Warum führt Trump Krieg? Er will der grösste aller Präsidenten sein
Der Mount Rushmore ist ein eigenartiger Ort. In den Black Hills von South Dakota, die für die Lakota-Sioux als «heilig» gelten, hat der dänischstämmige Bildhauer Gutzon Borglum zwischen 1927 und 1941 die Köpfe von vier US-Präsidenten in den Granit gemeisselt: George Washington, Thomas Jefferson, Theodore Roosevelt und Abraham Lincoln.
Sie galten damals als die vielleicht bedeutendsten Präsidenten der US-Geschichte. Obwohl er ziemlich abgelegen ist, zieht der Mount Rushmore zahlreiche Touristen an. Auch Donald Trump ist ein Fan. Gegenüber seiner kürzlich gefeuerten Heimatschutzministerin Kristi Noem soll er gesagt haben, es sei sein «Traum», dort verewigt zu werden.
Eine republikanische Abgeordnete aus Florida reichte dazu einen Vorstoss im Kongress ein. Vermutlich gäbe es dafür sogar Platz. Donald Trumps Traum ist nicht nur Ausdruck seines Narzissmus. Seit seinem erneuten Wahlsieg 2024 ist er besessen von der Überzeugung, Gott habe ihn dazu bestimmt, der grösste US-Präsident der Geschichte zu werden.
Einen grossen Krieg führen
Wodurch aber definiert sich präsidiale Grösse? Es genügt kaum, die «beste Wirtschaft aller Zeiten» geschaffen zu haben, wie er in seiner Rede zur Lage der Nation behauptete (viele Amerikaner sehen dies angesichts ihrer abnehmenden Kaufkraft anders). Oder die Grenze dichtzumachen und Migranten zum Schaden dieser Wirtschaft auszuschaffen.
Offenbar ist Trump zum Schluss gekommen, dass man als grosser Präsident einen grossen Krieg führen und gewinnen muss. Dabei hatte er bei seiner zweiten Vereidigung am 20. Januar 2025 ganz anders getönt. Sein Erfolg werde an den Kriegen gemessen, «die wir beenden – und vielleicht noch wichtiger, an den Kriegen, in die wir gar nicht erst geraten».
Kriege beenden und beginnen
Er habe in seinem ersten Jahr acht Kriege beigelegt, behauptete Trump und erhob Anspruch auf den Friedensnobelpreis. Diese «Bilanz» ist umstritten, aber zumindest der Waffenstillstand im Gaza-Krieg kann als Erfolg bezeichnet werden, auch wenn es beim Friedensplan seither kaum Fortschritte gab und die Waffenruhe häufig gebrochen wird.
Im gleichen Zeitraum aber hat der Präsident mehrfach militärische Interventionen befohlen, und seit Jahresbeginn erlebt man einen «neuen» Trump. Erst liess er den venezolanischen Machthaber Nicolas Maduro in die USA entführen. Der totale Bruch erfolgte am 28. Februar mit den völkerrechtswidrigen Angriffen der USA und Israels auf den Iran.
Die drei grössten Präsidenten
Die Gründung des sogenannten «Friedensrats» wirkt daneben wie eine Alibiübung. Wie aber kam es, dass der vermeintliche Friedenspräsident Trump einen Krieg entfesselte, bei dem kein klares Ziel erkennbar ist (geht es um Regimewechsel oder die Atombombe?) und der durch iranische Gegenangriffe auf die gesamte Region übergegriffen hat?
Die Antwort findet man am Mount Rushmore und darüber hinaus. Es geht um jene drei US-Präsidenten, die in den Historiker-Rankings mit Abstand zuoberst stehen: George Washington, Abraham Lincoln und Franklin Delano Roosevelt, kurz FDR. Mit ihnen will der praktizierende Egomane Trump nicht nur gleichziehen, er will sie übertreffen.
Prägende Kriege
Neben einer herausragenden Persönlichkeit gibt es bei dieser «heiligen Dreifaltigkeit» der US-Präsidentschaft eine Gemeinsamkeit: Die Big 3 führten Kriege, die die Geschichte des Landes prägten: George Washington besiegte als Oberbefehlshaber der Kontinentalarmee die britische Kolonialmacht im Unabhängigkeitskrieg von 1776 bis 1781.
Abraham Lincoln führte das Land durch seine dunkelste Epoche des Bürgerkriegs zwischen Nord- und Südstaaten von 1861 bis 1865. Und für FDR war der Zweite Weltkrieg prägend, der auch ein Kampf zwischen demokratischen Staaten und faschistisch-militaristischen Systemen war. Mit diesem «Leistungsausweis» kann Donald Trump nicht mithalten.
Keine überzeugende Strategie
Also brauchte er einen «richtigen» Krieg. Venezuela war ein zu kleiner Fisch. Der Iran hingegen ist ein viel gewichtigeres Kaliber, und damit beginnt das Problem. Für einen entscheidenden Sieg braucht es eine ausgeklügelte Strategie und neben Luftangriffen wohl auch Bodentruppen. Und das ist in diesem riesigen Land eine gewaltige Herausforderung.
Washington, Lincoln und Roosevelt nahmen die damit verbundenen enormen Verluste in Kauf. Donald Trump dürfte darauf wenig Lust empfinden. Ohnehin ist von einer überzeugenden Strategie nichts zu sehen, auch wenn sein «Kriegsminister» Pete Hegseth (die Umbenennung ist gemäss der «New York Times» kein Zufall) grosse Töne spuckt.
Verworrene Botschaften
Donald Trump selbst vermittelt verworrene und widersprüchliche Botschaften. Einmal fordert er die «bedingungslose Kapitulation» Teherans (die Kriege der Big 3 endeten auf diese Weise), dann spricht er vom nahen Ende. Die steigenden Öl- und Benzinpreise bezeichnete er als notwendiges Opfer, nun aber versucht er, die Strasse von Hormus offenzuhalten.
Hinzu kommt, dass das Mullah-Regime sich nicht nur als resilient erwiesen hat. Selbst US-Regierungsvertreter attestierten ihm in der «New York Times» taktisches Geschick, nicht zuletzt bei Angriffen auf «verwundbare» US-Einrichtungen in der Region. Hält sich das Regime jedoch an der Macht, kann man sich fragen, was der Krieg sollte.
Es waren nicht nur Kriege
Donald Trump kann die Verantwortung für ein Scheitern immer noch auf die Israelis abschieben. Der Verdacht besteht ohnehin, dass Benjamin Netanjahu ihn zu diesem Krieg verleitet und er sich in seinem Narzissmus darauf eingelassen hat. Den drei grossen Präsidenten wäre so etwas nie passiert, auch wenn sie keineswegs makellos waren.
Ohnehin haben sie ihre herausragende Stellung nicht nur durch Kriege erworben. Washington hielt als erster Präsident die 13 in manchen Fragen – vor allem der Sklaverei – zerstrittenen Gründerstaaten zusammen. Lincoln beendete die Sklaverei, und Roosevelt musste mit dem New Deal eine zweite epochale Krise bewältigen, die Grosse Depression.
Sein Kopf wäre wohl ebenfalls am Mount Rushmore zu finden (vielleicht anstelle seines entfernten Verwandten «Teddy» Roosevelt), wenn die Arbeiten nicht 1941 während seiner Amtszeit, wenige Wochen vor dem Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg, abgeschlossen worden wären. Donald Trump hingegen kann sich seinen «Traum» abschminken.
In einem Historiker-Ranking von 2024 liegt er ganz am Schluss, mit Abstand. Und heute würde das Verdikt angesichts von Korruption, Machtmissbrauch und seiner Unterwanderung der Demokratie noch verheerender ausfallen. Als Kriegspräsident wird man ihn eher mit George W. Bush vergleichen, auf dessen Konto das Desaster in Afghanistan und Irak geht.
