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FragFrauFreitag

Ich, (35) bin Invalidenrentner und werde gedemütigt.

Wie Sie über mich denken, sagt viel darüber aus, wie Sie über sich selber denken. 
Wie Sie über mich denken, sagt viel darüber aus, wie Sie über sich selber denken. kafi freitag
FragFrauFreitag

Ich, (35) bin Invalidenrentner und werde gedemütigt. 

Liebe Kafi,
Ich bin Invalidenrentner, dem man seine Behinderung nicht ansieht. An meinem letzten Wohnort hätte man mich am liebsten mit Fackeln und Heugabeln vertrieben, ich konnte keinen Schritt auf die Strasse tun, ohne mir einen dummen Spruch anzuhören. Am jetzigen Wohnort wurde ich gut aufgenommen, der Beruf war nie ein Thema. Wie verhält man sich bei Fragen diesbezüglich? Ich lüge äusserst ungerne, aber ich leide unter meiner Erwerbsunfähigkeit und möchte nicht noch dafür gedemütigt werden. Beni, 35
07.01.2017, 14:5407.01.2017, 15:10
Kafi Freitag
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Lieber Beni

Es tut mir furchtbar leid zu lesen, was Sie alles erleben mussten wegen Ihrer Erwerbsunfähigkeit. Ich kann sehr gut nachfühlen, dass es nicht einfach ist, wenn man als so junger Mensch bereits Invalidenrentner ist, gerade in einer Gesellschaft, die sich so sehr über die Arbeit und das Einkommen identifiziert. Ihre Thematik erleben auch Menschen, die aus psychischen Gründen nicht in dem Ausmass arbeiten können, wie sie es gerne täten. Wir Menschen können besser mit einem gebrochenen eingegipsten Bein umgehen als mit einer Behinderung oder Erkrankung, die man äusserlich nicht sofort erkennen und benennen kann. Das wird in Ihrem Fall vermutlich nicht anders sein, wie ich mir denken kann.

Ich verstehe gut, dass Sie unter dieser Situation leiden. Allerdings können Sie Ihr Umfeld nicht ändern, höchstens sich selber. Beginnen Sie damit, an Ihrer Selbstakzeptanz zu arbeiten. Wie stehen Sie selber zu sich? Wie sehr mögen Sie sich selber? Können Sie sich akzeptieren als der, der Sie nun mal sind, oder machen Sie sich selber klein, weil Sie keine Erwerbstätigkeit haben?

Diese Fragen sind die Allerwichtigsten, wenn Sie Ihr Leben verändern möchten. Solange Sie sich selber nicht gern haben, werden andere es nicht tun. Solange Sie sich selber deswegen kleinreden oder -denken, werden es die Anderen Ihnen gleichtun. Wir Menschen sind wie Hunde. Wir riechen gegen den Wind, wenn jemand eine Unsicherheit hat, die plagt. Personen, die über ein gesundes Selbstvertrauen verfügen, nutzen diese Unsicherheit nicht aus. Alle anderen erfreuen sich darüber und stochern aufgegeilt darin herum, weil sie sich dann selber besser fühlen können für einen Moment.

Was das nun für Sie bedeutet? Arbeiten Sie an Ihrer eigenen Selbstzufriedenheit. Hören Sie damit auf, sich über Ihre Defizite zu definieren. Sammeln Sie stattdessen all Ihre Stärken, Ihre Liebenswürdigkeit und all das Positive, was Sie zu geben haben, in einem Heft, schreiben Sie alles auf! Wenn es Ihnen gelingt, sich selber nicht mehr dafür zu demütigen, dass Sie Invalide sind, dann haben Sie den grössten Teil der Arbeit schon getan! Und ja ich weiss, dass ich Ihnen mit diesem Rat unterstelle, DASS Sie es tun. Das mache ich mit vollem Bewusstsein weil ich weiss, dass es stimmt. Achten Sie darauf, wie Sie über sich selber denken! Dort fängt es nämlich an. Sobald Ihre Erwerbsunfähigkeit für Sie kein Thema mehr ist, für das Sie sich schämen, wird es kein Thema mehr für Ihr Umfeld sein.

Sobald Sie selber respektvoll über sich denken können, schauen Sie mal, was um Sie herum passiert. In der Regel muss man dann gar nichts mehr tun, weil das System sich von selber anpasst. Menschen, die Sie bis anhin gedemütigt haben, werden sich von Ihnen abwenden, weil es so einfach keinen Spass mehr macht. Alle anderen werden Sie als das sehen, was Sie sind: Ein liebenswerter Mensch, der viel mehr zu geben hat, als es eine bezahlte Arbeit jemals kann.

Mit herzlichem Gruss. Ihre Kafi

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Kafi Freitag (41!) beantwortet auf ihrem Blog Frag Frau Freitag Alltagsfragen ihrer Leserschaft. Daneben ist sie Mitbegründerin einer neuen Plattform für Frauen: Tribute.

Im analogen Leben führt sie eine Praxis für prozessorientiertes Coaching (Freitag Coaching) und fotografiert leidenschaftlich gern. Sie lebt mit ihrem 12-jährigen Sohn in Zürich.

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37 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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ARoq
07.01.2017 17:35registriert September 2014
Erinnert mich an einen leider verstorbenen Freund, der wegen Hebephrener Schizophrenie berentet war und später an Leukämie erkrankte; O-Ton: "Seit ich Krebs habe, geht es mir besser"

"Tu doch nicht so" und "Chlemm di in Arsch" hört man bei Krebs eher weniger.
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Theoretisch
07.01.2017 20:02registriert März 2014
Nö, so einfach ist es leider nicht Frau Freitag. "Arbeiten Sie an sich selbst!" grenzt leider, auch wenn es nicht so gemeint ist, an Verklärung. Der IV-Status ist eine psychische Dauerbelastung, die man nicht wegtrainieren kann, sondern die allenfalls auf politischem Weg, also eben genau mit Veränderung des Umfelds angegangen werden muss, z.b. durch die Einführung eines Bedingungslosen Grundeinkommens. Dadurch würden viele Diskriminierungen und Demütigungen wie z.b. die Willkür bei Abklärungen oder die endlosen Schuldgefühle, weil man 'nichts leistet' entfallen.
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Guugi
07.01.2017 19:27registriert Februar 2016
Man kann auch ohne arbeiten glücklich werden. Frag Frau Freitag. Höhöhöh nenei Spässli ;)
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