Blogs
Sektenblog

Klosterfrauen wollen Missbrauchsstudie nicht mitfinanzieren

Die Klosterfrauen von Maria-Rickenbach gehen an einer Herde Schafe vorbei, bei der Prozession zum Fronleichnamstag, am Donnerstag 11. Juni 2009 auf Maria-Rickenbach im Kanton Nidwalden. (KEYSTONE/Urs  ...
Ordensschwestern proben den Aufstand. Bild: KEYSTONE
Sektenblog

Aufstand der Klosterfrauen: Sie wollen Missbrauchsstudie nicht mitfinanzieren

Ordensfrauen der katholischen Kirche sind aus dem Verband der Ordensleute ausgetreten, weil sie die Studie mittragen sollten.
15.06.2024, 07:5515.06.2024, 14:35
Hugo Stamm
Folge mir
Mehr «Blogs»

Die katholische Kirche wird seit Jahren kräftig durchgeschüttelt. Es macht den Anschein, als habe sie ein Abonnement für unrühmliche Schlagzeilen bei vielen Medien weltweit.

Zuoberst auf der Liste tauchen die sexuellen Übergriffe auf, die Geistliche auf fast allen Hierarchiestufen in den letzten Jahrzehnten begangen haben. Viele dieser Skandale wurden vertuscht und unter den Teppich gekehrt.

Kaum ein Täter wurde bestraft, weder von der Kirche noch von den Justizbehörden. Sie wurden allenfalls versetzt und blieben in Amt und Würde. Die Opfer wurden mit ihrem Leid im Stich gelassen.

Symbolbild: Sexueller Missbrauch an Kindern und Jugendlichen durch die katholische Kirche wurde in der Schweiz systematisch vertuscht.
Sexueller Missbrauch ist ein grosses Problem in der katholischen Kirche.Bild: Shutterstock

Peinliche Schlagzeilen

Selbst Papst Franziskus sorgte für peinliche Schlagzeilen. Er äusserte sich despektierlich über die Homosexualität und verteufelte die Genderdiskussion.

Das letzte Erdbeben in der katholischen Kirche löste die Studie der Universität Zürich zum sexuellen Missbrauch im Umfeld der katholischen Kirche in der Schweiz aus. Mit der Ankündigung von Massnahmen und weiteren Untersuchungen verschaffte sich der Krisenmanager Bischof Joseph Bonnemain ein wenig Luft. Nun holt erneut ein Eklat den hohen Geistlichen und die katholische Kirche ein.

Das Leben als junge Nonne.Video: YouTube/SWR Landesschau Baden-Württemberg

Diesmal sorgen kirchliche Institutionen für Schlagzeilen, die bisher eher als «graue Mäuse» ein Schattendasein führten: die Ordensschwestern in den Klöstern. Sie sollten mithelfen, die Studie zu finanzieren. Ausgerechnet fromme Frauen.

Kommt nicht in Frage, entschieden diese und weigerten sich, den Obolus zu entrichten, wie der Tages-Anzeiger diese Woche berichtete. Die Nonnen sind empört, dass sie für die Aufarbeitung der Missbräuche zahlen müssen, die ihre Brüder begangen haben.

Wie kam es dazu?

In der Schweiz leben rund 1900 Frauen und 600 Männer in Ordensgemeinschaften, zumeist in Klöstern. Sie organisieren sich im gemeinsamen Verband Kovos (Konferenz der Ordensgemeinschaften und anderer Gemeinschaften des gottgeweihten Lebens in der Schweiz). Der Dachverband hatte sich verpflichtet, 10 Prozent der Studie zu finanzieren, die auf rund 2,5 Millionen Franken veranschlagt wurde.

Ordensschwestern sind nicht bereit, für etwas zu bezahlen, bei dem sie vielmehr Opfer als Täterinnen waren.

Nicht mit uns, entschieden die Frauen und traten kurzerhand aus dem Verband aus. Im Kündigungsschreiben drücken sie ihr Missfallen unmissverständlich aus. Sie seien nicht bereit, «für etwas zu bezahlen, bei welchem Ordensfrauen vielmehr Opfer als Täterinnen waren».

Hoppla. Das ist eine klare Botschaft an ihre männlichen Kollegen in den Pfarreien und die Kirchenfürsten, die die Täter gedeckt hatten. So hat die Studie unter anderem ergeben, dass Priester bei der Beichte der Ordensschwestern übergriffig geworden seien.

Nonne
Die Ordensfrauen sind vielmehr Opfer als Täterinnen.Bild: Shutterstock

Aufstand der Nonnen

Der Aufstand der Frauen ist bemerkenswert. Es scheint, als sei die Emanzipation hinter den Klostermauern angekommen.

Nonnen sind in der dominanten Männerwelt der katholischen Kirche jahrhundertelang in die Rolle der dienenden Gläubigen gedrängt worden. Sie durften putzen, kochen, Kranke pflegen, Kinder unterrichten, doch die verantwortungsvollen Aufgaben in der Kirchenhierarchie blieben den Männern vorbehalten. Vor allem werden sie auch heute noch von der Priesterweihe mit all den religiösen Privilegien ausgeschlossen.

Der Austritt der Ordensschwestern aus dem Verband hat sicher auch einen finanziellen Aspekt. Die Orden sind überaltert, und die Pflege verschlingt viel Geld. Gleichzeitig sinken die Einnahmen. Das täuscht aber nicht darüber hinweg, dass viele Frauen in der katholischen Kirche die Nase voll haben und mehr Rechte und Kompetenzen einfordern.

Hazel Brugger beim Papst

Wenn nun auch noch die konservativen Ordensschwestern in den Klöstern aufbegehren, müssten die Kirchenführer endlich erwachen. Diese wollen aber bis hinauf zum Papst nichts wissen von der Gleichberechtigung. Sie sind nicht bereit, ihre Privilegien zu teilen. Ausserdem fühlen sie sich offensichtlich viel zu wohl in der reinen Männerwelt.

Papst Franziskus hat aktuell eine entlarvende Aktion gestartet, um den Mief aus dem Vatikan und den Kirchen zu vertreiben. Er hat Comedians und Comediennes aus der ganzen Welt zu Audienzen eingeladen, unter anderem auch Hazel Brugger. Er bete jeden Tag für die Gabe des Humors, verriet die Plattform Vatikan News.

Hazel Brugger hat eine Sprechrolle im neuen Disney-Film "Wish" übernommen.
Die Schweizer Comedienne Hazel Brugger.Bild: imago-images.de

Eine Strategie, um von den Skandalen abzulenken? Den fortschrittlichen Kräften in der katholischen Kirche dürfte aber das Lachen im Hals stecken bleiben. Und die ungetaufte, religionskritische Hazel Brugger braucht vermutlich Stoff für ein neues Programm. Bei der Premiere dürfte dann dem Papst das Lachen vergehen.

PS: Die Kommentarfunktion ist wieder durchgehend aktiv.

Sektenblog
AbonnierenAbonnieren

Sektenblog

Alle Storys anzeigen
Hugo Stamm, Sektenblog
Bild: zvg
Hugo Stamm
Glaube, Gott oder Gesundbeter – nichts ist ihm heilig: Religions-Blogger und Sekten-Kenner Hugo Stamm befasst sich seit den Siebzigerjahren mit neureligiösen Bewegungen, Sekten, Esoterik, Okkultismus und Scharlatanerie. Er hält Vorträge, schreibt Bücher und berät Betroffene.
Mit seinem Blog bedient Hugo Stamm seit Jahren eine treue Leserschaft mit seinen kritischen Gedanken zu Religion und Seelenfängerei.

Du kannst Hugo Stamm auf Facebook und auf Twitter folgen.
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Das könnte dich auch noch interessieren:
1064 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Bauerschweingruber
15.06.2024 08:52registriert August 2015
"Sex-Studie": das heisst "Missbrauch", Himmelherrgottnochmal!
2335
Melden
Zum Kommentar
avatar
froeleinzart
15.06.2024 08:34registriert Juni 2024
Was mit den Klosterfrauen an Übergriffen passier(t)e ist auch kaum zu verdauen. Da gibt es zum Glück bereits ein paar Ordensschwestern, die ausgepackt haben! Ich finde es stark, dass sie nun ein Zeichen setzen und sich wehren. Grossartig!
1357
Melden
Zum Kommentar
avatar
SpitaloFatalo
15.06.2024 08:43registriert März 2020
In mehreren Dokus war auch die Rede von sexuellen Übergriffen durch Klosterfrauen. Auch in meinem privaten Umfeld wurde mir ein solcher Fall geschildert.
12316
Melden
Zum Kommentar
1064
Herr Gomez, kann man bei Ihnen einen Bachelor kaufen?
Private Schulen und Hochschulen sind vielen von uns suspekt. Weshalb? José Gomez, Rektor der privaten Fachhochschule Kalaidos, liefert eine Erklärung. Und verrät, warum das Businessmodell seiner Hochschule trotz sehr hoher Studiengebühren für beide Seiten aufgeht.

An der privaten Kalaidos Fachhochschule (FH) in Zürich geben Studierende dutzende tausend Franken aus für ein Bachelor-Studium, das an einer öffentlichen FH einen Bruchteil kostet. Gemäss Rektor José Gomez lohnt sich dieser Weg dennoch, auch finanziell. Er war bereits in leitenden Funktionen an Hochschulen jedes Typs (siehe Box). Private Bildung leidet seiner Ansicht nach in der Schweiz zu Unrecht unter einem schlechten Image.

Zur Story