Gesellschaft & Politik
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Claude Longchamp, Institutsleiter gfs.Bern, informiert die Medien am Dienstag, 3. Oktober 2006, in Zuerich. Eine Mehrheit der Stimmberechtigten spricht sich fuer ein Gesundheitswesen aus, das staerker marktwirtschaftlich ausgerichtet ist. Auch ein Bonus-Malus-System wird begruesst. (KEYSTONE/Alessandro Della Bella)

Claude Longchamp, der wohl bekannteste Schweizer Meinungsforscher, verlässt das SRF. Bild: KEYSTONE

Der Mann mit der Fliege geht – und kritisiert das Schweizer Milizparlament

Vor seinem Abgang als Abstimmungserklärer am Schweizer Fernsehen macht sich Meinungsforscher Claude Longchamp für ein Berufsparlament stark. Das Milizsystem auf Bundesebene ist aus seiner Sicht schon heute eine Fiktion.



Die Parlamentarier in Bern seien heute genau genommen «Portfolio-Manager», sagte Longchamp in einem Interview mit der «NZZ am Sonntag». «Sie üben zu einem grossen Prozentsatz ihr Amt aus. Und daneben setzen sie den Einfluss und das Wissen, das sie damit erlangen, gewinnbringend für andere Mandate ein.»

Aus Longchamps Sicht sollte sich das ändern. Auf Gemeindeebene sei das Milizparlament ein Segen, auf kantonaler Ebene ein Vorteil, aber auf Bundesebene sei es Fiktion. «Wir sollten zu einem Berufsparlament übergehen und damit anerkennen, dass Politik eine vollamtliche Tätigkeit ist.» Eine solche Reform würde etwa die störenden Interessenkonflikte beseitigen, sagte er.

Reformversuche scheiterten

Mit einem Wechsel sollte nach Longchamps Vorstellung unter anderem die Amtsdauer beschränkt werden, so dass es regelmässig Wechsel gibt. Bedenken, dass mit einem Berufsparlament eine Art «Politikerkaste» entstehen könnte, zerstreut er. «Wieso? Auch in einem Berufsparlament gibt es Lebens- und Alltagserfahrung.»

Das Parlament hat sich über die vergangenen Jahrzehnte professionalisiert und die Parlamentarier wenden laut Studie für ihr Amt mehr Zeit auf. Mehr und mehr Parlamentarier sind faktisch sogar Vollzeitpolitiker. Reformen hin zu einem Berufsparlament oder aber zur Stärkung des Milizprinzips scheiterten jedoch.

Kritik an «Trefferquote»

Der 60-jährige Longchamp hat vor rund einem Jahr sein Forschungsinstitut gfs.bern an zwei Mitarbeiter verkauft und seinen Abgang angekündigt. Am kommenden Sonntag ist es soweit: Longchamp hat anlässlich des Urnengangs über das Energiegesetz seinen letzten Auftritt beim Schweizer Fernsehen an einem Abstimmungssonntag.

«Wir waren zuletzt um Längen besser als die Amerikaner und die Briten, wir waren anerkanntermassen ganz einfach die Besten»

Immer wieder zu reden gab in seiner über 25-jährigen TV-Karriere die «Trefferquote» seiner Umfragen bei Abstimmung. Longchamp reagiert genervt auf solche Kritik: Er mache keine Prognosen bei Abstimmungen, sondern «Momentaufnahmen und Trends». Etwa wegen der Unentschlossenen seien Voraussagen bei Abstimmungen schwierig.

Anders sehe es bei Wahlen aus. Dort mache er Prognosen - und zwar erfolgreich: «Wir waren zuletzt um Längen besser als die Amerikaner und die Briten, wir waren anerkanntermassen ganz einfach die Besten», sagte er.

Krise nach Anti-Minarett-Initiative

Von Longchamps Zeit noch länger in Erinnerung bleiben dürfte die grosse Abweichung bei der Anti-Minarett-Initative 2009. Longchamps Institut sah eine Nein-Mehrheit von 53 Prozent; die Initiative wurde jedoch mit 57.5 Prozent Ja angenommen. «Das war fraglos die schwierigste Zeit für mich», sagte Longchamp.

Er sei nahe daran gewesen aufzuhören und sei zwölf Wochen unter Psychopharmaka gestanden. «Drei Monate später habe ich dann entschieden, weiterzumachen».

Trotz aller Abweichung könne er sich keine Fehler vorwerfen lassen. «Es gibt mittlerweile 1000 Seiten wissenschaftliche Literatur über diese Umfrage. Und nirgends steht, ein anderer hätte es besser machen können.»

Longchamp wird weiter mit dem gfs.bern-Institut verbunden bleiben. Er wird Projekte betreuen und soll bis 2019 Verwaltungspräsident bleiben. Zunächst will er aber auf Weltreise gehen. (wst/sda)

Das könnte dich auch interessieren:

Wie ich nach 3 Stunden Möbelhaus von Wolke 7 plumpste

Link zum Artikel

Die Fallzahlen steigen wieder leicht an – so sieht's in deinem Kanton aus

Link zum Artikel

Der Mann, der es wagt, Trump zu widersprechen

Link zum Artikel

Magic Johnson vs. Larry Bird – ein College-Final als Beginn einer grossen Sportrivalität

Link zum Artikel

4 Gründe, weshalb die Corona-Zahlen des BAG wenig mit der Realität zu tun haben

Link zum Artikel

Wie ansteckend sind Kinder wirklich? Was die Wissenschaft bis jetzt dazu weiss

Link zum Artikel

Das iPad kriegt Radar? Darum ist der Lidar-Sensor eine kleine Revolution

Link zum Artikel

Lasst meinen Sex in Ruhe, ihr Ehe- und Kartoffel-Fanatiker!

Link zum Artikel

So lief Tag 1 nach Bekanntgabe der «ausserordentliche Lage» für die Schweiz

Link zum Artikel

Corona International: EU beschliesst Einreisestopp ++ Italien mit 345 neuen Todesopfern

Link zum Artikel

Die Schweiz befindet sich im Notstand – die 18 wichtigsten Antworten zur neuen Lage

Link zum Artikel

Bund erlaubt Öffnung von Kantinen am Mittag

Link zum Artikel

Ein Virus beendet Jonas Hillers Karriere: «Es gäbe noch viel schlimmere Szenarien»

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

«SRF ist ein Saftladen» – Pfister fährt Wappler nach Technik-Debakel an den Karren

400'000 Franken an Gebührengeldern versenkt SRF pro Monat für die Reparatur von Fernsehstudios, die nicht funktionieren. Nun fordern Politiker Konsequenzen. Die Finanzkontrolle soll ans Werk.

400'000 Franken pro Monat gibt das Schweizer Fernsehen für die Reparatur von Fernsehstudios aus, die seit November 2019 in Betrieb sein sollten und noch immer nicht funktionieren. Die Recherche dieser Zeitung hat in Bundesbern unter Politikern, die sich mit Medienfragen beschäftigen, zu heftigen Reaktionen geführt.

Am schärfsten drückte sich Mitte-Präsident Gerhard Pfister aus. In einem Tweet bezeichnete er das Schweizer Fernsehen als «Saftladen.» Für Pfister sind die Probleme ein Zeichen …

Artikel lesen
Link zum Artikel