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Mit der Maskenpflicht in England – hier beim Riesenrad London Eye – ist es bald vorbei.
Mit der Maskenpflicht in England – hier beim Riesenrad London Eye – ist es bald vorbei.
Bild: keystone

Knallhart bis ultralocker: Der Corona-Zickzackkurs von Boris Johnson

Obwohl die Fallzahlen stark ansteigen, will Premierminister Boris Johnson in England alle Corona-Massnahmen aufheben. Das passt zu seiner konfusen Politik in der Coronakrise.
06.07.2021, 19:30

Die einen jubeln enthusiastisch. Andere sind misstrauisch und sprechen von einem weltweit einmaligen und höchst riskanten Experiment. Obwohl Grossbritannien derzeit einen massiven Anstieg der Corona-Fallzahlen registriert, sollen am 19. Juli in England alle Massnahmen aufgehoben werden, auch Abstandsregeln und Maskenpflicht.

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Dies verkündete der britische Premierminister Boris Johnson am Montag an einer Medienkonferenz. Seine Begründung: Trotz der vielen Neuinfektionen aufgrund der hoch ansteckenden Delta-Variante (allein am Montag waren es mehr als 27’000 neue Fälle) nähmen die Spitaleinweisungen und Todesfälle nicht im gleichen Ausmass zu.

Boris Johnson verkündet am Montag das Ende der Massnahmen.
Boris Johnson verkündet am Montag das Ende der Massnahmen.
Bild: keystone

Faktisch wettet Johnson darauf, dass das im internationalen Vergleich hohe Impftempo (bis 19. Juli sollen zwei Drittel der erwachsenen Briten doppelt geimpft sein) das Virus in Schach halten wird. Wissenschaftler und Oppositionspolitiker sind skeptischer. Labour-Chef Keir Starmer bezeichnete Johnsons Pläne als «rücksichtslos».

Ein «Schauermärchen»

Es ist in jedem Fall ein gewagtes Spiel, das der Premier in England – in Schottland, Wales und Nordirland sind die Regionalregierungen für die Corona-Massnahmen zuständig – riskiert. Es passt aber zur bisherigen Corona-Politik von Boris Johnson, die von einem Extrem zum anderen tendierte: Mal setzte sie auf Laissez-faire, dann auf harte Lockdowns.

Zu Beginn der Krise im Frühjahr 2020 nahm die Regierung Johnson die Bedrohung durch das neuartige Coronavirus auf die leichte Schulter. Der konservative Premier habe sie als «Schauermärchen» und «neue Schweinegrippe» bezeichnet, sagte sein einstiger Vertrauter und heutiger «Erzfeind» Dominic Cummings im Mai an einer Anhörung im Unterhaus.

Johnson habe sogar geplant, sich live am Fernsehen mit dem Virus infizieren zu lassen, um den Menschen die Angst davor zu nehmen, behauptete Cummings. Das Ziel der Regierung sei die Durchseuchung der Bevölkerung gewesen, um die Herdenimmunität zu erreichen. Boris Johnson wies die Anschuldigungen seines einstigen Chefberaters zurück.

Das Zentrum von London im ersten Lockdown im Frühjahr 2020.
Das Zentrum von London im ersten Lockdown im Frühjahr 2020.
Bild: EPA

Tatsächlich aber hatte der Premierminister noch Anfang März 2020 ungeniert erklärt, er habe beim Besuch eines Spitals mit Covid-Patienten allen die Hand gegeben und werde dies auch weiterhin tun. Und selbst nachdem auf dem Kontinent erste Einschränkungen verhängt wurden, fanden auf der Insel Grossveranstaltungen mit tausenden Teilnehmern statt.

Auf der Intensivstation

Erst am 23. März – eine Woche nach der Ausrufung der «ausserordentlichen Lage» durch den Bundesrat in der Schweiz – kündigte Johnson den ersten nationalen Lockdown an. Der war dafür umso härter: Über die Bevölkerung wurde faktisch eine Ausgangssperre mit nur wenigen Ausnahmen verhängt. Treffen von mehr als zwei Personen wurden verboten.

Prinz Charles wurde positiv getestet, kam aber mit milden Symptomen davon. Anders Boris Johnson: Er wurde am 6. April auf die Intensivstation des St. Thomas’ Hospital in London eingewiesen. Nach knapp einer Woche konnte er das Spital verlassen. Gleichzeitig wurde in Grossbritannien die unrühmliche Marke von 10’000 Todesopfern überschritten.

Cummings' faule Ausreden

Als die Fallzahlen im Mai sanken, wurden auch die Restriktionen im Königreich sukzessive gelockert. An einer Medienkonferenz stellte Johnson eine weitgehende Rückkehr zur Normalität bis Weihnachten in Aussicht. Sein damaliger Vertrauter Dominic Cummings geriet wegen Verstössen gegen die Corona-Regeln und faulen Ausreden ins Zwielicht.

Margaret Keenan wurde als weltweit erster Mensch mit Pfizer/Biontech geimpft.
Margaret Keenan wurde als weltweit erster Mensch mit Pfizer/Biontech geimpft.
Bild: keystone

Mit dem Ansteigen der Fallzahlen im Herbst wurde am 31. Oktober ein zweiter Lockdown in England verhängt. Er endete Anfang Dezember und wurde durch ein Ampelsystem ersetzt, das die Regionen in drei Gefahrenstufen einteilte. Am 8. Dezember erhielt die 90-jährige Margaret Keenan als weltweit erster Mensch den Impfstoff von Pfizer/Biontech.

Weihnachten abgesagt

Hoffnungen auf eine «Weihnachts-Blase» zerschlugen sich mit dem Auftauchen einer deutlich ansteckenderen Virus-Mutation, die heute als Alpha bekannt ist. Weihnachten wurde in grossen Teilen Englands mit einer erneuten Ausgangssperre faktisch abgesagt. Anfang Januar 2021 musste Boris Johnson den dritten Lockdown in ganz England anordnen.

Eines der weltweit schnellsten Impfprogramme ermöglichte ab Mitte April erneute Lockerungen. Unter anderem wurden die Aussenbereiche der Pubs geöffnet. Boris Johnson stellte eine Aufhebung aller Massnahmen bis 21. Juni in Aussicht. Delta warf diesen Zeitplan über den Haufen, doch am 19. Juli soll es definitiv so weit sein.

Endgültig entscheiden will die Regierung am 12. Juli. Mit seinem Hüst und Hott ist Boris Johnson nicht allein, doch seine Politik ist durch eine besonders grosse Sprunghaftigkeit und einen Hang zum Populismus geprägt. Die Zeche bezahlte die Bevölkerung: In Grossbritannien sind knapp 130’000 Personen an oder mit Covid-19 gestorben.

Geht Johnsons neuer Poker auf? Es sei womöglich besser, einen Anstieg der Fallzahlen im Sommer zu riskieren als im Herbst, wenn er mit der Grippewelle «kollidieren» könnte, meint die BBC. Sie räumt aber ein, dass kein anderes Land versucht habe, Einschränkungen unter solchen Umständen aufzuheben. Eine weitere «Notbremse» ist nicht ausgeschlossen.

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