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Semipalatinsk, Kasachstan, nukleares Testgelände

Das Testgelände in Semipalatinsk, Kasachstan.  Bild: Alexander Liskin

Schlimmer als Tschernobyl: Sowjet-Report bringt riesiges Atomtest-Debakel ans Licht

Nirgendwo auf diesem Planeten sind mehr Atombomben explodiert: Auf dem Testgelände von Semipalatinsk (heute Semei) in Kasachstan zündete die Sowjetunion zwischen 1949 und 1989 knapp 500 nukleare Sprengköpfe, 113 davon oberirdisch. Die dabei freigesetzte Sprengkraft entspricht etwa 2500 Hiroshima-Bomben. 

Dass dieses nukleare Trommelfeuer nicht ohne Folgen für die lokale Bevölkerung bleiben konnte, ist heute – mehr als 30 Jahre nach Tschernobyl – wohl jedem klar. Mit welcher Skrupellosigkeit die Sowjetbehörden diese Folgen vertuschten, zeigt ein aus dem Archiv des Instituts für Strahlenmedizin und Ökologie (IRME) in Semipalatinsk aufgetauchter Report, der dem Wissenschaftsmagazin «New Scientist» zugespielt wurde. 

Nukleares Desaster

Das Papier wurde 1956 von sowjetischen Wissenschaftlern erstellt, die eigens vom Institut für Biophysik in Moskau nach Ost-Kasachstan gereist waren, um die Auswirkungen eines nuklearen Desasters zu untersuchen. Im August jenes Jahres war die radioaktive Wolke eines Atomtests direkt über die Industriestadt Ust-Kamenogorsk (heute Öskemen) hinweggezogen.

Karte Kasachstan Testgelände Semipalatinsk

Das Testgelände, «Polygon» genannt, im Osten Kasachstans.  Karte: bessarabia.bplaced.net



638 strahlenkranke Personen mussten ins Krankenhaus gebracht werden – mehr als viermal so viele wie bei der Katastrophe von Tschernobyl 30 Jahre später, als 134 Fälle von Strahlenkrankheit diagnostiziert wurden. Wie viele Strahlenkranke in Ust-Kamenogorsk starben, weiss niemand. 

Kasachstan, Opfer der durch die sowjetischen Atomversuche in Semipalatinsk verursachten Strahlenbelastung

Tumore, Gendefekte, Missbildungen: das strahlende Erbe der sowjetischen Atomtests in Semipalatinsk.  Bild: Youtube

Keine Information für die Betroffenen

Während die Verseuchung geheim gehalten wurde und die Atomtests weitergingen, stellten die Experten fest, dass weite Landstriche im Osten Kasachstans radioaktiv verseucht und Fälle von Strahlenkrankheit weit verbreitet waren. Nichts von all dem aber wurde den betroffenen Menschen gesagt – nichts durfte an die Öffentlichkeit gelangen; der Report der Wissenschaftler war streng geheim. «Viele Jahre lang war das ein Geheimnis», sagte IRME-Direktor Kazbek Apsalikov, der den Report gefunden und dem «New Scientist» weitergegeben hat. 

Mitte September 1956, berichtet das Wissenschaftsmagazin, massen die Experten in Ust-Kamenogorsk immer noch eine Strahlenbelastung von bis zu 1,6 Millirem (= 16 µSv) pro Stunde. Das ist etwa das 140-Fache des Grenzwerts, der in der Schweizerischen Strahlenschutzverordnung für «nichtberuflich strahlenexponierte Personen» festgelegt ist (= 1 mSv pro Jahr). In einzelnen Dörfern der Umgebung war der Fallout, wie die Experten befanden, ernster und gefährlicher als in Ust-Kamenogorsk selbst. 

Andererseits versuchten die Wissenschaftler, das Ausmass der Katastrophe herunterzuspielen. Für Veränderungen im Blutbild oder im Nervensystem wurden im Report schlechte Hygiene, einseitige Ernährung und Krankheiten wie Bruzellose oder Tuberkulose verantwortlich gemacht. 

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Doku über die Folgen der Atomtests in Semipalatinsk: «After the Apocalypse – The Polygon Tests». Video: YouTube/Forest Sandifer

Krankenhaus unter falschem Namen

Als Folge der wissenschaftlichen Untersuchung richteten die Behörden ein Krankenhaus ein, in dem die gesundheitlichen Auswirkungen der Strahlenbelastung untersucht und behandelt wurden. Um dies zu verschleiern, wurde das Spital offiziell als «Anti-Bruzellose-Klinik Nr. 4» bezeichnet. Bis 1991 – als Kasachstan nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion unabhängig wurde – waren die Aktivitäten dort streng geheim. 

Aus der Klinik ging das Institut für Strahlenmedizin und Ökologie hervor. Vor der Übergabe an die kasachischen Behörden sollen jedoch zahlreiche Unterlagen nach Moskau gebracht oder vernichtet worden sein. Der jetzt aufgetauchte Report war einer der wenigen, der die Säuberung der Archive überlebte. 

Kasachstan, Opfer der durch Atomtests in Semipalatinsk verursachten Strahlenbelastung

Heute noch fordert die erhöhte Strahlendosis Opfer.   Bild: Youtube

Das strahlende Erbe der sowjetischen Atomtests fordert auch heute noch Opfer in Kasachstan. Die Rate für bestimmte Krebs-Arten ist höher als normal, und laut der BBC-Doku «Life after nuclear testing» wird in den am schlimmsten betroffenen Orten einer von 20 Säuglingen mit einem Gendefekt geboren. 

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Alle Atomtests von 1945 bis 1998. Video: YouTube/aConcernedHuman

(dhr)

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    Alle Leser-Kommentare
  • citizen of de uold 23.03.2017 22:56
    Highlight Highlight Apropos Tschernobyl und die landwirtschaftliche Produktion aus Ukraine. Ich wundere mich wie sicher sind die Waren von dort. Vor kurzem habe ich eine Daunendecke in einem namhaften schwedischem Geschäft gekauft. Als ich nach Hause kam habe ich es näher angeschaut, und gemerkt" hergestellt in ukraine". Liegt jetzt im Keller. Ich vermute mal das wir hier in der Schweiz noch mehr Sachen haben importiert aus Tschernobyler Region.
    • Edel Weiss 24.03.2017 00:52
      Highlight Highlight Nimm das Kissen mit zum nächsten Oberstufenschulhaus und lass es vom Naturlehre Lehrer mit dem Geiger-Müller-Zähler untersuchen. Du wirst kaum erhöhte Strahlung messen können.
      Ganz andere Werte wirst du aber in jedem Spital in der Radiologie oder auf Interkontinentalflügen auf grosser Höhe antreffen.
    • Azoth 24.03.2017 01:46
      Highlight Highlight Fritzchen? Ja, genau über den werden Witze gemacht....
    • citizen of de uold 24.03.2017 11:32
      Highlight Highlight Danke für die Ratschläge, trotzdem wundere ich mich wenn die Decke eine höhere Strahlungswerte als normale Hintergrundstrahlung und ich jeden Tag da drunter schlafen muss, dann habe ich vielleicht die ÜberDosis nach 3 jahren
    Weitere Antworten anzeigen
  • Soli Dar 23.03.2017 21:06
    Highlight Highlight Und trotzdem noch schlimmer waren und bleiben die über Japan abgeworfenen Atombomben! Eines der wohl grössten Kriegsverbrechen, unendschuldbar!
    • ConcernedCitizen 23.03.2017 21:50
      Highlight Highlight Stimmt nicht.
    • Alnothur 23.03.2017 23:50
      Highlight Highlight Die Zivilisten in Tokyo (ganze Stadt abgefackelt), Hiroshima und Nagasaki (Atombomben), die von den USA ohne militärische Notwendigkeit zu zehntausenden abgeschlachtet wurden, konnten da sicher viel dafür.
    • Alnothur 24.03.2017 01:39
      Highlight Highlight (Selbiges kurz davor in Deutschland, siehe z.B. Dresden, eine reine Racheaktion an der Zivilbevölkerung. Wäre wohl ein Ziel der ersten A-Bombe gewesen, hätten die Amis diese dann schon gehabt.)
    Weitere Antworten anzeigen
  • Cmo 23.03.2017 20:46
    Highlight Highlight Zum Thema Strahlenkrankheit und Bevölkerung, kann ich denn Film Pandora auf Netflix empfehlen.
    Es handelt sich zwar nicht um Atomtests, aber um Atomkraftwerke. Welche unberechenbar sind, vor allem was die äusseren Einflüsse betrifft.
    Link zu Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Pandora_(Film)
    • Stachanowist 23.03.2017 20:49
      Highlight Highlight Ebenfalls auf Netflix, zum Thema UdSSR und Atomindustrie /-Forschung: City 40. Sehr sehenswert.
  • Domino 23.03.2017 20:39
    Highlight Highlight Für die zivile Nutzung hatten wir damals besser auf die Thorium-Reihe gesetzt.
    • atomschlaf 23.03.2017 22:25
      Highlight Highlight Richtig, aber die Staaten wollten eben nicht nur Energie sondern auch waffenfähiges Material. Bekanntlich wurde auch in der Schweiz ernsthaft über eine atomare Bewaffnung diskutiert.
    • Domino 23.03.2017 22:49
      Highlight Highlight Ein hochindustrialisiertes Land wie die Schweiz kann innerhalb von einem Jahr eine Bombe bauen. Das ist keine Herausforderung mehr.
      Damals in den 50ern und 60ern ging es darum im 'Club' dabeizusein. Damals war es um einiges schwieriger so eine Bimbe zu basteln.

      Aber diese Zeiten sind vorbei. Ich hoffe unsere Wissenschaftler hängen sich dafür für einen Thorium-Reaktor ins Zeug.
      Die heutigen Uran-Reaktoren gehören abgestellt. Leider haben diese eine riesige Lobby.

      By te way: Habe heute gehört Westinghouse, eine Firma welche Uran-Reaktoren baut, praktisch pleite ist...
    • blobb 24.03.2017 00:51
      Highlight Highlight So einfach ist das nicht mit dem Thorium-Reaktor ;) Da schwirren, wie zu jedem wissenschaftlichem Thema, viele falsche Annahmen und (Verschwörungs-)Theorien auf YouTube und Co. herum.
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  • Maett 23.03.2017 20:03
    Highlight Highlight Das passiert halt eben in einer Gesellschaft, in der das einzelne Individuum weniger zählt als die Allgemeinheit; da kann es vorkommen, dass man unwissentlich als Forschungsobjekt endet.

    Tragisch, tragisch.
    • Posersalami 23.03.2017 20:19
      Highlight Highlight Sie meinen, so wie in den USA? https://de.wikipedia.org/wiki/MKULTRA#cite_note-1 oder in der Schweiz? http://www.tagesanzeiger.ch/wissen/medizin-und-psychologie/Ueber-1600-Menschenversuche-in-Muensterlingen/story/17172330 Das war jetzt nur eines von zahlreichen Beispielen und natürlich haben die Meldungen unterschiedliches Empörungspotential. Das so etwas passiert hat nichts mit dem politischen System zu tun, der Feind sitzt an einem anderen Ort.
    • flausch 23.03.2017 20:26
      Highlight Highlight Stimmt genau: So wie beispielsweise in den freien (kapitalistischen) Ländern mit dem Conterganskandal...

      Ganz interessant im Zusammenhang mit deinem Komentar ist der abschnitt über die DDR. Also hab ichs gleich darauf verlinkt.
      https://de.wikipedia.org/wiki/Contergan-Skandal#DDR

      SO ists halt: Die Guten sind manchmal auch die Schlechten... Aber immerhin sind sie frei und wählen den Henker selber.
    • Triple 23.03.2017 20:32
      Highlight Highlight Habe ich nicht gewusst, die Geschichte von Münsterlingen. Traurig traurig, schade kann man diesen Teufel in weiss nicht mehr zur Rechenschaft ziehen.
    Weitere Antworten anzeigen
  • Wehrli 23.03.2017 19:14
    Highlight Highlight Das Atomzeitalter, hat auch seine Anfänge. Das Informationszeitalter wird uns noch einiges an Scheisse bescheren, wir sind erst am Anfang.

Schluss mit Lügen! So lässt sich die ganze Welt allein mit grüner Energie versorgen

Klimaskeptiker und Erdöl-Lobbyisten liegen falsch: Der komplette Verzicht auf fossile Brennstoffe ist nicht nur möglich, sondern langfristig günstiger.

Szenarien zur zukünftigen Energieversorgung habe es auch vor dieser Studie schon gegeben, schreibt Zeit Online, die die Ergebnisse vor der Veröffentlichung am Freitag einsehen konnte. Das Besondere sei der Umfang der Daten, auf denen die LUT-Studie basiere:

Anders als andere hätten die Forscher keine Jahresdurchschnittswerte genutzt, sondern stundengenaue Wetterdaten eines Beispieljahres. «So konnten sie prüfen, wann Engpässe drohen und wie man sie ausgleichen kann.»

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