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Zauberlehrling Patrick Fischer staucht seine Mannen zusammen, doch die hören nicht zu. Bild: KEYSTONE

Und nun die Meisterprüfung für den Zauberlehrling – wäre da nicht das «Gotthard-Prinzip»

Bei der 1:4-Niederlage gegen Tschechien haben wir die Blaupause für einen Medaillengewinn gesehen. Aber zu viele Teufel stecken in zu vielen Details und im «Gotthard-Prinzip».

Publiziert: 18.02.18, 13:22 Aktualisiert: 18.02.18, 17:25
klaus zaugg, Pyeongchang

Eine Lehre dauert im helvetischen Ausbildungssystem in vielen Berufen drei Jahre. Nach diesem Grundmuster könnten wir hier auch den olympischen Zauberlehrling Patrick Fischer beurteilen.

In drei Partien konnte er sich nun auf die Meisterprüfung vorbereiten. Auf das Achtelfinale gegen Deutschland. Er hat sich während dieser Lehrzeit gegen Kanada, (1:5), Südkorea (8:0) und Tschechien (1:4) als tüchtiger, williger und fleissiger Lehrling erwiesen. Aber das abschliessende Urteil folgt, wie im richtigen Leben und einer richtigen Lehre, erst nach der Abschlussprüfung.

Die drei Lehrjahre des Patrick F.

Im ersten Lehrjahr (1:5 gegen Kanada) waren die Schweizer überfordert. Und sie hatten mit Leonardo Genoni keinen «heissen» Torhüter, der sie im Spiel halten und der das Unheil abwenden konnte. Die Erkenntnis aus diesem ersten Lehrjahr: Wir haben ein olympisches Torhüterproblem.

Im zweiten Lehrjahr (8:0 gegen Südkorea) haben wir gesehen, dass wir durchaus das Talent und die Tempofestigkeit haben, um die Abschlussprüfung zu bestehen. Die wichtigste Erkenntnis aus diesem zweiten Lehrjahr war hingegen eine andere, noch wichtigere: Wir haben das Torhüterproblem gelöst. Jonas Hiller ist unsere neue Nummer 1.

Nach dem dritten Lehrjahr (1:4 gegen Tschechien) sind wir nun ein wenig beunruhigt. Die Schweizer waren gegen den Titanen zwar nicht chancenlos. Ja, wir haben die Blaupause für einen Medaillengewinn gesehen. Torhüter Jonas Hiller war heiss. Er hielt uns im Spiel und hat nur zwei Tore zugelassen (das 1:3 und 1:4 fielen ins leere Gehäuse). Die Schiedsrichter waren nicht gegen uns. Sie haben uns genug Powerplays gegeben, um in der ersten Spielhälfte eine Führung, vielleicht sogar eine vorentscheidende, herauszuholen. Und die hätten wir mit Jonas Hiller ins Ziel retten können. Ja, wir haben gesehen, wir bis ins Halbfinale vorrückten könnten.

Nicht schlecht gespielt: So könnte es in der K.o.-Phase gegen die Grossen reichen. Bild: EPA/EPA

Zu viele individuelle Fehler

Warum hat es nicht geklappt? Auf die Frage, wie er das Spiel gesehen habe, sagte Nationaltrainer Patrick Fischer mit Sinn für Ironie: «Von ganz nahe». Um dann selbstkritisch und seriös fortzufahren: «Wir haben uns in der eigenen Zone viel zu viele Fehler geleistet und wir haben zu viele Scheiben verloren.» Genau darüber habe man in der Vorbereitung gesprochen und genau das habe man vermeiden wollen.

«Ich habe es vor dem Spiel gesagt, ich habe es in der ersten Pause gesagt und ich habe es in der zweiten Pause gesagt. Und wenn es dann auch im dritten Drittel nicht besser wird, dann muss ich das auf meine Kappe nehmen.» Wer Polemik mag, sagt es so: Die Jungs haben dem Chef nicht zugehört.

Der Teufel steckt bei unserer braven Nationalmannschaft im Detail und offenbar auch ein wenig im «Gotthard-Prinzip»: Was der Trainer sagt, geht bei einem Ohr rein und beim anderen wieder raus. So wie die Züge in Göschenen einfahren und in Airolo wieder hinaus.

Gaetan Haas und Eric Blum sind nach dem 1:4 gegen Tschechien ziemlich bedient. Bild: KEYSTONE

Wer gegen einen Grossen bestehen will, darf sich einfach nicht so viele Fehler leisten. Der muss auch unter starkem Druck dazu in der Lage sein, den Puck zu behaupten und kühlen Kopf bewahren und darf nicht auf einmal in Anfällen von gutem Willen wie auf dem Pausenplatz der Puck nachrennen und die taktischen Pflichte nvergessen.

Das sahen auch die befragten Spieler durchwegs so. Keiner suchte nach einer Ausrede. Torhüter Jonas Hiller monierte explizit die Fehler vor dem zweiten Gegentreffer (zum 1:2). Wo er recht hat, da hat er recht. Ausgerechnet Roman Untersander und Eric Blum, zwei meisterliche Titanen der Verteidigungsarbeit «vergessen» Ambris flinken Stürmer Dominik Kubalik. Ein so liederliches Defensivspiel leisten sie sich daheim unter dem gestrengen Kari Jalonen eigentlich nicht. Dem Finnen hören sie offenbar aufmerksamer zu. Wie sagte doch Patrick Fischer? Richtig: die Jungs hätten nicht zugehört.

Blum und Untersander lassen Kubalik beim entscheidenden 2:1 für Tschechien gewähren. Video: streamable

Hiller ist so richtig heiss

Immerhin haben wir jetzt mit Jonas Hiller eine heisse Nummer 1 und selbst der Nonkonformist Patrick Fischer wird es nicht riskieren, bei seiner Meisterprüfung gegen Deutschland am Dienstag Leonardo Genoni oder Tobias Stephan ins Tor zustellen. Er sagt selber: «Ja, wir haben einen heissen Torhüter.»

Jonas Hiller ist er mit seinen bisherigen Leistungen zufrieden. Andererseits sagt er: «Wenn wir verlieren kann ich nicht zufrieden sein.» Seine Aussage steht auch für den guten Willen in dieser Mannschaft: die Jungs halten zusammen. Es sind keine Egoisten. Die Stimmung ist gut.

An Jonas Hiller lag es nicht, dass die Schweiz gegen Tschechien verlor. Bild: EPA/EPA

Der Schlüssel zum Bestehen bei der Meisterprüfung gegen Deutschland ist also nebst Mut, Fleiss und Wille eine bessere Konzentration und die Reduktion der Fehlerzahl. Eigentlich das, was man sich ja auch bei einer richtigen Prüfung im richtigen Leben vornimmt.

Nun ist also mit dem Spiel gegen Tschechien die olympische Lehre abgeschlossen. Eigentlich ist die Teilnahme an Olympischen Spielen nicht als Ausbildungsprogramm, als Lehre für den Nationaltrainer vorgesehen. Bei der Nationalmannschaft zählen neben anständigem Auftreten und tipptoppem Benehmen – was ja heutzutage selbstverständlich ist – nur die Resultate.

Was passiert bei der LAP?

So wie es bei der Abschlussprüfung am Ende des Tages eine Note gibt, die darüber entscheidet, ob der Lehrling bestanden hat oder durchgefallen ist, so wird nun das Resultat gegen Deutschland die Note der Abschlussprüfung für Nationaltrainer Patrick Fischer sein.

Trotz der Erfahrung aus zwei WM-Turnieren (2016, 2017) ist Patrick Fischer immer noch ein Zauberlehrling. Diese Lehrzeit sei ihm zugestanden. Es geht ja auch um eine neue Philosophie: «Swissness». Nun steht er mit der Mannschaft hier in Südkorea im dritten Titelturnier. Wir finden also auch da die eidgenössische Ausbildungsphilosophie der drei Lehrjahre.

Patrick Fischer zeigt seinen Spielern, wie es funktionieren würde. Bild: KEYSTONE

Mit einem Sieg gegen Deutschland – es wäre sein erster Sieg in einen Turnier-Playoffspiel – kann Patrick Fischer seine Lehre erfolgreich abschliessen. Mit einem Sieg gegen Deutschland wäre er dann ganz und gar in seinem Amt als Nationaltrainer angekommen. Nach einem Sieg gegen Deutschland werden wir das Wort «Zauberlehrling» nicht mehr verwenden.

Und wenn wir verlieren und der Nationaltrainer durch diese Abschlussprüfung rasselt? Auch das ist kein Problem. Aus dem richtigen Leben wissen wir, dass ein tüchtiger, fleissiger Lehrling, der es mit den Chefs gut kann, auch dann im Betrieb bleiben darf, wenn er durch die Prüfung gefallen ist. Das ist auch bei Patrick Fischer so. Sein Vertrag ist vorzeitig und sicherheitshalber bis 2020 verlängert worden. Er darf also auch dann weiterhin bleiben, wenn er durch die Prüfung fallen sollte.

Die erfolgreichsten Winter-Olympioniken aller Zeiten

Rang 36: Simon Ammann (Schweiz), Skispringen – 4x Gold (2002 und 2010). KEYSTONE / ALESSANDRO DELLA BELLA
Rang 36: Dario Cologna (Schweiz), Langlauf – 4x Gold (2010 bis 2018). KEYSTONE / JEAN-CHRISTOPHE BOTT
Rang 36: Thomas Wassberg (Schweden), Langlauf – 4x Gold (1980 und 1984). KEYSTONE / ANONYMOUS
Rang 35: Chun Lee-kyung (Südkorea), Shorttrack – 4x Gold, 1x Bronze (1994 und 1998).
Rang 27: Hayley Wickenheiser (Kanada), Eishockey – 4x Gold, 1x Silber (1998 bis 2014). AP / JULIE JACOBSON
Rang 27: Alexander Tichonow (Sowjetunion), Biathlon – 4x Gold, 1x Silber (1968 bis 1980).
Rang 27: Nikolai Simjatow (Sowjetunion), Langlauf – 4x Gold, 1x Silber (1980 und 1984).
Rang 27: Matti Nykänen (Finnland), Skispringen – 4x Gold, 1x Silber (1984 und 1988).
Rang 27: André Lange und Kevin Kuske (Deutschland), Bob – 4x Gold, 1x Silber (2002 und 2010). AP / Michael Sohn
Rang 27: Johann Olav Koss (Norwegen), Eisschnelllauf – 4x Gold, 1x Silber (1992 und 1994).
Rang 27: Jayna Hefford (Kanada), Eishockey – 4x Gold, 1x Silber (1998 bis 2014). AP/AP / Petr David Josek
Rang 27: Jewgeni Grischin (Sowjetunion), Eisschnelllauf – 4x Gold, 1x Silber (1956 bis 1964).
Rang 25: Wang Meng (China), Shorttrack – 4x Gold, 1x Silber, 1x Bronze (2006 und 2010). AP/AP / Igor Yakunin
Rang 25: Gunde Svan (Schweden), Langlauf – 4x Gold, 1x Silber, 1x Bronze (1984 und 1988).
Rang 24: Janica Kostelic (Kroatien), Ski alpin – 4x Gold, 2x Silber (2002 und 2006). EPA AFPI / DON EMMERT
Rang 23: Ivar Ballangrud (Norwegen), Eisschnelllauf – 4x Gold, 2x Silber,1x Bronze (1928 bis 1936).
Rang 20: Galina Kulakowa (Sowjetunion), Langlauf – 4x Gold, 2x Silber, 2x Bronze (1968 bis 1980).
Rang 20: Sven Fischer (Deutschland), Biathlon – 4x Gold, 2x Silber, 2x Bronze (1994 bis 2006). AP / MICHAEL PROBST
Rang 20: Kjetil André Aamodt (Norwegen), Ski alpin– 4x Gold, 2x Silber, 2x Bronze (1992 bis 2006). KEYSTONE / ALESSANDRO DELLA VALLE
Rang 19: Sven Kramer (Holland), Eisschnelllauf – 4x Gold, 2x Silber, 3x Bronze (2006 bis 2018). EPA/EPA / JEON HEON-KYUN
Rang 17: Emil Hegle Svendsen (Norwegen), Biathlon – 4x Gold, 3x Silber, 1x Bronze (2010 bis 2018). EPA / VALDRIN XHEMAJ
Rang 17: Rico Gross (Deutschland), Biathlon – 4x Gold, 3x Silber, 1x Bronze (1992 bis 2006).
Rang 16: Sixten Jernberg (Schweden), Langlauf – 4x Gold, 3x Silber, 2x Bronze (1956 bis 1964).
Rang 15: Raissa Smetanina (Sowjetunion/GUS), Langlauf – 4x Gold, 5x Silber, 1x Bronze (1976 bis 1992).
Rang 14: Eric Heiden (USA), Eisschnelllauf – 5x Gold (1980). KEYSTONE / ANONYMOUS
Rang 13: Bonnie Blair (USA), Eisschnellauf – 5x Gold, 1x Bronze (1988 bis 1994). AP NY / THOMAS KIENZLE
Rang 12: Thomas Alsgaard (Norwegen), Langlauf – 5x Gold, 1x Silber (1994 bis 2002). AP NY / THOMAS KIENZLE
Rang 10: Clas Thunberg (Finnland), Eisschnelllauf – 5x Gold, 1x Silber, 1x Bronze (1924 und 1928).
Rang 10: Larissa Lasutina (GUS/Russland), Langlauf – 5x Gold, 1x Silber, 1x Bronze.
Rang 9: Martin Fourcade (Frankreich), Biathlon – 5x Gold, 2x Silber (2010 bis 2018). EPA/EPA / GUILLAUME HORCAJUELO
Rang 8: Claudia Pechstein (Deutschland), Eisschnelllauf – 5x Gold, 2x Silber, 2x Bronze (1992 bis 2006). AP/AP / Peter Dejong
Rang 7: Ireen Wüst (Niederlande), Eisschnelllauf – 5x Gold, 5x Silber, 1x Bronze (2006 bis 2018). EPA/NTB SCANPIX / FREDRIK VARFJELL
Rang 6: Lidija Skoblikowa (Sowjetunion), Eisschnelllauf – 6x Gold (1960 und 1964).
Rang 5: Viktor Ahn (Südkorea, Russland), Eisschnelllauf – 6x Gold, 2x Bronze (2006 bis 2014). AP / DAVID J. PHILLIP
Rang 4: Ljubow Jegorowa (GUS, Russland), Langlauf – 6x Gold, 3x Silber (1992 und 1994)
Rang 3: Björn Dählie (Norwegen), Langlauf – 8x Gold, 4x Silber (1992 bis 1998). Bongarts / Alexander Hassenstein
Rang 2: Ole Einar Björndalen (Norwegen), Biathlon – 8x Gold, 4x Silber, 1x Bronze (1998 bis 2014). AP / LAURENT REBOURS
Rang 1: Marit Björgen (Norwegen), Langlauf – 8x Gold, 4x Silber, 3x Bronze (2006 bis 2018). AP/AP / Dmitri Lovetsky

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