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So versucht Russland Judenhass und Terror-Angst in Europa anzuheizen

Phantom-Graffiti: Die Garage gibt es im Münchner Stadtteil Hasenbergl, das vermeintliche Bild mit einem Davidstern im Ofen ist eine digitale Fälschung.
Phantom-Graffiti: Die Garage gibt es tatsächlich im Münchner Stadtteil Hasenbergl, das vermeintliche Bild mit Davidstern im Ofen ist eine digitale Fälschung.Bild: T-Online / Twitter
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So versucht Russland die Terror-Angst in Europa gezielt anzuheizen

Neue Dimension in Putins Desinformationskrieg gegen den Westen: Wie Recherchen zeigen, wird auf Social-Media-Plattformen mit Fake-Fotos zu Antisemitismus und islamistischem Terror Stimmung gemacht.
22.11.2023, 20:0323.11.2023, 07:25
Lars Wienand / t-online
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Ein Artikel von
t-online

«Keine Zeit für Spiele» steht am Ende eines Videos, auf Englisch und auf Türkisch. Es ist ein 50 Sekunden langer Streifen mit historischen Aufnahmen. Das Entzünden des olympischen Feuers in München, grosse sportliche Leistungen – und dann Bilder des Entsetzens: Vor rund 50 Jahren, am 5. September 1972, überfielen acht palästinensische Terroristen das Wohnquartier des israelischen Olympiateams, töteten zwei Sportler sofort, die anderen neun Geiseln starben später.

In der rechten oberen Ecke des Videos prangt das Logo der rechtsextremen türkischen «Grauen Wölfe». Damit will ein russisches Desinformationsnetzwerk nun Stimmung machen.

Das Video mit historischen Aufnahmen ist ebenso wenig echt wie ein Graffiti mit einem Sturmgewehr, das wie ein Staffelstab von München 1972 an Paris 2024 weitergegeben wird. Auch Fotos aus München mit empörenden Sprayereien, die Öfen mit Judenstern darin darstellen sollen, sind manipuliert.

Was will Putin erreichen?

Die Anschlagsängste wegen München 1972, der schockierende Judenhass in Deutschland – und dazu massenhaft Links zu Fake-Artikeln auf Websites, die bekannten Nachrichtenseiten täuschend ähnlich sehen: Diese Beiträge sind das nächste Kapitel in einer riesigen Kampagne Moskaus.

Russland nutzt vermehrt den Gazakrieg und die Debatte um Antisemitismus und Judenhass, um mit Fake-Accounts die Stimmung anzuheizen und Konflikte zu vertiefen. Die Anti-Ukraine-Propaganda geht derweil unvermindert weiter.

Was wissen wir zu den gesprayten Judensternen?

Deutsche Behörden schweigen noch, ob Sprühereien Mitte Oktober in Dortmund und Berlin Teil dieser Kampagne sein könnten. Frankreichs Behörden sind weiter: Nach dem Ende Oktober in Paris ein Paar beim Sprühen von Davidsternen festgenommen worden war, stiessen Ermittler schnell auf Verbindungen nach Russland. Das Paar hatte einen Auftrag von einem pro-russischen Geschäftsmann aus Moldau, und die Bilder wurden reihenweise in Fake-Accounts geteilt, die zum «Doppelgänger»-Netzwerk gerechnet werden.

Frankreichs Aussenministerium hat inzwischen offiziell und «entschieden die Beteiligung des russischen Netzwerks (...) an der künstlichen Verstärkung und Erstverbreitung von Fotos» verurteilt.

Warum ist die «Doppelgänger»-Masche so gefährlich?

Frankreich war zwischenzeitlich im Zentrum der grössten Manipulationskampagne, die es auf Social-Media-Plattformen jemals gegeben haben dürfte.

Sie begann wenige Wochen nach Russlands Einmarsch in der Ukraine und firmiert bei den Behörden unter dem Arbeitstitel «Doppelgänger», weil dafür auch täuschend echt nachgebaute Seiten von bekannten Nachrichtenmarken erstellt werden. Diese sehen aus wie «Spiegel», «Telegraph» oder «Le Monde». Unter dem seriös wirkenden Logo stehen dann jedoch pro-russische, anti-ukrainische und antiwestliche Inhalte.

In Antworten auf Facebook werden diese Links geteilt, zusammen mit Karikaturen und Bildern mit vermeintlich satirischem pro-russischem Inhalt – und immer wieder auch mit Videos und Fotos wie denen der Davidsterne.

Der deutsche watson-Medienpartner T-Online hat nun eine neue Welle aus der vergangenen Woche ausgewertet. Fast alles hat dabei einen Bezug zu München.

Fall 1: Angebliche Judenhass-Graffitis

T-Online stiess auf Hunderte Accounts, die mit deutschen und französischen Kommentaren Fotos von Häusern aus dem Stadtteil Hasenbergl geteilt haben. Die Bilder sind empörend: Auf eine Garage gesprüht ist ein Ofen, «Ofen» steht auch im Text darüber geschrieben, darin befindet sich ein Davidstern kurz vor der Verbrennung.

Kein Graffiti: Die Polizei München hat den Ort abgefahren, es gab dort das antisemitische Bild nicht.
Kein real existierendes Graffiti: Die Polizei München hat den Ort abgefahren, es gab dort das antisemitische Bild nicht.Bild: T-Online / Twitter

T-Online hat die Orte ausfindig machen können. Der Münchner Polizei lagen keine Anzeigen vor, die nach solchen Schmierereien zu erwarten wären. Beim Abfahren der Adressen haben Streifen auch nichts entdecken können.

Wer die Fotos gemacht hat – unklar. Ebenso, wer in die echten Bilder die falschen Graffitis montiert hat. Allerdings: Schon zwei Wochen vor den Postings auf X fanden sie sich gebündelt in einer russischen Telegram-Gruppe. Verbreitet wurden die Fotos binnen weniger Stunden in der vergangenen Woche. Die Polizei ermittelt weiter.

Fall 2: Ukraine vs. Israel

Von einer Hauswand in München soll auch ein Foto stammen, das zweimal Joe Biden zeigt – einmal, wie er Israel hilft, einmal, wie er die Ukraine zurückweist. Der Ort ist unklar, weitere Berichte sind nicht bekannt.

Israel und die Ukraine gegeneinander auszuspielen, ist ein beliebtes Motiv. «Doppelgänger»-Fake-Accounts posteten zudem ein Video, wonach es in Israel eine Welle von Betrügereien gebe, die von Ukrainern begangen würden.

Die Sache dehnt sich aus: Seit Kurzem würden hebräische Nachrichtenseiten gefälscht, berichtet die israelische Tageszeitung «Haaretz».

Fall 3: Angebliches Drohvideo mit Olympia-Attentat

Zeitgleich mit den Graffiti-Tweets tauchten Antworten mit dem Link zum München'72-Video auf. Nach den schönen olympischen Momenten sind Bilder der Terroristen gegengeschnitten, darauf folgen Fotos der Särge mit Davidsternen und Porträtbilder der ermordeten Israelis.

Parallel dazu wurden Graffiti verbreitet, die ebenfalls nicht echt sind. Wie ein Staffelstab wird in der Darstellung ein Sturmgewehr von München 1972 an Paris 2024 übergeben. Dort finden kommendes Jahr die Olympischen Spiele statt. In Tweets zum Video und zum gesprayten Motiv heisst es, man müsse beten für die Sicherheit der Athleten und Zuschauer in Frankreich: «Ich hoffe, dass die Pariser Behörden diese Bedrohung ernst nehmen», heisst es in einem Eintrag.

Doch zumindest diese Bedrohung für die Olympischen Spiele ist fast mit Sicherheit eine Erfindung des Fake-Netzwerks. Nach Ansicht des Politologen und Historikers Ismail Küpeli, der zu türkischem Extremismus forscht, spricht alles dagegen, dass das Video von den «Grauen Wölfen» stammt. «Es gibt keinerlei Inhalte, keinen Content, wo man sagen würde: Das sind deren Themen, Symbole und Codes.»

Ismail Küpeli: Der Experte für türkisch-islamische Ideologie hält es für beinah ausgeschlossen, dass das Terrorvideo zu Paris 2024 tatsächlich von den Grauen Wölfen kommt.
Ismail Küpeli: Der Experte für türkisch-islamische Ideologie hält es für beinah ausgeschlossen, dass das Terrorvideo zu Paris 2024 von den Grauen Wölfen kommt.Bild: Imago Images

Eine vergleichbare Tat entspreche auch nicht dem Muster der «Grauen Wölfe»: «Dass ein Kommando der ‹Grauen Wölfe› nach Paris fährt, um dort eine solche Tat zu begehen, ist nahezu ausgeschlossen.» Das Attentat in München habe für die türkischen Extremisten keinerlei Relevanz. Küpelis Fazit: «Das Logo der ‹Grauen Wölfe› ist der einzige Hinweis, aber das kann von jedem da platziert worden sein.»

Falscher Absender: Es ist fast ausgeschlossen, dass das Video mit unterschwelligen Drohungen zu Olympia 2024 mit echten Bildern von Olympia 1972 von den "Grauen Wölfen" stammt.
Falscher Absender: Es ist fast ausgeschlossen, dass das Video mit unterschwelligen Drohungen zu Olympia 2024 mit echten Bildern von Olympia 1972 von den «Grauen Wölfen» stammt.Screenshot: Vimeo

Wer hat das aufgedeckt?

Geteilt wurde das Video von 558 Accounts, wie aus einer Auswertung von Antibot4navalny hervorgeht, Kopf einer Gruppe anonymer Aktivisten, die Trolle überwachen. Jeweils gut ein Viertel der Tweets waren auf Deutsch oder Französisch verfasst, der Rest auf Englisch.

Das Bot-Netzwerk schickt aber auch Tweets auf Ukrainisch oder Russisch ab. Zum Olympia-Video nicht – «da gibt es Themen, die für sie wichtiger und relevanter sind», vermutet Antibot4navalny.

Über das Twitter-Profil antibot4navalny werden russische Desinformations-Kampagnen aufgedeckt. Auch Elon Musk ist für Putins Online-Attacken anfällig.
Über das X-Profil «antibot4navalny» werden russische Trolle aufgedeckt. Die Betreiber machen sich über Elon Musk lustig, der wiederholt auf Desinformation hereingefallen ist.Screenshot: twitter.com

Die Ausmasse des Troll-Netzwerks werden daran ersichtlich, dass sie inzwischen auch alphabetisch sortiert den Sprachen zugeordnet sind, in denen sie schreiben, wie eine Auswertung von Antibot4navalny dokumentiert.

Fake-Profile für Social-Media-Plattformen werden mit künstlicher Intelligenz generiert, ständig werden neue angelegt.

Und es geht ständig weiter: Zum Hashtag «Hart aber fair» vom Montag verschickten Accounts aus der Reihe Cain, Callie, Calvin, Camilla, Campbell, Candice auf Deutsch pro-russische Links. Profilbilder sind mit künstlicher Intelligenz generiert, ständig werden neue angelegt.

Einige der Accounts, die vor der angeblichen Olympia-Drohung der vermeintlichen türkischen Extremisten warnen, zündeln zugleich auf türkischer Seite. So verbreiteten sie Bilder eines vorgeblichen Street-Art-Künstlers aus Israel: Er soll eine Menora an eine Mauer gemalt haben, den siebenarmigen jüdischen Leuchter, die eine türkische Flagge in Brand setzt. t-online hat die Stelle in Ostjerusalem lokalisieren können. Aus einem Talmud-Institut ein paar Gebäude weiter heisst es: Das Graffiti habe man nicht gesehen.

5400 Mal gepostet und kaum jemanden erreicht

Das Bild wird aber zugleich von einem in Moskau lebenden türkischen Wissenschaftler verbreitet – bisher ohne viel Resonanz. Das ist ohnehin auffällig: Dem grossen Aufwand steht wenig messbarer Erfolg gegenüber.

Das zeigt sich deutlich und mit Zahlen belegbar an einem Video mit dem AfD-Politiker Nicolaus Fest. Das Statement, in dem er unter anderem von ukrainischen Flüchtlingen in Deutschland als «parasitären Kriegsgewinnlern» spricht, wurde von «Doppelgänger»-Fake-Accounts 5400 Mal in Kommentare gepostet. Gesehen wurde es den Zahlen von X zufolge nur 25'000 Mal.

Nachdem die Kampagne aber seit dem Frühjahr 2022 läuft und immer neue Facetten bekommt, versprechen sich die Auftraggeber offenbar trotz der geringen Resonanz auf die einzelnen Tweets etwas. Ob der Nervosität des Netzes könnten ja mal Versuche viral gehen. Und angesichts der Masse der Postings gilt vielleicht auch das Prinzip: Steter Tropfen höhlt den Stein.

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15 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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So oder so
22.11.2023 21:39registriert Januar 2020
Zu Denken sollte uns auch geben das kürzlich die gesamte SVP Elite einem Orban zuhörte wie er Seine Anti EU Gesinnung zum Besten gab - ganz nach dem Sinne Putins.
Putin will denn Westen Kaputt machen und Später dann auch seine Nützlichen Idioten.
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HerbertBert
22.11.2023 20:33registriert Juni 2018
Jup, hier haben wir den absoluten Gewinner des Gaza-Konfliktes.

Gibt kaum etwas, das die Augen besser weg von ihm hätte richten können.
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MartinZH
22.11.2023 21:33registriert Mai 2019
Der Kreml weiss, dass der primitive Angriffskrieg gegen die Ukraine politisch und (militär-) strategisch verloren ist.

Mit der Hilfe des iran. Mullah-Regimes versucht Putin, den Krieg weiter fortzuführen, doch die RuZZen sind nicht in der Lage, der UA – mit dem (unbeschränkten [!]) Support aus dem Westen – Paroli zu bieten.

Moskau mobilisiert alles, was noch möglich ist, aber dies wird gegen die Phalanx des Westens niemals reichen.

Kein Wunder, versucht der Kreml zunehmend, sich auf der Desinformationsfront zu betätigen. Doch auch hier werden die RuZZen – wie auch im Feld – nur verlieren.
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