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Solidarität mit den Opfern und Angehörigen des Massakers von Orlando ist für viele selbstverständlich. Nur für christliche Fundamentalisten nicht. 
Solidarität mit den Opfern und Angehörigen des Massakers von Orlando ist für viele selbstverständlich. Nur für christliche Fundamentalisten nicht. Bild: Chris O'Meara/AP/KEYSTONE
Sektenblog

Der christliche Glaube macht Menschen zu emotionalen Krüppeln – wie das Massaker von Orlando zeigt

25.06.2016, 07:42

Glaubensgemeinschaften sind Experten für Nächstenliebe und Barmherzigkeit. Müsste man meinen.

Diesen Anspruch erheben sie zumindest. Vor allem die christlichen. Toleranz sollte auch zu ihren Kerneigenschaften gehören, schliesslich sind sie im Namen Gottes unterwegs, der nach ihrer Vorstellung seinen Sohn opferte, um seine Liebe zu demonstrieren.

Doch das funktioniert meist nur bei den Sonntagspredigten. Im Alltag drückt dann nur allzu gern ihr radikaler Glaube durch, der zu Intoleranz, manchmal gar Fanatismus führen kann.

Glaube macht emotionale Eunuchen

Die Reaktionen einzelner Freikirchen auf das Massaker von Orlando, bei dem 49 Menschen im Kugelhagel von Omar Mateen umkamen, macht wieder einmal deutlich, dass der Glaube Menschen zu emotionalen Eunuchen machen kann. Religiöse Dogmen zählen dann mehr als menschliche Regungen und Empfindungen.

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Denn der Massenmord an Homosexuellen hat viele Freikirchen, die sich durch ein radikales Glaubensverständnis auszeichnen, in ein Dilemma gestürzt: Für sie ist Homosexualität eine Strafe Gottes für ein schwerwiegendes sündiges Verhalten.

Der Glaube macht Menschen zu emotionalen Eunuchen, religiöse Dogmen zählen dann mehr als menschliche Regungen und Empfindungen.

Das Massaker von Orlando wirft – man glaubt es kaum – für Mitglieder von Freikirchen folgende perverse Fragen auf: War der Massenmord eine Strafe Gottes für angeblich sexuell abnormes Verhalten? Wenn ja: Darf man die Opfer ehrenvoll begraben? Darf man überhaupt um sie trauern?

Die Bibel als letzte Wahrheit

Wie wir wissen, betrachten die meisten Freikirchen die Bibel als letzte Wahrheit – auch wenn gewisse Aussagen darin diametral zu gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnissen stehen. Das ist bei der Homosexualität so, aber auch bei der Evolutionslehre, die viele Freikirchen ablehnen.

In ihrer Vorstellung hat Gott die Welt in sechs Tagen erschaffen und die Frau aus der Rippe eines Mannes geschöpft – halt so, wie es in der Bibel steht.

Sie liefern noch perversere Antworten

Nun sind ja oben stehende Fragen schon pervers. Aber die Antworten der Gläubigen können noch viel perverser sein. Ein Beispiel dafür liefert Pastor Roger Jimenez von der Verity Baptist Church aus Sacramento, Kalifornien.

Das Pastorenpaar Joann und Roger Jimenez von der Verity Baptist Church mit ihren Kindern.
Das Pastorenpaar Joann und Roger Jimenez von der Verity Baptist Church mit ihren Kindern.bild: veritybaptist

Der Geistliche gab bei seiner jüngsten Predigt gleich mal den Tarif durch: Gott habe für Homosexuelle die Todesstrafe vorgesehen, sagte er. Und wen Gott fallengelassen hat, verdiene keine Gnade.

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Der fromme christliche Pastor, der eigentlich Nächstenliebe predigen müsste, wird in der Frage der Homosexualität zum Unmenschen und Hassprediger.

Und der Pastor scheut sich nicht, ungehindert nachzutreten, auch wenn die Ermordeten bereits tot am Boden liegen. Und er tut es kräftig, geradezu lustvoll, wie es scheint.

Die Kolumne geht unter der Bildstrecke weiter ...

Die Welt trauert um die Opfer von Orlando

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Die Welt trauert um die Opfer von Orlando
quelle: x90181 / carlo allegri
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Auf seiner Homepage bezeichnet er die Homosexualität als Sodomie und abscheuliche Tat vor Gott. Wörtlich fügt Jimenez an: «Keinem Sodomiten ist es erlaubt, Mitglied der Verity Baptist Church zu werden oder an ihren Gottesdiensten teilzunehmen.»

Pastor findet das Massaker grossartig

In seiner Predigt sagte Pastor Jimenez auch, er sei nicht traurig, dass 50 Menschen (inklusive Täter) gestorben seien. Nein, er finde es grossartig. «Ich glaube, dass das der Gesellschaft hilft», fügte er an. Orlando sei nun ein wenig sicherer.

Tragisch ist für den Pastor nur, dass nicht noch mehr Homosexuelle umgekommen sind. «Ich ärgere mich, dass er – der Attentäter – seinen Job nicht zu Ende gebracht hat!»

Und dann wird der fromme christliche Pastor, der eigentlich Nächstenliebe predigen müsste, zum Unmenschen und Hassprediger: «Ich wünschte, die Regierung würde sie alle zusammentreiben, an die Wand stellen, ein Erschiessungskommando vor ihnen antreten lassen und ihnen die Gehirne rausblasen.»

Zwar erntete Jimenez viel Kritik, auch von christlicher und freikirchlicher Seite. Doch manche Prediger gratulierten ihm für seinen Mut und seine klaren Worte. Sie ärgern sich masslos, dass den Homosexuellen nach dem Attentat so viel Solidarität und Menschlichkeit entgegengebracht wird.

Wir fragen zurück: Wie tief ist eigentlich das Bewusstseinsniveau von Gott?

Klar ist es zynisch, das Alte Testament als Fachliteratur bezüglich Homosexualität heranzuziehen. Die Schriften sind mehr als 2000 Jahre alt und stammen aus einer Zeit, als es noch keine wissenschaftlichen Erkenntnisse, geschweige denn eine aufgeklärte Haltung gegenüber der Sexualität gab.

Aber wir wollen die Freikirchen mit ihren eigenen Waffen schlagen: Wenn Gott tatsächlich die Bibel inspiriert hat, also quasi ihr Autor wäre, hätte er das Bewusstseinsniveau der Menschen von vor 2000 Jahren behalten. Und er wäre im Grunde genommen der gleiche Unmensch und Hassprediger wie ein Pastor Jimenez.

Doch weshalb hat dieser Gott als Schöpfer der Menschheit die Homosexualität überhaupt zugelassen?

Darauf werde ich wohl keine Antwort erhalten – zumindest nicht von den fanatischen und bibeltreuen Freikirchlern.

Das Fazit lautet deshalb: Die Bibel war 2000 Jahre lang die Ursache für unzählige Konflikte. Und manchmal löst sie auch heute noch viel Leid aus. Das ist leider so geblieben.

Hugo Stamm
Glaube, Gott oder Gesundbeter – nichts ist ihm heilig: Religions-Blogger und Sekten-Kenner Hugo Stamm befasst sich seit den Siebzigerjahren mit neureligiösen Bewegungen, Sekten, Esoterik, Okkultismus und Scharlatanerie. Er hält Vorträge, schreibt Bücher und berät Betroffene.
Mit seinem Blog bedient Hugo Stamm seit Jahren eine treue Leserschaft mit seinen kritischen Gedanken zu Religion und Seelenfängerei.

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173 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Luca Brasi
25.06.2016 11:54registriert November 2015
Ich bin eigentlich grundsätzlich mit dem Artikel einverstanden, einfach der Titel scheint mir problematisch, da er suggeriert, dass der christliche Glaube jeden zum emotionalen Wrack macht. So wie es eine fundamentalistische buchstabengetreue Auslegung der Bibel gibt, so gibt es auch Menschen, die die Schrift nicht wie das ZGB oder OR lesen und Werte wie Nächstenliebe, Mitgefühl, Vergebung, etc. ins Zentrum rücken. Dass einige fundamentalistischen Freikirchler dies nicht verstehen wollen, ist traurig. Deren von Hass getriebenen Ansichten sind bemitleidenswert.
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Trice
25.06.2016 17:11registriert April 2016
Ich selbst kenne leider keine Freikirchen in der Schweiz, welche die Nächstenliebe tatsächlich leben. Sie grenzen selbst alle anderen aus, sogar die eigenen Kinder, sofern sie den "Glauben" nicht befolgen. Mitglieder der Landeskirchen stellen für mich kein Problem dar, da sie toleraranter und gemässigter rüberkommen. Kann mir jemand eine Freikirche in der Schweiz nennen, auf den der Artikel von Hugo Stamm nicht zutrifft?
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karl_e
25.06.2016 11:05registriert Februar 2014
Die bösesten und gemeinsten Menschen, denen ich begegnen durfte, waren sehr oft strenggläubige Christen.
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Tschüss, Stau! Reise in unter 2h in die Sonnenstube der Schweiz 😎
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Schnell ein wenig Sonne tanken und den unverkennbaren Hauch Italianità verspüren? Mit dem Zug ist der Süden der Schweiz so schnell erreichbar wie noch nie – ein Kurztrip oder Ferien sind nicht mehr mit Stau und Ärger verbunden. Zwischen 90 und 100 Minuten dauert die Fahrt ab Zug oder Luzern, schon geniessen Ausflügler das pulsierende Leben in der Stadt Lugano. Möglich macht dies der Gotthard-Basistunnel. Mit 57 Kilometern Länge ist er der längste Eisenbahntunnel der Welt. In knapp 20 Minuten brausen die Reisenden durch das Jahrhundertbauwerk. Noch schneller im Tessin sein ist eine gute Sache. Die gewonnene Zeit lässt sich mit einem feinen Cappuccino, einer Pizza oder einem typisch italienischen Gelati bestens nutzen.

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