DE | FR
Blogs
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Per Autostopp um die Welt

Im Zelt in Alaska ist es kalt – doch bei Ex-Mormonin Ming im Auto wird mir wieder warm ums Herz

Thomas Schlittler
Thomas Schlittler



Per Autostopp um die Welt – Woche 69: Von Anchorage (Alaska) nach Dawson Creek (Kanada)

Es wird langsam kalt in Alaska. Bevor ich mein Zelt zusammenpacken kann, muss ich an der Aussenwand gefrorene Wassertropfen abschaben.

Per Autostopp um die Welt – Woche 69: Von Anchorage (Alaska) nach Dawson Creek (Kanada)

Zelten in Alaska ist Mitte September kein Zuckerschlecken. Es wird kalt in der Nacht.

Per Autostopp um die Welt – Woche 69: Von Anchorage (Alaska) nach Dawson Creek (Kanada)

Am Morgen habe ich gefrorene Wassertröpfchen am Zelt. Bild: Thomas Schlittler

Per Autostopp um die Welt – Woche 69: Von Anchorage (Alaska) nach Dawson Creek (Kanada)

Eine frostige Angelegenheit. Bild: Thomas Schlittler

Am Strassenrand mache ich dann ein Selfie mit meiner Kamera. Nicht zur Selbstdarstellung, sondern um zu überprüfen, ob mein Gesicht einigermassen Autostopp-tauglich ist. Das Ergebnis ist negativ: Die Tränensäcke unter den Augen und die rote Nase verraten, dass ich eine ungemütliche Nacht hinter mir habe.

Per Autostopp um die Welt – Woche 69: Von Anchorage (Alaska) nach Dawson Creek (Kanada)

Das Bild war eigentlich nicht zur Veröffentlichung gedacht. Aber jetzt habe ich es im Text schon erwähnt ... Bild: Thomas Schlittler

Auf meiner Reise liessen schon zahlreiche Fahrer durchblicken, dass sie mich nur mitgenommen hätten, weil ich sauber und gepflegt aussähe. Auf diesen Bonus muss ich heute verzichten. Nach drei Minuten kommt das erste Auto um die Kurve – und hält trotzdem an.

In Mings warmem Wagen sage ich erleichtert: «Ich dachte, dass es heute schwierig wird mit Autostöppeln, weil ich so kaputt aussehe.» Die 25-jährige Amerikanerin antwortet frech: «Glück gehabt! Ich habe dein Gesicht gar nicht gesehen, weil mich die Sonne geblendet hat.»

Die Chemie stimmt auf Anhieb. Schon nach wenigen Minuten bietet mir Ming an, mich nicht nur bis ins 200 Kilometer entfernte Tok, sondern bis ins 800 Kilometer entfernte Whitehorse mitzunehmen – also bis nach Kanada.

Per Autostopp um die Welt – Woche 69: Von Anchorage (Alaska) nach Dawson Creek (Kanada)

Sprüht vor Lebensfreude: Meine Fahrerin Ming. Bild: Thomas Schlittler

Die neunstündige Fahrt vergeht wie im Flug. Wir finden immer ein Gesprächsthema: Familie, Beziehung, Arbeit, Politik. Schliesslich kommen wir irgendwie auf Religionen zu sprechen. Ming: «Ich bin Mormonin. Oder zumindest war ich das bis vor kurzem. Seit ein paar Monaten gehe ich nicht mehr in die Kirche.»

Ich kenne mich mit dem Mormonentum überhaupt nicht aus. Ich weiss nur, dass der ehemalige republikanische Präsidentschaftskandidat Mitt Romney Mormone ist, dass Mormonen sehr fromm leben, oft viele Kinder haben, der Glaube in ihrem Leben einen sehr hohen Stellenwert einnimmt – und dass ihre Religion umstritten ist. Wieso das so ist, wird mir klar, als mir Ming die Gründungsgeschichte erzählt:

So entstand das «Buch Mormon»

1820 erscheinen dem 14-jährigen Joseph Smith im Osten der USA Gott und Jesus Christus. Sie sagen ihm, dass alle bestehenden Kirchen vom rechten Weg abgekommen seien. Ein paar Jahre später hat Smith weitere Erscheinungen, diesmal von einem Engel namens Moroni.

Dieser gibt ihm den Auftrag, goldene Platten, die seit Jahrhunderten auf einem nahen Hügel lagern, ins Englische zu übersetzen. Dies gelingt Smith dank Sehersteinen, die bei den Platten liegen. So entsteht das «Buch Mormon», ein Bericht von Propheten aus alter Zeit und das Evangelium Jesu Christi in seiner Fülle.

Nach der kurzen Einführung von Ming schweige ich einen Moment. Ich glaube nicht einmal daran, dass vor 2000 Jahren einer übers Wasser gehen konnte. Die göttlichen Eingebungen Smiths halte ich deshalb ebenfalls für eher unwahrscheinlich – diplomatisch ausgedrückt. Aber eine Diskussion über die Wahrscheinlichkeit von religiösen Erzählungen macht wenig Sinn.

Das Wort «Glaube» spricht ja für sich: Man glaubt, oder eben nicht.

«Wieso bist du ausgetreten?»

Auf jeden Fall will ich Ming nicht vor den Kopf stossen, schliesslich war sie bis vor kurzem eines der weltweit rund 14 Millionen Mitglieder der «Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage» (8500 davon leben in der Schweiz). Von klein auf wurde ihr das Buch Mormon als heilige Schrift gepriesen und Joseph Smith als Prophet. Ich frage sie deshalb vorsichtig: «Wieso bist du aus der Kirche ausgetreten?»

Die Antwort überrascht mich. Nicht die zahlreichen Verbote, die Ming direkt betreffen, haben sie zum Austritt bewogen. Kein Sex vor der Ehe, kein Alkohol, keine Zigaretten, keine Drogen, kein Kaffee, kein Tee – das alles hätte Ming noch akzeptiert. Nein, das Fass zum Überlaufen gebracht hat die Tatsache, dass ihre Kirche nichts wissen will von der gleichgeschlechtlichen Ehe:

«Ich habe Freunde in der Kirche, die schwul sind. Sie sind praktisch dazu verdammt, ein Leben lang alleine zu sein, wenn sie die Grundsätze der Kirche – kein Sex vor der Ehe – nicht missachten wollen. Das kann doch nicht richtig sein.»

Ming ist zu empathisch, zu lieb, zu gut, zu fromm für die Frommen. Da erinnere ich mich doch prompt auch wieder an meinen Glauben – den Glauben in das Gute im Menschen. Und in Mings Wagen wird es gerade noch einmal ein bisschen wärmer.

Best of Per Autostopp um die Welt

«Hier leben 320 Millionen Menschen, und wir finden nichts Besseres?»

Link zum Artikel

«Hemmungslos in Seattle» – Masturbieren im Lieferwagen

Link zum Artikel

Thanksgiving auf den Strassen Vancouvers: Wo Miniröcke auf Obdachlose treffen

Link zum Artikel

Wie alles begann – zurück am Geburtsort meines Autostopp-Traums

Link zum Artikel

Kanada absurd: Warum muss sich Charles als Ureinwohner den weissen Zuwanderern anpassen?

Link zum Artikel

Im Zelt in Alaska ist es kalt – doch bei Ex-Mormonin Ming im Auto wird mir wieder warm ums Herz

Link zum Artikel

Liebes Mami, ich erkläre dir jetzt, warum ich kein Heimweh habe

Link zum Artikel

Bären statt Burnout: Auf dem Weg nach Alaska treffe ich auf einen Aussteiger nach dem anderen

Link zum Artikel

1000 Kilometer mit einem komplett Andersdenkenden: Joe mag Donald Trump – und ich mag Joe

Link zum Artikel

Allein unter Seebären – per Frachtschiff über den Pazifik

Link zum Artikel

Seit einem Jahr an den Strassenrändern der Welt: Das A bis Z zum Jubiläum

Link zum Artikel

Dümmer geht's nicht: Wie ich in Japan Schlafsack und Flipflops verliere – und dafür noch belohnt werde

Link zum Artikel

Dieser Brief einer 17-jährigen Koreanerin zeigt, wieso Reisen immer noch die schönste Sache der Welt ist

Link zum Artikel

Bevor ich China Richtung Südkorea verlasse, verrät mir «Jack» sein Geheimnis: «Ich bin schwul»

Link zum Artikel

It's all about the money – ganz besonders beim Reisen

Link zum Artikel

Offener Brief an die Thailänder: Reisen in eurem Land ist langweilig (das ist ein Kompliment!)

Link zum Artikel

Das Autostopp-Experiment: Komme ich in Laos auf einer Strasse, die keine ist, überhaupt weiter?

Link zum Artikel

Per Autostopp um die Welt zu reisen ist mutig. Aber es braucht mindestens gleich viel Mut, als Freundin zurückzubleiben

Link zum Artikel

Er ist Chinese, er heisst Li – und trotzdem ist er einzigartig!

Link zum Artikel

Per Autostopp von Winti nach Ürümqi (China): Es ist Zeit für eine Halbjahresbilanz von A bis Z

Link zum Artikel

Arschloch, Ignorant oder Angsthase: Wie verhältst du dich, wenn du an Autostöpplern vorbeifährst?

Link zum Artikel

Ein Hoch auf das Smartphone! 7 Gründe, wieso Reisen im Jahr 2015 besser ist als zu Hippie-Zeiten

Link zum Artikel

Alleine in Kasachstan: So ist es, wenn in Paris schreckliche Dinge passieren – und du mit niemandem darüber reden kannst

Link zum Artikel

Die Frauen Istanbuls: Zwischen Burka, Bier und bösen Blicken

Link zum Artikel

Im 27. Kanton der Eidgenossenschaft – nirgends ist die Schweiz so präsent wie im Kosovo

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Per Autostopp um die Welt

Klischee vs. Wirklichkeit: Japaner sind steif und leben, um zu arbeiten – ach ja?

Vor ein paar Jahren im Sprachaufenthalt in Frankreich lebte ein Japaner in der gleichen Gastfamilie wie ich. Als er mir erzählte, dass er pro Jahr nur eine Woche Ferien habe, fragte ich entsetzt: «Was? Und in dieser wertvollen Woche drückst du die Schulbank in Frankreich?!»

Seither steht für mich fest: Japaner sind Workaholics.

Dieses Klischee bestätigen auch zwei Japan-Experten, die für das Land der aufgehenden Sonne einen «Fettnäpfchenführer» geschrieben haben. Darin weisen die Autoren …

Artikel lesen
Link zum Artikel