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Schlimmer als Tschernobyl: Sowjet-Report zu Atomtest-Debakel

Semipalatinsk, Kasachstan, nukleares Testgelände
Das Testgelände in Semipalatinsk, Kasachstan. Bild: Alexander Liskin

Schlimmer als Tschernobyl: Sowjet-Report bringt riesiges Atomtest-Debakel ans Licht

23.03.2017, 18:1224.03.2017, 12:52

Nirgendwo auf diesem Planeten sind mehr Atombomben explodiert: Auf dem Testgelände von Semipalatinsk (heute Semei) in Kasachstan zündete die Sowjetunion zwischen 1949 und 1989 knapp 500 nukleare Sprengköpfe, 113 davon oberirdisch. Die dabei freigesetzte Sprengkraft entspricht etwa 2500 Hiroshima-Bomben. 

Dass dieses nukleare Trommelfeuer nicht ohne Folgen für die lokale Bevölkerung bleiben konnte, ist heute – mehr als 30 Jahre nach Tschernobyl – wohl jedem klar. Mit welcher Skrupellosigkeit die Sowjetbehörden diese Folgen vertuschten, zeigt ein aus dem Archiv des Instituts für Strahlenmedizin und Ökologie (IRME) in Semipalatinsk aufgetauchter Report, der dem Wissenschaftsmagazin «New Scientist» zugespielt wurde. 

Nukleares Desaster

Das Papier wurde 1956 von sowjetischen Wissenschaftlern erstellt, die eigens vom Institut für Biophysik in Moskau nach Ost-Kasachstan gereist waren, um die Auswirkungen eines nuklearen Desasters zu untersuchen. Im August jenes Jahres war die radioaktive Wolke eines Atomtests direkt über die Industriestadt Ust-Kamenogorsk (heute Öskemen) hinweggezogen.

Karte Kasachstan Testgelände Semipalatinsk
Das Testgelände, «Polygon» genannt, im Osten Kasachstans. Karte: bessarabia.bplaced.net

638 strahlenkranke Personen mussten ins Krankenhaus gebracht werden – mehr als viermal so viele wie bei der Katastrophe von Tschernobyl 30 Jahre später, als 134 Fälle von Strahlenkrankheit diagnostiziert wurden. Wie viele Strahlenkranke in Ust-Kamenogorsk starben, weiss niemand. 

Kasachstan, Opfer der durch die sowjetischen Atomversuche in Semipalatinsk verursachten Strahlenbelastung
Tumore, Gendefekte, Missbildungen: das strahlende Erbe der sowjetischen Atomtests in Semipalatinsk. Bild: Youtube

Keine Information für die Betroffenen

Während die Verseuchung geheim gehalten wurde und die Atomtests weitergingen, stellten die Experten fest, dass weite Landstriche im Osten Kasachstans radioaktiv verseucht und Fälle von Strahlenkrankheit weit verbreitet waren. Nichts von all dem aber wurde den betroffenen Menschen gesagt – nichts durfte an die Öffentlichkeit gelangen; der Report der Wissenschaftler war streng geheim. «Viele Jahre lang war das ein Geheimnis», sagte IRME-Direktor Kazbek Apsalikov, der den Report gefunden und dem «New Scientist» weitergegeben hat. 

Mitte September 1956, berichtet das Wissenschaftsmagazin, massen die Experten in Ust-Kamenogorsk immer noch eine Strahlenbelastung von bis zu 1,6 Millirem (= 16 µSv) pro Stunde. Das ist etwa das 140-Fache des Grenzwerts, der in der Schweizerischen Strahlenschutzverordnung für «nichtberuflich strahlenexponierte Personen» festgelegt ist (= 1 mSv pro Jahr). In einzelnen Dörfern der Umgebung war der Fallout, wie die Experten befanden, ernster und gefährlicher als in Ust-Kamenogorsk selbst. 

Andererseits versuchten die Wissenschaftler, das Ausmass der Katastrophe herunterzuspielen. Für Veränderungen im Blutbild oder im Nervensystem wurden im Report schlechte Hygiene, einseitige Ernährung und Krankheiten wie Bruzellose oder Tuberkulose verantwortlich gemacht. 

Doku über die Folgen der Atomtests in Semipalatinsk: «After the Apocalypse – The Polygon Tests».Video: YouTube/Forest Sandifer

Krankenhaus unter falschem Namen

Als Folge der wissenschaftlichen Untersuchung richteten die Behörden ein Krankenhaus ein, in dem die gesundheitlichen Auswirkungen der Strahlenbelastung untersucht und behandelt wurden. Um dies zu verschleiern, wurde das Spital offiziell als «Anti-Bruzellose-Klinik Nr. 4» bezeichnet. Bis 1991 – als Kasachstan nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion unabhängig wurde – waren die Aktivitäten dort streng geheim. 

Aus der Klinik ging das Institut für Strahlenmedizin und Ökologie hervor. Vor der Übergabe an die kasachischen Behörden sollen jedoch zahlreiche Unterlagen nach Moskau gebracht oder vernichtet worden sein. Der jetzt aufgetauchte Report war einer der wenigen, der die Säuberung der Archive überlebte. 

Kasachstan, Opfer der durch Atomtests in Semipalatinsk verursachten Strahlenbelastung
Heute noch fordert die erhöhte Strahlendosis Opfer. Bild: Youtube

Das strahlende Erbe der sowjetischen Atomtests fordert auch heute noch Opfer in Kasachstan. Die Rate für bestimmte Krebs-Arten ist höher als normal, und laut der BBC-Doku «Life after nuclear testing» wird in den am schlimmsten betroffenen Orten einer von 20 Säuglingen mit einem Gendefekt geboren. 

Alle Atomtests von 1945 bis 1998.Video: YouTube/aConcernedHuman

(dhr)

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