wechselnd bewölkt
DE | FR
Blogs
FragFrauFreitag

Kafi, wie kann ich gleichzeitig Pazifistin sein und Wikingersagas lieben?

Der Mensch ist vielschichtig wie eine Artischocke.
Der Mensch ist vielschichtig wie eine Artischocke.kafi freitag
FragFrauFreitag

Kafi, wie kann ich gleichzeitig Pazifistin sein und Wikingersagas lieben?

Holla Kafi! Ich brauch da mal 'ne drängende Antwort von dir: Mein grosses weibliches Idol der Weltgeschichte ist die gute Freifrau Bertha von Suttner. Eine ünerschütterliche Pazifistin und Friedenskämpferin. Gleichzeitig verliere ich mich total in der Erfolgsserie VIKINGS – eine Saga über blutrünstige Wikinger, die alles und jeden abschlachten, die sich Ihnen in den Weg stellen. Ich wär so gern eine Schildmaid. Wie passt das zusammen? Beste Grüße Benita, 28
08.06.2017, 12:0208.06.2017, 12:25
Kafi Freitag
Folge mir
Mehr «Blogs»

Liebe Benita

Danke für diese grandiose Frage. Sie zeigt auf wunderbar plakative Art und Weise, wie es wirklich läuft. Wir Menschen haben das Gefühl, dass wir einzig und allein unser Verstand sind. Aber dem ist halt eben nicht so. Wir können uns noch so sehr intellektuell weiterentwickeln und wir können uns dem Kampf für neue (und absolut richtige!) Weltbilder verschreiben, es ändert nichts daran, dass wir auch noch den Neandertaler und seine Instinkte in uns tragen. Das geht uns allen Menschen so, liebe Benita. Aber die wenigsten sind ehrlich und mutig genug, es zuzugeben. Im Gegenteil. Wann immer ich darüber schreibe, dass wir trotz allem unterbewusst noch alten Mustern folgen, werde ich dafür gefedert und geteert. Man schlägt mir dann die angebliche Tatsache, dass wir uns weiterentwickelt haben und nicht mehr Opfer sind unserer uralten Instinkte um die Ohren, aber ich weiss, dass hier mehr der Wunsch Vater des Gedanken ist. Wir sind die Summe all unserer Ahnen und da gehören nun mal keulenschwingende Berserker dazu, auch wenn wir heute nicht mehr mit sichtbaren Keulen rumlaufen.

In jeder Frau stecken gleichzeitig eine furchtbar reaktionäre Hausfrau aus den 50ern und eine wild entschlossene Kämpferin für den Feminismus.
FragFrauFreitag
AbonnierenAbonnieren

In Ihnen stecken also eine Pazifistin und eine Schildmaid. Das ist doch prima so. Ich bin überzeugt, dass in Ihnen auch noch eine unabhängige Feministin und eine Frau, die gerne von einem Mann umsorgt würde, steckt. Wir alle tragen diese offensichtlichen Widersprüche mit uns spazieren und wir alle tun uns schwer damit, diese auszuhalten. Aber darum sind sie nicht weniger wahr und ein Teil von uns.

Der Kampf um die Gleichstellung von Mann und Frau dauert nur darum schon so lange an, weil wir alle einen inneren Kampf auszufechten haben. Erst wenn wir begriffen haben und ehrlich dazu stehen können, dass es hier kein Schwarz und kein Weiss gibt, dann können wir uns wirklich weiterentwickeln und an einer tatsächlichen Gleichstellung arbeiten. Erst wenn wir Frauen bereit sind zuzugeben, dass wir gleichzeitig gern unabhängig und umsorgt wären und erst wenn Männer zugeben können, dass sie sich wünschen würden, entlastet zu werden aber gleichzeitig gern die Rolle des Ernährers haben, kommen wir wirklich weiter.

In jeder Frau stecken gleichzeitig eine furchtbar reaktionäre Hausfrau aus den 50ern und eine wild entschlossene Kämpferin für den Feminismus. Und in jedem Mann ein keulenschwingender Neandertaler, der dafür sorgen muss, dass er möglichst viele Nachkommen zeugt und ein treusorgender Vater und Partner.

Wir Frauen haben alle ein Prinzessli-Gen in uns und wollen uns trotzdem zu selbstständigen Wesen weiterentwickeln. Und obwohl Männer einmal die Aufgabe hatten, alles zu schwängern, was nicht bei 3 auf den Bäumen ist, sind sie heute trotzdem fähig, einer Partnerin treu zu sein. Und die Männer vom SRF können aufrichtig meinen, dass sie mehr Frauen in den Sendungen haben möchten und gleichzeitig verhindern, dass es passiert. Unser weiterentwickelter Verstand befähigt uns, unsere niederen Triebe und Instinkte im Griff zu haben. Trotzdem werden wir immer wieder mit ihnen konfrontiert.

Wir alle wünschen uns eine Welt ohne Krieg, im Prinzip sind wir alle Pazifisten. Und trotzdem kommen wir nicht darum, im Kleinkrieg mit unseren Nachbarn zu stehen und auf Facebook zu gifteln. Und der Holocaust ist kein Phänomen, dass sich nie mehr wiederholen kann. Wir tragen das Gute und das Böse in uns und es ist eine tägliche Entscheidung, was wir betonen wollen.

Was Sie erleben und spüren, ist also ganz normal. Und ich bin sicher, dass auch die liebe Bertha sich mit viel Genuss Wikingesagas reingezogen und sich dabei vorgestellt hätte, dass sie eine Schildmaid wäre. Akzeptieren Sie diesem Spagat und Sie werden sehen, dass Ihr Leben viel entspannter und vielseitiger wird.

Von Herzen, Ihre Kafi

Kafi Freitag - Das Buch

Die 222 besten Fragen und Antworten in einem schön gestalteten und aufwendig hergestellten Geschenkband.

www.fragfraufreitag.ch
www.salisverlag.com

Fragen an Frau Freitag? ​
Hier stellen!

Kafi Freitag (41!) beantwortet auf ihrem Blog Frag Frau Freitag Alltagsfragen ihrer Leserschaft. Daneben ist sie Mitbegründerin einer neuen Plattform für Frauen: Tribute.

Im analogen Leben führt sie eine Praxis für prozessorientiertes Coaching (Freitag Coaching) und fotografiert leidenschaftlich gern. Sie lebt mit ihrem 12-jährigen Sohn in Zürich.

Haben Sie Artikel von FRAG FRAU FREITAG verpasst?
Sälber tschuld! Hier nachlesen!
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Das könnte dich auch noch interessieren:
21 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Safster
08.06.2017 12:13registriert März 2015
Hey Kafi, wieso haben die uns in der Schule eigentlich nicht mehr über Wikinger beigebracht?
303
Melden
Zum Kommentar
avatar
oldman
08.06.2017 16:33registriert Oktober 2015
Ich sollte Kafi wirklich auch einmal loben, was ich hiermit tue. Diese Antwort ist gut.
277
Melden
Zum Kommentar
21
Gott lebt auch in 500 Jahren noch – zumindest in unseren Köpfen
Erstmals gibt es in der Schweiz mehr Religionslose als Katholiken. Was passiert, wenn die Säkularisierung weiter fortschreitet?

Eine Studie zur Entwicklung der Glaubensgemeinschaften in der Schweiz machte in diesen Tagen Schlagzeilen, weil erstmals Atheisten und Religionslose an der Spitze des Rankings auftauchten. Damit haben Menschen ohne Religionszugehörigkeit die Katholiken überholt.

Zur Story