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Schon wieder ärgert die Swisscom ihre Kunden mit einem automatischen Upgrade auf teurere Abos. screenshot: srf

Swisscom erhöht Abopreise um 191%: So reagieren die Kunden auf den erzwungenen Abowechsel

Marktführerin Swisscom nimmt gleich mehrere alte Handy-Abos aus dem Sortiment. Ausgerechnet treue Kunden werden automatisch auf massiv teurere Abos hochgestuft.

Publiziert: 08.10.18, 13:28 Aktualisiert: 09.10.18, 16:40

Swisscom mistet ihre alten Handy-Abos aus. Abos wie «Natel swiss liberty», «Natel basic liberty» oder «Natel liberty primo» werden nicht mehr länger angeboten, berichtete am Montag das SRF-Konsumentenmagazin «Espresso». Kunden, die davon betroffen sind, haben in den letzten Tagen Post erhalten. Darin steht, dass das alte Abo auf den 8. November automatisch durch ein anderes, teureres Abo abgelöst werde.

Die Kunden wurden also nur gut einen Monat vor dem automatischen Abowechsel informiert. Swisscom sagt, der Wechsel erfolge laufend und man informiere die Kunden mindestens 30 Tage im Voraus.

Dass alte Handy-Abos vom Markt verschwinden, ist ein normaler Vorgang und an sich kein Problem. Umstritten sind jedoch die Methoden des Marktführers: Bei den neuen Abos handelt es sich teils um Flatrate-Angebote, bei denen Gesprächsminuten und Datenvolumen inklusive sind – dafür sind sie aber auch deutlich teurer. Das Konsumentenmagazin «Espresso» schreibt:

«So kostete ein ‹Natel-basic-liberty›-Abo 12 Franken im Monat. Für das Nachfolge-Abo ‹inOne mobile light› bezahlt man jedoch monatlich 35 Franken. Beim Wechsel vom ‹Liberty-primo›-Abo zum ‹inOne mobile XS› steigt die Monatsgebühr von 29 auf 65 Franken. 

«Espresso»

Gewisse Swisscocm-Kunden zahlen also auf einen Schlag je nach Abo 191 bzw. 124 Prozent mehr. Swisscom verweist auf ihre Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB), die solche automatischen Abowechsel vorsehen.

In den Reaktionen gegenüber «Espresso» reden die Betroffenen von «Frechheit», «Unverschämtheit» und «hundslausig». Für manche der Betroffenen kann das neue Flatrate-Abo zwar günstiger sein als das alte Abo, bei denen für Anrufe und Internetnutzung separat Kosten anfielen, aber viele haben sich bewusst für ein sehr günstiges Handy-Abo entschieden, weil sie selten telefonieren oder so gut wie nie auf dem Smartphone im Netz surfen. Es gehe der Swisscom offenbar nur darum, möglichst viel Geld aus ihren langjährigen Kunden herauszupressen, sagen die Betroffenen gegenüber dem SRF.

Die Swisscom verteidigt ihr Vorgehen und schreibt: «Wir haben für den Vorschlag die bezogenen Leistungen der Kunden berücksichtigt und ihnen jeweils das nächst passende Abo vorgeschlagen. Die Gesamtkosten für Kunden sind in vielen Fällen tiefer. Aber es gibt auch Kunden, die neu etwas mehr zahlen müssen.» Und weiter: «Falls für den Kunden künftig ein aktuelles Swisscom-Abo aufgrund der niedrigen Nutzung keine Lösung mehr ist und wir ihm kein passendes Abo vorschlagen konnten, kann im persönlichen Gespräch mit unseren Mitarbeitern jederzeit eine Alternative gefunden werden.» Es sei auch möglich auf ein Prepaid-Angebot zu wechseln.

Diese Abos sind betroffen:

  • Natel swiss liberty
  • Natel basic liberty
  • Natel liberty primo
  • Natel budget min
  • Natel xtra start
  • Natel data flat

Was können Betroffene tun?

Wer mit dem automatischen Abowechsel nicht einverstanden ist, kann die Gelegenheit packen und zu einem günstigeren Anbieter wechseln. Die Konkurrenz hat sehr attraktive Abos für 19 bis 29 Franken im Angebot – teils inklusive Flatrate. Wer sein Handy aber eh nur selten nutzt, dürfte in den allermeisten Fällen mit einem Prepaid-Angebot am besten fahren.

Telekom-Experte Ralf Beyeler vom Vergleichsdienst Moneyland rät:

Automatische, vom Kunden nicht gewünschte Abo-Upgrades, haben bei den Telekom-Anbietern System. Bereits Ende August informierte Swisscom Teile ihrer Kundschaft, dass die bislang günstigsten Internet-Abos minim schneller und gleichzeitig teurer werden. Wer damit nicht einverstanden ist, muss selbst aktiv werden und sich wehren. UPC und Sunrise nutzen seit Jahren die gleichen Tricks.

Die Methoden von Swisscom und Co. haben zuletzt auch die Stiftung für Konsumentenschutz auf den Plan gerufen: «Aktuell gehen bei uns zahlreiche Protestschreiben wegen der einseitigen Vertragsänderung durch Swisscom ein. Wir haben Swisscom dazu aufgerufen, die Vertragsanpassungen zu widerrufen und künftig auf solche Opt-Out-Spielchen zu verzichten. Wir warten auf eine Antwort», schrieb die SKS Anfang September. 

Swisscom verteidigte vor einem Monat ihre einseitigen Tarifänderungen bei den Internet-Abos, für die sie zum Teil harsch kritisiert wurde. Auf die Frage, ob solche automatischen Preiserhöhungen künftig zur Strategie zählten und regelmässig erfolgten, sagte Finanzchef Mario Rossi im Interview mit der Nachrichtenagentur AWP: «Nein, sicher nicht.»

Der Kommentar des Redaktors

Die Methode von Swisscom widerspricht dem Prinzip «Der Kunde ist König», denn es gibt einen guten Grund, wieso sich Kunden für ein bestimmtes Abo entscheiden. Würden sie mehr Datenvolumen wünschen, würden sie von sich aus aktiv. Kunden ungefragt ein teureres Abo unterzujubeln ist schlicht und einfach dreist. Wer solche ungewollten Abowechsel hinnimmt, die gar nicht gebraucht werden, zahlt nach wenigen Jahren massiv mehr, als ursprünglich geplant. Konsumentenfreundlich wäre, wenn die Provider über das Ende ihres bestehenden Abos informieren und es den Kunden überlassen, ob sie das teurere Abo bestellen wollen. (Oliver Wietlisbach)

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Telefonbetrüge nehmen rasant zu

Video: srf

Die turbulente Geschichte des Schweizer Mobilfunks

«Wo biiisch!?» watson präsentiert Meilensteine der Schweizer Mobilfunk-Geschichte. KEYSTONE / MARTIN RUETSCHI
1978 geht in der Schweiz das erste öffentliche Mobilfunknetz in Betrieb: NATEL A. Das ist die Abkürzung für Nationales Autotelefon ... und wird zum Synonym für Mobiltelefon. KEYSTONE / STR
Der Begriff «Handy» setzt sich in der Schweiz erst viel später durch, weil er seit den 1960ern durch das Geschirrspülmittel der Migros belegt ist. PS: Die Romands sagen «Mobile» und die Tessiner «Telefonino».
Alleiniger Netzbetreiber ist lange Zeit der Bund, oder besser die schweizerische PTT, die Behörde für Post, Telefon und Telefax. KEYSTONE / STR
1983 lancieren die PTT mit NATEL B ein zweites zusätzliches Mobilfunknetz, um die grosse Nachfrage zu befriedigen. (Und in Zürich startet das «Nonstop»-Sexkino Cinebref) KEYSTONE / STR
1984 stellen die PTT das schnurlose Funktelefon «Radiotel» vor. Es ist für eine monatliche Gebühr von 26 Franken erhältlich, eignet sich jedoch ausschliesslich für den hausinternen Gebrauch. KEYSTONE / STR
1987 ist das Jahr, in dem der Mobilfunk technische Fortschritte macht ... KEYSTONE / STR
Im September 1987 geht in der Region Zürich das erste NATEL-C-Netz in Betrieb. Nun werden die Mobiltelefone kompakter und auch langsam günstiger. KEYSTONE / STR
1991: Mit NATEL D lancieren die PTT das erste digitale Mobilfunknetz, das zudem mit ausländischen Netzen verbunden werden kann. Das Foto zeigt ein Mobiltelefon des Schweizer Herstellers Ascom. KEYSTONE / PATRICK AVIOLAT
April 1996: SBB, UBS und Migros gründen die Newtelco AG, die 1997 – nach Einstieg von British Telecom und Tele Danmark – den Markennamen «Sunrise» lanciert. KEYSTONE
1992 bis 1998: Der Schweizer Telekommunikationsmarkt wird liberalisiert, die PTT verlieren ihr Monopol. Der Fernmeldebereich wird 1993 zur Telecom PTT und 1997 zur selbständigen Swisscom. KEYSTONE / STR
Juni 1994: Das Bundesgericht verbietet in einem Grundsatzurteil das Telefonieren während dem Autofahren. Wer von der Polizei erwischt wird, bezahlt 40 Franken. Per September 1996 wird die Busse auf 100 Franken erhöht. APA FILES / GEORGES SCHNEIDER
1997: Miss-World-Finalistin Tanja Gutmann posiert am Strand mit Handy und die «Sonntagszeitung» bringt einen der ersten kritischen Artikel zum Thema Roaming-Gebühren. Titel: «Tarif-Chaos im weltweiten Handy-Netz». Die Swisscom versucht zu beschwichtigen. AP / ADIL BRADLOW
1998: Der Mobilfunk boomt, in der Schweiz gibt es 1,3 Millionen Handy-Besitzer. KEYSTONE / MARTIN RUETSCHI
April 1998: Der Bund vergibt die zwei neuen Mobilfunklizenzen an die Unternehmen Diax und Orange Communications. Die drei Mitbewerber Sunrise, Fortel SA und Unlimitel gehen leer aus. KEYSTONE / MARTIN RUETSCHI
August 1998: Obwohl sich die Mehrheit der Bündner Jäger für die Zulassung von Mobiltelefonen auf der Jagd ausgesprochen hat, lehnt die Kantonsregierung das Begehren ab. KEYSTONE / ARNO BALZARINI
Dezember 1998: Das Swisscom-Monopol fällt. An Heiligabend schaltet Diax sein Mobilfunknetz auf, das allerdings nur Teile der Schweiz abdeckt. Bild: Hans Rudolf Wittmer, Diax-Chef. KEYSTONE / MARTIN RUETSCHI
1999: Natel-Antennen sorgen vermehrt wegen Gesundheitsrisiken und Klagen von Anwohnern für Schlagzeilen. Die Fachleute sind sich uneins, was die Auswirkungen des Elektrosmogs betrifft, und die Strahlungs-Grenzwerte sind umstritten. KEYSTONE / MICHELE LIMINA
Februar 2000: Die EU-Kommission nimmt die Roaming-Tarife der europäischen Mobilfunk-Anbieter ins Visier. Die Preisunterschiede bei internationalen Anrufen mit und ohne Roaming betragen laut Untersuchungen bis zu 500 Prozent. AP / EDGAR R.SCHOEPAL
2001: Die Schweizer Telekom-Firmen Diax und Sunrise fusionieren, der Markenname «diAx» verschwindet. KEYSTONE / STEFFEN SCHMIDT
2002: Sunrise lanciert das Multimedia Messaging-System MMS. Und über die Weihnachtstage werden mehrere Millionen von SMS-Botschaften verschickt, so viel wie noch nie. KEYSTONE / WALTER BIERI
Ende 2012: Die Swisscom lanciert als erster Schweizer Provider ein LTE-Netz, das ist praktisch der Schweizer Startschuss ins 4G-Zeitalter. KEYSTONE / GAETAN BALLY
2015: Orange (Schweiz) ändert den Namen und heisst neu Salt. KEYSTONE / ENNIO LEANZA
Juni 2017: In der EU werden die Roaming-Gebühren abgeschafft. AP/AP / Francois Mori
Schweizer Mobilfunkanbieter dürfen von ihren Kunden weiterhin happige Zuschläge verlangen, wenn diese im Ausland telefonieren und mobil surfen – das Parlament sträubt sich bislang gegen eine Einschränkung. KEYSTONE / CHRISTIAN BEUTLER
Die Parlamentarier dürfen im Ausland täglich pauschal 50 Franken fürs Roaming abrechnen – unabhängig davon, ob sie diesen Betrag effektiv benötigen. KEYSTONE / CHRISTIAN BEUTLER
April 2019: Swisscom gibt die Inbetriebnahme des ersten 5G-Netzes in der Schweiz bekannt – in vorerst 54 Ortschaften, darunter Chur, Davos, Genf, Lausanne und Zürich. Gleichzeitig nimmt der politische Widerstand gegen den Bau neuer Antennen in einzelnen Kantonen zu. KEYSTONE / MARTIAL TREZZINI
April 2019: Während die Provider den neuen Mobilfunk-Standard propagieren, legt der Jura den Antennenbau auf Eis: Und auch die Kantonsregierungen von Genf und Waadt haben wegen Gesundheitsbedenken ein provisorisches 5G-Moratorium beschlossen. KEYSTONE / PETER KLAUNZER
März 2020: Die Swisscom stellt dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) Standortdaten aus ihrem Mobilfunknetz zur Verfügung, um die Mobilität der Bevölkerung in der Corona-Krise zu überwachen. Bild: Ein geschlossener Spielplatz auf einer Autobahn-Raststätte in Maienfeld GR. KEYSTONE / GIAN EHRENZELLER
November 2020: Die Schweizer Teleko-Anbieter UPC und Sunrise sind keine Konkurrenten mehr, sondern Tochterunternehmen der Muttergesellschaft Liberty Global. Erklärtes Ziel ist es, der Marktführerin Swisscom beim ultraschnellen Internet (Glasfaser und 5G-Mobilfunk) Kundinnen und Kunden abzujagen. KEYSTONE / PETER KLAUNZER
2021: Das 2G-Netz von Swisscom wird Anfang Jahr endgültig abgeschaltet. Seit diesem Zeitpunkt kann kein Gerät mehr darauf zugreifen. Im Bild: Urs Schaeppi, CEO von Swisscom. KEYSTONE / ENNIO LEANZA

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