«Unglaubliche Ironie»: Wie ausgerechnet Trump den «Betrug des Jahrhunderts» verstärkt
So hat Donald Trump sich das sicher nicht vorgestellt. Er liebt ja die fossilen Brennstoffe, spricht von der «wunderschönen, sauberen Kohle», will nach Öl «bohren, Baby, bohren» und so «globale Energiedominanz» erreichen. Die Windenergie hingegen nennt er «teuer, unzuverlässig, hässlich». Solarenergie «zerstört Bauernhöfe». Beides zusammen ist für ihn der «Betrug des Jahrhunderts», mit dem unter seiner Führung nun Schluss sei. «Die Tage der Blödheit sind gezählt.»
«Apostel der fossilen Brennstoffe» wird Trump deshalb von William Rensch genannt, Experte bei der US-Denkfabrik CSIS. Was jetzt jedoch weltweit im Energiesystem entsteht, sei eine «unglaubliche Ironie».
Die Ironie endet nicht, aber beginnt damit, dass es Trump in seinem ersten Amtsjahr in keiner Weise gelungen ist, den Boom der erneuerbaren Energien zu stoppen oder auch nur zu verlangsamen. Im Gegenteil: «Der Betrug des Jahrhunderts», wie er es nennt, hat Jahrhundert-Rekorde aufgestellt. Mehrere.
Die Denkfabrik Ember berichtet über diese Rekorde in ihrem Jahresreport zur globalen Stromerzeugung. Im Jahr 2025 trugen Solar-, Wind- und Wasserkraft sowie andere erneuerbare Energien mehr bei als je zuvor: erstmals mehr als ein Drittel. Kohle hingegen verlor dadurch Anteile und fiel unter ein Drittel, «zum ersten Mal in der Geschichte». Somit kamen die von Trump verteufelten erneuerbaren Energien auf einen grösseren Anteil als seine schöne, saubere Kohle – und dies «erstmals in 100 Jahren».
Stundenlang die Berater angeschrien
Vor allem die Zahlen der Solarenergie könnte Trump, wenn er sie studieren würde, dazu veranlassen, seine Berater wieder einmal «stundenlang anzuschreien», wie er es laut «Wall Street Journal» kürzlich getan hat. Denn sie boomt, boomt, boomt. 2025 hat sie um 30 Prozent zugelegt. So viel wie nie eine Stromquelle zuvor. Damit hat sie elfmal mehr Strom erzeugt als vor 10 Jahren. Oder anders gesagt: 1000 Prozent mehr.
Damit hat sie beinahe gleichgezogen mit einer anderen von Trump bevorzugten Energiequelle, der Nuklearenergie. Trump hat ein Dekret unterzeichnet, das die angebliche Überregulierung der Branche rückgängig machen soll. Es sei Zeit für Nuklear, sagte Trump und versprach «We will make it very big». Doch sehr gross wird nur die Solarenergie. Vor zehn Jahren produzierte sie noch zehn Mal weniger Strom als die Nuklearenergie. 2025 hat sie beinahe gleichgezogen.
Das war 2025. Ein schlimmes Jahr für den «Apostel der fossilen Brennstoffe». Aber besser wird es nicht mehr, nur noch von Jahr zu Jahr schlimmer und schlimmer. Der «Betrug des Jahrhunderts» geht ungebremst weiter. Das hat mit dem Ende eines langen Wartens zu tun.
Die Solarindustrie musste lange auf günstige Batterien warten. «Jetzt sind sie endlich da», sagt eine Ember-Analystin. Batterien waren 2025 rund dreimal günstiger als drei Jahre zuvor und können jetzt im Paket mit Solarenergie preislich kompetitiven Strom liefern. Damit ist ein Wendepunkt erreicht: Solarenergie liefert nicht mehr, wie von ihren Kritikern stets bemängelt, nur dann Strom, wenn die Sonne scheint – im Paket mit Batterien liefert sie jetzt auch in der Nacht. Das macht Solar und Batterien der Analystin zufolge zu einer «unaufhaltsamen Kraft». Sprich: Solar kann weiter ungehindert boomen.
Trump wird zu Chinas grossem Exportförderer
Trumps Berater können nur hoffen, dass ihr Chef das nicht mitbekommt. Sonst könnte es abermals laut werden im Weissen Haus. Trump wird sich auch kaum besänftigen lassen, wenn man ihm erklärt, dass er selbst mit seinem unbedachten Iran-Krieg den Boom der erneuerbaren Energien noch verstärkt. Und dass Trump damit China in die Hände spielt. Ausgerechnet China, der grosse geopolitische Rivale der USA, von dem Trump schon gesagt hat, er begehe an den USA den «grössten Diebstahl der Geschichte.»
Ebenfalls in einem Trump'schen Superlativ ausgedrückt, wird er für China «zum grössten Exportförderer, den das Land jemals gehabt hat». Die Denkfabrik Ember hat untersucht, wie sich die chinesischen Exporte von Solarpanels entwickelt haben. Die März-Zahlen würden einen ersten Einblick geben, wie die Welt auf die Energiepreis-Krise reagiert, welche Trumps Iran-Krieg gegen Ende Februar ausgelöst hat. Was sich da in Chinas Exportzahlen zeigt, kann man tatsächlich «unglaublich ironisch» finden.
China hat im März so viele Solarpanels ins Ausland verkauft wie nie zuvor: 100 Prozent mehr als im Vormonat, 50 Prozent mehr als im früheren Rekordmonat. 50 Länder haben nationale Rekordmengen gekauft, darunter Italien und Frankreich, Australien und Indien – und auch die USA selbst. Weitere 60 Länder haben mehr gekauft als sonst in den vergangenen sechs Monaten, darunter Deutschland. Doch Trump, Chinas bester Exportförderer der Geschichte, hat noch mehr erreicht.
So hat China auch mehr Batterien und Elektroautos verkauft als im Vormonat. Zusammen mit Solarpanels wuchs dieser Gesamtexport von erneuerbaren Technologien um 70 Prozent und erreichte ebenfalls ein neues Rekordniveau. Batterien wurden beispielsweise von der Europäischen Union fleissig gekauft, um damit die Solarenergie in die Abendstunden zu retten. Die Welt hat offensichtlich Schutz vor der von Trump verursachten Energiekrise gesucht und in China gefunden.
USA und China stehen für gegensätzliche Visionen
Damit driften China und die USA energiepolitisch auseinander. Sie stehen zunehmend für entgegengesetzte Visionen. China wird noch schneller zum ersten Elektro-Staat der Welt. Früher waren Kleider, Möbel und Küchengeräte die grossen drei Warenkategorien, welche das Wachstum vorantrieben. Nun gibt es zunehmend die «neuen drei», Batterien, Elektroautos und Solarpanels. Die USA wollen zumindest unter Trump der weltgrösste Petro-Staat sein. Sie sind schon grösster Produzent fossiler Brennstoffe und wollen eine «globale Energie-Dominanz» erreichen.
Dazwischen steht eine Welt, der in fünf Jahren zweimal vorgeführt wurde, dass nicht etwa die Windkraft teuer und unzuverlässig ist, wie Trump behauptet. Sondern es sind die fossilen Brennstoffe, die zum Mittel der Erpressung gemacht wurden. Zunächst wolle Russlands Präsident Wladimir Putin mit seinem Gas ganz Europa in die Knie zwingen. Jetzt erpresst der Iran mit der Blockade der Strasse von Hormus die ganze Welt.
Die Welt will sich dagegen zunehmend absichern. So wie Ägypten, das heute erst 10 Prozent seines Stroms aus erneuerbaren Energien erzeugt. Aber schon 2028 auf 45 Prozent kommen will. Dafür will es unter anderem einen gigantischen Windpark in der eigenen Wüste errichten. Experte Rensch von der Denkfabrik CSIS bemerkt dazu spöttisch, dies sei «zweifellos sehr zum Leidwesen von Trump». (aargauerzeitung.ch)
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