Unvergessen

Marie unterwegs zu einem denkwürdigen Erfolg. bild: instagram

11.07.1991: Thierry Marie trällert ein Liedchen und schafft über 234 km die längste Solo-Flucht der Neuzeit 

11. Juli 1991: Thierry Marie gelingt ein veritabler Coup. Der Franzose gewinnt nach der längsten Solo-Flucht in der Neuzeit der Tour de France – und hat unterwegs noch genügend Luft, um für die Fernsehkameras zu singen.

11.07.16, 00:01 11.07.16, 17:16

Ob Thierry Marie am Start zur 6. Etappe der Tour de France 1991 in Arras an Albert Bourlon gedacht hat? Wahrscheinlich nicht. Sein französischer Landsmann gewann 1947 das Teilstück zwischen Carcassone und Luchon, nachdem er 253 Kilometer solo unterwegs gewesen war. Das war zwar ebenfalls an einem 11. Juli, aber in einer ganz anderen Epoche des Radsports.

Marie hat 44 Jahre später nicht den Etappensieg im Kopf und auch nicht das Leadertrikot. Der Normanne will sich in seiner Heimat zeigen; das ist sein Vorhaben. Marie setzt alles daran, es in die Tat umzusetzen. 25 Kilometer sind absolviert, als ihm die Flucht gelingt. Marie nutzt den Moment, als nach einem Zwischensprint das Tempo im Feld sinkt.

Und er ward vom Feld nie mehr gesehen: Marie setzt sich ab. ina

Die Möglichkeit nutzen, wenn sie sich anbietet

Niemand verspürt an diesem heissen Tag Lust, mit Marie zu fahren und das Feld lässt ihn gewähren. Also tritt der Fliehende in die Pedale. Und tritt und tritt und tritt. Weiter, immer weiter kurbelt Marie, bis er irgendwann fast 22 Minuten Vorsprung hat. Ehe das Feld dann doch irgendwann die Verfolgung aufnimmt, wird hinten geplaudert und gescherzt – und vorne trällert Thierry Marie mangels Fluchtgefährten alleine ein Lied.

Irgendwie muss man sich ja beschäftigen: Marie singt lauthals «Ma Normandie», die inoffizielle Hymne der Region. ina

Dem 28-Jährigen kommt auch der Umstand zu Hilfe, dass an diesem Tag niemand im Maillot Jaune fährt. Der Gesamtführende Rolf Sorensen war tags zuvor gestürzt und musste die Tour mit einem Schlüsselbeinbruch aufgeben. Und Greg LeMond, der nachrückte, wollte das Leadertrikot unter diesen Umständen nicht annehmen. Deshalb gibt es im Peloton kein Team, das die Verfolgung organisiert. «Ich spekulierte darauf», verrät der schlaue Marie. Rückenwind begünstigt seine Flucht. Langsam wird es eng für die Sprinter, wenn sie in Le Havre noch um den Tagessieg fighten wollen.

Aber kann Thierry Marie so eine Monsterflucht durchziehen? Er weiss es selber nicht. «So etwas habe ich zuvor noch nie versucht», sagt er im Ziel, «und ich fragte mich, ob ich das draufhabe. Also habe ich es probiert, ausgerechnet bei der Tour de France, und es ist aufgegangen.» Denn das Feld kommt tatsächlich nicht mehr an ihn heran. Nach einer 234 Kilometer langen Soloflucht erreicht Marie das Ziel in Le Havre als triumphaler Sieger. Und sein Vorsprung ist sogar so gross, dass er gleich auch neuer Leader der Rundfahrt ist.

Geschafft: Marie fährt als Sieger ins Ziel.
ina

«Es war so hart!»

Marie gilt eigentlich als Spezialist für Prolog-Zeitfahren, hat wenige Tage zuvor schon zugeschlagen und am ersten Tour-Tag das Maillot Jaune erobert. Wird aus ihm nun ein anderer Typ Rennfahrer? Marie winkt im Ziel ab: «So etwas mache ich kaum wieder: Es war so hart!»

Heute besitzt der Normanne eine kleine Gärtnerei, in seiner Freizeit sitzt er immer noch im Velosattel, «weil das gesund ist». Marie hat sechs Etappen der Tour de France gewonnen, trug das Leadertrikot und auch die Maglia Rosa am Giro d'Italia. «Aber diese eine Etappe ist legendär, damit bin ich im Geschichtsbuch des Radsports», weiss Thierry Marie. «Man spricht mich bis heute auf diesen Sieg an.»

Radsport brutal: Während Marie vorausfährt, quält sich Martial Gayant nach einem Sturz wieder aufs Velo, ehe er unter Tränen aufgeben muss.
ina

Marie fährt nach seinem Husarenritt zwei Tage lang in Gelb, ehe er das Leadertrikot an Greg LeMond abgeben muss. Doch der Amerikaner schafft keinen vierten Gesamtsieg. Stattdessen triumphiert 1991 Miguel Indurain. Es ist der erste von fünf Tour-Siegen in Folge für den Spanier, der zudem auch zwei Mal den Giro d'Italia gewann.

«Big Mig» Indurain 1996 nach seinen fünf Tour-Siegen.
Bild: EPA EFE

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob hervorragende Leistung, bewegendes Drama oder witzige Anekdote – alles ist dabei. 
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Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!
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  • John Smith (2) 11.07.2016 13:54
    Highlight Doping hin oder her: Sowas muss man erst mal machen. Ich könnte es jedenfalls nicht, auch nicht mit sehr viel Chemie intus.
    11 0 Melden
    • Waldorf 11.07.2016 15:03
      Highlight word
      6 0 Melden
  • Waldorf 11.07.2016 10:59
    Highlight Für alle Radsport basher mit ihren nachgeplapperten Doping Halbweisheiten empfehle ich die Doku über Lance Armstrong. Da kann man die Vorgänge im Dopingsumpf mal etwas erahnen. Wer dann noch glaubt, es laufe in anderen Sportverbänden besser, solls glauben. Ich bin der Meinung, je mehr Geld fliesst, desto korrupter. Es wird auch im Fussball gedopt (natürlich hat Doping da einen weitaus kleineren Effekt). Wenn die UCI Doping vertuschen kann, stellt euch mal vor was der FIFA Seppli so alles drauf hat ;-)
    Ach ja...Leichtathletik, Skilanglauf...auch ein Thema?
    11 1 Melden
  • Gelöschter Benutzer 11.07.2016 09:37
    Highlight Das nimmt doch heute keiner mehr für voll. Der war doch vollgepumpt mit Dopingmitteln, das sich die Balken biegen.

    Der Radsport ist doch tot. Ich kann diesen Affenzirkus nicht mehr ernst nehmen..... Alles verlogene Säcke...
    2 14 Melden
    • blobb 12.07.2016 11:26
      Highlight Wer ein bischen Ahnung hat und Radsport verfolgt weiss, dass sich sehr viel getan hat und es ein komplett anderer Sport ist als zu Dopingzeiten.
      Der härteste/gefährlichste Sport der Welt. Mit den charakterstärksten Athleten überhaupt.
      1 1 Melden
  • Wisegoat 11.07.2016 08:16
    Highlight ..und randvoll zugepumpt mit dem besten, was das Apothekerschränkchen hergbit. Die Pharma Expo rollt wieder.
    8 17 Melden
    • Waldorf 11.07.2016 10:24
      Highlight Der obligate velo-doping-dreinschiss. Als ob es in anderen sportarten (ja, auch im fussball) anders wäre...
      14 2 Melden
    • Wisegoat 11.07.2016 12:59
      Highlight Ui! Ist das Radlerhöschen verrutscht?
      Logisch wird in anderen Sportarten auch munter konsumiert. Aber im Bericht geht es ja um den Radsport und nicht um Fussball, Schach oder Synchronschwimmen. Wenns ums Thema Rad geht, äussert man sich auch zum Thema Rad und zu nichts anderem.
      1 6 Melden
    • Waldorf 11.07.2016 14:21
      Highlight Weiss nicht was mein radlerhöschen damit zu tun hat, zumal ich als Langstreckenläufer eher Shorts bevorzuge. Sie haben einfach sehr vorbildlich (auch mit dem zweiten kommentar) den stereotyp des velo-doping-dreinschiss bedient. Thats it.
      5 1 Melden
    • Wisegoat 11.07.2016 15:58
      Highlight Was das mit Dreinschiss wie sie es so vornehm nennen zu tun hat , weiss ich nicht. Es ist einfach eine Feststellung zu einer erwiesenen Tatsache.
      1 6 Melden
    • blobb 12.07.2016 11:32
      Highlight Radsportler sind, mit ABSTAND am besten überwacht in Sachen Doping. Praktisch keine Fälle in den letzten Jahren. Null überführte Sieger.
      Wie sieht das, in weit weniger gut kontrollierten Sportarten aus?
      So viel zu deinen "erwiesenen Tatsachen"
      1 1 Melden
    • Wisegoat 12.07.2016 12:17
      Highlight "der letzten Jahre". Hier geht's um einen Ettappensieg aus 1991. neunzehnhunderteinundneunzig oder ein Vierthljahrundert!!! so viel zu " in den letzten Jahren"
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    • blobb 12.07.2016 12:35
      Highlight "..und randvoll zugepumpt mit dem besten, was das Apothekerschränkchen hergbit. Die Pharma Expo rollt wieder. "
      Sorry, tönt für mich nach Gegenwart(!!!)
      1 0 Melden
    • Wisegoat 12.07.2016 14:50
      Highlight Das war auf dem kollegen bezogen der eine tdf ettappe gewinnt und dazu noch singt
      0 0 Melden

auch beim 1000. Mal noch lustig

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