Schweiz

Seit vergangenem Oktober wohnen die Senioren gemeinsam in einem Haus an der Schlierener Schulstrasse. bild: ALex rudolf

Selbstbestimmt leben: Diese vier Paare haben eine Alters-WG gegründet

Alex Rudolf / limmattaler zeitung

Vier Paare der Generation 70+ realisierten eine Idee, die bereits über zehn Jahre in ihnen gärte. Seit vergangenem Oktober wohnt die vife Gruppe im selben Haus in einer Alters-WG.

12.08.16, 15:20 12.08.16, 17:00

Der Raclette-Ofen steht noch auf dem Balkon und wird vom leichten Regen berieselt. Drinnen im Dachstock des Gebäudes an der Schlieremer Schulstrasse haben es sich die vier Senioren-Paare mit einem Glas Weisswein gemütlich gemacht, sie gesellen sich um den grossen Tisch, das Herzstück des hellen Raums.

Seit vergangenem Oktober wohnt die vife Gruppe im selben Haus, sie realisierten damit eine Idee, die bereits über zehn Jahre in ihnen gärte. «Wir entschieden uns zu diesem Schritt, weil wir so lange wie möglich selbstbestimmt leben möchten», sagt Kurt Bader, die anderen nicken.

Sylvia Bader, 69, pensionierte Zivilschutzstellenleiterin bei der Stadt Schlieren, seit 43 Jahren mit Kurt Bader, 71, pensionierter Bereichsleiter in einem Technologiebetrieb, verheiratet. bild: alex rudolf

Wo heute im Erdgeschoss ein Coiffeurladen eingemietet ist, führte die Familie Epple während Jahrzehnten ihre Bäckerei. Das Haus ist heute in Max Epples Besitz, er verbrachte sein ganzes Leben darin und hat in jeder Etage – mit Ausnahme der dritten – bereits einmal gewohnt.

Epple und Bader besuchten mit Gery Brun – sie alle sind 71-jährig – den Kindergarten in Schlieren. Später stiess auch Bruns älterer Bruder, Werner, zu der Gruppe, die inzwischen seit fast 50 Jahren jeden Donnerstagabend einen Herrenabend durchführt und sich zum Essen, zum Trinken und auf einen Schwatz trifft.

Claire Brun, 74, Treuhänderin seit 50 Jahren mit Werner Brun, 76, pensionierter Informatiker, verheiratet. bild: alex rudolf

Angiolina Epple, 70, pensionierte Kauf- und Geschäftsfrau, seit 47 Jahren mit Max Epple, 71, pensionierter Bäcker-Konditormeister, verheiratet. bild: alex rudolf

Bald sollte der Freundeskreis von Damen ergänzt werden. Das Schwesternpaar Angiolina Epple und Christina Brun-Caduff heirateten Max beziehungsweise Gery, Claire Brun-Binder ist die Angetraute von Werner und Sylvia Bader ehelichte Kurt. Gemeinsame Ausflüge und Ferien zementierten den Freundeskreis über die Jahrzehnte.

Christina Brun-Caduff, 67, pensionierte Kauffrau, seit 34 Jahren mit Gery Brun, 71, pensionierter Kaufmann und Steuerfachmann, verheiratet. bild: alex rudolf

Nachdem der Plan, gemeinsam in Epples Haus zu ziehen, vor zehn Jahren gefasst war, wurde es erst ruhig. Solch grosse Unterfangen verschwinden oft in der Schublade: nicht so bei den vier Paaren. «Wir begannen mit einigen Mietern befristete Verträge abzuschliessen und gewisse Renovationen am Haus zu vollziehen, wie den Einbau eines Lifts», sagt Angiolina Epple.

«Mutiger Schritt»

Ob dann aber ihre langjährigen Freunde auch einziehen würden, blieb lange offen. So lebten Baders in Urdorf in einer Attikawohnung, Brun-Binders in Würenlos und Brun-Caduffs in Zufikon in Einfamilienhäusern.

«Der Hausverkauf war ein mutiger Schritt», sagt Claire Brun-Binder, die als Einzige der Truppe noch berufstätig ist. Aber heute seien sie und ihr Mann froh, denn mit steigendem Alter sei die Arbeit rund ums Haus und den Garten zunehmend zur Last geworden.

Heute wohnen die Paare in vier der insgesamt acht Wohnungen im Haus, über alle Geschosse verteilt. «Es ist nicht so, dass wir eine herkömmliche Wohngemeinschaft sind, in der jedem jede Tür offensteht.

Wir brauchen unsere Privatsphäre», betont Sylvia Bader. Mit dem Einzug der engen Freunde habe sich das Lebensgefühl im Haus trotzdem stark verändert, unterstreicht Angiolina Epple: «Es ist wunderbar zu wissen, dass da immer jemand ist, der einem nahe steht.»

WG mit Whatsapp-Chat

Durch den Zusammenzug hätten sich auch ungeahnte Vorzüge ergeben, ergänzt Kurt Bader und blickt durch die Balkontür auf den Raclette-Ofen. Im Keller gibt es einen Schrank mit Gegenständen, die viel Platz beanspruchen, die man aber nur selten braucht. Grosse Vasen, Fondue-Caquelons und eben einen Raclette-Ofen: Das Notwendige ist im Schrank, des Überschüssigen konnten sich die Senioren entledigen.

Die Gruppe verfügt auch über einen Whatsapp-Chat, auf dem rege kommuniziert wird. «Macht jemand einen Ausflug, schreibt er eine Nachricht in die Gruppe und dann kommt mit, wer gerade Lust hat», sagt Max Epple.

Schön sei aber auch, dass man sich oft zufällig im Treppenhaus oder in der ehemaligen Backstube antreffe, fügt Christina Brun-Caduff an. In der Backstube? Dort wurden die Sportgeräte aus den vier Haushalten zusammengelegt, entstanden ist ein kleines Fitnessstudio, das Sylvia Bader, Gery Brun und Angiolina Epple auch als Schwyzerörgeli-Übungsraum nutzen.

Fitness- und Musikzimmer in einem. Die WG in der Backstube. bild: alex rudolf

«Es kommt regelmässig vor, dass jemand auf dem Hometrainer strampelt und ich dazu Schwyzerörgeli spiele», sagt Sylvia Bader. Aber auch Kleinigkeiten versüssen den Rentnern das Leben. «Zum Beispiel, dass Claire jeden Tag frühmorgens die Zeitungen im Haus verteilt, ist etwas Wunderbares», sagt Angiolina Epple in Richtung Claire Brun-Binder, die bescheiden zu Boden schaut: «Für mich ist das Treppensteigen ein wenig Fitness

Und wie stellen sich die Bewohner der Alters-WG ihre Zukunft vor? Dank des Aussenlifts ist das Haus nun behindertengerecht, sollte ein Bewohner dereinst nicht mehr gut zu Fuss sein. «Ziel ist es jedoch nicht, dass wir uns dereinst gegenseitig pflegen werden», sagt Sylvia Bader.

So helfe man sich gegenseitig bei kleineren Handreichungen aus. «Und später», ergänzt Max Epple, «ist es auch denkbar, gemeinsam Dienstleistungen der Spitex zu beanspruchen oder bei grösserem Bedarf eine Pflegeperson zu beschäftigen.» In Anbetracht der körperlichen und geistigen Verfassung der Truppe ist ein solches Szenario noch weit entfernt.

Erleichterung für die Kinder

Für die insgesamt fünf Kinder der acht Senioren ist die Wohnform ihrer Eltern eine grosse Erleichterung. «Meine Tochter lässt keine Gelegenheit aus zu erwähnen, dass sie unsere WG grossartig findet.

Streit? Ach was!  bild: alex rudolf

Sie beruhigt es, zu wissen, dass immer jemand da ist», so Angiolina Epple. Aus dem Freundeskreis der Senioren sind die Reaktionen hingegen durchmischt: «Die einen bewundern uns für den Mut, unsere Leben umzukrempeln, andere würden gerne selber einziehen und wieder andere denken wohl, dass wir ein wenig verrückt sind», fügt Kurt Bader an.

Die Kritiker befürchten, dass es zu Streit unter den Bewohnern kommt. «Wir kennen uns aber inzwischen so viele Jahrzehnte. Hat einer mal einen Vogel, geht man ihm oder ihr aus dem Weg und am nächsten Tag ist alles wieder gut», ergänzt Sylvia Bader.

Nun knurren die Mägen der Senioren, es ist Zeit fürs Raclette: Erst müssen die verschiedenen Komponenten des Mahls aber im Haus zusammengetragen werden. Zwar ist der Käse bereits im Dachgeschoss bei den Epples, die Senffrüchte jedoch noch im dritten Obergeschoss bei Brun-Binders, der Wein gleich nebenan bei den Brun-Caduffs und die Kartoffeln garen auf dem Herd der Baders.

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
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  • FuriousPete 14.08.2016 01:07
    Highlight 4 befreundete ältere Paare wohnen nahe bei einander. Was für eine Premiere.
    3 8 Melden
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  • Gelöschter Benutzer 12.08.2016 22:30
    Highlight Cool, da steigt sicher immer wieder die ein oder andere Party...
    14 2 Melden
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  • Mnemonic 12.08.2016 21:04
    Highlight Ist doch eine coole Sache!
    23 1 Melden
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  • bokl 12.08.2016 18:17
    Highlight Ich mags den 8 ja gönnen und hoffe sie haben noch lange Spass zusammen. Aber zum Artikel stellen sich doch Fragen:
    - Ist keine WG - wie im Titel angesagt - sondern einfach 4 befreundete Paare unter einem Dach
    - sie wollen sich nicht gegenseitig pflegen. Also ist der Zusammenschluss auch kein Schutz vor dem Pflegeheim.

    Fazit: 4 Paare die sich schon Jahrzehnte kennen ziehen zusammen in ein Haus und sind glücklich miteinander. Wenn das ein Zeitungsartikel wert ist, muss das Sommerloch extrem tief sein...
    37 35 Melden
    • Hustler 12.08.2016 18:44
      Highlight Freuen Sie sich doch auch mal für andere. Kostet nichts und tut gut :)
      43 1 Melden
    • ottonormalverbraucher 12.08.2016 19:46
      Highlight Bokl, freu dich doch! Dass gleich 4 befreundete Paare ihre Häuser und Wohnungen aufgeben, um zusammen zu wohnen ist in der Schweiz vermutlich einmalig. Wenn ein anderer Kommentarschreiber einen gleichen Fall kennt, bitte melden! ;-)
      24 1 Melden
    • Gelöschter Benutzer 12.08.2016 20:34
      Highlight Da hab ich auf Watson schon viel grösseren Mist gelesen in letzter Zeit als diesen Artikel ;-)
      22 4 Melden
    • Lami23 12.08.2016 21:36
      Highlight Pflege ist eines. Manchmal scheitert es an viel kleinerem, dass aber eine solche Wg bieten kann. Sonst müssten die Kinder für viele Kleinigkeiten oft und teils von weit her anreisen.Also, gute Sache die ihnengut länger Unabhängigkeit bewahren kann.
      13 1 Melden
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  • Don Alejandro 12.08.2016 17:47
    Highlight Das rockt! Tolle Sache!
    32 1 Melden
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  • dommen 12.08.2016 17:30
    Highlight Musste den Artikel drei mal lesen, um die Beziehungen nachvollziehen zu können. Aber scheint ja ne spassige Truppe zu sein :-)
    51 1 Melden
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  • Corahund 12.08.2016 17:09
    Highlight Das finde ich absolut der Hammer. Die Alters-und Pflegeheime mit ihren horrenden Preisen kann sich ja bald kein normaler Senior mehr leisten. Chapeau!
    31 1 Melden
    • ottonormalverbraucher 12.08.2016 18:23
      Highlight Und selbst wenn sie gratis wären. Eine solche WG mit Freunden ist goldwert. Jetzt muss man sich nur noch entsprechende Freunde finden, die sowas auch mitmachen wollen ;-)
      30 1 Melden
    • Gelöschter Benutzer 13.08.2016 07:58
      Highlight @Corahund: doch kann man. Dafür gibt es Ergänzungsleistungen der AHV.
      3 1 Melden
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  • Pfefferminza Viktualia 12.08.2016 17:05
    Highlight Tolle Idee!
    25 1 Melden
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  • Boston5 12.08.2016 16:49
    Highlight Wow, Respekt für alles, die Ehejahre, das Projekt... just Wow.
    36 1 Melden
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  • Rabautax 12.08.2016 16:43
    Highlight Coole Idee
    23 1 Melden
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  • Normi 12.08.2016 16:43
    Highlight Danke danke vielmals für diesen wunderbaren artikel !!

    So startet sichs doch viel besser ins weekend 😀

    Und dann noch die tru-love bilder herlich
    ❤❤❤❤❤
    34 1 Melden
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  • Calvin WatsNon 12.08.2016 16:32
    Highlight Saustark💪 die haben so was von recht. In der Gemeinschaft ist man stark. Den Paaren wünsch ich gesellige schöne Stunden und beste Gesundheit 👍👌
    27 1 Melden
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  • EvilBetty 12.08.2016 16:22
    Highlight Wichtig in der AltersWG: Immer einen mit Alzheimer dabei haben, der hat dann jeden Tag Abwaschdienst: »Aber ich ha doch geschter scho...?» «Nei Kari, geschter hät s'Hedi abgwäsche»
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  • lümel3000 12.08.2016 15:53
    Highlight coole Truppe, tönt nach Spass! :)
    66 1 Melden
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Ein Hoch auf die Schweizer Bierbrauer! (und ein Aspirin, bitte)

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