Die moralische Überlegenheit von gläubigen Menschen ist ein Mythos
Die monotheistischen Religionen und Glaubensgemeinschaften knüpfen ihre Heilsversprechen an moralische und ethische Anforderungen. Ihr Anspruch an die Gläubigen ist unmissverständlich: Wer nach dem Ableben oder am Jüngsten Tag erlöst werden will, sollte ein gottgefälliges Leben führen. Also ein möglichst kleines Sündenregister aufweisen, barmherzig sein und altruistisch leben. Dabei ist die Nächstenliebe ein zentraler Aspekt.
Viele Geistliche und Gläubige sind überzeugt, dass ihr Glaube sie zu besseren Menschen macht. Daraus resultiert das Bewusstsein der moralischen Überlegenheit. Sie glauben, einen besseren ethischen Kompass zu besitzen, der sie ethisch besonders gut durchs Leben navigiert.
Aus Heiden wurden Atheisten
Bezeichnend dafür ist, dass früher Ungläubige als Heiden bezeichnet wurden. Die damaligen Heiden sind die heutigen Atheisten. Für viele gläubige Christen, Muslime und Juden sind Ungläubige mit einem Makel behaftet.
Der Begriff Atheismus löst bei vielen negative Gefühle aus. Sie betrachten Religionslose oft als minderwertig und moralisch suspekt. Die Vorurteile sind auch im Zeitalter der Säkularisierung tief in der Gesellschaft verankert.
Religionen leben zu einem schönen Teil vom Glauben ihrer moralischen Überlegenheit. Gläubige greifen beim Missionieren gern auf dieses Argument zurück. Evolutionsbiologie und Verhaltensforschung zeigen hingegen, dass Moral keine Erfindung von Glaubensgemeinschaften ist, sondern ein biologisches Erbe, das weit vor den ersten Religionen entstand.
Menschliche Moral basiert auf uralten, tief verwurzelten sozialen Instinkten, die in grauer Vorzeit das Überleben in Gruppen sicherten. Schon die ersten Menschen erkannten, dass man nicht lügen, stehlen und andere umbringen soll, um das Zusammenleben friedvoll gestalten zu können. Dabei entwickelten sie einen Gerechtigkeitssinn. Moral hat also auch einen genetischen Aspekt und ist tief in unserem Bewusstsein verankert.
Die Mechanismen des sozialen Verhaltens, das man auch als moralisch interpretieren kann, lassen sich sogar bei Tieren nachweisen. Vor allem durch die Primatenforschung. Einer der bekanntesten Wissenschaftler war Frans de Waal.
Auch Primaten zeigen moralisches Verhalten
Er hat nachgewiesen, dass auch Schimpansen und Bonobos – unsere nächsten Verwandten – die wesentlichen «Bausteine der Moral» besitzen. Dazu gehören Empathie, Fairness und Konfliktlösung. Die Primaten können sogar trauern. Sie erlernten diese emotionalen Errungenschaften ganz ohne Religion und Kirchen.
Glaubensgemeinschaften haben also die Moral nicht erfunden, sondern ihr lediglich einen religiösen Mantel übergestülpt und eine neue Bedeutung zugemessen. Sie gossen die bereits bestehenden biologischen Moralinstinkte in Gesetze und Dogmen und projizierten die soziale Kontrolle auf Gott.
Viele Geistliche spielen sich deshalb gern als Hüter von Moral und Ethik auf. Oft verbunden mit einem Exklusivanspruch. Deshalb sind auch heute noch viele Menschen der Ansicht, dass Moral primär in der Religion verwurzelt ist. Im Umkehrschluss glauben sie, dass «Gottlose» und Atheisten eher zu unmoralischem Verhalten neigen.
Wie verbreitet dieses Vorurteil gegenüber Atheisten ist, hat der Evolutionspsychologe Will Gervais in einer umfassenden Studie in 13 Ländern ermittelt. Bei der Befragung bekamen die Teilnehmer eine fiktive Beschreibung eines Mannes, der als Kind schon Tiere gequält und als Erwachsener gemordet hat.
Schliesslich wurden die Teilnehmer gefragt, ob dieser Mann ein gewöhnlicher Lehrer oder ein gläubiger Lehrer ist. «Unsere Ergebnisse liefern starke Belege für ein extremes intuitives Vorurteil gegen Atheisten», erklärte Gervais. Denn 58 Prozent der Teilnehmer hielten den Täter eher für einen Atheisten, nur 30 Prozent für einen religiösen Menschen.
Extreme Unmoral
«Demnach halten Menschen extreme Unmoral bei einem Atheisten für doppelt so wahrscheinlich wie für Gläubige», ergänzte Gervais. Es habe zwar je nach Land und Religion Unterschiede gegeben, die Tendenz sei aber immer ähnlich gewesen.
Wie tief verwurzelt dieses Vorurteil ist, belegte ein Zusatzexperiment, in dem es um den sexuellen Missbrauch eines Priesters an einem Knaben ging. «Die Menschen gingen intuitiv davon aus, dass dieser Priester eher gar nicht an Gott glaubt, als dass er wirklich gläubig ist», sagte Gervais.
Verschiedene Untersuchungen zeigen, dass Gläubige und Ungläubige einen ähnlichen moralischen Kompass haben und ein ähnliches ethisches Verhalten zeigen. Hingegen beeinflusst der Glaube die Art der Moral.
Gottgegebene Regeln
Gläubige orientieren sich meist an festen, gottgegebenen Regeln und religiösen Autoritäten. Da sie sich auf starre Gebote stützen, fällt es ihnen oft leichter, Entscheide zu fällen. Atheisten hingegen bedenken primär die Konsequenzen, die unmoralisches Verhalten nach sich ziehen kann. Sie wägen eher ab, ob eine Handlung einer Person schadet oder nützt.
Fazit: Gläubige sind Atheisten moralisch nicht überlegen. Kirchengänger sind nicht die besseren Menschen. Deshalb sind die Vorurteile gegenüber Atheisten amoralisch.
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