Aktuelle Themen:

Bild: Martin Meienberger/freshfocus

«Babbel raus»-Rufe nach Cup-Pleite gegen Lugano: Wie lange kann sich der Deutsche noch halten?

Bis vor Jahresfrist war die Welt rund um die swissporarena in Ordnung. Zwei Monate später steckt der FC Luzern in der Krise. Die Befreiung mit dem Einzug in den Cupfinal ist missglückt. Schafft Markus Babbel noch die Wende mit dem FCL?

Publiziert: 03.03.16, 18:02 Aktualisiert: 04.03.16, 07:24
Janick Wetterwald

Der Tag nach dem Ausscheiden im Cuphalbfinal zuhause gegen den FC Lugano ist beim FC Luzern kein normaler Tag. Auf dem Tagesplan stand ab 11 Uhr ein Auslaufen – stattdessen aber sitzen Team und Staff hinter verschlossenen Gardinen zusammen um die aktuelle Situation zu diskutieren, wie die «Neue Luzerner Zeitung» berichtet. Zu diskutieren gibt es genügend. Im Jahr 2016 ging es bisher alles andere als ruhig zu und her:

  • Entlassung von Sportchef Rolf Fringer
  • Entlassung von Co-Trainer Roland Vrabec
  • 5 Spiele / 5 Niederlagen (inkl. Niederlage im Cuphalbfinal)
  • Ein Torverhältnis von 3:11 Toren
  • In der Super League Tabelle vom 4 auf den 7 Platz abgerutscht 

Nach dem Ausscheiden im Cup wird es den Fans zu viel. Zuerst werden die Spieler vor der Fankurve ins Kreuzverhör genommen. Etwas später lassen einige FCL-Anhänger ihre Wut während der Pressekonferenz freien Lauf. Ihre Forderung vor dem Mediencenter lautet: «Babbel raus.»

Dieser reagiert darauf angesprochen an der Medienkonferenz nach dem Spiel so:

Markus Babbels Reaktion auf die «Babbel raus»-Rufe.
streamable

Hausgemachtes Dilemma

Alles begann mit der Entlassung von Rolf Fringer Anfang Januar. Die offizielle Begründung seitens des Vereins war damals «unterschiedliche Auffassungen über die künftige strategische Ausrichtung des Clubs. In einer gemeinsamen Vereinbarung wurde festgelegt, dass keine weiteren Auskünfte und Stellungnahmen zur Vertragsauflösung bekannt gegeben werden». Dieser «Waffenstillstand» hielt jedoch nicht sehr lange. Fringer war gefrustet und meldete sich bei «zentral+» zu Wort: 

«Das Ganze ist ein Witz! Weil Roland Vrabec diesen Sommer den FCL verlassen wollte (Anmerkung der Redaktion: Vrabec verlässt den FCL nun definitiv im Sommer), wollte ich ihn zum Cheftrainer machen. Am derzeitigen Erfolg der Mannschaft war er zu etwa 80 Prozent beteiligt. Die ganze Mannschaft hält viel von ihm. Das wäre Kontinuität gewesen. Nur weil ich mich dafür eingesetzt habe, wurde ich von Präsident Stäger ohne Vorwarnung abserviert. Nur das ist die Wahrheit! Es ist ein absoluter Skandal.»

Im Dezember 2014 präsentierte Ruedi Stäger (l.) seinen neuen Sportchef Rolf Fringer – etwas mehr als ein Jahr später nahm die Zusammenarbeit ein unrühmliches Ende.
Bild: Martin Meienberger

Nach diesem «Skandal» kehrte zwischenzeitlich etwas Ruhe ein. Nach den Abgängen der beiden Leistungsträger Dario Lezcano und Remo Freuler versuchte der Verein mit den erworbenen finanziellen Mitteln diese Lücken zu füllen. Mit den Neuzugängen von Markus Neumayr, Christian Schneuwly und Michael Frey wurden grundsätzlich adäquate Verstärkungen gefunden – eine Ungewissheit blieb aber. Nach fünf Spielen lässt sich sagen: Die Neuen haben ihren Platz in der Mannschaft noch nicht gefunden und hinken mit den Leistungen hintennach. 

Jubeln seit 2016 nicht mehr für Luzern: Dario Lezcano (l.) und Remo Freuler.
Bild: KEYSTONE

Zudem fragten sich wohl einige, wie das noch funktionieren soll mit dem bis dahin so erfolgreichen deutschen Trainergespann Babbel/Vrabec. Der Assistent will Chef werden, doch der Chefplatz ist besetzt – ein Dilemma. Speziell an der ganzen Sache: Roland Vrabec kam im Januar 2015 auf Wunsch von Markus Babbel nach Luzern.

Die Zusammenarbeit sollte nur etwas mehr als ein Jahr dauern. Ende Februar kam es nach drei Niederlagen zu Beginn der Rückrunde zum Knall. Vrabec wurde freigestellt und wenige Tage später mit Patrick Rahmen sein Nachfolger präsentiert. Die Begründung zur vorzeitigen Trennung: «Das Vertrauensverhältnis zwischen Roland Vrabec und Cheftrainer Markus Babbel ist für eine erfolgreiche Zusammenarbeit nicht mehr gegeben.»

Diese Entscheidung von Präsident Stäger vorauszusehen war spätestens nach der Vertragsverlängerung mit Markus Babbel keine grosse Kunst mehr. Mit einer Verlängerung über zwei weitere Jahre bis im Sommer 2018 hat der FCL-Boss wenige Tage vor dem Rausschmiss von Vrabec seinem Cheftrainer den Rücken gestärkt. 

«Ich werde mich sicher einmal äussern, wieso es mit Roland Vrabec nicht geklappt hat. Jetzt wäre aber der falsche Zeitpunkt.»

Markus Babbel an der Medienkonferenz vom 26. Februar 2016

Aus dem Sumpf zurück ins Elend

Jetzt haben sie beim FCL die Krise. Seit der Ankunft von Markus Babbel in der Innerschweiz im Herbst 2014 und später auch jener von Roland Vrabec im Januar 2015 ging es stets aufwärts. Das Duo führte die Luzerner in der Rückrunde 2015 aus dem Abstiegssumpf und verpasste die Europa-League-Qualifikation nur knapp. In der Vorrunde wurde dieser Weg beständig fortgesetzt und zur Winterpause herrschte gute Stimmung. Der 4. Platz in der Tabelle und nur zwei Siege vom Cuptitel entfernt – diese Bilanz liess aufhorchen. 

Von aussen hatte man das Gefühl, dass etwas heranwächst. Es schien, als ob das Trainergespann Babbel/Vrabec funktionierte. Schon bald nach der Ankunft von Co-Trainer Vrabec war die Aufgabenverteilung klar: Der Chef beobachtet während der täglichen Arbeit viel und übernimmt die Arbeit mit den Medien – Babbel war nach aussen das Gesicht der Mannschaft. Der Assistent dirigierte, schrie herum und leitete so die Trainingseinheiten. Er war der Mann für die ruhige Arbeit im Hintergrund.

Co-Trainer Roland Vrabec hielt Markus Babbel den Rücken frei – bis der Assistent selber Chef sein wollte. 
bild: freshfocus

Schnell einmal hat jeder begriffen, dass die Mannschaft auf dem Platz das Gesicht von Vrabec hat. Auch Rolf Fringer hat das gemerkt und wollte Vrabec als Cheftrainer. Man mag über Fringer sagen, dass er wenig Einfluss hatte auf die Transfers während seiner Amtszeit als Sportchef beim FC Luzern. Oder, dass er es nicht geschafft hat, die jungen Talente längerfristig an den Verein zu binden, um stattdessen alt bekannte Spieler wie Tomislav Puljic oder Cristian Ianu zurück ins Boot zu holen. Aber mit der Beförderung von Roland Vrabec auf den Stuhl des Cheftrainers hätte er (wohl) eine gute Entscheidung getroffen. 

Wie soll es weiter gehen beim FC Luzern?
Leider hat was nicht geklappt. Bitte versuche es später nochmals.

Ursprünglich wollte der Verein mehr Kontinuität. Weg vom Harakiri-Verein zu einem soliden Ausbildungsklub der sich souverän in der oberen Tabellenhälfte behauptet. Bis jetzt ist es vielmehr eine Berg- und Talfahrt geprägt von vielen Schlaglöchern.

Wohin führt der Weg?

«Was wäre, wenn» bringt nichts. Fringer und Vrabec sind weg – die Krise ist da. Immerhin stellt sich der Trainer der aufkommenden Kritik an seiner Arbeit. Was bleibt ihm auch anderes übrig. Seine Mannschaft hingegen nimmt er aus dem Schussfeld und appelliert an den bekannten Durchhaltewillen:

2. Mä">
2. Mä">

Die spannende Frage beim FC Luzern ist nun: Wie geht es weiter? Drei Szenarien sind möglich: 

  • Babbel schafft das Wunder und der FCL qualifiziert sich für die Europa League.
  • Babbel stabilisiert Luzern, der Abstieg kann mehr oder weniger mühelos abgewendet werden.
  • Babbel stürzt den Verein noch tiefer ins Elend. Er wird entlassen oder steigt mit dem Team ab.

In welche Zukunft blickt der FC Luzern?
Bild: freshfocus

Die nächsten Spiele werden nun also zeigen, ob der Trainer Markus Babbel fähig ist, den FCL aus der Krise zu führen. Bis dahin wird die Unruhe in der swissporarena die Spieler begleiten. Nur der Präsident will nichts von Unruhe wissen. Nach vier Niederlagen in Serie und vor dem kapitalen Cuphalbfinal liess sich Ruedi Stäger in der «sportlounge» wie folgt zitieren: «Es herrscht Ruhe im Klub.»

Ob diese Ruhe nach der Niederlage im Cup bereits Geschichte ist oder wie lange sie noch anhält – das weiss höchstens der Präsident selber. Den Abstieg würde wohl, trotz Vertragsverlängerung, auch die Zündschnur von Markus Babbel nicht überleben. Sagen will Ruedi Stäger am Tag nach der fünften Pleite in Serie nichts. Wie der «Blick» schreibt, hat Medienchef Max Fischer vertröstet: «Ruedi Stäger will momentan nichts sagen. Er hat ja gestern nicht gespielt.» Ob er das mit «Ruhe» gemeint hat? 

Die 11 überraschendsten Fussball-Meister

Leicester City, 2015/2016: Die wohl grösste Sportsensation aller Zeiten. Leicester – vor der Saison mit einer Meisterquote von 5000:1 (gleiche Quote wie dass der heisseste Tag des Jahres auf Weihnachten fällt) – wird englischer Meister. Riyad Mahrez und Jamie Vardy sind die grossen Figuren beim Märchen, Gökhan Inler spielt als Tribünengast eine Nebenrolle. Drei Runden vor Schluss ist der Titel gesichert. Unfassbar. X01095 / Craig Brough
Nottingham Forest, 1977/78: Mit dem legendären Trainer Brian Clough düpieren die «Tricky Trees» den damaligen Serienmeister Liverpool. Dank nur drei Niederlagen in 42 Spielen distanzieren sie die «Reds» um sieben Punkte auf Rang zwei. AP PA
Hellas Verona, 1984/85: Juventus mit dem grossen Spielmacher Platini dominiert den italienischen Fussball. Inter Mailand hat Rummenigge. Und Hellas Verona? Unter Trainer Osvaldo Bagnoli besteht Verona mit bescheidenen Mitteln gegen die illustre Konkurrenz und holt den bislang einzigen «Scudetto». (Bild: Wikipedia) wikipedia
Nantes, 1994/95: Mit einer blutjungen Mannschaft gewinnen «les canaris», die Kanarienvögel, die Meisterschaft mit elf Punkten Vorsprung auf Lyon. Unter anderem sind die späteren Weltstars Christian Karembeu (damals 23-jährig) und Claude Makelele (damals 21-jährig) im Kader. (Bild: lequipe.fr) lequipe.fr
Wladikawkas, 1994/95: Mit Spartak-Alanija aus der Stadt Wladikawkas im Nordkaukasus rechnete Mitte der Neunziger in Russland niemand. Doch den Ossetiern gelang es als erste nicht aus Moskau stammende Mannschaft, die russische Premier League zu gewinnen. Sie wurden Meister mit sechs Punkten Vorsprung auf Lok Moskau. In der Tabelle folgend die weiteren Hauptstadtklubs: Spartak, Dynamo, Torpedo und ZSKA.
Kaiserslautern, 1997/98: Zum ersten und bisher einzigen Mal wird ein Bundesliga-Aufsteiger Meister. Im Mittelfeld ziehen Ciriaco Sforza und der 20-jährige Michael Ballack die Fäden. Vorne sorgen Flügel Ratinho und Knipser Olaf Marschall für Gefahr. «So etwas wird es nie wieder geben», sagt Trainer Otto Rehhagel. MICHAEL PROBST
Aarau, 1992/93: Aus Prügelknaben werden Himmelstürmer. Die Saison zuvor fast abgestiegen, spielt die Truppe von Trainer Rolf Fringer unbekümmert, variantenreich und mit aggressivem Pressing. Hinten ist Goalie Andreas Hilfiker eine Bank. Verteidiger Roberto Di Matteo, Mittelfeldspieler Ryszard Komornicki und Stürmer Petar Aleksandrov bilden eine starke Achse. KEYSTONE / WALTER BIERI
Montpellier, 2011/12: Die Südfranzosen verfügen nur über das 13.-höchste Budget. Nicht Stars kaufen, sondern Stars machen, ist das Motto. So geht in der Saison 2011/12 etwa der Stern von Olivier Giroud auf, der mit 21 Toren am bislang einzigen Meistertitel beteiligt ist. EPA / GUILLAUME HORCAJUELO
St.Gallen, 1999/2000: Der FCSG startet als klarer Abstiegskandidat in die Saison, überwintert jedoch sensationell als Tabellenführer. Die Finalrunde lancieren die «Espen» mit einem denkwürdigen 4:4 gegen GC, bei dem Charles Amoah in letzter Sekunde den Ausgleich erzielt. Es ist die Initialzündung zum zweiten Meistertitel nach 1904. KEYSTONE / WALTER BIERI
Atlético Madrid, 2013/14: Nach 18 Jahren Unterbruch gewinnen «los colchoneros» wieder die Liga. Bemerkenswert: Erstmals seit zehn Jahren heisst der spanische Meister nicht Real Madrid oder Barcelona. AP / ANDRES KUDACKI
Alkmaar, 2008/09: Als «sein kleines Meisterstück» bezeichnet Louis van Gaal den unerwarteten Titel mit AZ. Die Spielzeit 2008/09 beendet Alkmaar mit elf Punkten Vorsprung auf das zweitplatzierte Twente. EPA / MARCEL ANTONISSE
Wolfsburg, 2008/2009: Zwei Jahre zuvor wird Trainer Felix Magath bei den Bayern trotz Meistertitel vom Hof gejagt, der Coup mit Wolfsburg deshalb umso süsser. «Vielleicht haben wir nicht die beste Mannschaft, aber wir haben am besten gespielt», erklärt Magath das einfache Erfolgsrezept. EPA / MARCUS BRANDT
Deportivo La Coruña, 1999/2000: «Super Depor», ein Fussballmärchen, das dem Geldhahn von Präsident Augusto César Leondoiro entspringt. Trotzdem ist Deportivos Titel eine faustdicke Überraschung. Mit Spielern wie Roy Makaay (26 Saisontore), Pauleta, Walter Pandiani und Flavio Conceicao übertölpeln die Galicier das grosse Real Madrid. AP / DELMI ALVAREZ

Hands oder nicht? Jetzt bist du der Schiedsrichter!

Mach das Beste aus der Hitze und zeig im heissen Sportquiz, dass du on fire bist!

Wer war der häufigste Mitspieler in der Karriere von …?

Was weisst du über die Sponsoren der Premier-League-Klubs?

Das könnte dich auch interessieren:

Wie ich nach 3 Stunden Möbelhaus von Wolke 7 plumpste

Die Fallzahlen steigen wieder leicht an – so sieht's in deinem Kanton aus

Der Mann, der es wagt, Trump zu widersprechen

Magic Johnson vs. Larry Bird – ein College-Final als Beginn einer grossen Sportrivalität

4 Gründe, weshalb die Corona-Zahlen des BAG wenig mit der Realität zu tun haben