Der Kreml startet Camps, um russische Influencer auszubilden
Seit Beginn der Invasion der Ukraine im Jahr 2022 hat Moskau die Kontrolle über den Informationsraum massiv ausgebaut: Kritik am Militäreinsatz ist verboten, der Zugang zu ausländischen Medien eingeschränkt – und die staatliche Linie wird der gesamten Gesellschaft aufgezwungen.
Schulen und Jugendliche stehen im Zentrum der Offensive: Lehrpläne und Schulbücher wurden angepasst, um die offizielle Begründung für den Krieg zu verankern. Und immer öfter tauchen Soldaten im Klassenzimmer auf, um dort Unterstützung zu mobilisieren.
Grüne Pullis, rote Bérets: Anfang April treffen sich in Moskau über 120 Jugendliche in einem Content-Camp. Dort lassen sie sich von Militärs und Journalistinnen staatlicher Medien schulen. Auf dem Programm: Online-Inhalte produzieren, KI einsetzen und Reichweite aufbauen.
«Wir haben ein grosses Team junger Leute aufgebaut, die verstehen, wie man die Werte des Staates und unserer Organisation verbreitet», sagt Vladislav Golovine, Ex-Soldat und heute Chef der Bewegung Jeune Armée, in einer Mitteilung. In einem Promo-Video klatschen Kinder, während ein Kadett versucht, ein Präzisionsgewehr schneller nachzuladen als der Ausbilder.
Eine weitere Organisation mit ähnlichen Camps, die Mouvement des premiers, veranstaltet Wettbewerbe: Ausgezeichnet werden Jugendliche mit den besten Blogs und der grössten Reichweite.
«Leicht zu radikalisieren»
Die Camps sind Teil dessen, was Keir Giles vom Centre britannique de recherches et d'études sur les conflits gegenüber AFP als «gezielte Kampagne zur Wiederherstellung des Prestiges der russischen Armee» bezeichnet.
Der Wille, jungen Russen und Russinnen kremltreue Werte einzutrichtern, kommt von ganz oben. «Kriege werden nicht von Generälen gewonnen, sondern von Lehrern und Dorfpfarrern», sagte Wladimir Putin 2023 – und griff damit ein Zitat auf, das Otto von Bismarck zugeschrieben wird.
Die Wiederbelebung von Jugendorganisationen aus Sowjetzeiten steht im Zentrum dieser Strategie – etwa die Jeune Armée oder das Mouvement des premiers, das online nach eigenen Angaben 14 Millionen Mitglieder zählt. In beigen Militäruniformen, mit roten Bérets auf dem Kopf, stehen die Jugendlichen bei grossen Staatszeremonien in Reih und Glied. Etwa bei Feiern zum sowjetischen Sieg im Zweiten Weltkrieg.
Die KI- und Desinformations-Expertin Veronika Solopova von der Technischen Universität Berlin sagt: Die Algorithmen sozialer Netzwerke sind ein idealer Nährboden für das Narrativ des Kremls. Sie ermöglichen es, Inhalte massgeschneidert zu produzieren und zu verbreiten. Gezielt darauf ausgelegt, emotionale Reaktionen auszulösen.
«Es ist bekannt, dass sich junge Menschen leicht radikalisieren lassen und dazu neigen, schnelle Schlüsse zu ziehen (…) – was in Russland schnell in einem Engagement beim Militär münden kann», erklärt sie.
«Die Wahrheit in einem Rahmen»
Mehr als die Hälfte der 18- bis 24-jährigen Russen gibt an, dass soziale Netzwerke ihre wichtigste Informationsquelle sind – das zeigt eine Umfrage eines unabhängigen Zentrums, die im März veröffentlicht wurde.
Ihre «geringere Aufmerksamkeitsspanne, kombiniert mit der einfachen Verbreitung von Clips und Kurzformaten, macht digitale Inhalte zu einem aussergewöhnlich mächtigen Werkzeug», sagt Giorgi Revishvili, ehemaliges Mitglied des georgischen Nationalen Sicherheitsrats.
Diese Inhalte können «direkt und radikal» sein – oder «sehr subtil, mit dem Ziel, nicht unbedingt Unterstützung für Russland zu erzeugen, sondern die Solidarität mit der Ukraine zu schwächen», sagt Dietmar Pichler vom Thinktank INVED.
Im Ausbildungscamp in Moskau erkennen die Kadettinnen und Kadetten schnell das Potenzial ihrer neuen Skills. In einem Promo-Video der Organisatoren sagt eine junge Teilnehmerin stolz, sie sei nun Regisseurin, die beim Publikum «diese Emotionen auslöst». «Die Wahrheit passt in einen Rahmen», sagt sie – «und wir halten die Kamera.» (afp)
