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epa08169713 Nick Kyrgios of Australia reacts to a line call during his fourth round match against Rafael Nadal of Spain at the Australian Open tennis tournament at Melbourne Park in Melbourne, Australia, 27 January 2020.  EPA/SCOTT BARBOUR AUSTRALIA AND NEW ZEALAND OUT

Erfrischend: Nick Kyrgios nennt die Dinge beim Namen. Bild: EPA

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Warum sich die Tennis-Stars ausgerechnet «Bad Boy» Kyrgios zum Vorbild nehmen sollten

Nick Kyrgios galt jahrelang als «Bad Boy» der Tennis-Szene schlechthin. Doch während sich Stars wie Novak Djokovic oder Alex Zverev einen Fauxpas nach dem anderen leisten, hat sich der streitbare Australier zu einer erfrischenden Stimme der Vernunft emporgeschwungen.



Nick Kyrgios gilt nicht umsonst als DER grosse «Bad Boy» der Tennis-Szene. Trotz unbestrittenem Talent sorgte der 25-jährige Australier in seiner Karriere nur in den seltensten Fällen mit sportlicher Leistung für Furore, vielmehr machte er sich durch sein rüpelhaftes Verhalten einen Namen.

Zuhauf zertrümmerte Schläger, Aufschläge von unten, Tweener zur Unzeit und die manchmal offen zur Schau gestellte Unlust kann man ihm ja noch durchgehen lassen. Andere Dinge dagegen nicht: Er telefoniert schon mal während eines Seitenwechsels mit einem Kumpel, verliert absichtlich und sagt dann: «Ich schulde den Zuschauern nichts.»

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Kyrgios zieht derzeit mit seiner Freundin in Australien um die Häuser.

Im gesitteten England empört er die Zuschauer 2018 mit einer Masturbations-Geste, ein Jahr später wirft er in Rom aus Unzufriedenheit einen Stuhl auf den Platz. Stan Wawrinka beleidigt der Australier 2015 mitten im Spiel, als er dem Romand zuruft, Kumpel Thanasai Kokkinakis hätte mit dessen Freundin Sex gehabt.

Unumwoben gab er einst zu: «Ich respektiere jeden, der tagtäglich versucht, der beste Tennisspieler zu sein. Aber ich bin so nicht.» Statt seriös zu trainieren, vergnügt er sich lieber mit seinen Kumpels, sitzt stundenlang vor der Playstation oder rast mit teuren Luxusschlitten durch die Gegend. In der Vorbereitung auf das Australian Open 2019 hatte er überhaupt keine Lust auf Tennis, stattdessen spielte er stundenlang Basketball.

Die verrücktesten Kyrgios-Entgleisungen

Strebsam, bedacht, zurückhaltend, diszipliniert, ehrgeizig, fokussiert – das alles ist der Sohn eines Griechen und einer Halb-Malaysierin im Gegensatz zu den meisten anderen Top-Spielern auf der Tour nicht. Seine Fans lieben ihn trotzdem. Kyrgios ist sozusagen der Antiheld auf dem Tennis-Platz. Gerade weil er anders ist. Der Australier will auf dem Platz vor allem Spass haben und versteht sich deshalb mehr als Entertainer, als Mann für die grosse Show statt für grosse Siege.

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Die besten Ballwechsel mit Nick Kyrgios. Video: YouTube/Tennis TV

Kein Wunder, muss sich Kyrgios von Tennis-Kollegen und -Experten immer wieder anhören, dass er sein Talent verschleudere. Mangelnde Intelligenz wurde ihm schon vorgeworfen, doch die macht er nun bei seinen Konkurrenten aus.

Via Twitter kommentiert Kyrgios aus seiner Heimat Australien die Verfehlungen der grossen Tennis-Stars während der Coronapandemie und nennt die Dinge unverblümt beim Namen. Scharf kritisierte er die Weltnummer 1 Novak Djokovic und dessen verantwortungslose Adria Tour. Als Egoisten betitelte er Alex Zverev, der trotz Selbstisolations-Ankündigung wenige Tage später auf einer Party gesichtet wird. Dominic Thiem unterstellte er «mangelnden Intellekt», als dieser versuchte, Djokovic und Zverev zu verteidigen.

Während die Superstars Roger Federer und Rafael Nadal schweigen oder sich vornehm bedeckt halten, schwingt sich ausgerechnet Kyrgios zur Stimme der Vernunft empor. Der einstige Tennis-Rüpel, der schon während der Buschfeuer in Australien zu Beginn des Jahres mit seinem Engagement hervorstach, versucht der Welt – und vor allem seinen Tennis-Kollegen – vor Augen zu führen, dass es momentan um mehr geht als um Training, Tennis und Titel.

epa08129964 (L-R) Nick Kyrgios of Australia, Naomi Osaka of Japan, Alexander Zverev of Germany, Dominic Thiem of Austria, Serena Williams of the USA, Caroline Wozniacki of Denmark, Petra Kvitova of the Czech Republic, Coco Gauff of the USA, Novak Djokovic of Serbia, and Stefanos Tsitsipas of Greece attend the Rally For Relief at Rod Laver Arena in Melbourne, Australia, 15 January 2020. Sports people and entertainers have come together for the Rally for Relief at Rod Laver Arena in Melbourne to raise money for bushfire relief efforts across Australia.  EPA/SCOTT BARBOUR AUSTRALIA AND NEW ZEALAND OUT

Wie es wohl wird, wenn sich die grosse Tennis-Familie wiedersieht? Vielleicht steht Kyrgios dann etwas im Abseits. Aber das ist ihm ziemlich sicher egal ... Bild: EPA

Mit seinen kurzen und prägnanten Twitter-Statements trifft Kyrgios den Nagel meist auf den Kopf und zeigt, dass mehr in ihm steckt als der Tennis-Rüpel, zu dem er mittlerweile nur noch abgestempelt wird. Als einer der wenigen scheint er begriffen zu haben, worum es in dieser für viele so schwierigen Zeit geht. Um Verantwortung und um Rücksicht gegenüber Mitmenschen. Das macht ihn nun plötzlich zum Vorbild für viele seiner Kollegen.

Mit seiner direkten, unverstellten Art zeigt Kyrgios nämlich vor allem eines schonungslos auf: dass die meisten Tennis-Profis selbst in einer Zeit, in der Solidarität gross geschrieben werden sollte, eben nur das sind, wozu sie von klein auf gemacht wurden. Ein-Mann-Unternehmen, die darauf getrimmt wurden, das Optimum für sich herauszuholen. Kleine Egoismus-Fabriken sozusagen. Da ist es doch für einmal wirklich erfrischend, dass Nick Kyrgios etwas anders ist.

Mehr zum Tennis-Zirkus während Corona:

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    Alle Leser-Kommentare
  • cosmonaut 11.07.2020 00:31
    Highlight Highlight Federer und co. sind nur Geldmaschinen - Tennispieler . Kyrgios ist ein authentischer Mensch. Das kann man doch nicht vergleichen.
  • Darkside 10.07.2020 19:08
    Highlight Highlight Man mag ihn oder nicht, in meiner Wahrnehmung scheint er ein guter Typ zu sein. Bin kein Tennis Fan, aber abgesehen davon bin ich froh um jeden Charakter im heutigen Profisport mit Ecken und Kanten, der kein weichgespülter, mediengeschulter Nichtssager ist. Gibt es nur noch allzuselten. Typen wie Eddie Irvine, Loddar, Basler, Puyol, Marchand und wie sie alle heissen sind oder waren doch die Farbtupfer im Profisport. Thank god for Kimi!😊
  • Miky 10.07.2020 19:00
    Highlight Highlight Es heisst: Unumwunden gab er zu, nicht unumwoben

    Tüpflisch**sser off 😉
  • Peter Wilson 10.07.2020 16:12
    Highlight Highlight Trotzdem schade, dass er sein Talent verschleudert. Wäre doch cool, so einer in den Top 3 zu sehen, das wäre sehr unterhaltsam.
  • MGPC 10.07.2020 15:17
    Highlight Highlight Den muss man einfach lieben...
  • N. Y. P. 10.07.2020 14:15
    Highlight Highlight @Nole

    Kyrgios ist bald beliebter als du.

    Gibt dir das zu denken ?
  • legis 10.07.2020 14:05
    Highlight Highlight ...mich hat er als Fan gewonnen!

    Wenn sich einer dort daneben benimmt wo alle andern sich grundlos an z.T. sinnlose Regeln und Traditionen halten, dann spricht das in positiver Weise für sich und man sieht ja nun ziemlich klar, dass er fähig ist die wirklich wichtigen Regeln und gesellschaftlichen Vorgaben von den Regeln der Gesellschaft, welche nur zum dem Unterhalt angesprochener Gesellschaft dienen, jedoch keinen echten Nutzen zeigen, zu unterscheiden.

    (bitte verzeiht den letzten Satz, hoffe es ergibt alles Sinn :) )
    • Gigelgix 10.07.2020 19:27
      Highlight Highlight Geiler Satz!
    • Jacques #23 11.07.2020 07:35
      Highlight Highlight Es ist in etwa ein vierter Satz im Wimbledon Halbfinale.

      Das ist gut.
  • Leo L. 10.07.2020 13:17
    Highlight Highlight Ganz ehrlich, mich nervt dieses fanboying in dieser Zeitung für NK schon lange, aber ja, schreibt was ihr wollt. Einer der mit Stühlen schmeisst und andere beleidigt will ich als Moralapostel nicht zum Vorbild, auch wenn er hier recht hat. Sorry. Unterhaltsam finde ich ihn auch nicht.
    • N. Y. P. 10.07.2020 13:23
      Highlight Highlight ok.
    • TanookiStormtrooper 10.07.2020 14:05
      Highlight Highlight Ich wäre am Ende aber doch lieber mit einem Kyrgios befreundet, der wenn es wirklich hart auf hart kommt vernünftig ist, als mit Djokovic, der während einer Pandemie auf grosse Tennis- und Sauf-Tour geht. Auf dem Platz mit Stühlen zu schmeissen und Leute zu beleidigen ist etwas anderes als potentiell hunderte Menschen durch komplette Blödheit einem Virus auszusetzen das für manche tödlich enden könnte.
    • Oigen 10.07.2020 14:19
      Highlight Highlight "Einer der mit Stühlen schmeisst und andere beleidigt"

      Hast ja recht, da sind mir Impfgegner die hunderte menschen in lebensgefahr bringen und dann anderen die schuld geben viel lieber...



      ...sarkasmus darfst behalten
    Weitere Antworten anzeigen
  • Peter Vogel 10.07.2020 12:58
    Highlight Highlight Ich mag Leute die nicht heucheln etwas zu sein was sie nicht sind.
  • Samurai Gra 10.07.2020 12:56
    Highlight Highlight Kyrgios ist ein wandelnder Spiegel des Tenniszirkus der Schonungslos jedem ungewollt den Spiegel vorhält mit seiner Art.

    Er ist aber immer Ehrlich auch wenn er manchmal ziemlich auf Mammut im Porzelanladen macht
  • Fabian Lehner 10.07.2020 12:56
    Highlight Highlight Absolut. Ein Typ Marke Mario Basler
  • Grego 10.07.2020 12:44
    Highlight Highlight Ich mochte den Typen nie. Aber in letzter Zeit find ich ihn einfach "en geile Siech". Während Zverev, Thiem und Djokovic krampfhaft und unauthentisch versuchen einen auf Federer oder Nadal zu machen scheint sich Kyrgios bewusst zu sein, dass ihm und den genannten Herren die Klasse und der Stil hierfür einfach fehlt und er versucht es garnicht erst, obwohl er definitiv das Talent dazu hätte.
    Natürlich ist es schade, dass er sein Talent etwas verschwendet. Aber er ist noch jung. Vielleicht legt er irgendwann den Schalter um und dann wird ausgerechnet er der nächste Federer/Nadal der Tennistour.
  • Quo Vadis 10.07.2020 12:42
    Highlight Highlight Mir gefällt Kyrgios. Erinnert vom Verhalten ein wenig an McEnroe. Go Kyrgios!!!!! 😎
    Play Icon
  • Erklärbart. 10.07.2020 12:26
    Highlight Highlight Lieber ein Kyrgios der ab und zu etwas aus der Reihe tanzt auf der Tour, aber im richtigen Moment dann den Ernst der Sache erkennt und sich so verhält als so "Schleimer" wie Nole und Co. die um jeden Preis be- und geliebt werden wollen vom Publikum, somit entsprechend "gesittet" unterwegs sind auf der Tour... aber dann im zu Corona Zeiten sich äusserst ignorant und arrogant verhalten und nicht mal zu ihren Fehlern stehen können.

    Team Kyrgios!
  • Therealmonti 10.07.2020 12:25
    Highlight Highlight Ich wiederhole mich hier: Es sollte mehr Typen wie Kyrgios geben. Nicht nur auf dem Tennisplatz.

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