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Schweizer Grenze ist, wo Kinder auf dem Boden schlafen – weh dir, Helvetia!

Ich war in Flüchtlingscamps im Libanon, in Idomeni, in Athen, in der Schweiz – doch erst in Como wurde ich richtig wütend. Ich habe es satt. 



Ein rumpliger Zug, der Trenord, spuckt mich in Como aus und ich stehe mitten im Schlafzimmer von Dutzenden Menschen. Teenies, Kinder, Mädchen, Jungen, Frauen, Männer in Decken gehüllt auf dem harten Boden.

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Kind am Bahnhof Como San Giovanni.   Bild: watson

«Schlaf doch im Dreck», sagen wir zu ihnen. «Sorry, aber bei uns gibt's bestimmt keinen Platz für dich», schreien wir sie an. «Wir müssen auch selber gucken», rufen wir. «Geh doch zurück, wo du hergekommen bist.»

Würdest du das in das kindliche Gesicht von Senait sagen?

Die Schweiz tut das. Gerade jetzt in Como.

Senait aus Eritrea ist ein hübsches Mädchen, ihre Lippen sind voll, ihre Statur feingliedrig, in wenigen Monaten wird ihre Teenie-Akne ausgewachsen sein.

Senait ist 16 Jahre alt und schläft heute Abend umringt von ein paar anderen Mädchen am Bahnhof in Como. Eigentlich müsste sie gerade gegen ihre Eltern rebellieren und ihren ersten Jungen küssen.

Doch stattdessen stirbt ihr Vater, muss sie alleine flüchten, ist ihre ganze Familie ausser der Mutter in der Diaspora, und sie weint einer Reporterin aus der Schweiz ins Gesicht, der sie wahrscheinlich noch viel mehr erzählen wollte, würde sie nur genug Englisch sprechen.

Doch was sie auf ihrer neunmonatigen Flucht erlebt hat, will man vielleicht lieber gar nicht so genau wissen. 

Ihr alle wollt es gar nicht so genau wissen!

Ich habe es satt. 

Senait vor ihrem Schlafplatz. Bild: watson

Im Libanon war die Masse überwältigend. Jeder vierte Einwohner im Land war Flüchtling. Sie schliefen draussen, es war kalt. Doch es war immerhin sehr weit weg von der Schweiz.

In Idomeni, Griechenland, blieb einem die Hoffnungslosigkeit vor der stacheldrahtgesicherten Grenze wie ein dicker fetter Kloss im Hals stecken und die Kinder spielten im Dreck. Aber es war ja Griechenland, nicht die Schweiz.

Aber Como, Como haben du und ich gemacht. Ich habe es satt. 

Die Südgrenze zur Schweiz ist zu, das sagen die afrikanischen Flüchtlinge. Hunderte von ihnen, darunter offensichtlich viele Teenies, stranden in Como. Eine achtminütige Zugfahrt durch einen dunklen Tunnel trennt sie von der Schweiz.

Die Einwohner von Como sagen: «Es war eigentlich alles gut, bevor die Schweiz die Grenze zumachte.»

Die Kinder-Flüchtlinge in Como sagen, sie würden von den Grenzwächtern zurückgeschickt, auch wenn sie einen Asylantrag in der Schweiz stellen wollten. Das widerspricht Schweizer Recht.

Vorletzte Woche prahlte der Tessiner Polizeidirektor Norman Gobbi in der Sonntagspresse damit, dass die Tessiner Grenzwächter jetzt restriktiver gegen Asylsuchende vorgehen und «nur noch glaubwürdige Asylgesuchsteller» ins Land lassen würden.

Dies, obwohl Grenzwächter im Gegensatz zum Staatssekretariat für Migration überhaupt keine Kompetenz haben, dies zu beurteilen, und bei ihren Kontrollen auch keinen Zugang zur europäischen Datenbank Eurodac, wo sie abklären könnten, ob eine Person bereits in einem Dublin-Staat ein Asylgesuch eingereicht hat.

Bundesrat Maurer dementiert eine Praxisverschärfung. Trotzdem will Bundesrat Burkhalter jetzt eine Diskussion darüber im Bundesrat. Währenddessen spielen Grenzwächter und Kinder-Flüchtlinge in Como das endlose Spiel vom Grenzübertritt und Zurückschaffen.

Es scheint, als wolle sich die Schweiz ihre eigene humanitäre Katastrophe à la Idomeni bauen. 

Kein Wunder, denn die Schweiz ist das Land, in dem ein SVP-Nationalrat nach seinem Besuch in einem griechischen Flüchtlingslager zum konsternierten Moderator Markus Gilli im Fernsehen sagt, dass man sich das Elend einfach nicht zu nah ans Herz ran lassen sollte.

Natürlich sollte man sich das Elend anderer zu Herzen nehmen!

Wozu haben wir denn Herzen?

Hört auf, sie zu desinformieren! 

Die Flüchtlinge im Libanon, in Idomeni und in Como werden bewusst im Unwissen gehalten und teilweise aktiv desinformiert. Verlässliche Informationen kommen nicht von Behörden, wenn, dann von NGOs. In Como geben Freiwillige und auch Journalisten ihr Bestes.

Am inoffiziellen Infopoint in Como sticht als erstes eine grosse Landkarte ins Auge. Denn die Flüchtlinge wissen teilweise nicht einmal, wo genau sie sich befinden, geschweige denn wissen sie über ihre Rechte, Asylverfahren, Dublin oder Schengen Bescheid.

Umso ausgelieferter sind sie Gerüchten, Schleppern und Falschinformationen. Diese Unwissenheit ist politisch gewollt, denn wo kein Wille ist, ist kein verlässliches Verfahren. 

Hört auf, zu lügen! 

Dass es keinen Platz, keine Kapazitäten und Kompetenzen für ein geregeltes Verfahren für Asylsuchende gäbe, ist eine glatte Lüge. Wahr ist, dass die Regierungen der Schweiz und der Länder Europas keinen Platz, keine Kapazitäten und kein geregeltes Verfahren schaffen wollen für Menschen wie diejenige in Como.

Das neue Asylgesetz von Bundesrätin Simonetta Sommaruga bewirkt genau das, was eigentlich alle wollten: Schnelle Asylverfahren, schnelles Ausweisen von Nicht-Asylberechtigten.

Trotzdem wird sie ständig angegriffen, ihre Arbeit torpediert, und ein Lega-Polizeidirektor im Tessin behauptet, kurzerhand mal eigenmächtig an der Grenze ein bisschen härter durchzugreifen.

Die europäischen Regierungen sind nicht besser. Trotz anhaltender und immer wieder aufflammender humanitärer Katastrophen tun sie, als wäre es unmöglich, sich auf eine gerechte Verteilung der Flüchtlinge zu einigen und geregelte Verfahren zu schaffen.

Stattdessen lassen sie die Schengen-Randländer einfach im Stich und schieben sich gegenseitig die Schuld zu. Es ist nicht, weil die Regierungen es nicht können, sondern weil sie es nicht wollen. Deshalb schläft Senait jetzt auf dem Boden. 

Hört auf, sie zu kriminalisieren! 

Als Senait in Italien ankam, sagte man ihr, sie müsste ihre Fingerabdrücke abgeben. Natürlich gehorchte die schüchterne 16-Jährige den Polizisten. Dass sie jetzt aber deswegen nicht zu ihrem Bruder nach Deutschland kann, versteht sie nicht.

Und wenn sie es dennoch probiert, was sie unter allen Umständen und verständlicherweise immer wieder probieren wird, wird sie zu einer Illegalen, zu einer rechtswidrigen Aufenthalterin, zu einer Kriminellen.

Das Kind wird vor den Polizisten wegrennen und sich vielleicht verletzen, wie ihre Freundin Mounira. Sie wird sich verstecken, untertauchen und schlafen, wo sie halt grad einen Schlafplatz findet. 

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Mounira zeigt ihre Verletzungen. Bild: watson

Menschen auf der Flucht werden zu Kriminellen. In Como, Idomeni, auch im Libanon werden sie entsprechend bewacht. Dabei suchen sie eigentlich Hilfe. 

Hört auf, sie zu entmenschlichen! 

Die Menschen in Como schlafen im Freien auf dem Boden, sie essen auf dem Boden und waschen sich auf der Bahnhofstoilette. Ein Dreijähriger spielt auf einer Decke am Perron mit einer Münze, während daneben ein paar Touristen ihre Reise ins Shopping-Paradies Mailand antreten.

Was soll das?

In Medien und auf Social Media werden diese Menschen – und Senait mit ihnen – als kriminelle Horden dargestellt, die Europa überschwemmen und hier weissichwas anstellen wollen. Kriminalisiert werden sie aber erst, wenn sie angekommen sind. 

Ständig wird kolportiert, dass nur Männer aus Afrika kommen, obwohl so viele Mädchen und Frauen darunter sind. Und die Bilder zeigen auch, dass sie doch Handys und coole Sneakers haben, also so arm gar nicht sein können. 

Ich habe das Mädchen Senait gebeten, mir ihr Gepäck zu zeigen. Es war eine billige Tasche, ein Lederimitat. Darin waren eine Hose, eine Leggins, zwei T-Shirts, zwei Unterhemden, ein wenig Unterwäsche, Binden, zwei Seifen, ein Parfüm, ein billiges Samsung und ein Bild des Erzengels Michael, das ihr ihre Mutter mitgegeben hat. An den Füssen trägt Sensit Converse-Imitate.

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Was Senait besitzt. Bild: watson

Schützt die Kinder!

Senait braucht ein Bett, einen Ort, wo sie sicher ist, eine Jacke für den Herbst und eine erwachsene Person, die ihr erklärt, was sie – ohne Geld und ganz alleine – tun soll.

Kinder haben spezielle Rechte. Gemäss Kinderrechtskonvention haben sie das angeborene Recht auf Leben, und der Staat hat die Pflicht, das Überleben und die Entwicklung des Kindes sicherzustellen.

Weiter heisst es da: «Dem Kind, das als Flüchtling anerkannt ist oder um den Flüchtlingsstatus nachsucht, ist ein besonderer Schutz zu gewähren, und der Staat verpflichtet sich, mit den für die Aufrechterhaltung dieses Schutzes zuständigen Organisationen zusammenzuarbeiten.»

Man könnte meinen, die reiche Schweiz wäre fähig, Kindern diese Rechte zu gewähren. 

Oder versuche das mal einem Kind zu erklären!

Wie können wir das bloss unseren eigenen Kindern erklären? Wie erklären Herr und Frau Schweizer ihrer 16-jährigen Tochter, dass ihre Altersgenossin Senait ungeschützt und alleine auf dem Boden im Park schlafen muss, weil halt niemand sie will?

Wie machen sie ihr klar, dass wir zwar sehr reich, viele sogar viel zu reich sind, wir unsern Reichtum aber trotzdem lieber nicht mit Menschen in Not teilen möchten und uns schrecklich fürchten, dass Senait uns etwas wegnehmen könnte? 

Und wie erklären wir Senait, dass sie wegen einem Abkommen namens Dublin nicht zu ihrem Bruder nach Deutschland kann und stattdessen alleine in irgendeiner Behausung in Italien ein Asylverfahren durchlaufen muss? 

Schaut es euch selber an! 

Como ist nicht weit weg, so wie der Libanon oder Griechenland. Como liegt praktisch vor der Haustür, das behelfsmässige Zeltlager im Park befindet sich unmittelbar vor dem Bahnhof. Du wirst keinen Haufen krimineller junger Männer antreffen, sondern vorwiegend ratlose Kinder.

Und ich bin mir sicher, dass, wenn du diese Jugendlichen nur ansprichst, sie ihre Jacke ausziehen werden, damit du dich darauf setzen kannst, und dich einladen, ihr spärliches Mittagessen mit ihnen zu teilen. 

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Zmittag in Como. Bild: watson

Also geht selber hin oder kommentiert gegen die Hass-Kommentatoren an. Schreibt Briefe an Ueli Maurer, Simonetta Sommaruga und spendet. Gebt Asylbewerbern Deutschkurse, unterschreibt Petitionen oder verschenkt ein Lächeln an der Coop-Kasse, fallt eurem Onkel ins Wort, der gerade zu einer Hass-Tirade gegen Flüchtlinge ansetzen will.

Zeigt Herz, keinen Hass.

Diese Kinder haben ihn nicht verdient. 

Hunderte Flüchtlinge stranden am Bahnhof von Como (I)

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