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Von der Goldschmiede in die Bank: Der grosse Haken der Vollgeld-Initiative 

Vollgeld ist nicht so kompliziert, wie die Gegner der Initiative behaupten. Aber es ist auch keine Wunderwaffe für ein sicheres Finanzsystem, wie es die Befürworter versprechen.



Wer sich die Mühe gibt zu verstehen, was die Vollgeld-Initiative will, gerät bald einmal ins Schleudern. Welcher Laie kann schon eine Bankbilanz lesen, wer kennt den Unterschied zwischen Innen- und Aussengeld, und wer weiss um die Bedeutung der Geldmenge?

Zum Glück gibt es eine simple Erklärung: Die Vollgeld-Initiative will, dass unser Bankensystem so funktioniert, wie es sich nach wie vor die meisten von uns vorstellen: Die Nationalbank druckt das Geld. Wir bringen unsere Ersparnisse auf die Bank. Diese verleiht es an kreditwürdige Kunden – und alle sind happy.

Soweit der Wunsch. Die Realität ist eine andere, und sie hat bereits im ausgehenden Mittelalter in England begonnen. Damals war Gold das Mass aller Dinge in Sachen Geld. Wer zu viel davon hatte, liess es beim Goldschmied aufbewahren, weil es dort sicher war.

Der Goldschmied fertigte im Gegenzug eine Note aus, eine Art Quittung, die es dem Eigentümer erlaubte, sein Gold wieder abzuheben. Der Goldschmied seinerseits stelle für seine Dienste eine Gebühr in Rechnung.

Goldschmiede bei der Arbeit, 16. Jahrhundert. Bild: pinterest

Bald jedoch erkannten clevere Goldschmiede, dass es ein viel einträglicheres Geschäft mit dem aufbewahrten Gold gab. Im Wissen, dass nie alle Goldbesitzer gleichzeitig ihr Gold abheben wollen, gaben sie mehr Noten aus als sie Gold besassen. Heute würde man sagen: Sie erhöhten so via Kredit die Geldmenge.

Diese Kreditschöpfung war äusserst lukrativ. Ohne grossen Aufwand konnten die Goldschmiede happige Gebühren, sprich Zinsen, für ihre Kredite einheimsen. Diese Kreditschöpfung war nicht anrüchig, zumindest so lange nicht, wie die Kredite dazu dienten, die Wirtschaft produktiver zu machen.

Wurde das Geld beispielsweise dazu gebraucht, neue Strassen oder Kanäle zu bauen oder um Handwerker bessere Werkzeuge zu finanzieren, dann ging die Rechnung auf: Die Wirtschaft wuchs und damit auch der Wohlstand. Es ist daher kein Zufall, dass die industrielle Revolution auf der britischen Insel begann: Ohne Kredite hätte sie nicht finanziert werden können.

Kreditschöpfung war jedoch schon damals nicht nur ein Segen. Goldschmiede sind auch nur Menschen. Sie wurden gierig und begannen, zu viele Noten auszustellen; so viele, dass ihre Goldbestände zu klein wurden.

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Wenn Menschen zu gierig werden ... «Verkaufsvertrag» des flämischen Malers Quentin Massys, 1515. bild: gandalfsgallery

Das merkten auch ihre Kunden. Es entwickelte sich eine sich selbst erfüllende Prophezeiung: Aus Angst, bei einer Pleite des Goldschmiedes ihr Gold zu verlieren, forderten die Eigentümer es zurück. Weil dies alle gleichzeitig taten, war der Goldschmied tatsächlich pleite – und die Eigentümer verloren tatsächlich ihr Gold.

Das Noten-Prinzip der Goldschmiede gilt im Wesentlichen auch heute noch für die Geldschöpfung der Geschäftsbanken. Sie verkaufen via Kredit Geld. Genauso wie ein Bäcker möglichst viel Brot verkaufen will, trachtet ein Banker danach, möglichst viel Kredit schöpfen zu können. Schliesslich ist es ein gutes Geschäft.

Auch Banker sind nur Menschen. Sie wurden übermütig und gierig zugleich und brachten zu viele Kredite unter die Menschen. Nicht immer wurden diese vernünftig investiert. Wurden zu viele Kredite faul, wurde es für die Banken eng. Wie einst die Goldeigentümer wurden auch die Sparer misstrauisch und wollten ihr Geld zurück. Wieder entstand die bereits geschilderte, sich selbst erfüllende Prophezeiung. Nur erhielt sie jetzt einen Namen: Bank Run. So bezeichnet man den Tatbestand, wenn alle Sparer gleichzeitig ihr Geld abheben wollen.

Massenauflauf vor dem Eingang der Spar- und Leihkasse Thun (SLT) am 10. September 1991, bevor sie wegen Ueberschuldung im Oktober des selben Jahres geschlossen werden musste. (KEYSTONE/Str)

Bank Run vor dem Eingang der Spar- und Leihkasse Thun am 10. September 1991, bevor sie wegen Überschuldung im Oktober desselben Jahres geschlossen werden musste. Die Kunden verloren 223 Millionen Franken. Bild: KEYSTONE

Einen Bank Run überlebt keine Bank, auch eine gesunde nicht. Wie beim Dominospiel kann er eine Kettenreaktion auslösen und das gesamte Finanzsystem lahmlegen. Bank Runs sind für eine Volkswirtschaft äusserst schädlich. Deshalb begann man auch, nach Mitteln und Wegen zu suchen, sie zu verhindern – und wurde dabei fündig.

Zum einen entwickelte man die Einlageversicherung. In der Schweiz erhält jeder Bankkunde bis zu 100’000 Franken seines Sparvermögens von dieser Versicherung, sollte seine Bank pleite gehen. Damit hat der grösste Teil der Kleinsparer keinen Grund mehr, in Panik sein Geld abzuheben. Wer über ein grösseres Sparguthaben verfügt und auf Nummer sicher gehen will, kann sein Geld auf mehrere Institute verteilen.

Die Zentralbank – wahlweise auch Noten- oder Nationalbank genannt – ist die zweite Versicherung gegen einen Bank Run. Sie muss nicht nur für eine sicherer Währung, sondern auch für ein sicheres Bankensystem sorgen. Deshalb spielt sie in Krisenzeiten die Rolle des Retters in höchster Not, oft auch englisch als «lender of last resort» bezeichnet. Das bedeutet, dass die Zentralbank einer in Schieflage geratenen Bank die faulen Kredite abnimmt und sie gegen sichere eintauscht und so eine Kettenreaktion verhindert.

Umstrukturierung nach der Bankenkrise der 90er-Jahre: Montage des neuen Logos der fusionierten UBS 1998.  bild: keystone

Einlageversicherung und Zentralbanken haben dafür gesorgt, dass Bank Runs äusserst selten geworden sind. In der Schweiz ist dieses Phänomen zuletzt 1991 im Berner Oberland gesichtet worden, als die Thuner Sparkasse nach Bekanntgabe eines hohen Verlustes gestürmt wurde.

Das von Bank Runs weitgehend befreite Bankensystem ist jedoch nicht sicherer geworden. Es ist etwas entstanden, für das es leider nur einen englischen Begriff gibt: Moral Hazard. Grob gesagt versteht man darunter die Tatsache, dass Banker zu grosse Risiken eingehen können, weil sie wissen, dass sie es dank Einlageversicherung und Zentralbanken gefahrlos tun können.

Moral Hazard führt daher zu dem viel zitierten Kasino-Kapitalismus. Auf der Jagd nach einer immer höheren Rendite können Banker im Kasino zocken, ohne mit eigenem Geld dafür gerade stehen zu müssen. Dies gilt besonders dann, wenn ihre Bank «too big to fail» ist, will heissen: Sie muss auf jeden Fall vor einer Pleite geschützt werden, um eine desaströse Kettenreaktion im gesamten Finanzsystem zu verhindern.

Wie gefährlich das werden kann, hat die amerikanische Subprime-Krise gezeigt. Sie bildete den Auftakt zur Finanzkrise im Herbst 2008. Im Grunde genommen hat sich das alte Kreditspiel wiederholt, das wir von den Goldschmieden kennen. Anstatt Gold bildeten Immobilien die Basis der Kredite.

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Subprime mortages nennt man die Hypotheken, die ab 2007 massig an US-amerikanische Kreditnehmer vergeben wurden, die im Grunde über keine oder keine genügende Bonität verfügten.

Im trügerischen Glauben, dass sich der Preis amerikanischer Häuser nur nach oben entwickeln und mit Hilfe von komplexen Finanzinstrumenten, schöpften die Banken immer mehr und immer riskantere Kredite. Sie bedienten sich eines Finanzinstrumentes namens CDO. Dabei handelt es sich um verbriefte Hypotheken, will heissen, Schuldbriefe, die handelbar sind. Diese Kredite wurden aufgesplittet, in verschiedene Risikoklassen unterteilt, neu verschweisst und als attraktive Anlage auf den Markt gebracht.

Dank den CDOs konnten die Banken eine gewaltige Kreditmenge schöpfen. Weil es so schön war, gingen sie noch einen Schritt weiter. Sie boten so genannte «synthetische CDOs» an. Dabei bildeten die Schuldscheine der Immobilien die Basis. Es wurden Schuldscheine auf Schuldscheine gestapelt, um die Kreditmenge noch weiter auszudehnen.

In der Theorie hätte man dieses Spiel unendlich weitertreiben können, in der Praxis nicht: Die Kreditschöpfung war endgültig zu einem Schneeballsystem verkommen. Als immer mehr Schuldner ihren Verpflichtungen nicht mehr nachkommen konnten, brach das Kartenhaus ein.

Wie einst die britischen Goldbesitzer mussten die Gläubiger feststellen, dass kein Gold mehr da war, respektive der Wert der Immobilien bei Weiten nicht mehr dem Umfang der Kredite entsprach. Es kam zu einem Crash, bei dem sie Immobilienpreise rund 40 Prozent einbrachen.

Die Finanzkrise hätte beinahe zu einer Kernschmelze des internationalen Finanzsystem geführt, ein Ereignis, das wir alle lieber nicht erleben möchten. Gerettet werden konnte das System nur dadurch, dass die Zentralbanken ihre Rolle als «lender of last resort» tatsächlich gespielt und das Finanzsystem mit Geld geflutet haben. Sie mussten so das Kreditgeld der Banken, das in gigantischem Ausmass vernichtet worden war, mit Zentralbankengeld ersetzen.

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Das «Eccles Building», Hauptsitz der Federal Reserve in Washington, auch einfach die US-Notenbank genannt. bild: keystone

Die Rettung des Finanzsystems hat seinen Preis. Die Geldflut der Zentralbanken hat dazu geführt, dass die Zinsen bis heute unnatürlich tief, in der Schweiz gar teilweise negativ sind; und es ist alles andere als sicher, dass wir je wieder normale Zinssätze haben werden. Zudem haben die Zentralbanken weitgehend die Kontrolle über die Geschäftsbanken verloren. (Weshalb das so ist, ist eine technische Geschichte. Ihr müsst es mir ganz einfach glauben.)

Womit wir endlich wieder beim Vollgeld sind. Dieses Konzept ist bereits in den 30er-Jahren an der Universität von Chicago entwickelt worden. Es ist auch keine linke Idee, ein prominenter Befürworter war beispielsweise der Vater des Neoliberalismus, Milton Friedman.

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Der US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Milton Friedman (1912–2006). bild: wikimedia

Vollgeld will den Geschäftsbanken verbieten, via Kredit so genanntes «Fiat Money» zu schöpfen, «Geld aus dem Nichts», wie es auch genannt wird. Geschäftsbanken dürften nur noch entweder Spargelder verleihen oder Geld, das sie von den Zentralbanken erhalten haben. Der uferlosen Kreditschöpfung wäre damit ein Riegel geschoben.

Oder auch nicht. Das Problem der Vollgeld-Initiative liegt darin, dass sie die Cleverness der Banken unterschätzt. Schon zu Zeiten des Goldstandards haben sich die Banken mit Schecks aus den Kreditfesseln befreien können.

Die Digitalisierung hat ihre Möglichkeiten drastisch erweitert. Dazu kommt, dass wir heute streng genommen zwei Bankensysteme haben, das geschilderte und ein Schattenbankensystem (fragt nicht!), das noch schwieriger zu überwachen ist. Ob es möglich ist, in einer digitalen Welt mit analogen Mitteln einem ausgebufften Gegner die Stirne zu bieten, ist daher fraglich.

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