International

Emmanuel Macron könnte der jüngste Präsident Frankreichs werden. Seine Anhänger feiern ihn bereits jetzt als Helden. Bild: Christophe Ena/AP/KEYSTONE

«Macron! Président!» – wie eine französische Stadt den Polit-Popstar feiert 

In nur zehn Tagen entscheidet Frankreich in einer ersten Runde, wer das Land präsidieren soll. Ganz vorne kämpft Emmanuel Macron mit seiner eigenen Bewegung «En Marche!» um jede Stimme. Wer sich bereits sicher ist, ist nicht nur Wähler, sondern Fan: Macrons Anhänger nennen sich Marcheurs und Marcheuses und feiern ihren Kandidaten wie einen Popstar. Zu Besuch auf einer Macron-Party.

12.04.17, 10:05 26.08.17, 23:48

Edda rückt mit ihrem Rattanstuhl vom Cafétisch weg. «Macron? Nicht. Mein. Kandidat! Fragen Sie doch meine Freundin Thérèse!» 

Besançon, früher Dienstagabend. Noch wärmt die Sonne die gepflasterte Altstadt, an eine Schleife der Doubs gedrückt, dort, wo das Juramassiv auf die fruchtbare Ebene der Region Franche-Comté trifft. Besançon: 117'000 Einwohner, Geburtsort Victor Hugos, Industriezentrum für Spitzentechnologie und «grünste Stadt Frankreichs». Besançons Bürgermeister: einer der ersten der Parti Socialiste, die den Präsidentschaftskandidaten Emmanuel Macron öffentlich unterstützten.

Ein Heimspiel also, wenn Macron an diesem Abend in der ehemaligen Uhrenmetropole an einer Veranstaltung seiner Bewegung «En Marche!» auftreten wird.

Die einzige Wahl

Edda verschränkt die Arme über ihrem Strickpullover, doch zurückhalten kann sich die 71-Jährige nicht – im Gegenteil: Es vergeht keine Minute, da hat die Rentnerin mit ihrem Gegenüber eine hitzige Politdebatte auf dem Place d'Egalité losgetreten.

Place d'Egalité in der Altstadt Besançons. bild: watson

«J’en ai marre!», ruft Edda, sie habe genug, genug von linken Politikern, die Frankreich verarmen liessen und genug von Macron, der von links, von rechts, von allen Seiten etwas nehme, sich verbiege, jedem ein bisschen gefallen wolle – nur um seinen Machthunger zu stillen. «Ein undurchsichtiger Typ! Und erst noch ein Choleriker.» Ihr Kandidat sei Fillon, und wenn nicht Fillon, dann eben Le Pen.

«Le Pen? Niemals!», sagt Thérèse und schüttelt heftig ihren ergrauten Schopf. Eine bessere Wahl als Macron gebe es nicht, auch für sie nicht, die früher mal rechts gewählt habe. Sie sei zwar skeptisch, doch Macron sei der einzige Kandidat, der allen einen Neustart bieten könne, einen Neustart, den Frankreich dringend brauche. Ein starkes Europa, das Frankreich dringend brauche, und eine starke Polizei, die Frankreich auch brauche.

«Und Macron», sagt Thérèse zu Edda, «ist nicht machthungriger als andere Politiker. Die Realität dieser Menschen ist einfach eine andere als die unsrige.»

Partymusik und La-Ola-Wellen

15 Autominuten vom Place d’Egalité entfernt vereinen sich diese Realitäten zu einer grossen Party. Der Schauplatz: ein Ort, den man bereits beim Vorbeifahren wieder vergisst. Zwischen Strassenknoten, Autogaragen und Schnellimbissen steht das «Micropolis», eine schmucklose Event-Halle, asphaltgrau wie die zahlreichen Parkplätze rundherum.

2500 Menschen strömen in die Event-Halle «Metropolis». bild: watson

Hier steigen dutzende Franzosen aus Autos, Cars oder der Strassenbahn. Mit «En Marche!»-Shirts und «Macron, Président!»-Schildern in blau, weiss und rot unter die Arme geklemmt, strömen sie in Richtung Saal.

Drinnen ist es bereits drei Viertelstunden vor Veranstaltungsbeginn gestossen voll, die Party bereits im Gange. Irgendwas zwischen The Dome Vol. 1 und Bravo Hits 94 schmettert in ohrenbetäubender Lautstärke über den Parkett, auf der Bühne sitzen Macrons Kampagnenleute von «En Marche!» und strahlen in die Menge. Passt die Songstelle, springen sie auf und hampeln La-Ola-Wellen in Richtung Zuschauertribüne, während Helfer in Macron-Shirts zwischen den Rängen erwartungsfroh das Publikum beklatschen. Es funktioniert.

Video: streamable

Macron bewegt. Seine Anhänger bezeichnen ihn als Obama Frankreichs und sich selber als Marcheurs und Marcheuses. Der 39-Jährige füllt Säle im ganzen Land, seine Bewegung «En Marche!» erfährt massiven Zulauf.

2500 Anhänger haben heute nach Besançon gefunden, sie warten weiterhin geduldig auf den Kandidaten, schwenken ihre Schilder und Flaggen. Eine Zuschauerin, die ihre Europaflagge auf den Knien hält, sagt etwas verlegen, aber auch stolz, sie sei noch nie «an so einer Veranstaltung» gewesen. Aber diese Wahl sei auch anders als die letzten. «Dieses Mal weiss ich, was ich will, und was nicht. Und zwar einen Präsidenten, der hinter Europa steht.»

Europaflaggen und Frankreichflaggen sind gleichermassen vertreten. bild: watson

«Bienvenue Monsieur Président!»

Dann endlich, nachdem ein Drum'n'Base-Partybrüller das inzwischen etwas unruhige Publikum fast zum Überschnappen bringt, bewegt sich etwas: Die Leute drehen sich in Richtung oberes Ende der Zuschauertribüne. Hände mit Kameras schiessen in die Luft. Eine Traube bildet sich. Die Musik wird leiser, die Fans lauter. Da kommt er. Das Publikum skandiert. «Macron! Président! Macron! Président!».

Macron, der Popstar.

Video: streamable

Mit einem Lächeln, das jeder Macron-Fan als gewinnend beschreiben würde, drückt sich der Präsidentschaftskandidat an der Menge vorbei. Helfer schieben händehaltend einen Gang für Macron frei, nur mit Mühe können sie die Fans davon abhalten, sich auf den 39-Jährigen zu stürzen. Wer es in die erste Reihe schafft, verteidigt seinen Platz mit Ellbogen und einem ebenfalls gewinnenden Lächeln. Wer Macron berühren kann, grinst danach entzückt.

«Bienvenue, marcheurs, marcheuses!», ruft der Bürgermeister von Besançon den jubelnden Besontinern zu, und ohne mit der Wimper zu zucken: «Bienvenue, Monsieur Président de la République!»

«Glasfasernetz für alle!»

Dann tritt Macron ans Rednerpult und holt zum Rundumschlag aus: Gegen die anderen Präsidentschaftskandidaten, gegen die politische Elite, gegen die etablierten Parteien. Er sei weder mit der Rechten, noch mit der Linken, sagt Macron. Er sei «mit den Menschen». Frenetischer Applaus. «So kann es nicht weitergehen!», ruft er wiederholt ins Mikrofon, bedient den Frust der Franzosen, und ihre Lust auf einen Wandel gleichermassen: «So kann es nicht weitergehen, deshalb seid ihr hier! Gemeinsam verändern wir den Lauf der Geschichte!» Und die Menge jubelt.

Macron auf dem Weg zur Bühne. bild: watson

Überhaupt jubelt die Menge ständig, oder zumindest immer dann, wenn Macron seine Stimme erhebt. Seine Parolen werden von den Besontinern mit Begeisterung beklatscht: «Für den Mittelstand!», Applaus, Applaus! «Für die Bauern!», Applaus, Applaus! «Wir sind Europäer!» Applaus, Applaus! «Für eine blühende Wirtschaft!» Applaus, Applaus! «Glasfasernetz für alle!» Das Publikum tobt. «Vive la France!»

«Macron! Président!», «Macron! Président!»

Nach rund einer Stunde wird der Spuk mit dem inbrünstigen Singen der Marseillaise beendet. Die Rede hat kaum länger gedauert als die Partyvorbereitung. Macron schüttelt Hände, verteilt Autogramme, lächelt immer noch gewinnend. Selig strömen seine Fans aus dem Saal. Er sei heute zwar nicht so gut gewesen, meint eine ältere Frau, «aber wohl weil sein Hals kratzte». Lange gehe es ja glücklicherweise nicht mehr, fügt ihr Mann an, bis Macron Präsident werde. «Oder Frankreich vor die Hunde geht.»

Video: streamable

Das könnte dich auch interessieren:

Dem Nachtzuschlag gehts an den Kragen – und Uber ist daran nicht ganz unschuldig

Für 27 Franken nach Berlin? So teuer müsste dein Flug eigentlich sein

Diese Feministin will die SVP aus Debatten (und Taxis) verbannen

Erwachsensein – wie du es dir vorgestellt hast, und wie es wirklich ist

Poisson prallte gegen einen Baum: «Als wir am Unfallort ankamen, war er bereits tot»

Wie lit bist du, du sozialtoter Bruh? Wir suchen die Jugendwörter vergangener Jahre

Erfolg für Facebook-Schreck Max Schrems: Datenschutz-Aktivist kann Facebook verklagen

5 Grafiken, die man im No-Billag-Nahkampf kennen muss

Diese 6 Grafiken zeigen, in welchem Kanton du für die Autoprüfung am meisten zahlst

Nico Hischier ist in seiner ersten NHL-Saison besser unterwegs als Auston Matthews

«Cookies»-Backen in der Schweiz – ein Drama in 5 Akten

10 Vorteile, die nur sehr langsame Leute kennen

Gesichtserkennung beim iPhone X angeblich überlistet

Alle Artikel anzeigen
Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
14
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
14Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Richu 13.04.2017 17:53
    Highlight Ich persönlich würde infolge fehlender Alternativen auch Macron wählen.
    Beim Lebenslauf von Macron fällt einem auf, dass seine Ehefrau 24 Jahre älter ist als Macron; wirklich sehr selten dieser Altersunterschied bei einem 39 jährigen Mann!
    1 0 Melden
  • Dieter Widmer 12.04.2017 16:20
    Highlight Achtung. Ich verfolge viele Wahlen, auch jene im Ausland. Die Medien haben wieder einen Liebling, in Frankreich diesmal Macron. Ich bin gespannt wie das Rennen laufen wird. Vermutlich sind die Umfragewerte wieder einmal überhöht. Unterschätzt Marie Le Pen nicht.
    2 7 Melden
  • Hussain Bolt 12.04.2017 11:39
    Highlight Mit ihm wird alles weitergehen wie bisher mit der Fehlpolitik Frankreichs.
    20 18 Melden
    • Fabio74 12.04.2017 12:44
      Highlight Was du alles weisst.
      Mit LePen wird der Laden an die Wand gefahren. Vichy2.0
      13 13 Melden
    • Nick Suter 12.04.2017 15:42
      Highlight Ja genau - hast von diesem Sätzli grad eine Textkonserve gemacht? Damit auf keinen Fall aufs Kommentieren verzichten musst. Auch wenn du keine Ahnung hast. Brrrr
      5 6 Melden
    • Juliet Bravo 12.04.2017 19:08
      Highlight Welche Fehlpolitik meinst du? Und wer würde es deiner Meinung nach besser machen?
      0 1 Melden
  • Luca Brasi 12.04.2017 10:27
    Highlight Ach, er ist weder mit Rechten noch Linken? Aber den Ministerposten hat der Herr Investmentbanker dann damals doch gern unter den Sozialisten genommen.
    17 24 Melden
    • pun 12.04.2017 12:15
      Highlight Herr Brasi was ist ihr Argument mit dieser Aussage? Investmentbanker und Minister unter den sogenannten Sozialisten entspricht ja genau dem "weder links noch rechts"-Schema?
      20 7 Melden
    • Grégory P. 12.04.2017 12:18
      Highlight Luca, wenn du schon keine Ahnung hast, warum dieses Bedürfnis dein Senf dazu zugeben? 1) Macron als Banker zu reduzieren hat mit Fakten nichts zu tun, er war vor allem eins: Beamte 2) Frage mal die Linken ob Macron eine Linke ist oder nicht. 3) Sein Job als Minister hat er ziemlich schnell aufgegeben... 4) es braucht mehr als eine Analyse auf Watson, um die Politik eines Landed zu verstehen. 5) und nein ich bin selber kein Französe, kein Wähler und kein Fan. Jedoch begrüsse ich sein Sozial-Liberalismus und bin froh, er und Melanchon bitten Alternativen zu Le Pen.
      17 9 Melden
    • Luca Brasi 12.04.2017 12:32
      Highlight Er hat seinen Einstieg in die Politik der Parti Socialiste zu verdanken und tut jetzt so, als sei er schon immer über allen Parteien gestanden. Typisches Mitte-Gelabere. Für mich ist er ein Karrierist.
      17 3 Melden
    • LeChef 12.04.2017 15:00
      Highlight Ja Grégory, sowohl Programme, als auch Wahlchancen von Macron und Melonchon sind absolut vergleichbar...
      5 2 Melden
    • Nick Suter 12.04.2017 15:48
      Highlight Gregory P. - Selbstverständlich war er für die Banque Rothschild Investmentbanker. Aber einfach grosses BlaBlaBla damit das Unwissen nicht auffält, gäll!
      PS: Gerade deshalb ist er der perfekte neue Mann Frankreichs. Ferner hat er als einziger tatsächlich begriffen, was die Globalisierung und ihre Virtualisierung in ihrer Exponentialität alles bedeutet! Sein Programm ist mit Abstand das einzige, das fundamentale Veränderungen bringt. Nachhaltig - und nicht nur für Frankreich!
      1 4 Melden
    • Fabio74 12.04.2017 16:42
      Highlight Lieber Macron als Fillon oder Le Pen. Links hat eh keine Chance
      5 1 Melden
    • pun 12.04.2017 17:41
      Highlight Ok, so formuliert kann ich Ihnen zustimmen Herr Brasi. :-)
      2 0 Melden

Immer wieder krass: Diese Luftaufnahmen zeigen, wie ein Flüchtlingsproblem wirklich aussieht 

Im Mittelmeer soll sich erneut ein Flüchtlingsunglück mit vielen Toten ereignet haben. «Es sieht so aus, als seien Hunderte Menschen gestorben», sagte Italiens Präsident Sergio Mattarella. Offiziell ist das noch nicht bestätigt. Fakt ist aber: Jeden Monat versuchen tausende Flüchtlinge aus Nordafrika und der Türkei mit Booten nach Europa zu gelangen. 2014 starben nach Angaben der International Organization for Migration (IOM) knapp 3300 Flüchtlinge auf See, 2015 …

Artikel lesen