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Flüchtlinge werden in Berlin mit einem «Refugees welcome»-Transparent empfangen.<br data-editable="remove">
Flüchtlinge werden in Berlin mit einem «Refugees welcome»-Transparent empfangen.
Bild: FABRIZIO BENSCH/REUTERS

1,5 Millionen Flüchtlinge allein in diesem Jahr? In Deutschland beginnt die Stimmung zu kippen

Flüchtlingskrise und kein Ende: Bis zu 1,5 Millionen Menschen sollen dieses Jahr in Deutschland eintreffen. Die kritischen Stimmen mehren sich, doch Angela Merkel bleibt unbeirrt.
07.10.2015, 11:5707.10.2015, 13:03

Die Kanzlerin ist auf Reisen: Am Dienstag ist Angela Merkel zu einem mehrtägigen Besuch in Indien eingetroffen, einem riesigen, wirtschaftlich boomenden und einigermassen stabilen Land. Es muss für Merkel eine willkommene Abwechslung zur Flüchtlingskrise in Europa sein. Das Thema mag ein wenig aus den Schlagzeilen verschwunden sein, doch nach wie vor sind Tausende auf der Balkanroute unterwegs.

Die «Bild»-Zeitung veröffentlichte am Montag «brisante» Zahlen: Bis zum Jahresende könnten 1,5 Millionen Flüchtlinge in Deutschland eintreffen, berichtete das Massenblatt unter Berufung auf «Geheimakten». Das wären fast doppelt so viele, wie die Regierung offiziell angibt. Die Zahl scheint nicht aus der Luft gegriffen. «In Anbetracht der derzeitigen Sicherheitslage in mehreren Krisenregionen halte ich höhere Flüchtlingszahlen für sehr wahrscheinlich», sagte Luise Amtsberg, Abgeordnete und Flüchtlingsexpertin der Grünen, zu Spiegel Online.

Die euphorische «Refugees welcome»-Stimmung weicht der Ernüchterung. Dies zeigt eine am Montag veröffentlichte Umfrage, wonach 59 Prozent die Entscheidung der Bundeskanzlerin für falsch hielten, syrische Flüchtlinge aus Ungarn unregistriert nach Deutschland einreisen zu lassen. Im ZDF-Politbarometer von Anfang September hatten 66 Prozent der Befragten die Massnahme noch begrüsst. Zahlreiche weitere Indizien zeigen, dass die Deutschen an Merkels Parole «Wir schaffen das» zu zweifeln beginnen.

Pegida-Protest

Anti-Merkel-Plakat an der Pegida-Demo am Montag in Dresden.<br data-editable="remove">
Anti-Merkel-Plakat an der Pegida-Demo am Montag in Dresden.
Bild: Jens Meyer/AP/KEYSTONE

In aufgeheizter Atmosphäre haben sich am Montagabend Tausende an einer Demonstration der Pegida-Bewegung in Dresden beteiligt. Sie schwenkten deutsche Fahnen und hielten Schilder mit Parolen gegen Flüchtlinge wie «Asyltourismus stoppen», «Stopp Asylbetrüger, jeder ist einer zu viel», «Islam ist Unterwerfung – Stoppt die Invasion jetzt!» sowie «Merkel schuldig, begeht Ethnozid am eigenen Volk». Pegida-Gründer Lutz Bachmann sagte, es werde nicht bei «1,5 oder zwei Millionen» bleiben. Die Frauen oder die Kinder würden nachkommen. Es sei eine «unlösbare Aufgabe, diese Leute zu integrieren».

Massenschlägereien

Bilder der Schlägerei im Zeltlager Calden bei Kassel.

In mehreren Flüchtlingsunterkünften kam es zu Massenschlägereien. Die deutsche Polizeigewerkschaft forderte, Flüchtlinge nach Religionen getrennt unterzubringen. Die Streitereien sollen sich vor allem entlang ethnischer und religiöser Grenzen entzündet haben. Christen bräuchten besonderen Schutz, ebenso Frauen und Kinder. Diese Interpretation ist allerdings umstritten. Die Unterkünfte sind häufig hoffnungslos überfüllt. Ein Funke kann zu einer Explosion führen.

Besorgter Präsident

Joachim Gauck an der Feier zum 25. Jahrestag der Wiedervereinigung.<br data-editable="remove">
Joachim Gauck an der Feier zum 25. Jahrestag der Wiedervereinigung.
Bild: EPA/DPA : REUTERS POOL

Skeptische Töne gab es am Samstag von Bundespräsident Joachim Gauck. An der zentralen Feier zum 25. Jahrestag der Wiedervereinigung in Frankfurt bezeichnete der einstige DDR-Pastor die Flüchtlingskrise als «Herausforderung, die Generationen beschäftigen wird». Anders als 1990 solle nun «zusammenwachsen, was bisher nicht zusammen gehörte». Gauck äusserte auch Verständnis für die Ängste der Bevölkerung: «Dies ist unser Dilemma: Wir wollen helfen. Unser Herz ist weit. Aber unsere Möglichkeiten sind endlich.»

CSU-Polemik

Horst Seehofer warnt vor einem Kollaps.

Scharfe Kritik an der Kanzlerin kommt von der CSU, der Schwesterpartei von Merkels CDU. Der bayerische Ministerpräsident und CSU-Chef Horst Seehofer warnte vor einem «Kollaps mit Ansage». Die Entscheidung Merkels, die Flüchtlinge aus Ungarn nach Deutschland einreisen zu lassen, sei ein Fehler gewesen, sagte Seehofer am Samstag. «Wir können nicht die ganze Welt retten», ergänzte Bayerns Finanzminister Markus Söder. Selbst beim Koalitionspartner SPD mehren sich die kritischen Stimmen. «Wir nähern uns in Deutschland mit rasanter Geschwindigkeit den Grenzen unserer Möglichkeiten», sagt Vizekanzler Sigmar Gabriel im Spiegel-Online-Interview.

«Bild» hat sich dem Stimmungswandel (noch) nicht angeschlossen. Die Zeitung rechnet jedoch vor, was Deutschland für 1,5 Millionen Flüchtlinge benötige: Bis 400'000 Wohnungen, bis 25'000 zusätzliche Lehrkräfte, rund 15'000 Polizisten und 68'000 Kita-Plätze. Es wäre ein Kraftakt selbst für ein Land wie Deutschland, das enorme Herausforderungen gewohnt ist.

Angela Merkel aber zeigt keinen Willen, ihren Kritikern entgegen zu kommen. So vorsichtig sie in der Regel agiert, so stur ist die Bundeskanzlerin, wenn sie sich auf einen Kurs festgelegt hat. In einem Interview mit dem Deutschlandfunk sagte sie vor der Abreise nach Indien, dass sie die Entscheidung vom September für eine Öffnung der Grenze für Flüchtlinge genauso wieder treffen würde. «Mich jetzt wegzuducken und damit zu hadern, das ist nicht mein Angang», sagte Merkel.

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quelle: x00446 / kai pfaffenbach
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