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«NACHBARN AUFGEPASST» – Wie eine Touristin in Deutschland zur Einbrecherin erklärt wurde

19.09.2018, 08:2219.09.2018, 09:29
Julia Dombrowsky / watson.de

Shreya Kashyap aus Neu-Delhi wollte einfach nur durch das norddeutsche Minden laufen und Fotos knipsen: von Wäldern, Flüssen und Gebäuden. 

«NACHBARN AUFGEPASST!!!», kursierte bald eine WhatsApp-Nachricht unter den Einwohnern der 80'000-Einwohner-Stadt. Eine «auffällige junge Dame» würde «diverse Häuser ausspionieren» – «sie scheint aus dem Balkan-Raum zu stammen.»

Und während die Angst vor Spionage durch eine Bande Einbrecher rasant anwuchs, spazierte Deutschland-Fan Shreya weiter nichtsahnend durch die Stadt in Nordrhein-Westfalen und machte Bilder für ihre Eltern in Indien

Shreya Kashyap

Bild: zvg

Tja ... Was dann passierte? Wir haben es uns von Shreya selbst erklären lassen. Heraus kam ein Lehrstück über Hysterie und Versöhnung in fünf Akten.

Die Ankunft

Minden ist eine Stadt in NRW mit fast 83'000 Einwohnern. Berühmt für ihre schönen Fachwerkhäuser, das Kaiser-Wilhelm-Denkmal und die Weser. 

Shreya ist eine 21-Jährige aus Neu-Delhi, die seit drei Jahren Germanistik studiert. Sie liebt die deutsche Literatur und Geschichte, war jedoch nie ausserhalb Indiens.

«Ich hatte diesen Drang, Deutschland in echt zu erleben. Aber es war schwierig, fast unmöglich, so eine Reise zu finanzieren.»
Shreya zu watson.de

Die Lösung? Ein Ferienjob im «Potts Park» Minden, einem Vergnügungspark. Dort darf sie als Studentin 35 Tage arbeiten und bekommt eine Unterkunft gestellt. Am 21. Juni fliegt sie los: «Nach Deutschland! Ins Land von Goethe.»

Idylle in Minden

Bild: shutterstock.com

Zum allerersten Mal reist Shreya alleine. Woher der Mut? «Ich habe den Deutschen vertraut. Ich hatte gelesen, was sie nach dem Krieg durchgemacht hatten, kannte ihre Verfassung, wie sie Flüchtlinge aufnahmen», sagt sie watson.de. «Ich hatte immensen Respekt vor den Menschen.»

Und die Liebe hält an. Shreya ist begeistert von den Bergen und den Feldern der Region. «Ich hatte mein Leben in Neu-Delhi (21,75 Millionen Einwohner) verbracht. Minden wirkte auf mich wie der Schoss von Mutter Natur.» Da sie kaum jemanden kennt, verbringt sie ihre Freizeit vor allem mit langen Spaziergängen. 

«Ich lief durch die Nachbarschaft, fotografierte den Sonnenuntergang und Katzen und Bäume und den Himmel. Es wurde mein Hobby.»
Shreya zu watson.de

Das Misstrauen

Was Shreya nicht weiss: Ihre Spaziergänge sind seit Tagen Thema bei den Einwohnern. Am 14. Juli kommt Shreyas Chef auf sie zu und zeigt ihr eine Nachricht, die unter den Mindenern auf WhatsApp kursiert. «Ich habe die Nachricht gelesen und war entsetzt», sagt Shreya. 

Was aus dem Chat ersichtlich ist: Die Nachbarn hielten Shreya nicht nur für ein kriminelles Bandenmitglied, das ihre Häuser auskundschaftet, sie hatten auch heimlich Fotos von ihr geschossen, um alle vor ihr zu warnen. «Lass die Hunde raus!», liest Shreya in einem der Kommentare.

«Ich beschloss, die letzten zehn Tage nur noch in meinem Zimmer zu verbringen.»
Shreya zu watson.de

Die Eskalation

Doch am Dienstag, dem 17. Juli, treibt es sie doch wieder vor die Tür. «Es hatte leicht geregnet und jetzt schien die Sonne ganz sanft. Es war unheimlich schön!», erinnert sie sich. «Ich hatte drei Abende zuhause rumgesessen, aber jetzt entschied ich, wieder rauszugehen.»  

Da sie die Nachbarn nicht weiter aufregen möchte, beschliesst sie, direkt in den Wald zu verschwinden. Ihr Handy hat sie dabei. Sie nimmt einen kleinen Pfad ins Dickicht. «Ich knipste alte Bäume und dann sah ich zwei Rehe, die miteinander grasten. Ich hatte gerade für ein Foto angesetzt, als jemand hinter mir losbrüllte.»

Ein Mann mit einem grossen schwarzen Hund war ihr in den Wald gefolgt. «Lösch das Foto», soll er sie angeschrien haben. «Du musst die Fotos löschen!» Shreya löscht verwirrt die Bilder der Baumstämme. Doch der Mann ist immer noch in Rage. «Lösch auch die Fotos von meinem Haus.» Shreya hat sein Haus nie fotografiert, sagt sie. Sie zeigt ihm zum Beweis alle Handybilder. Er glaubt ihr nicht.

«Er befahl mir, ihm Name, Handynummer und Adresse zu geben.» Dann will er einen Beweis, dass sie im Freizeitpark arbeitet, ausserdem fordert er ihren Reisepass. Er erzählt ihr von der mutmasslichen Kriminellen, die genauso aussehe wie sie. Shreya erklärt ihm, dass sie nur eine Spaziergängerin sei. Zuletzt glaubt er ihr. «Er begriff jedoch nicht, dass ich durchaus das Mädchen war, wegen dem sich alle sorgten. Und ich klärte es nicht auf, weil ich nur noch wegwollte.»

Auf dem Weg nach Hause rasen ihre Gedanken: Hatte dieser Mann das Recht, ihre Dokumente einzufordern? Ihre Adresse? Er hatte ihr gesagt, er habe sie wegen der dunklen Haut und Haaren verwechselt. «Das wäre einer Deutschen, einer Britin oder Amerikanerin wohl nicht passiert», sagt Shreya. «Ich hatte Glück, dass ich die Sprache kann. Was wäre passiert, hätte ich ihn nicht verstanden?!»

Die Versöhnung

Am Tag darauf ist Shreya immer noch erschrocken. Sie plant schon, Minden zu verlassen. Da klingelt es an der Tür: Der Mann aus dem Wald steht dort mit selbstgemachter Marmelade. «Er entschuldigte sich immer wieder für das Missverständnis», sagt Shreya. «Es war überwältigend.»

Ein Zeitungsartikel im Mindener Tageblatt über die Studentin löst weitere Entschuldigungen aus. Ein Ehepaar lädt sie nachhause ein, ein anderes will mit ihr einen Ausflug machen. Immer mehr Mindener melden sich, um ihren Besuch zu verschönern. Sie wollen nicht, dass Shreya Deutschland mit einem schlechten Gefühl verlässt. Es sind so viele, dass ein Gruppentreffen vereinbart wird. «Überwältigend», sagt sie.

Am 22. Juli begrüssen sie um die 30 Leute. «Sie hatten Schokolade mitgebracht und Bücher und Karten», sagt Shreya. Mit jedem von ihnen unterhält sie sich kurz. Dann sagt sie ihnen auf Sanskrit: «Vasudhaiva kutumbakam» – übersetzt: Die ganze Welt ist eine Familie.

Der Epilog

Wenn sie der Stadt noch etwas sagen könnte, wäre es: «Ich vergebe euch, Minden, alles gut!» Sie würde jederzeit zurückkehren: «Ich fühle mich, als hätte ich dort ein zweites Zuhause gefunden.»

Trotzdem sei es schade, wenn Misstrauen die Stimmung vergiftet, bevor man aufeinander zugeht. «Dieses Problem gibt es auf der ganzen Welt», sagt sie. «Wir Menschen haben Angst vor Fremdem. Was wir nicht kennen, scheint erstmal gefährlich.» Die Lösung sei es aber nicht, Gerüchte ungefragt auf sozialen Netzwerken zu verbreiten.

«Hätte nicht einfach jemand normal auf mich zukommen können, um mich zu fragen, was ich in Minden mache?»
Shreya zu watson.de

«Sie hätten doch einfach sagen können, dass es sie stört, wenn ich überall Fotos mache.» Stattdessen schossen die Anwohner heimliche Bilder von ihrem Gesicht und steigerten sich in ihre Fantasie hinein. «Damit haben sie die Dinge total verkompliziert.»

Shreya ist inzwischen zurück in Neu-Delhi, beobachtet ihr Lieblingsland aber weiter. Chemnitz beschäftigt sie sehr. «Fremdenfeindlichkeit und Rassismus spielen auch in meiner Geschichte eine Rolle und sie sind falsch. Alle Menschen haben das Recht, in einer Gesellschaft gleich behandelt zu werden.» Dafür will sie sich in Zukunft einsetzen.

Ausserdem möchte sie Deutschland bald wiedersehen, vielleicht im Winter, falls sie einen Saison-Job findet. Und als was sie langfristig arbeiten will, weiss sie auch schon: als Reiseleiterin. «Weil ich es liebe, neue Orte zu sehen und die Menschen dort kennenzulernen.» So wie die Mindener.

Schweizer sind bei Expats unbeliebt

Video: watson/Emily Engkent
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