlich. Katrin, 30

Publiziert: 25.11.16, 17:00 Aktualisiert: 26.11.16, 06:46

Liebe Katrin

Ehrlichkeit und Direktheit hat viele Gesichter ... Viele verstehen darunter, anderen ständig den Spiegel vorhalten zu müssen. 
Diese Art von Ehrlichkeit im Bezug auf andere Menschen ist keine grosse Kunst. Man erkennt innerhalb von Sekunden, welche Schraube bei jemandem locker sitzt, selbst bei wildfremden Menschen.

Demzufolge würde mein persönliches Trainingsprogramm so aussehen, dass Sie einfach mal bei sich selber anfangen und einen aufrichtigen und ungeschönten Blick auf sich selber werfen. Damit werden Sie die nächsten 70 Jahre beschäftigt sein, das kann ich Ihnen versprechen. Denn im Gegensatz zu unserer ganz grossen Fähigkeit, die Macken unserer Mitmenschen mit spielender Leichtigkeit zu erkennen fällt es uns wahnsinnig schwer, die eigenen zu sehen. Auf diesem Auge sind wir alle irgendwie blind und darum würde ich die Schulung dort ansetzen.

Wenn es aber eher darum geht, anderen Menschen auch mal ehrlich und direkt nein zu sagen, anstatt immer nur ja und Amen, dann sind Sie bei mir an der richtigen Adresse. Sich auch mal abzugrenzen und seine eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen, ist die Grundlage dafür, dass man auch mal unbequem sein kann, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Das ist eine Thematik, die wir Frauen besonders gut kennen, weil wir gern für andere sorgen und Verantwortung übernehmen, wo es vielleicht gar nicht nötig wäre. Männer sind davor natürlich auch nicht gefeit, aber wenn ich schaue, wie viele Frauen mit diesem Thema zu mir ins Coaching kommen und wie viele Männer, dann ist die Gewichtung eine recht klare.

Das ist auch der Grund, warum meine Geschäftspartnerin und ich seit geraumer Zeit Seminare speziell für Frauen geben, die sich genau um diese Dinge drehen. Im neuen Jahr wird die Selbstakzeptanz im Fokus stehen, weil wir oft zu streng mit uns selber sind und aus diesen Gefühlen heraus nicht den Raum einnehmen, der uns eigentlich zusteht.

Und dort würde ich auch an Ihrer Stelle ansetzen. Pflegen Sie Ihren Selbstwert und die Liebe zu sich selber, indem Sie sich bewusst werden, dass die Liebe zum Nächsten bei sich selber beginnt. Aus dieser Erkenntnis heraus fällt es einem einfacher, wenn man die Erwartungen von anderen Menschen enttäuschen muss, weil man die eigenen mehr gewichtet. Das bedeutet nicht, dass man ein egoistisches Arschloch werden muss, sondern vielmehr, dass man in einer gesunden Balance lebt, in der man aus der eigenen Fülle heraus geben kann.

Wer diese Fülle nicht regelmässig nährt, wird nämlich auf kurz oder lang ausbrennen und niemandem mehr etwas zu geben haben. Fangen Sie an, Ihrem eigenen Denken über sich zuzuhören! Ist dieses wertschätzend und liebevoll oder eher gehässig und destruktiv? Sind Sie sich selber eine akzeptable Freundin oder würden Sie sich gern in die Wüste schicken?

Und was das Umarmen anbelangt: Bitte, ja! Die Welt kann etwas Liebe gerade sehr gut gebrauchen. Fangen Sie doch damit auch bei den Verkäuferinnen an, ich denke die werden sich – gerade in der Vorweihnachtszeit – über etwas menschliche Zuneigung sehr freuen. Oder sonst halt auch bei Ihnen, wir Menschen umarmen uns selbst viel zu selten.

Mit herzlichem Gruss, Ihre Kafi

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Kafi Freitag (40!) beantwortet auf ihrem Blog Frag Frau Freitag Alltagsfragen ihrer Leserschaft. Daneben ist sie Mitbegründerin einer neuen Plattform für Frauen: Tribute.

Im analogen Leben führt sie eine Praxis für prozessorientiertes Coaching (Freitag Coaching) und fotografiert leidenschaftlich gern. Sie lebt mit ihrem 11-jährigen Sohn in Zürich.

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18 Kommentare anzeigen
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  • GhettoLeif 29.11.2016 14:39
    Highlight Ich finde die Differenzierung hier sehr schön - viele bilden sich nämlich etwas darauf ein, "ehrlich und direkt" zu sein - wo sie nämlich einfach nur unhöflich und unreflektiert sind.
    5 0 Melden
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  • Scar 28.11.2016 17:33
    Highlight Was für eine kluge, schöne Antwort. Schätze Katrin wird sich sehr darüber gefreut haben. Auch von mir ein grosses Danke. Klare Frage, klare Antwort: Dass es sowas heute noch gibt macht mich happy! :-)
    4 0 Melden
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  • E. Regiert 26.11.2016 19:17
    Highlight Ehrlich zu sein mit seinen Mitmenschen, ist der schnellste Weg in die Einsamkeit.
    9 2 Melden
    • lilie 27.11.2016 19:55
      Highlight @Regiert: Sie will ja nicht schonungslos ehrlich sein, sondern nur ehrlichER. Wer immer noch gute Miene zum bösen Spiel macht, ist irgendwann ziemlich gefrustet. Manchmal ist es notwendig, zumindest zu zeigen, dass man mit etwas nicht einverstanden, verletzt oder wütend oder sonstwas ist. Das kann man ja auch auf eine anständige Art tun.
      15 0 Melden
    • Spooky 28.11.2016 00:49
      Highlight @lilie
      Das stimmt eben genau nicht, was du sagst. Mach mal das Experiment: Sag dreimal im Leben, was du denkst, und du landest hundertprozentig garantiert bei der Sozialhilfe.

      Ehrlich zu sein mit seinen Mitmenschen, ist der schnellste Weg in die Armut.
      2 17 Melden
    • lilie 28.11.2016 07:11
      Highlight @Spooky: Ich hoffe, ich habe schon mehr als dreimal in meinem Leben das gesagt, was ich denke!!!

      Aber ich wähle mir in der Regel Zeitpunkt und Umstände aus. Es ist nicht immer und überall angebracht.
      11 0 Melden
    • Spooky 28.11.2016 09:00
      Highlight @lilie

      "Aber ich wähle mir in der Regel Zeitpunkt und Umstände aus. Es ist nicht immer und überall angebracht."

      Und ich sage dir, wann es angebracht ist. Nämlich dann, wenn du ganz allein bei dir zuhause bist und dich niemand hören kann, wenn du laut denkst.
      2 11 Melden
    • Sveitsi 28.11.2016 10:26
      Highlight @Spooky: Was ist dir bloss widerfahren?
      10 0 Melden
    • lilie 28.11.2016 10:44
      Highlight @Spooky: Ich sehe, du hast andere Erfahrungen gemacht als ich. Es gibt Leute, die lernen müssen, öfters mal Klartext zu reden (ich gehöre dazu), andere müssen lernen, sich zurückzuhalten. Vielleicht gehörst du ja zur zweiten Sorte.
      10 0 Melden
    • Scar 28.11.2016 17:35
      Highlight E. Regiert

      Wenn die Ehrlichkeit nicht verletzend daherkommt, habe ich eigentlich nur gute Erfahrungen gemacht damit. Und ja, manchmal muss sie ein wenig verletzend sein, so im Sinne von Eiterbeulen anritzen, damit sich etwas verändert.
      1 1 Melden
    • Floatingsissy 29.11.2016 08:39
      Highlight Ich verstehe eure Probleme.
      Meiner Meinung nach ist es wichtig abschätzen zu können, wann du deinem Senf dazugeben kannst oder einfach einen Moment innehalten solltest um dir zu überlegen, ob das was du gerade sagen willst wirklich angebracht ist.
      So. Jetzt hab auch ich meinen Senf dazugegeben. ;)
      4 0 Melden
    • Spooky 29.11.2016 19:49
      Highlight Es gibt keine ehrlichen Menschen, weil die Grundlage unserer menschlichen Kultur die Lüge ist. Es gibt nur schlechte oder gute oder sehr gute Lügner. Wir belügen uns selber und andere den ganzen lieben langen Tag. Aus diesem Grunde ist es ja auch nicht verboten zu lügen. Man kann nicht verbieten, was alle sowieso machen. Im Strafgesetz steht nirgendwo, dass wir ehrlich sein müssen. Lügen ist nicht verboten.

      Der Begriff der Ehrlichkeit wurde von den Religionen eingeführt, weil man dadurch die Menschen unter Kontrolle hat (zum Beispiel durch die Beichte bei den Katholiken).
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    • Spooky 30.11.2016 02:37
      Highlight @Sveitsi

      "Was ist dir bloss widerfahren?"

      Wahrscheinlich Ähnliches wie dir. Die erste Erfahrung eines Menschen ist die Geburt. Und dann geht es los! Erfahrungen sind eigentlich nicht wichtig. Wichtig sind die Reaktionen auf die Erfahrungen. Der Eine denkt nicht lange darüber nach, der Andere zieht Konsequenzen daraus. Ich gehöre halt eben eher zur zweiten Sorte. Was aber nicht unbedingt ein Vorteil ist.😖
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  • Fratzel 26.11.2016 07:57
    Highlight Ich hoffe sie kommt nicht unbedingt zu mir zum Einkaufen, ich weiss nicht ob ich es mögen würde von jemand fremden unarmt zu werden :p
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    • Floatingsissy 29.11.2016 08:40
      Highlight Das ist weniger schlimm als du denkst. ;)
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  • Spooky 26.11.2016 00:01
    Highlight Ehrlich sein können sich nur jene Menschen leisten, die das Glück haben, auf irgendeine Art Überflieger zu sein im Leben, also zum Beispiel geniale Sänger, oder Rockstars, oder Filmstars, oder berühmte Dichter, oder Heilige, oder begabte Sünder, oder Leute wie Kafi Freitag - einfach Leute, die das Talent oder die Begabung haben, mittels der Ehrlichkeit ihre Brötchen zu verdienen.

    Für alle anderen, gewöhnlichen Leute gilt: "Die Ehrlichen sind die Dummen".
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  • pamayer 25.11.2016 20:58
    Highlight Fast ein bisschen Einstimmung in die weihnachtliche Zeit.

    Danke.
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  • bobi 25.11.2016 17:34
    Highlight Die selbstkritische Analye hat die Fragestellerin bereits hinter sich und ist zum Schluss gekommen, dass sie direkter und ehrlicher sein möchte.

    Die Antwort besteht lediglich aus Werbung für die Seminare von Kafi. Schade. Wäre nämlich eine spannende Frage.
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Depression – Ein Erklärungsversuch

Die Tage werden kürzer, die Welt grauer, die Gemüter schwerer. Obwohl jahreszeitenabhängige Depressionen eher selten sind, sind viele Menschen im Herbst und im Winter grundsätzlich melancholischer als sonst.

Depressionen sind ein schwieriges, im wahrsten Sinne ein «schweres» Thema, das ist mir bewusst. Und gerade deshalb ist es wichtig, dass man ab und zu daran erinnert.

Kürzlich passierte es einmal mehr: Ich sah, wie sich jemand auf Facebook über einen Suizid im Personenverkehr beklagte. «OMG, …

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