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Flüchtlinge drängen auf das Boot der spanischen NGO «Proactiva Open Arms».
Flüchtlinge drängen auf das Boot der spanischen NGO «Proactiva Open Arms».
Bild: AP
Interview

«Es herrschen chaotische Zustände»: Libyen hindert Schweizer Piloten an Seenotrettung

Die libysche Übergangsregierung ändert internationale Gesetze auf eigene Faust, die EU schickt Geld zur Aufrüstung der Küstenwache, Seenotretter werden verhaftet. Der Pilot Fabio Zgraggen sagt im Interview, er wisse nicht, wie lange er mit seinem Flugzeug noch nach Flüchtlingen auf dem Mittelmeer suchen kann.
17.09.2017, 10:57

Im August dieses Jahres kamen 90 Prozent weniger Flüchtlinge über das Mittelmeer als im August 2016. Freut Sie das?
Fabio Zgraggen: Natürlich sind wir froh, wenn die Flüchtenden nicht aufs Meer müssen. Aber wenn sie zurück in die libyschen Flüchtlingslager gebracht werden, wo schlimme humanitäre Zustände herrschen, ist das sehr besorgniserregend für uns. Weil wir genau wissen, dass diesen Menschen so nicht geholfen wird. Sondern dass sie zurück in Folter und Ausbeuterei gebracht werden.

Der Pilot Fabio Zgraggen bei einem Suchflug über das Mittelmeer.
Der Pilot Fabio Zgraggen bei einem Suchflug über das Mittelmeer.
Bild: Sarah Serafini
Zur Person
Fabio Zgraggen (32) ist Pilot, Gleitschirmfluglehrer, Grafikdesigner und Gründer der «Humanitären Piloteninitiative». Unterstützt durch sein Team fliegt der Appenzeller in einem Kleinflugzeug von Malta aus über das Mittelmeer, um nach Flüchtlingen zu suchen, die mit ihrem Boot in Seenot geraten sind. Finden sie solche, informieren sie die Seenotrettungsleitstelle in Rom.

Was hat sich in den letzten Monaten an der Situation auf dem Mittelmeer verändert?
Die libysche Küstenwache erhält finanzielle Unterstützung von der EU. Auch an Land wird dafür gesorgt, dass libysche Milizen Flüchtlinge davon abhalten, in die Boote zu steigen. Den Milizen wird für diesen Dienst viel Geld bezahlt. Weiter gibt es in Libyen immer wieder Gefechte und damit verbundene Machtverschiebungen, die dazu führen, dass sich Schlepper logistisch umorganisieren müssen. All dies führte dazu, dass die Zahl der Flüchtlinge im Sommer zurückgegangen ist.

Das Image der NGO, die auf hoher See Flüchtlinge retten, leidet. Es laufen Ermittlungen gegen diverse Organisationen wegen Verdachts auf Schlepperei. Sind die Vorwürfe berechtigt?
Nein! Bisher hat sich noch kein einziger Verdacht erhärtet. Ich erinnere mich an den allerersten Fall, wo ein Seenotretter der Schlepperei verdächtigt wurde. 2004 wurden die Mitglieder der Hilfsorganisation «Cap Anamur» verhaftet. Fünf Jahre später wurden sie alle freigesprochen. 

Libyen hat vor kurzem sein Hoheitsgewässer ausgedehnt. Was heisst das?
Sie haben ihre Such- und Rettungszone auf dem Meer erweitert. NGO-Rettungsschiffe dürfen dort nicht mehr hineinfahren. Unilateral eine neue Hoheitsgewässer-Zone festzulegen ist rechtswidrig. Skandalös ist auch, dass sich die neue Grenze des Hoheitsgewässers weit im internationalen Gewässer befindet. Dort gilt eigentlich: Wer in Seenot ist, muss gerettet und in einen sicheren Hafen gebracht werden.

Was Libyen nicht ist.
Nein, weil Libyen noch immer ein Kriegsland ist. 

Gerettete Flüchtlinge auf dem Schiff der spanischen NGO «Proactive Openarms».
Gerettete Flüchtlinge auf dem Schiff der spanischen NGO «Proactive Openarms».
Bild: AP

Was bedeutet diese Änderung für Sie?
Unsere Partnerorganisationen, die auf hoher See Flüchtlinge retten, tasten sich jetzt langsam an diese neue Grenze heran. Sie halten einen Abstand von etwa fünfzig Seemeilen zur libyschen Küste. Vorher konnten sie bis zwölf Seemeilen vor die Küste fahren. Das hat das Suchgebiet von der Luft aus massiv vergrössert.

Es gab mehrere Auseinandersetzungen zwischen der libyschen Küstenwache und NGO-Schiffen. Warum?
Vor der libyschen Küste herrschen chaotischen Zustände. Kürzlich wollte die libysche Küstenwache mit vorgehaltener Waffe die Flüchtlinge dazu zwingen, zu ihnen aufs Schiff zu steigen. Einige sprangen panisch aus ihren Booten und versuchten zum nahe gelegenen Rettungsschiff einer NGO zu schwimmen. Wenn den Leuten gedroht wird, dass man sie dorthin zurückbringt, wovor sie geflüchtet sind, werden sie alles tun, um dies zu verhindern. Das wird zu mehr Toten führen, da bin ich mir sicher.

Trotzdem setzt die EU auf Verhandlungen mit der libyschen Übergangsregierung. So auch kürzlich am Migrationsgipfel in Paris.
Ja, das will mir nicht in den Kopf. Libyen mit seiner Übergangsregierung, die selbst nur einen kleinen Teil des Landes im Griff hat. Und selbst innerhalb dieser Gruppe gibt es grosse Widersprüche. Zudem erschüttert mich, dass die EU zur Eindämmung der Migration nun Zahlungen an Diktaturen wie den Tschad tätigen will. 

Und trotz allem wollen Sie Ihre Suchflüge über dem Mittelmeer fortsetzen?
Ja, weil wir so lange fliegen wollen, wie wir Menschenleben retten können. Die Situation hat sich zwar verändert, aber die Menschen werden weiterhin fliehen. Und sie werden weiterhin über das Meer kommen. 

Wann ist der Punkt erreicht, wo Sie sagen: Jetzt reicht es?
Wenn wir rechtlich verpflichtet werden, mit der libyschen Küstenwache zusammenzuarbeiten, machen die Suchflüge für uns keinen Sinn mehr. Wir arbeiten nicht mit einem Land zusammen, wo Menschenrechte aufs Übelste verletzt werden. Es kann also noch drei Jahre dauern oder zwei Wochen, das weiss niemand. 

Schweizer schauen nicht länger zu, wie Flüchtlinge ertrinken

Video: Angelina Graf

Und dann heisst es zurück nach Hause?
Nein, ich sehe die humanitäre Piloteninitiative (HPI) als ein längerfristiges Projekt. Der Flüchtlingsstrom wird nicht einfach so abreissen. Nur die Routen werden sich verschieben. Wird die Mittelmeer-Route geschlossen, geht ein anderer Weg auf. Derzeit kann man beobachten, wie vereinzelt Boote von Tunesien aus aufs Meer fahren. ​

Was erhoffen Sie sich von der Schweizer Politik bezüglich der Migration über das Mittelmeer?
Dass genau hingeschaut wird und Europas Werte nicht ausverkauft werden, um eine Grenze zu schützen. ​

Private Seenotretter im Mittelmeer

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Private Seenotretter im Mittelmeer
quelle: x01097 / darrin zammit lupi
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