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Yonnihof

Schwanger!

Bild: shutterstock
Vom Tag, der mein Leben für immer veränderte.
10.04.2019, 09:1710.04.2019, 12:42

Ich hatte mir das alles ja ganz anders vorgestellt.

Ich dachte, mein Körper würde mir Rosamunde Pilcher-artig (rest in peace, Rosy) rückmelden, dass das Wunder des Lebens in mir reift. Süsse Lendenfrüchtchen-Vibes. Oxytocin-getränkte Benommenheit. Wie ein Nebel aus regenbogenfarbigen Einhorntränen würde sich die zukünftige Mutterschaft über meine Weltsicht legen. Den Brüdern Grimm würde SCHLECHT werden, da war ich mir sicher.

Am Ende waren da einfach nur diese riesigen Möpse. Wir waren gerade aus dem Urlaub zurück und Freund hatte schon zweimal gefragt, was da eigentlich zwischen Nabel und Schlüsselbein abgehe – ich verwies ihn auf den in den Ferien neu gekauften BH. Damit gaben wir uns beide (aufrichtig) zufrieden.

Verstehen Sie mich nicht falsch, unser Kind war geplant, aber sicher ist ja «nie nichts», wie man bei mir in der alten Heimat sagt. Jedenfalls spürte ich von den oben genannten Zeichen absolut nichts. Und dann kam das altbekannte Ziehen im Bauch, welches jeweils meine Tage ankündigt, und ich liess Freund wissen: «Wir werden wohl weiter üben müssen.» Diese Vorstellung machte ihn natürlich sehr traurig. Nicht.

Es war also ein Sonntag im Februar und wir sassen friedlich co-existierend im Wohnzimmer rum, während draussen der Nebel durch die Lande zog, als mich irgendwas in mir bedeutete, nun doch den romantischen Akt des In-einen-Becher-Pinkelns zu vollziehen. Ich war im Besitz eines Fertilitätsmonitors (eine grossartige Erfindung, übrigens, gerade für Menschen wie mich, die mit Zahlen in etwa so viel anfangen können wie eine Kaulquappe mit einem Fidget Spinner), welcher auch Schwangerschaftstests auswerten kann – durch welche Überlegung auch immer, entschied ich mich jedoch, einen Ultrabilligst-Test aus dem 10er-Pack aus den USA zu verwenden. Wert: Circa zwei Cents. Funktion: Basal. Ästhetik: Mässig. Aber so ein Test muss ja auch nicht zu Heidi Klum auf den Laufsteg.

Item.

Nach drei Minuten starrte ich auf eine fette violette (yeah, Poesie) und eine zarte lila Linie. Nun wusste ich sehr sehr sehr sehr genau, dass jegliche Form einer zweiten Linie ein positives Ergebnis bedeutete. Trotzdem googlete ich den Hersteller, das spezifische Produkt, seine Genauigkeit und las Rezensionen. Wäre ich in der psychischen Verfassung gewesen, ich hätte wohl auch noch den Stammbaum des Firmenbesitzers bis ins Jahr 300 vor Christus durchgesehen, um sicher zu gehen, dass da nicht irgendein Quacksalber zu finden war.

Es bestand kein Zweifel: Der Test war positiv.

Ich sass da, mein Herz schlug bis in meinen Hals und ich sah Freund an, wie er friedlich giggelnd und unendlich ahnungslos irgendeinen lustigen Artikel las. Ich betrachtete ihn und war so verliebt wie noch nie. Bevor ich ihm jedoch irgendwas sagen konnte, musste ich nochmal einen Test machen. Ich brauchte das. Mein Hirn war gleichzeitig überflutet und komplett leer – genau wie meine Blase. Ich musste warten. Ich fühlte mich zurückversetzt in die Studienzeit, an die Tage, an denen Prüfungsresultate rauskamen und ich Stunden damit verbrachte, im System auf «Reload» zu klicken.

Nach circa 20 Minuten presste ich gefühlte zwei Microliter Urin aus meiner Blase und bemühte nun auch die fortgeschrittene Technologie des Fertilitätsmonitors – sowie drei weitere Billigtests. In unendlicher Langsamkeit zählte das kleine Gerät die fünf Minuten bis zum Resultat herunter und tat dieses schliesslich kund – in genau gegenteiliger Weise wie seine rudimentären Billig-Kollegen: Es erschien ein gigantisches Plus in der Mitte des Monitors, geschmückt vom Wort «SCHWANGER» in gefühlter Schriftgrösse 98. Hätte das Ding einen Lautsprecher gehabt, ich wäre im Anschluss taub gewesen.

Es ist ja absolut erstaunlich, wie man über Monate aktiv auf einen Moment hinarbeiten (eine durchaus schöne «Arbeit», wenn wir ehrlich sind) und sich dann doch fürchterlich erschrecken kann, wenn er eintrifft.

BÄM. Hallo Zukunft. Alles anders. Für immer.

Hui.

Ich stand da also im Gammellook in unserem Badezimmer, die Tränen kullerten mir die Wangen runter und mir war kotzschlecht, was deutlich der emotionalen Überforderung geschuldet war und keiner frühzeitigen Schwangerschaftsübelkeit.

Ich hatte mir im Vorfeld vorgenommen, aus dem Überbringen der frohen Botschaft an Freund ein riesiges Tamtam zu machen. Mit Konfetti und einer eigenen Playlist und einer Magnumflasche Champagner, die er ja dann alleine würde trinken müssen und die ihm einen Rausch epischen Ausmasses bescheren würde. A.k.a. «Weisch na deet, womer beidi wäg de Schwangerschaft kotzt händ?!» - «Ah, the memories.»

Passieren tat nichts von alledem.

Ich rief ihn ins Badezimmer (wie er mir später sagte, ging er davon aus, dass ich ihm mal wieder irgendetwas Grossartiges zeigen wollte, was unsere Katze geleistet hatte) und konnte nur wortlos heulend auf die auf der Badablage liegenden Tests zeigen. Ich konnte in Real-Time mit ansehen, wie die Information durch seine Augen, seinen Sehnerv entlang in sein Gehirn gelangte – dort ratterte es einen Moment, dann weiteten sich seine Pupillen, die Tränen schossen in seine Augen und er sah mich ungläubig an. Dann umarmte er mich wortlos für einige Minuten.

Dann lachten wir. Dann heulten wir. Dann lachten wir wieder. Wir verbrachten den Rest des Tages damit, immer wieder ungläubig «Crazy» vor uns hin zu flüstern und dann glücklich bis leicht irr zu lachen.

Sie sehen: Es kam alles anders, als ich es mir je vorgestellt hatte. Und ich glaube, daran wird sich auch die nächsten 20 Jahre nichts mehr ändern.

Yonni Meyer
Yonni Meyer (37) schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt.

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62 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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reamiado
10.04.2019 09:27registriert Februar 2015
Wow, da kann ich nur gratulieren, alles Gute, viele Essiggurken & wenig Beschwerden! ♡
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muesli87
10.04.2019 12:17registriert Januar 2018
Pony bekommt Fohlen 🥰 gratuliere herzlich!
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Sherlock_Holmes
10.04.2019 09:57registriert September 2015
Ich kann mich noch genau an das erste Mal erinnern.
Meine Frau kam von der Arbeit nach Hause und unterbrach mein Nickerchen.
Deshalb dauerte es noch ein paar Sekunden länger, bis ich begriff, was das unscheinbare Teil mit den zwei Linien zu bedeuten hatte.
Ich fühlte mich noch immer benommen und ein wenig flau in der Magengegend, weshalb wir beschlossen, zur Feier Pizza essen zu gehen.
Der Gedanke Vater zu werden, hatte etwas unwirklich Grossartiges.
So muss sich Neil Armstrong gefühlt haben, als er die Stufen des Eagle hinunter stieg und seinen Fuss nach einer Weile auf den Mond setzte.
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