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«Vater unser im Himmel» – eine Illusion oder ein frommer Wunsch?

Alle Christen beten das «Vater unser», das Jesus vorgebetet haben soll.
22.10.2016, 08:2924.10.2016, 15:08
Papst Johannes Paul II beim Gebet.
Papst Johannes Paul II beim Gebet.
Bild: keystone

Seit Jahrhunderten beten alle Christen dieser Erde die Mutter aller Gebete: Das «Vater unser». Angeblich ist es das einzige Gebet, das Jesus seine Jünger gelehrt hat. So jedenfalls steht es im Neuen Testament.

Milliardenfach haben Gläubige die frommen Verse aufgesagt und viel Hoffnung in dieses Gebet gesteckt. Und die Bilanz der sehnsüchtigen Anrufung Gottes: dürftig.

Der Zustand der Menschheit scheint sich laufend zu verschlechtern, die Welt gerät immer mehr aus den Fugen. Da können noch so viele Stossgebete gen Himmel geschickt werden: Das Leiden nimmt nicht ab. Oder anders herum: Gott scheint sich nicht darum zu kümmern, was hienieden passiert. Die Zwiegespräche mit Gott scheinen wirkungslos zu verpuffen.

Doch schauen wir einzelne Passagen genauer an.

«Vater unser im Himmel»

Wie können wir Gott unseren Vater nennen, der Millionen seiner Kinder so jämmerlich im Stich lässt? Kinder, die er angeblich nach seinem Ebenbild geschaffen hat.

Trifft dies tatsächlich zu, besteht er wie wir aus Fleisch und Blut, hat einen Kopf, zwei Augen, eine Nase, einen Mund und zwei Ohren. Ist das plausibel? Nicht wirklich.

Es ist eher zu vermuten, dass nicht Gott uns Menschen erschaffen hat, sondern dass unsere Vorfahren Gott erschaffen haben, weil ihre Fantasie nicht ausreichte, um sich ihn in anderer Gestalt vorzustellen.

Betende vor der schwarzen Madonna im Kloster Einsiedeln.
Betende vor der schwarzen Madonna im Kloster Einsiedeln.
Bild: KEYSTONE

«Dein Reich komme»

Es ist wohl ein frommer Wunsch, dass das Reich Gottes zu uns kommt. Das passiert allenfalls am Jüngsten Tag.

Dass bei uns noch lang keine paradiesischen Zustände herrschen werden, verdanken wir nicht zuletzt Gott selbst. Schliesslich hat er uns Männer mit einer Überdosis an Testosteron, Machtdrang und Gier ausgestattet, die zu einem grossen Teil für das Elend auf dieser Erde verantwortlich sind.

Friede wäre wohl nur möglich, wenn sich Gott endlich um seine Kinder kümmern und sie zu zivilisierten Wesen machen würde.

«Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden»

Auch das ist ein frommer Wunsch. Wenn sein Wille bei uns umgesetzt würde, wäre die Erde längst ein friedlicher Ort.

Es ist offensichtlich, dass wir Menschen dazu nicht fähig sind. Was bedeutet: Gott hat trotz der endlosen Beterei offensichtlich keinen Bock, seinen Willen durchzusetzen.

«Unser tägliches Brot gib uns heute»

Millionen von Hungernden und Verhungerten haben vergeblich darauf gewartet. Und tun es immer noch. Auch diese Bitte scheint Gott kalt zu lassen.

«Und führe uns nicht in Versuchung»

Die Autoren des Gebets – oder Jesus? – scheinen Gottes Heilslehre nicht richtig verstanden zu haben. Für die Versuchung ist immer noch der Teufel verantwortlich. Oder hat da ein Rollentausch stattgefunden, der mir entgangen ist?

«Erlöse uns von dem Bösen»

Das bleibt wohl auf alle Zeiten ein frommer Wunsch. Es sei denn, Gott besinnt sich endlich auf das «Vater unser».  

Hier noch der ganze Text für all jene, die Kirchen nur von aussen kennen:

Vater unser im Himmel

Geheiligt werde dein Name.

Dein Reich komme.

Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute.

Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

Amen.

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Hugo Stamm
Glaube, Gott oder Gesundbeter – nichts ist ihm heilig: Religions-Blogger und Sekten-Kenner Hugo Stamm befasst sich seit den Siebzigerjahren mit neureligiösen Bewegungen, Sekten, Esoterik, Okkultismus und Scharlatanerie. Er hält Vorträge, schreibt Bücher und berät Betroffene.
Mit seinem Blog bedient Hugo Stamm seit Jahren eine treue Leserschaft mit seinen kritischen Gedanken zu Religion und Seelenfängerei.

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