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Bis vor Jahresfrist war die Welt rund um die swissporarena in Ordnung. Zwei Monate später steckt der FC Luzern in der Krise. Die Befreiung mit dem Einzug in den Cupfinal ist missglückt. Schafft Markus Babbel noch die Wende mit dem FCL?
Der Tag nach dem Ausscheiden im Cuphalbfinal zuhause gegen den FC Lugano ist beim FC Luzern kein normaler Tag. Auf dem Tagesplan stand ab 11 Uhr ein Auslaufen – stattdessen aber sitzen Team und Staff hinter verschlossenen Gardinen zusammen um die aktuelle Situation zu diskutieren, wie die «Neue Luzerner Zeitung» berichtet. Zu diskutieren gibt es genügend. Im Jahr 2016 ging es bisher alles andere als ruhig zu und her:
Nach dem Ausscheiden im Cup wird es den Fans zu viel. Zuerst werden die Spieler vor der Fankurve ins Kreuzverhör genommen. Etwas später lassen einige FCL-Anhänger ihre Wut während der Pressekonferenz freien Lauf. Ihre Forderung vor dem Mediencenter lautet: «Babbel raus.»
Dieser reagiert darauf angesprochen an der Medienkonferenz nach dem Spiel so:
Markus Babbels Reaktion auf die «Babbel raus»-Rufe.
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Alles begann mit der Entlassung von Rolf Fringer Anfang Januar. Die offizielle Begründung seitens des Vereins war damals «unterschiedliche Auffassungen über die künftige strategische Ausrichtung des Clubs. In einer gemeinsamen Vereinbarung wurde festgelegt, dass keine weiteren Auskünfte und Stellungnahmen zur Vertragsauflösung bekannt gegeben werden». Dieser «Waffenstillstand» hielt jedoch nicht sehr lange. Fringer war gefrustet und meldete sich bei «zentral+» zu Wort:
Im Dezember 2014 präsentierte Ruedi Stäger (l.) seinen neuen Sportchef Rolf Fringer – etwas mehr als ein Jahr später nahm die Zusammenarbeit ein unrühmliches Ende.
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Nach diesem «Skandal» kehrte zwischenzeitlich etwas Ruhe ein. Nach den Abgängen der beiden Leistungsträger Dario Lezcano und Remo Freuler versuchte der Verein mit den erworbenen finanziellen Mitteln diese Lücken zu füllen. Mit den Neuzugängen von Markus Neumayr, Christian Schneuwly und Michael Frey wurden grundsätzlich adäquate Verstärkungen gefunden – eine Ungewissheit blieb aber. Nach fünf Spielen lässt sich sagen: Die Neuen haben ihren Platz in der Mannschaft noch nicht gefunden und hinken mit den Leistungen hintennach.
Jubeln seit 2016 nicht mehr für Luzern: Dario Lezcano (l.) und Remo Freuler.
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Zudem fragten sich wohl einige, wie das noch funktionieren soll mit dem bis dahin so erfolgreichen deutschen Trainergespann Babbel/Vrabec. Der Assistent will Chef werden, doch der Chefplatz ist besetzt – ein Dilemma. Speziell an der ganzen Sache: Roland Vrabec kam im Januar 2015 auf Wunsch von Markus Babbel nach Luzern.
Die Zusammenarbeit sollte nur etwas mehr als ein Jahr dauern. Ende Februar kam es nach drei Niederlagen zu Beginn der Rückrunde zum Knall. Vrabec wurde freigestellt und wenige Tage später mit Patrick Rahmen sein Nachfolger präsentiert. Die Begründung zur vorzeitigen Trennung: «Das Vertrauensverhältnis zwischen Roland Vrabec und Cheftrainer Markus Babbel ist für eine erfolgreiche Zusammenarbeit nicht mehr gegeben.»
Diese Entscheidung von Präsident Stäger vorauszusehen war spätestens nach der Vertragsverlängerung mit Markus Babbel keine grosse Kunst mehr. Mit einer Verlängerung über zwei weitere Jahre bis im Sommer 2018 hat der FCL-Boss wenige Tage vor dem Rausschmiss von Vrabec seinem Cheftrainer den Rücken gestärkt.
Markus Babbel an der Medienkonferenz vom 26. Februar 2016
Jetzt haben sie beim FCL die Krise. Seit der Ankunft von Markus Babbel in der Innerschweiz im Herbst 2014 und später auch jener von Roland Vrabec im Januar 2015 ging es stets aufwärts. Das Duo führte die Luzerner in der Rückrunde 2015 aus dem Abstiegssumpf und verpasste die Europa-League-Qualifikation nur knapp. In der Vorrunde wurde dieser Weg beständig fortgesetzt und zur Winterpause herrschte gute Stimmung. Der 4. Platz in der Tabelle und nur zwei Siege vom Cuptitel entfernt – diese Bilanz liess aufhorchen.
Von aussen hatte man das Gefühl, dass etwas heranwächst. Es schien, als ob das Trainergespann Babbel/Vrabec funktionierte. Schon bald nach der Ankunft von Co-Trainer Vrabec war die Aufgabenverteilung klar: Der Chef beobachtet während der täglichen Arbeit viel und übernimmt die Arbeit mit den Medien – Babbel war nach aussen das Gesicht der Mannschaft. Der Assistent dirigierte, schrie herum und leitete so die Trainingseinheiten. Er war der Mann für die ruhige Arbeit im Hintergrund.
Co-Trainer Roland Vrabec hielt Markus Babbel den Rücken frei – bis der Assistent selber Chef sein wollte.
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Schnell einmal hat jeder begriffen, dass die Mannschaft auf dem Platz das Gesicht von Vrabec hat. Auch Rolf Fringer hat das gemerkt und wollte Vrabec als Cheftrainer. Man mag über Fringer sagen, dass er wenig Einfluss hatte auf die Transfers während seiner Amtszeit als Sportchef beim FC Luzern. Oder, dass er es nicht geschafft hat, die jungen Talente längerfristig an den Verein zu binden, um stattdessen alt bekannte Spieler wie Tomislav Puljic oder Cristian Ianu zurück ins Boot zu holen. Aber mit der Beförderung von Roland Vrabec auf den Stuhl des Cheftrainers hätte er (wohl) eine gute Entscheidung getroffen.
Ursprünglich wollte der Verein mehr Kontinuität. Weg vom Harakiri-Verein zu einem soliden Ausbildungsklub der sich souverän in der oberen Tabellenhälfte behauptet. Bis jetzt ist es vielmehr eine Berg- und Talfahrt geprägt von vielen Schlaglöchern.
«Was wäre, wenn» bringt nichts. Fringer und Vrabec sind weg – die Krise ist da. Immerhin stellt sich der Trainer der aufkommenden Kritik an seiner Arbeit. Was bleibt ihm auch anderes übrig. Seine Mannschaft hingegen nimmt er aus dem Schussfeld und appelliert an den bekannten Durchhaltewillen:
Die spannende Frage beim FC Luzern ist nun: Wie geht es weiter? Drei Szenarien sind möglich:
In welche Zukunft blickt der FC Luzern?
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Die nächsten Spiele werden nun also zeigen, ob der Trainer Markus Babbel fähig ist, den FCL aus der Krise zu führen. Bis dahin wird die Unruhe in der swissporarena die Spieler begleiten. Nur der Präsident will nichts von Unruhe wissen. Nach vier Niederlagen in Serie und vor dem kapitalen Cuphalbfinal liess sich Ruedi Stäger in der «sportlounge» wie folgt zitieren: «Es herrscht Ruhe im Klub.»
Ob diese Ruhe nach der Niederlage im Cup bereits Geschichte ist oder wie lange sie noch anhält – das weiss höchstens der Präsident selber. Den Abstieg würde wohl, trotz Vertragsverlängerung, auch die Zündschnur von Markus Babbel nicht überleben. Sagen will Ruedi Stäger am Tag nach der fünften Pleite in Serie nichts. Wie der «Blick» schreibt, hat Medienchef Max Fischer vertröstet: «Ruedi Stäger will momentan nichts sagen. Er hat ja gestern nicht gespielt.» Ob er das mit «Ruhe» gemeint hat?