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Darum wird Apple auf 875 Millionen Franken Schadenersatz verklagt

epa06760267 An activist from the nonprofit organization Campact representing Apple hugs a mock bag of money during a street performance in front of the Federal Ministry of Finance building in Berlin,  ...
1500 App-Entwickler klagen gegen Apple.Bild: EPA/EPA

Apple wird auf 875 Millionen Franken Schadenersatz verklagt – darum geht es

Apple missbrauche seine Marktposition für «masslose» Gebühren im App Store. 1500 britische App-Entwickler fordern nun Schadenersatz.
26.07.2023, 13:2828.07.2023, 09:31
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Was ist passiert?

Apple ist in Grossbritannien wegen der Gebühren für den Verkauf von Apps in seinem App Store auf 785 Millionen Pfund (rund 875 Millionen Franken) Schadenersatz verklagt worden.

Wer hat geklagt?

Die Sammelklage wurde von Wettbewerbsprofessor Sean Ennis von der Universität East Anglia in Norwich im Namen von 1500 britischen App-Entwicklern lanciert.

«Ich bin davon überzeugt, dass die Art von Verhalten, über die wir in diesem Fall sprechen, äusserst problematisch ist. Daher war ich daran interessiert, eine Rolle zu übernehmen, um für diejenigen, die meiner Meinung nach durch dieses Verhalten geschädigt wurden, Wiedergutmachung zu erlangen», sagte Ennis dem Newsportal TechCrunch.

Was wird Apple vorgeworfen?

Apple missbrauche seine dominierende Marktposition für «masslose» Gebühren auf Apps und In-App-Verkäufe, erklärte die Universität am Dienstag. Die Gebühren seien «unfair» und würden Entwicklern und Käufern von Apps schaden. Apple hatte auf seinen iPhones und iPads von Anfang an ein App-Store-Monopol und kann weiterhin Gebühren von 15 bis 30 Prozent durchsetzen. Rivalen wie Microsoft, Amazon oder Epic Games dürfen bis heute keinen eigenen App Store auf iOS-Geräten betreiben.

Apple blockiert zudem die Installation von Software über den Webbrowser. Das Unternehmen gibt dafür Sicherheitsüberlegungen an. Gleichzeitig muss Apple immer wieder betrügerische Apps aus dem App Store entfernen, da selbst offensichtliche Fake-Apps durch die seit Jahren mangelhafte Kontrolle schlüpfen; zuletzt beispielsweise eine betrügerische Kopie der neuen Meta-App Threads. Die Trittbrettfahrer-App «Threads for Insta» versuchte den Nutzerinnen und Nutzern unmittelbar nach der Installation ein Abonnement zu verkaufen, das drei Euro pro Woche kostet. Apple verdient an solchen Abofallen mit.

Kritiker werfen Apple vor, es schiebe das Sicherheitsargument vor, um sein App-Store-Monopol auf iOS zu schützen.

2021 zeigte eine vielbeachtete Untersuchung der «Washington Post», dass «fast 2 Prozent der umsatzstärksten Apps» im App Store betrügerische Apps waren, die Schäden in Millionenhöhe verursachen. Daran dürfte sich bis heute wenig geändert haben, da App-Store-Betrug auf iOS (und Android) für Kriminelle weiterhin ein lukratives Geschäft bleibt. Immer wieder bleiben Scam-Apps wochenlang unentdeckt und werden von Apple und Google erst entfernt, wenn Medien darüber berichten.

Wie reagiert die Politik?

Apple ist bereits in den USA und Europa wegen seines App Stores unter Druck geraten, weil App-Entwickler ihre Produkte nicht direkt und somit günstiger an die Kunden des Tech-Giganten verkaufen können. Die EU will Apple mit ihrem neuen Digital-Gesetz zwingen, rivalisierende App Stores zuzulassen. Microsoft, Epic Games und andere arbeiten deshalb schon länger an eigenen App Stores für iOS.

Ob die Preise dadurch wirklich sinken, muss sich erst noch zeigen. Die Hoffnung der Wettbewerbshüter ist, dass der Wettbewerb spielt und Apps und Games in verschiedenen App Stores zu verschiedenen Preisen zu finden sind.

Am Ende könnten die Auswirkungen minimal sein, da die meisten Menschen Gewohnheitstiere sind und aus Bequemlichkeit weiter Apples App Store nutzen dürften, auch wenn die Preise dort vermutlich etwas höher wären.

Tun Google und Microsoft nicht dasselbe?

Google werden ebenfalls masslose Gebühren vorgeworfen, da der Internet-Gigant in westlichen Ländern keine ernsthafte Konkurrenz für seinen App Store fürchten muss. Rivalisierende App Stores wie von Samsung spielen auf Android bislang nur eine Nischenrolle.

Nach starkem politischem Druck lenkte Google – wie zuvor bereits Apple – teilweise ein und senkte 2021 die App-Abgabe für kleinere Entwickler mit weniger als einer Million US-Dollar Umsatz auf 15 Prozent. Microsoft und Epic Games reduzierten die Gebühren in ihren App Stores für PC-Games auf 12 Prozent, sprich 88 Prozent verbleiben beim Software-Entwickler.

Anders als Apple erlauben Google und Microsoft auf ihren Betriebssystemen Android und Windows konkurrierende App Stores sowie den Download von Software über den Webbrowser.

Auch Apple ermöglicht die Installation von Software auf macOS über den Webbrowser, da ein App-Store-Zwang faktisch nicht durchgesetzt werden kann und der Mac App Store wirtschaftlich keine grosse Rolle spielt.

Warum stellt sich Apple quer?

Der App Store ist ein Milliardengeschäft, das der Konzern durch alle politischen und juristischen Instanzen verteidigt – bislang grösstenteils erfolgreich.

Apple weist darauf hin, dass Entwickler potenziellen Kunden Angebote über den Webbrowser machen können, ohne den App Store nutzen zu müssen. App-Anbieter können Kunden etwa anbieten, dass sie Abos über das Web bezahlen. Grosse Streaming-Dienste wie Netflix und Spotify verkaufen ihre Abos daher gar nicht erst über Apples App Store, sondern über die eigene Website, um die Abgabe zu vermeiden.

Der Konzern führt an, die Mehrheit der Entwickler zahle dank Ausnahmen für kleine Unternehmen gar keine oder nur 15 Prozent Gebühren. Apple betont zudem, der Konzern habe als Plattform-Betreiber Anrecht auf eine Kommission. Diese Position wurde in den USA von einer Richterin in Kalifornien bestätigt.

Einige App-Entwickler und Konsumentenschützer laufen trotzdem Sturm gegen die in ihren Augen weiterhin «masslosen» Gebühren. Sie sagen, die Reduktion auf 15 Prozent sei lediglich eine Beruhigungspille. Denn die reduzierte Abgabe gilt für eine grosse Mehrheit der Entwickler und diese dürften weniger geneigt sein, weiter für tiefere Abgaben zu kämpfen. Die grosse Mehrheit der Einnahmen aber komme von Apps, für die die höhere Gebühr gilt.

«So können Google und Apple weiter die Preise in die Höhe treiben und die Konsumenten mit ihren App-Steuern schröpfen», wetterte vor zwei Jahren Tim Sweeney, der Chef des «Fortnite»-Herstellers Epic Games, der gegen Apple und Google geklagt hatte.

Die nun eingereichte Schadenersatzklage in Grossbritannien stellt Apples Argumente erneut auf die Probe. Allerdings könnten bis zu einem Urteil Jahre verstreichen.

Warum spielt der Wettbewerb nicht?

Der App-Store-Markt in westlichen Ländern wird von nur zwei Anbietern – Apple und Google – beherrscht. Für viele App-Entwickler macht es finanziell keinen Sinn, einseitig auf Android auszuweichen, da iOS-User deutlich mehr Geld als Android-User für Apps, In-App-Käufe und Abos ausgeben und Google ähnliche Gebühren verlangt.

(Kleinere) App-Entwickler hielten daher lange die Füsse still, da sie Repressionen von Apple und Google befürchten mussten und teils trotz hoher Abgaben gute Geschäfte machten.

Mit Material der Nachrichtenagenturen SDA und AFP

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54 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Bikemate
26.07.2023 14:50registriert Mai 2021
Wenn Apple die APPs wirklich gut prüft und nur sichere Apss im Store zulässt, bin ich gerne bereit etwas mehr zu bezahlen. Da dies aber, wie es der Artikel schreibt nicht der Fall ist, sind die hohen Preise nicht mehr legitim. So gesehen ist die Klage schon ok.
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