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epaselect epa05559039 British actor Hugh Grant holds his 'Lifetime Achievement Award' during the 12th annual Zurich Film Festival, in Zurich, Switzerland, 27 September 2016. The festival runs from 22 September to 02 October.  EPA/ENNIO LEANZA

Hugh Grant nimmt in Zürich ganz ungrantig ein Goldenes Auge für sein Lebenswerk entgegen. Bild: EPA/KEYSTONE

Kommentar

Ich mach seit 20 Jahren Interviews. Keins war so ein Desaster wie das mit Hugh Grant

Vom Crush zum Crash: Dies ist eine jener Geschichten, wie sie das Leben am Zurich Film Festival zwischen Stars und Journalisten jeden Tag schreibt.



Ich hatte sie alle, Menschen mit Filmen, Büchern, Alben und Ansprüchen, sehr und weniger berühmte, und alle waren nette Interviewpartner. Nie angewidert. Weshalb ich mir an einem strahlend schönen Dienstag auch meine acht Minuten mit Hugh Grant nett vorstelle, nämlich ganz genau so:

Ich überreiche Hugh Grant einen Brief, den mir die Regisseurin von «Bridget Jones» extra für ihn mitgegeben hat. Sie sagte dazu: «This should break the ice.» Okay, das hätte mich stutzig machen müssen: Wo Eis gebrochen werden muss, ist ja wohl auch welches anzutreffen. Aber gut: Ich überreiche ihm also den lieben Brief einer lustigen Britin, seine müden Züge schmelzen, er sagt: «Oh, but that's lovely! How charming!», und wir beginnen eine enorm gelöste Plauderei.

Das Empfehlungsschreiben von Sharon Maguire

Bild

Bild: sme

In meiner Fantasie geht sie so: Ich gebe ihm zwei Klassiker der englischen Liebeslyrik, das «Sonnet 116» von Shakespeare und «Bright Star» von John Keats, beide spielen in Hugh Grants neuem Film «Florence Foster Jenkins» eine Rolle, er rezitiert sie für seine Filmgattin Meryl Streep, sie kann dann besser einschlafen.

Ich bitte also Hugh Grant darum, für uns vor laufender Kamera eins der unvergleichlichen, unsterblichen Gedichte vorzulesen. Natürlich macht er das von Herzen gern. Danach sage ich: «Let's talk about love.» Und er so: «Of course, just ask me anything!» Und wir beginnen eine lustige und irre kluge Metaunterhaltung über die Filmliebe zwischen ihm und Meryl Streep.

Bild

Simon Helberg, Meryl Streep und Hugh Grant in «Florence Foster Jenkins». Ein Film über die Frau, die glaubte, sie sänge wie ein Engel, aber jaulte wie ein Hund. bild: pathé films

Aus «Bright Star» von John Keats

«Bright star, would I were steadfast as thou art –
Not in lone splendour hung aloft the night ...»

«Glänzender Stern! Wär ich doch stet wie Du –
Nicht schimmern, einsam, aufgehängt zur Nacht ...»

Hugh Grant spielt nämlich einen Mann mit zwei Frauen. Also sich selbst. Während Meryl Streep, die grösste Monogamistin Hollywoods, irgendwie auch sich selbst spielt. Hugh Grant hat schon oft gesagt, dass er Monogamie wirklich für das letzte und langweiligste aller Beziehungsmodelle halte.

Ich schwöre: Meine Fragen sind raffinierter formuliert, als dies jetzt vielleicht klingen mag. Und charming, oh so charming. Und ich hab sie geübt, ist ja schliesslich alles auf Englisch und erst noch mit einem besonders britischen Briten. Das ist der Plan. Am Ende, da bin ich mir sicher, wird er sagen: «That was lovely!» und das Interview vertwittern. Sowieso. Das ist der Traum.

Die Realität beginnt damit, dass Hugh Grant aufs WC muss. Vorbei an den wartenden Journalistinnen. Wir strahlen ihn an. Er uns nicht. Sicher wirken wir verzweifelt.

Trailer zu «Florence Foster Jenkins»

abspielen

Video: YouTube/Movieclips Trailers

Dann müssen er und ich ins Interviewzimmer. Hinter mir läuft eine Kamera. Interviews mit Kameras sind tückisch. Sie dokumentieren das Zerrinnen von Zeit, Selbstsicherheit und guter Laune gnadenlos. Ich sag: «Ich bin von watson, das ist sowas wie das schweizerische ‹Buzzfeed›.»

«Ich weiss nicht, was ‹Buzzfeed› ist.»

Ich geb ihm den Brief der lustigen Britin. Das Eis bricht nicht, es wird noch dicker. Sicher denkt er: Ogott, nicht NOCH eine Bridget-Jones-Notting-Hill-Romcom-Tussi!

Ich beginne: «In Ihrem wunderbaren neuen Film spielen zwei Gedichte eine Rolle. Ich habe sie Ihnen mitgebracht und würde mich freuen, wenn Sie ...»

«Gut», sagt er, «ich lese den Keats.»

Er wirft einen fahlen, schalen Blick auf den Keats, der ihm schon begeistert «Bright star!» entgegen jubelt.

Dieser Artikel könnte auch heissen «Vom Crush zum Crash in acht Minuten».

Hugh Grant denkt nach. In seinem Gesicht erlischt der letzte Funke von Goodwill.

Er sagt: «Nein, das ist seltsam, lassen wir das.»

Hm. Wäre er ein Amerikaner, er würde jetzt sein Profi-Lämpchen anknipsen und mitmachen. Pardon, Hugh Grant, ich wollte Sie nicht ärgern. Ja, Sie dürfen auch mal ein grantiger Grant sein, aber ich mein's doch nicht böse! Ich zapp auch nie weg, wenn Ihre Filme laufen! Ehrlich!

epa05558401 British actor Hugh Grant signs autographs after a press conference at the 12th annual Zurich Film Festival in Zurich, Switzerland, 27 September 2016. Grant received the Golden Icon award. The festival runs from 22 September to 02 October.  EPA/ENNIO LEANZA

Diese Journalistin hatte am ZFF mehr Glück als ich. Bild: EPA/KEYSTONE

Ich sage: «Okay, beginnen wir von vorn: Sie standen nicht nur mit Meryl Streep, sondern auch mit Simon Helberg, dem Howard aus der ‹Big Bang Theory› vor der Kamera ...»

«Ich kenne die ‹Big Bang Theory› nicht. Aber es ist verrückt, wie reich Simon Helberg damit geworden ist.»

Die Fragen, die jetzt folgen, werden immer schlechter, da improvisiert. Also richtig schlecht. Im Stil von: «Es sieht aus, als hätten Sie enormen Spass gehabt beim Dreh.»

«Das meinen die Leute immer. Dreharbeiten sind langweilig.»

Wieso frag ich überhaupt so einen Scheiss? Weil es das einzige ist, was mir in den Sinn kommt. Und wo bleibt eigentlich sein berühmtes britisches Buben-Lächeln? Vielleicht für eine Viertelsekunde?

Ich sehe mich nicht mehr gegenüber von Hugh Grant, sondern auf einer Wendeltreppe, die in die Tiefe führt. Die Stufen sind von Eis überzogen.

«Sie spielen einen Mann zwischen zwei Frauen, Sie selbst haben sich schon oft und öffentlich gegen die Monogamie ausgesprochen, was ist das ideale Konzept von Liebe?» –

«Keine Ahnung, ich bin kein Experte.»

«Meryl Streep dagegen ist eine grosse Advokatin der Monogamie.» Hab ich das echt gesagt? Wieso frag ich nicht: «Was halten Sie vom Brexit?» Das verdammte Unterbewusstsein macht die Sache mit Fleiss immer noch schlimmer.

«Echt?»

Okay, ich bin ein Krümel. Ein hässlicher, dummer, übel riechender Krümel, das hab ich jetzt begriffen. Bitte, lieber Aufnahmeleiter, gib mir das Zeichen, dass die acht Minuten um sind! Please! Pleaeaease! «Was macht Sie glücklich?»

«Die Minibar in meinem Hotelzimmer.»

Das Zeichen! Yesss! Es kommt!

Der Aufnahmeleiter drückt mir eine Speicherkarte mit dem Interview in die Hand. Niemand wird es jemals sehen. Ich werde das schwarze Stück Plastik von einem Redaktionshund irgendwo an einem dunklen Ort verscharren lassen.

Aus «Sonnet 116» von Shakespeare

«Let me not to the marriage of true minds
Admit impediments. Love is not love
Which alters when it alteration finds ...»

«Nichts löst die Bande, die die Liebe bindet.
Sie wäre keine, könnte hin sie schwinden ...»

P.S. Okay, so viel hab ich dann einen Tag später doch noch zugelassen :(

abspielen

Video: watson.ch

Hugh Grant Filme

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29Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Jeff Blatter 29.09.2016 15:05
    Highlight Highlight Hugh Grant used to be happy - then Simone Meier interviewed him... #grumpyGrant

    Danke für das coole Interview ;)
    Benutzer Bild
  • Dee J. Doena 29.09.2016 13:10
    Highlight Highlight Vielleicht hätte die Autorin vorher nochmal Notting Hill gucken sollen, da wird das nämlich schön erklärt, wie das mit den Filminterview funktioniert.

    Aber hätte sie sich als von "Horse & Hound" ausgegeben, hätte Hugh wahrscheinlich auch nicht gelacht, wer weiß, wie viele den Gag schon probiert haben.
  • steven.seagull 28.09.2016 23:40
    Highlight Highlight Naja...wir sind sowas wie das schweizerische buzzfeed.leider sogar die wahrheit
  • humpfli 28.09.2016 22:48
    Highlight Highlight Irgendwie finde ich das merkwürdig. Entweder, sie haben einen miserablen Job gemacht oder Hugh Grant hatte überhaupt keine Lust auf das Interview oder Blick hat das Interview nur erfunden...
    http://www.blick.ch/people-tv/hugh-grant-56-ueber-romantische-komoedien-schnitzel-und-schnelle-autos-mit-meryl-streep-spielen-ist-wie-tennis-gegen-roger-federer-id5539547.html
  • Thanatos 28.09.2016 19:45
    Highlight Highlight Das Interview hätte ich eh nicht gelesen. Aber dieser Artikel hat mich zum Schmunzeln gebracht :D
    Und jemand der Millionen verdient, kann sich doch sicher auch zusammenreissen.
  • Don Alejandro 28.09.2016 19:05
    Highlight Highlight Eine ehrliche Erfahrung reicher, bringt einen immer weiter😀. Solche Tage gibt's. Easy.
  • ch2mesro 28.09.2016 17:56
    Highlight Highlight zwei wörter; you win
  • Frausowieso 28.09.2016 15:51
    Highlight Highlight Oh je, das hätte mich auch enttäuscht. Diese 8 Minuten werden Sie wohl nie vergessen. Es ist furchtbar jemanden zu interviewen, der eigentlich gar nicht mit einem reden möchte. Jo nu....
  • lilie 28.09.2016 15:38
    Highlight Highlight Das erinnert mich stark an peinliche Interviewszenen aus Notting Hill, wo sich Mr. Grant selber als Interviewer durchmogeln musste... 😊

    Echt tapfer, wie du das durchgestanden hast, Simone! Und cool beschrieben!

    Ich gehöre selbst nicht zu den Grant-Fans, daher hält sich meine Verwunderung in Grenzen. Er schien mir als A****loch wie in About a Boy oder Bridget Jones immer überzeugender als als Mr. Nice Guy...

    Anyway, du weisst schon, dass du das Tape noch bringen musst??? Sonst werden Horden von watson-Leser jeden Quadratmeter des Redaktionsgartens umgraben, bis es gefunden ist! 😁
  • Huelsenbeck 28.09.2016 15:16
  • bitteschoen 28.09.2016 15:13
    Highlight Highlight Ich, der Redaktionshund, freue mich auch immer wieder wenn ich eine Absage bekomme, weil ich keinen journalistischen Hintergrund habe. Freut mich zu lesen, dass auch Journalisten nur mit Wasser kochen. Gerne möchte ich die Karte jetzt verscharren.
  • Papa la Papp 28.09.2016 14:57
    Highlight Highlight Danke für den Bericht.
    Ich bin jetzt noch ein größerer HG als vorher 👍
    Ach könnten sich doch die anderen Stars und Sternchen an HG ein Beispiel nehmen und einfach Klappe halten, wenn's nix zu sagen gibt und nicht einfach tausend Mal den ewig gleichen Müll produzieren welcher dann auf allen TV Stationen im Print und Internet bis zum Exzess breit geschlagen wird.
    Danke Hugh Du hast mir wertvolle Zeit geschenkt.
  • Sveitsi 28.09.2016 14:52
    Highlight Highlight Ein charmant ehrlicher Bericht mit einem Funken Selbstironie - hat Spass gemacht, ihn zu lesen. :-)
  • Ylene 28.09.2016 14:45
    Highlight Highlight So als kleiner Trost... Ihr äusserst amüsant und selbstironisch beschriebener Fail hat mich (und wahrscheinlich die allermeisten hier, seien wir doch ehrlich) besser unterhalten als es die meisten Promiinterviews je könnten - egal wie perfekt und egal mit wem. Sie haben mir an einem ziemlich nervigen Tag ein Lächeln ins Gesicht gezaubert, danke schön! PS: Video her oder es zählt nicht! ;-)
    • MissTreri 28.09.2016 16:07
      Highlight Highlight Super Artikel, geht uns allen mal so! Deshalb: Video her! :)!!!
    • Kyle C. 28.09.2016 16:10
      Highlight Highlight +1 Ylene!
  • Miicha 28.09.2016 14:40
    Highlight Highlight Simone das hast du nicht nötig, lass ihn das nächste Mal einfach für der Kamera sitzen. 😊
  • Nausicaä 28.09.2016 14:18
    Highlight Highlight Das Interview war vielleicht ein Fail, dafür ist der Bericht darüber erfrischend (und) ehrlich.

    Ich muss aber schon sagen; Hugh Grant bestätigt den unsympathischen und etwas arroganten Eindruck, den ich von ihm habe.
    • LeserNrX 28.09.2016 16:39
      Highlight Highlight Was ist arroganter: Nur einen "Fahrplan " fürs Interview zu haben und davon auszugehen (oder sogar zu erwarten), dass die andere Person darauf einsteigt oder keine Lust auf ein Interview zu haben, dass schlicht und einfach nicht gut vorbereitet ist?
    • Nausicaä 28.09.2016 16:50
      Highlight Highlight Wo liest du etwas von einem vagen "Fahrplan"? Ich zitiere: "Ich schwöre: Meine Fragen sind raffinierter formuliert, als dies jetzt vielleicht klingen mag. Und charming, oh so charming. Und ich hab sie geübt, ist ja schliesslich alles auf Englisch und erst noch mit einem besonders britischen Briten. Das ist der Plan."
      Arrogant ist es auch, etwas etwas aufgrund ungenauen Lesens zu unterstellen, dass einem grad ins Schema passt.
    • LeserNrX 29.09.2016 22:13
      Highlight Highlight Ich habe jetzt den Zusammenschnitt von Grants Reaktionen gesehen und er wirkt auf mich überhaupt nicht arrogant.
      Mit Fahrplan meine ich übrigens jemandem einen schnell hingekritzelten Brief unter die Nase zu halten und ihn zu bitten Gedichte zu rezitieren, was ja wirklich etwas "weird" ist.
  • pamayer 28.09.2016 13:53
    Highlight Highlight Danke für den schonungslosen einblick in ein worst case scenario im leben einer Journalistin. Bitte jetzt nicht stelleninserate studieren, sondern sich auf das nächste interview vorbereiten und freuen. Schlimmer kann's wohl kaum werden. 😎
  • D(r)ummer 28.09.2016 13:39
    Highlight Highlight Scheint ein selbstbewusster genügsamer Typ zu sein. Er dreht nur Filme und das war's. Muss ja nicht über alles bescheid wissen um "IN" zu bleiben.
    Folgt anscheinend nicht dem allgemeinen Mainstream.

    Der gefällt mir, denn ich kenne Buzzfeed und Big Bang Theory (sowieso alle Serien) auch nicht. (ok vom "Hörensagen" und aus den Zeitungen aber interessieren tut's mich nicht)

    Schade für Sie Frau Meier, dass es nicht gut lief.
    Ich könnte sowas überhaupt nicht.
  • wipix 28.09.2016 13:38
    Highlight Highlight 😂
    Sie sind echt nicht zu beneiden! Allerdings kann ich mir gut vorstellen, dass Ihn die Fragen grantig gemacht haben... laaangweilig wie die Filme von ihm...
  • Asmodeus 28.09.2016 13:36
    Highlight Highlight Im Nachhinein ist man immer klüger, aber:

    «Das meinen die Leute immer. Dreharbeiten sind langweilig.» wäre eventuell ein guter Einstiegspunkt gewesen zu fragen ob er das ausführen könne.

    Für Leute die nicht vor der Kamera stehen wirke es ja immer so aufregend.


    Generell mag ich Hugh Grant generell nicht. Habe ihn nie gemocht. Aber einen Journalisten so am langen Arm verhungern zu lassen ist übel. Selbst wenn man dieselben "doofen" Fragen täglich 30 Mal gestellt bekommt. (doof deswegen, weil man sie irgendwann nicht mehr hören kann)
  • dunou 28.09.2016 13:23
    Highlight Highlight Danke für die ehrliche und schonungslose Background-Story zum misslungenen (weil misslaunigen) Interview(Partner). Wertet das Ganze dann doch stark auf! :)
    • dunou 28.09.2016 13:47
      Highlight Highlight Und übrigens: wär trotzdem schön, das Tape zu sehen. Auch wenn's der Interviewerin weh tut. :)
    • Spunk 28.09.2016 14:07
      Highlight Highlight Hab ich jetzt aber fast noch lieber gelesen, als ein intellektuell anspruchsvolles Inti mit Hugh Grant. Bravo, gut gerettet!
    • Tom Garret 28.09.2016 14:33
      Highlight Highlight Mein Beileid, das ist echt fies gelaufen... Man kann keine guten Interviews machen wenn das Gegenüber keine Lust darauf hat...

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