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Undatiertes Fahndungsfoto des Top-Terroristen «Carlos», auch bekannt als «Carlos der Schakal». Nach seiner Ansicht hat es in den 1970-er Jahren einen «Nichtangriffspaket» zwischen der Schweiz und der PLO gegeben.<br data-editable="remove">
Undatiertes Fahndungsfoto des Top-Terroristen «Carlos», auch bekannt als «Carlos der Schakal». Nach seiner Ansicht hat es in den 1970-er Jahren einen «Nichtangriffspaket» zwischen der Schweiz und der PLO gegeben.
Bild: AP

NZZ liefert neuen Zeugen für Geheimdeal: Top-Terrorist «Carlos» spricht von «Nichtangriffspakt»

In einem fast anderthalbstündigen Telefongespräch mit dem NZZ-Reporter Marcel Gyr hat der inhaftierte Top-Terrorist «Carlos» die These gestützt, dass es in den 1970-er Jahren einen Deal zwischen der Schweiz und der palästinensischen PLO gab.
07.03.2016, 05:2707.03.2016, 06:52

«Uns wurde zugesichert, dass wir uns in der Schweiz frei bewegen können», sagte der aus Venezuela stammende «Carlos» zur Lage in den 1970-er Jahren. Es habe zum Allgemeinwissen unter den Kämpfern der palästinensischen Widerstandsbewegung (Fedayin) gehört, dass sie in der Schweiz Schutz geniessen würden, sagte Carlos laut der «Neuen Zürcher Zeitung» vom Montag. Im Gegenzug seien sie dazu angehalten worden, sich ruhig zu verhalten und keine Anschläge zu verüben. Daran hätten sie sich gehalten.

Ein Stillhalteabkommen mit ungefähr diesem Inhalt soll der damalige Aussenminister Pierre Graber mit einem PLO-Aussenbeauftragten in Genf im Geheimen geschlossen haben. Das enthüllte der NZZ-Reporter Marcel Gyr in seinem Buch «Schweizer Terrorjahre».

«Carlos», der mit vollem Namen Illich Ramirez Sanchez heisst und heute 66 Jahre alt ist, verbüsst in der Nähe von Paris eine lebenslängliche Freiheitsstrafe wegen mehrerer Attentate. Unter anderem war «Carlos» an der OPEC-Geiselnahme vom Dezember 1975 beteiligt. «Carlos» wurde 1994 verhaftet.

Folgendes ging laut NZZ aus dem Gespräch mit ihm hervor: 

  • Zur Einigung Anfang der 1970-er Jahre weiss «Carlos» offenbar relativ wenig. Dies soll ihn damals nicht interessiert haben.
  • Im Nachgang soll es aber auf «operationeller Ebene» zu weiteren Gesprächen gekommen sein. 1971 oder 1972 sei ein Abkommen zustandegekommen, das «Carlos» als «Nichtangriffspakt» bezeichnet.
  • Der Waadtländer Bankier und offene Judenhasser François Genoud soll auf Schweizer Seite eine wichtige Rolle gespielt haben.
  • Nebst Genoud habe ihm auch Wadi Haddad, Chef einer Sondereinheit der marxistisch-leninistisch orientierten Kommandogruppe PFLP davon erzählt, dass die Schweiz ein sicherer Hafen sei. Genoud und Haddad leben beide nicht mehr.
  • Rund zehnmal war Carlos nach eigenen Angaben in den 1970-er Jahren in der Schweiz gewesen. Obwohl nach ihm gefahndet wurde, blieb er unbehelligt.
  • Unter anderem reiste er über die Schweiz nach Wien, wo er 1975 die OPEC-Geiselnahme leitete. 
Der sehr auf sein Image bedachte «Carlos» in einer Aufnahme aus dem Jahr 2000.<br data-editable="remove">
Der sehr auf sein Image bedachte «Carlos» in einer Aufnahme aus dem Jahr 2000.
Bild: AP

Nach der Veröffentlichung von «Schweizer Terrorjahre» äusserten mehrere Medien, angeführt von «Tages-Anzeiger»- und «SonntagsZeitung»-Journalisten, Zweifel an der These eines Stillhalteabkommens. NZZ-Reporter Gyr schreibt, es sei Vorsicht geboten bei einem verurteilten Terroristen als Quelle. «Carlos'» Ausführungen bewertet er aber als «glaubhaft» und bezeichnet sie als «brisant».

Zudem kündigt er an, dass ihm aus dem Gespräch weitere Informationen zu Beteiligten vorliege die aber zunächst geprüft werden müssten. Das Gespräch fand laut der NZZ im Büro von «Carlos'» Zürcher Anwalt Marcel Bosonnet statt. (trs)

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