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A general view inside the swimming venue ahead of the 2016 Summer Olympics, Thursday, Aug. 4, 2016, in Rio. (AP Photo/Martin Meissner)

Im Olympic-Aquatics-Stadium von Rio haben die Schwimmwettbewerbe stattgefunden.  Bild: AP

Gab es im olympischen Pool von Rio eine unsichtbare Strömung? 

Sprichwörtlicher Wirbel um die olympischen Schwimmwettkämpfe von Rio. Fast zwei Wochen nach dem Ende der Sommerspiele veröffentlichten Forscher Daten, welche die Qualität des Schwimmbeckens in Rio infrage stellen.

02.09.16, 16:37
Donat Roduner
Donat Roduner



Herrschte im olympischen Pool, in welchem die Schwimmwettkämpfe stattgefunden haben, tatsächlich eine Strömung? Diese Frage ist zulässig, wie Daten von Forschern der Indiana University suggerieren, welche Washington-Post-Reporter Jeff Guo in seinem Artikel anschaulich zusammengetragen hat.

Die Wissenschaftler Andrew Cornett, Christopher Brammer und Joel Stager, die sich bereits vor Rio mit Auffälligkeiten im Schwimmsport befasst haben, konnten aufzeigen, dass bei den Spielen in Brasilien auf den acht Bahnen unterschiedliche Bedingungen geherrscht haben.

Die Zeitunterschiede auf den verschiedenen Bahnen. quelle: Cornett AC, Brammer c, stager jm (2015) / grafik: jeff guo/washington post

Grundsätzlich haben in einem Schwimmbecken, in dem offizielle Wettkämpfe stattfinden, auf allen Bahnen dieselben Bedingungen zu herrschen. Aus obiger Grafik ist aber zu entnehmen, dass dem in Rio nicht so war. Auf den Aussenbahnen waren die Schwimmer in den Langstreckenrennen (die Daten stammen aus den Disziplinen 800-m- und 1500-m-Crawl) jeweils in eine Richtung schneller unterwegs, je nachdem, ob sie rechts oder links der Mitte unterwegs waren.

Die Streuungen im Schwimmbecken an den Olympischen Sommerspielen. quelle: cornett ac, brammer c, stager jm (2015) / grafik: jeff guo/ washington post

Beispielsweise schwamm der Norweger Henrik Christiansen (die pinken Punkte in der Grafik) über 1500 m im Vorlauf auf Bahn 2 auf den ungeraden Längen schneller, während das im Final auf Bahn 8 genau umgekehrt war. Die weiteren Schwimmer bestätigen diesen Trend grösstenteils.

2016 Rio Olympics - Swimming - Preliminary - Men's 400m Freestyle - Heats - Olympic Aquatics Stadium - Rio de Janeiro, Brazil - 06/08/2016. Henrik Christiansen (NOR) of Norway competes. REUTERS/Dominic Ebenbichler FOR EDITORIAL USE ONLY. NOT FOR SALE FOR MARKETING OR ADVERTISING CAMPAIGNS.

Henrik Christiansen belegte im Final über 1500 m Rang 8. Bild: DOMINIC EBENBICHLER/REUTERS

Fragwürdige Tests des Herstellers

Weitere Beweise liefern Beobachtungen von Barry Revzin. Der amerikanische Datenanalyst verglich die Zeiten der Schwimmer über 50 m Crawl (eine Länge) je nach Startbahn und führte eine lineare Korrelation zutage, welche sich mit dem oben gezeigten Trend deckt.

Die Korrelation zwischen dem Startbahn-Unterschied in zwei 50-m-Rennen und der Geschwindigkeits-Differenz. quelle: Barry Revzin / grafik: washington post

Die Vermutung liegt also nahe, dass irgendetwas mit dem Becken in Rio nicht so war, wie es hätte sein sollen. Insbesondere weil der Hersteller derselbe war wie bei den Weltmeisterschaften in Barcelona 2013, als selbiges Phänomen zum ersten Mal aufgezeigt werden konnte.

Bei einer Strömung im Gegenuhrzeigersinn wären über 50 m die hohen Startbahnen bevorteilt. grafik: washington post

Die einfachste Erklärung wäre ein leichter Strom im Gegenuhrzeigersinn, was nicht sein sollte (das Reglement des internationalen Schwimmverbands FINA ist ziemlich vage). Der italienische Poolhersteller Myrthra wehrt sich aber und hält gegenüber der Schwimm-Seite swimswam.com fest, dass bei Tests «keinerlei Hinweise» auf Strömung gefunden wurden. Wobei für den «Test» einfach ein Basketball ins Wasser geworfen wurde, der sich im Lauf einer Minute zwar nicht sichtlich bewegt, sich aber immerhin an Ort und Stelle (sehr langsam) dreht.

ABER!

Bevor wir unsere Säbel wetzen und die Heugabeln aus dem Keller holen, sollten wir ganz kurz innehalten und die obigen Daten in den korrekten Kontext setzen. Auch wenn die Trends eindeutig sind und das olympische Schwimmbecken nicht hundertprozentig integer gewesen sein wird, ist festzuhalten, dass die mögliche Strömung nur auf eine Schwimmdisziplin Einfluss haben konnte: Auf die 50-m-Crawl.

Alle anderen (pro Geschlecht immerhin 15) Schwimmdisziplinen in der Halle finden über eine gerade Anzahl Längen statt, wodurch sich ein zirkulärer Strom über die Renndistanz auf jeder Bahn ausgleichen würde.

epa05482539 Pernille Blume of Denmark reacts on winning the women's 50m Freestyle Final race of the Rio 2016 Olympic Games Swimming events at Olympic Aquatics Stadium at the Olympic Park in Rio de Janeiro, Brazil, 13 August 2016.  EPA/DAVE HUNT   AUSTRALIA AND NEW ZEALAND OUT

Wäre die Dänin Pernille Blume über 50 m 0,07 Sekunden langsamer geschwommen, hätte es anstatt Gold nur noch ein Diplom gegeben. Bild: EPA/AAP

Aber über 50 m müssten die Schwimmer gemäss den gemachten Beobachtungen mit den höheren Bahnnummern bevorteilt sein. Dies scheint sich aber nicht zu bewahrheiten, denn die Podestreihenfolge bei den Frauen wie bei den Männern suggeriert genau das Gegenteil. Zudem ist zu bedenken, dass die knapp 0,4 Sekunden Unterschied, welche die Strömung maximal ausmachen soll, auf die Gesamtzeit über 50 m nicht einmal 2 Prozent ausmacht.

Schwimmen, 50 m Crawl

Männer:
1. Anthony Ervin (USA, Bahn 3) 21,40
2. Florent Manaudou (FRA, Bahn 4) 21,41
3. Nathan Adrian (USA, Bahn 6) 21,49

Frauen:
1. Pernille Blume (DEN, Bahn 4) 24,07
2. Simone Manuel (USA, Bahn 7) 24,09
3. Alexandra Gerasimenia (BLR, Bahn 8) 24,11​

Bei den engen Zeitunterschieden (♀ 0,06 s zwischen Gold und Leder, ♂ 0,28 s) können 0,4 Sekunden die Welt bedeuten, klar. Aber mit in die Berechnung fliessen sollte auch, dass die durchschnittliche Reaktionszeit am Start etwa 0,7 Sekunden beträgt.

Und um noch ein bisschen weiter zu gehen: Der Datensatz ist vermutlich nicht genug gross, um wissenschaftlich stichhaltige Aussagen zu treffen. Man beachte auch die Streuung in den entsprechenden Grafiken. Zudem werden auch das einseitige Atmen wie ein möglicher Einfluss der Wandbeschaffenheit ins Feld geführt, um die Anomalien zu erklären.

epa05479154 Michael Phelps of USA reacts to his fellow second placed after the men's 100m Butterfly Final race of the Rio 2016 Olympic Games Swimming events at Olympic Aquatics Stadium at the Olympic Park in Rio de Janeiro, Brazil, 12 August 2016.  EPA/ESTEBAN BIBA

Michael Phelps hat gut lachen, er wurde im Wasser nämlich nicht beeinflusst. Bild: EPA/EFE

Summa summarum:

Die gemachten Beobachtungen sind definitiv spannend und verdienen ihre Aufmerksamkeit, sie sollten aber nicht dafür verwendet werden, die Schwimmresultate in Rio durch den Kakao zu ziehen, dafür sind sie zu schwach. Vielmehr sollten sie von den künftigen Schwimm-Grossanlässen (wie Tokio 2020) als Motivation aufgenommen werden, hundertprozentig faire Wettkampfbedingungen zu bieten.

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Brikne, 20.7.2017
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29
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29Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • SJ_California 02.09.2016 19:32
    Highlight Wie entsteht denn so eine Strömung überhaupt? Das wäre doch auch noch interessant zu wissen.
    42 0 Melden
    • Ali G 03.09.2016 08:16
      Highlight Das Wasser muss mit sehr starken Pumpen immer ausgetauscht werden, für die Reinigung, sonst wird es Grün 😂
      Mit einer schlechten anordnung der Düsen kann man eine sehr Starke Strömung verursachen
      5 0 Melden
    • Donat Roduner 03.09.2016 08:27
      Highlight Wenn man das wüsste... Naheliegend wäre über die Düsen im Wasser. Aber da es ja keine Strömung geben sollte, wird die Frage in diesem Fall wohl unbeantwortet bleiben.
      1 2 Melden
    • SJ_California 03.09.2016 11:02
      Highlight Ich hätte gedacht, dass die Düsen während den Wettkämpfen stillstehen...
      2 0 Melden
  • Sine 02.09.2016 19:25
    Highlight Lügebecken!!! 😤
    42 0 Melden
  • LeChef 02.09.2016 19:17
    Highlight Das sieht aber durchaus auch statistisch signifikant aus. Auch bei so wenigen Beobachtungen. Einmal abgesehen von der tatsächlichen Relevanz einer so schwachen Strömung, scheinen die Punkte absolut einen Trend zu zeigen, va. bei der Regressionslinie. Die Frage ist, wie viele Beobachtungen da als "Ausreisser" weggelassen wurden... Beziehungsweise welche Daten überhaupt analysiert wurden.
    12 4 Melden
    • dieser Nickname wird schon verwendet. 02.09.2016 21:19
      Highlight Ich wäre dafür einen chi-quadrat-Unabhängigkeitstest durch zu führen, das sollte doch die statistische Signifikanz zeigen, oder bin ich da falsch?
      4 9 Melden
    • LeChef 02.09.2016 21:55
      Highlight Das kommt darauf an, wie die Abweichungen zwischen den Bahnzeiten üblicherweise (also in einem Becken ohne Strömung) verteilt sind. Würde jetzt eher eine Normalverteilung annehmen, sprich einen t-Test machen
      14 3 Melden
    • Der kleine Finger 02.09.2016 22:08
      Highlight Streber :-)
      13 2 Melden
  • Hugeyun 02.09.2016 19:07
    Highlight Angenommen die Strömung hätte eine Kreisbewegung im Becken beschrieben, hätten die Schwimmer in der Mitte gegen einen Seitwärtsabtrieb kämpfen müssen?
    9 2 Melden
    • lemeforpresident 03.09.2016 00:24
      Highlight In der Praxis nicht, die Strömung ist zu langsam...
      1 0 Melden
  • Pointer 02.09.2016 18:27
    Highlight Das muss an der südlichen Hemisphäre liegen, denn schon bei den Spielen 2000 in Sydney waren die Ausschläge grösser.
    14 3 Melden
  • Gigi,Gigi 02.09.2016 18:14
    Highlight Herr Roduner
    Das mit der geraden Anzahl Längen, wodurch sich ein zirkulärer Strom über die Renndistanz auf jeder Bahn ausgleichen würde, stimmt so nicht. Denn wenn man 50 Meter gegen den Strom schwimmt, verliert man immer mehr Zeit, als wenn man 50 Meter mit dem Strom schwimmt. Wieso? Weil man 50 Meter gegen den Strom länger hat, als mit dem Strom. Das heisst der Widerstand wirkt länger als die Unterstützung. Wird in unserem Beispiel minimal sein, aber als Grundsatz stimmt das nicht mit dem Ausgleich.
    32 4 Melden
    • Harri Hirsch 02.09.2016 21:18
      Highlight Da aber jeder Schwimmer die gleiche Anzahl Längen mit und gegen den Strom schwimmen muss gleicht es sich untereinander eben doch wieder aus.
      10 9 Melden
    • Jan. 02.09.2016 22:06
      Highlight Falls Gigi Recht hat: nein, dann wären die mittleren Bahnen (ohne zeitweiligen Gegenstrom) bevorteilt
      23 0 Melden
  • zwan33 02.09.2016 18:01
    Highlight Auch bei einer geraden Anzahl Längen, würd sich eine Strömung nicht ausgleichen. Gedankenexperiment: die Strömung ist gleich schnell wie der Schwimmer, dann ist er super schnell mit dem Strom, bleibt aber gegen den Strom stehen. Ist der Strom schwächer, besteht der Effekt dennoch. Mit anderen Worten, die Bahnen in der Mitte bevorteilen die Schwimmer gegenüber den Aussenbahnen (ausser bei 50m Freistil). Rhetorische Frage: wo durften die Favoriten starten?
    41 4 Melden
    • Olaf44512 02.09.2016 19:03
      Highlight Hätte ich garnicht daran gedacht, aber absolut richtig! Die verlorene Zeit word nicht durch die gewonnene kompensiert!
      18 1 Melden
    • LeChef 02.09.2016 19:24
      Highlight Stimmt grundsätzlich, wenn man annimmt, dass die Strömung die Schwimmer "aus dem Takt bringt". Falls nicht, gleichen sich aber Vorteil und Nachteil genau aus? Verstehe deinen Gedankengang nicht ganz. Dazu machen die obigen Grafiken jedenfalls keine Aussage. Dazu müsste man die absoluten Zeiten auf den Bahnen vergleichen, nicht die Geschwindigkeitsdifferenzen bei hin- und zurück.
      2 17 Melden
    • LeChef 02.09.2016 19:27
      Highlight Ok, ich glaube ich sehe jetzt was du meinst. Das stimmt aber nur, wenn der Schwimmer in der Gegenrichtung wirklich stehen bleibt (sprich die Strömung stärker ist, als der maximal mögliche Kraftaufwand). Was er ja nicht tut. Du kannst dein Gedankenexperiment nicht einfach auf niedrige Strömungsgeschwindigkeiten verallgemeinern.
      5 23 Melden
    Weitere Antworten anzeigen
  • SVARTGARD 02.09.2016 17:17
    Highlight Das Wasser war gedopt, ab in die Wüste.
    79 2 Melden
    • 321polorex123 02.09.2016 17:46
      Highlight +1
      Wobei mir weisse Sandkörner auch noch nie ganz geheur waren...
      39 2 Melden

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