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Yonni Meyer: Morgens um 6.52 Uhr vor dem Supermarkt...

Morgens um 6.52 Uhr vor dem Supermarkt ...

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Eine kleine Ode an den Smalltalk.
08.05.2018, 09:2608.05.2018, 09:43

Zugegeben, in anderer Konstellation hätte ich mich wohl gehasst. «Hör mal uf umelabere, Alti», hätte ich mir gedacht und gequält lächelnd und ziemlich demonstrativ meine Kopfhörer montiert. Nichts sagt «HAU AP!» so deutlich wie eine Mini-Grossraumdisco direkt in den Gehörgang.  

Aber erst einmal von vorn.  

Heute war es also soweit: Es passierte zum ersten Mal. Ich wusste, der Zeitpunkt würde irgendwann kommen – doch so früh schon? Ich bin doch erst 36. Wenn andere von Haus und Kind erzählen, sage ich: «Ich han es Velo.» Und doch, da war er: Dieser Moment.  

Ja, meine Damen und Herren, heute stand ich das erste Mal vor einem Supermarkt, bevor er aufging.  

Und es war nicht etwa so, dass ich noch wach und auf dem Heimweg gewesen wäre von irgendeiner illegalen Underground-Hippie-WG-Party, wo gegen vier Uhr morgens ein Australier, von dem man danach herausfand, dass ihn niemand kannte, seinen eigenen Furz angezündet und dazu Kumbaya gesungen hätte. Nope. Ich war schon wach. Grundlos. Und das schon lange. So lange, dass ich bereits alle Morgenpendenzen erledigt und YouTube sozusagen fertig geschaut hatte. Blieb noch der Einkauf.  

So stand ich also um 6.52 Uhr in Jeans, dem Tshirt meines Freundes – in etwa genauso verchrugelet wie mein ungeschminktes Gesicht – und Flipflops in der Morgenfrische vor einem geschlossenen Geschäft. Der Rolladen war zwar schon oben, aber noch machte die automatische Glastür keinen Wank. Acht Minuten zu früh. Und das, obwohl ich extra nochmal Kehrt gemacht hatte, um das vergessene PET zu holen.

PET-Recycling: Der Schweizerin liebste Moralmasturbation.

Nicht dabei hatte ich mein Handy. Das bereute ich nun natürlich. Es ist heutzutage schliesslich unglaublich viel verlangt, dass sich ein erwachsener Mensch mal für acht Minuten selbst beschäftigt. Ich konnte also weder Weltwirtschaftsnachrichten (a.k.a. Gala Online) noch die heutigen Börsenkurse (a.k.a. 9gag.com) studieren. Ich war verzweifelt. Würde ich am Ende den Supergau erleben? Das Ende der Zivilisation? Würde ich etwa ... nicht erschrecken ... NICHTS TUN MÜSSEN?  

Nein.  

Rettung nahte. Ich war nämlich nicht allein in meiner misslichen Lage. Da waren andere Menschen. Morgen-Menschen. Morgen-Menschen sind wie normale Menschen, einfach etwas struppiger. Zwei der Morgen-Menschen hatten Morgen-Hunde dabei. Auch struppig, aber ich glaube, die sehen immer so aus. Jedenfalls sind Hunde eigentlich immer sofort meine Homies. So auch das braune Exemplar heute Morgen, Rasse unbekannt, wohl einfach ein Mix von allem, was in jener Nacht gerade rumrannte. Meine Lieblingsrasse.  

Hunde sind ja immer die besten Gesprächsstarter, und wenn’s nur ein «Er macht nüüt» ist, was im Falle von Morgen-Doggy nicht ganz stimmte, denn er machte durchaus etwas: sabbern nämlich. Mir machte das jedoch absolut nichts.  

Ich kam also mit Herrchen ins Gespräch. Kühl sei’s. Aber warm werde’s. «Er hät warm hüt» – welch wunderbare Schweizer Redewendung. Ich weiss nicht, wieso, aber «er», das ist in diesem Kontext für mich immer automatisch Thomas Bucheli. Und so bin ich denn jeweils auch spezifisch auf Thomas Bucheli sauer, wenn «er Räge hät».  

Anyways. Offenbar war auch den anderen Wartenden langweilig und so brachten sie sich ins Gespräch ein, denn es wurde gemotzt. Über diese Baustellen. In diesem Quartier. Huere Saumeis.

«Das Plexiglaszüügs ...» – «Meined Sie Glasfasere?» – «Ja genau. Das brucht doch kein Mänsch.» Also doch, ich schon, aber das musste ich ja nicht sagen. «Diräkt vorem Huus riisseds de Bode uuf ...» Nun ja, im Wald draussen braucht’s halt kein schnelles Internet, gäll, dachte ich, aber ich nickte brav mit und schüttelte mit zusammengekniffenen Augenbrauen den Kopf. Böses Plexiglas. Aber auch Gutes hatte man zu sagen. Das Brot vom neuen Beck wurde gelobt, die Bedienung sei da auch immer sehr freundlich, genau wie im – noch immer geschlossenen – Supermarkt.  

Zwei der fünf Gesprächsbeteiligten fanden heraus, dass sie an derselben Strasse wohnen – Plexiglasbrüder, sozusagen. Die Post kommt in letzter Zeit immer so spät. Und diese Altbausanierung an der Kreuzung – fürch-ter-lich! 

Jede Dimension des Smalltalks wurde erkundet.

Ich stand da, stellte Fragen und horchte und Hund Nummer zwei strich einen Grossteil seines Fellwechsels an meine Jeans. Mit mir eine Frau und drei Männer zwischen 30 und 80, mit Hund, ohne Hund, mit Velo, mit ziehbarem Einkaufstaschenwägeli, mit Brille, ohne Brille – eine willkürliche Konstellation, vereint durch die gemeinsame Mission: Poschtä.

Wir waren so ins Rumlabern vertieft, dass wir gar nicht bemerkten, dass schon lange sieben Uhr war.  

Haben wir gemeinsam das Rad neu erfunden? Nein. Aber ich fand sie trotzdem grossartig, unsere kleine Bruderschaft so früh am Morgen im Kreis vier und ich schwor mir, öfter etwas zu früh einkaufen zu gehen und ganz generell wieder vermehrt mit fremden Menschen (und Hunden) rumzulabern.  

Plexiglas-Ehrenwort.

Yonni Meyer
Yonni Meyer (36) schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 

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