So tickt die Freikirche von Bundesratskandidat Schnegg
Der Berner SVP-Regierungspräsident Pierre Alain Schnegg war bis vor kurzem ausserhalb seines Kantons wenig bekannt. Das änderte sich vor neun Tagen, als er seine Kandidatur für die Nachfolge von Bundesrat Guy Parmelin bekanntgab.
Seither befassen sich die Medien intensiv mit ihm. Dabei schälten sie vor allem zwei Merkmale heraus: Seine harte Linie in der Asylpolitik und sein Engagement in der Freikirche Gemeinde für Christus, ehemals Evangelischer Brüderverein. Schnegg wollte die Sozialhilfe kürzen, scheiterte aber bei der Volksabstimmung.
Harte Haltung in der Sozialpolitik
Seine politische Haltung lässt sich schwer mit der christlichen Barmherzigkeit und Moral seiner Freikirche in Einklang bringen, schrieben einzelne Medien. Schnegg sah aber keinen Widerspruch. Gegenüber dem Tages-Anzeiger sagte er vor ein paar Jahren: «Ist es Nächstenliebe, wenn man junge Menschen daheimsitzen lässt und sie mit Geld des Staats alimentiert? Nein!»
Über sein Engagement in der Freikirche ist wenig bekannt. Er verhielt sich in der Öffentlichkeit diesbezüglich diskret und sprach in den Medien nie näher über seinen Glauben. Auch im Internet hinterliess er darüber kaum Spuren.
Um zu erfahren, wie sein Verhältnis zu Gott und dem christlichen Glauben aussieht, muss man die Gemeinde für Christus (GfC) durchleuchten. Wie alle Freikirchen glaubt auch die GfC, dass die Bibel das authentische Wort Gottes ist. Allen Widersprüchen im Alten und Neuen Testament zum Trotz.
Sie grenzt sich von der reformierten und katholischen Kirche ab. Wer den evangelikalen Glauben annehmen will, muss seine Bekehrung bezeugen und Jesus als Heilsbringer in sein Herz aufnehmen. Evangelikale werden erst getauft, wenn sie die Bekehrung vollzogen haben.
Die Gläubigen widmen ihr ganzes Leben Gott und Jesus. Ihr Weltbild ist auch im Alltag geprägt von ihrem dogmatischen bis fundamentalistischen Glauben. Sie pflegen eine innige Beziehung zu Jesus und sind überzeugt, dass der Sohn Gottes sie permanent begleitet und beschützt. Und sie glauben in apokalyptischer Manier, dass die Wiederkunft des Erlösers in naher Zukunft bevorsteht.
Wie stark Bundesratskandidat Schnegg diesen kindlich wirkenden Glauben verinnerlicht hat, weiss nur er selbst. Die Erfahrungen im Umgang mit Freikirchen und ihren Gläubigen zeigen hingegen, dass sie das Glaubenssystem ihrer Freikirche übernehmen müssen, wenn sie die angebliche Erlösung am Jüngsten Tag auf sicher haben wollen.
Ein weiteres Merkmal ist bei allen Freikirchen der Absolutheitsanspruch. Deshalb sind die Gläubigen überzeugt, dass die Landeskirchen einen verwässerten christlichen Glauben praktizieren, der nicht im Sinn von Jesus ist. Den meisten Reformierten und Katholiken fehlt in ihren Augen die erforderliche Hingabe. Evangelikale ordnen Gott, Jesus und ihrem Glauben alles unter.
Rettung durch Jesus
Einblick in den strengen religiösen Kosmos der GfC und somit indirekt von Schnegg geben die Homepage und die Predigten der Pastoren. Die Eigendefinition lautet so: «Zweck der GfC ist die Verbreitung des Evangeliums von Jesus Christus und die Förderung des Reiches Gottes. In unserer Gemeinde finden Menschen Leben. Jesus ist die Lebensquelle. Bei ihm finden wir Rettung, Annahme und ein ewiges Zuhause.»
Aufschlussreich sind auch folgende Aussagen: «Als evangelische Freikirche sind wir Teil einer weltweiten Bewegung von Menschen, die Jesus Christus lieben und seinem Beispiel nachfolgen. Für ihn existieren wir. In ihm bleiben wir. Und nur aus ihm leben wir.»
Zum angeblichen Sündenfall von Adam und Eva schreibt die GfC: «Der Mensch hat durch Verführung und willentlichen Ungehorsam seine Unschuld verloren. Er ist aus der Gemeinschaft mit Gott gefallen und steht, getrennt von Gott, unter seinem gerechten Zorn.» Nach der GfC hat Gott offensichtlich menschliche Regungen und kann zornig werden.
Befreiung von der Macht des Todes
Laut der GfC ist die Erlösung der Rechtgläubigen total: «Gott bietet in Jesus Christus Sühne, Vergebung der Sünden, Befreiung von der Macht der Sünde und des Todes, ewiges Leben sowie Versöhnung mit sich selbst an.»
Dann stösst die GfC apokalyptische Drohungen aus, die aufgeklärten Menschen das Blut in den Adern gefrieren lassen: «Die Gemeinde erwartet die Wiederkunft von Christus. Am Ende der Zeiten wird er sichtbar in Herrlichkeit wiederkehren, um das Böse endgültig zu überwinden und alles wiederherzustellen. Alle Toten werden auferstehen, und Christus wird alle Menschen gerecht richten. Die Ungerechten werden ewiger Verdammnis übergeben werden. Die Gerechten dagegen werden in ihrem verherrlichten Auferstehungsleib Lohn empfangen und in Ewigkeit in der Gegenwart Gottes leben.»
Ulrich Kunz von der GfC schrieb kürzlich in missionarischer Manier in einer Kolumne im Toggenburger Tagblatt: «Es braucht einen persönlichen Alarm-Schrei: ´Ich brauche Hilfe! Gott, wenn es dich gibt, so zeige dich mir! (…) Gib mir ewiges Leben in Gemeinschaft mit dir!ˋ Wenn solche Gebete tief aus dem Herzen kommen, geschehen Wunder.»
Ewiges Leben
In einer Predigt sagte der GfC-Pastor Christoph Lüthi, Jesus habe den Tod besiegt und dem Tod die Macht genommen. Wörtlich: «Es gibt ein ewiges Leben. Es wird auch ein Wiedersehen mit geliebten Menschen geben, die im Glauben an Jesus gestorben und uns vorangegangen sind.»
Dieses Dogma kann fatale Auswirkungen auf Familien haben. Wenn beispielsweise ein Sohn oder eine Tochter nicht warm wird mit dem fundamentalistischen evangelikalen Glauben, bricht für die Eltern eine Welt zusammen. Sie sind dann überzeugt, dass ihr Kind auf ewige Zeit verloren ist und ein Wiedersehen im Himmel nicht möglich sein wird.
Es bleiben noch zwei Fragen: Glaubt Bundesratskandidat Pierre Alain Schnegg an solche religiösen Dogmen? Hat sein radikaler Glaube Einfluss auf seine politische Arbeit?
Religiöser Einfluss auf die politische Arbeit?
Wie sein Glaubensleben im Einzelnen aussieht, wissen wir natürlich nicht. Sicher ist aber, dass er sich mit den zentralen Lehrinhalten identifiziert, sonst könnte er nicht in der GfC aktiv sein und regelmässig die Gottesdienste besuchen. Wir wissen auch nicht, ob und wie sein evangelikaler Einfluss auf seine politische Arbeit hat.
Da Schnegg klar ist, dass weite Teile der Öffentlichkeit den Freikirchen kritisch gegenüberstehen, hielt er sich als Regierungsrat zurück. Zumal er weiss, dass Religion in der Politik nichts zu suchen hat. Da aber der Glaube sein Weltbild und sein Bewusstsein prägt, ist sein politisches Handeln nicht ganz frei von seinen religiösen Ideen und Vorstellungen.
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