International
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Neuer Nowitschok-Vorfall: Wurden sie durch denselben Gegenstand wie Skripal vergiftet?



Die lebensbedrohliche Vergiftung eines Paares in Südengland vier Monate nach dem Anschlag auf den russischen Ex-Doppelagenten Sergej Skripal löst neue Ängste bei den Menschen in der Region aus. Für Verunsicherung sorgt vor allem die ungeklärte Frage, wie und wo die neuerliche Kontamination geschah.

«Wir dürfen den Effekt nicht unterschätzen, der von der schockierenden Nachricht eines zweiten solch schweren Vorfalls binnen derart kurzer Zeit ausgeht», warnte der Polizeichef der Grafschaft Wiltshire, Kier Pritchard, in der Nacht zum Donnerstag.

Die Ermittler prüfen einem Bericht zufolge, ob das im Fall Skripal verwendete Behältnis für das Nervengift ungewollt auch die nun erkrankten Briten in Lebensgefahr gebracht haben könnte.

In Lebensgefahr

Am späten Mittwochabend hatte Scotland Yard mitgeteilt, dass zwei am Wochenende in Südengland kollabierte Briten ebenfalls durch Nowitschok vergiftet worden waren. Das in Lebensgefahr schwebende Paar liegt in derselben Klinik der Stadt Salisbury, in der schon der ehemalige russische Doppelagent Sergej Skripal (67) und seine Tochter Julia (33) behandelt wurden

epa06863096 (FILE) - Police stand behind a cordon in Salisbury, Britain, 06 March 2018 (reissued 04 July 2018). According to police, two people are on serious condition after being exposed to an 'unknown' substance in Salisbury. The town was in the spotlight earlier in 2018, when former Russian spy Sergei Skripal and his daughter Yulia became seriously ill in Salisbury after allegedly being exposed to novichok nerve agent.  EPA/NEIL HALL

Bereits im März ist es zu grossräumigen Absperrungen gekommen. Bild: EPA/EPA

Statt der Theorie eines zweiten Anschlags prüfen die Ermittler laut der Nachrichtenagentur Press Association auch den Verdacht einer sogenannten Kreuzkontamination. Der vor der Attacke auf die Skripals verwendete Behälter zur Aufbewahrung des Nervengifts sei bis heute nicht gefunden worden, sagte eine ranghohe Regierungsquelle der PA. Denkbar sei deshalb, dass das Paar mit demselben Gegenstand in Berührung kam.

Nowitschok – gefährlichstes aller Nervengifte

Sein Name klingt harmlos, doch Nowitschok (zu deutsch Neuling) gilt als einer der tödlichsten je erfundenen Kampfstoffe. Sowjetische Forscher entwickelten die Serie neuartiger Nervengifte in den 1970er und 80er Jahren im Geheimen, um internationale Verbote zu umgehen. Es sind nur wenige Details bekannt.

Vermutlich besteht Nowitschok aus zwei an sich ungiftigen Komponenten, die ihre tödliche Gefahr erst beim Mischen entfalten. Das Relikt aus dem Kalten Krieg soll fünf bis zehn Mal stärker wirken als der chemische Kampfstoff VX. Mit diesem war im Februar 2017 der Halbbruder des nordkoreanischen Machthabers Kim Jong Un in Malaysia ermordet worden.

Nowitschok, das oft in Form eines extrem feinen Pulvers Verwendung findet, gelangt über Haut oder Atemwege in den Körper und führt meist binnen weniger Stunden zum Erstickungstod. Das Gift ist nur schwer nachzuweisen, die Überlebenschancen sind gering. Selbst bei Vergiftungen dieser Art übliche Gegenmittel wie Atropin können meist nur wenig ausrichten. (sda)

Krisensitz mit Innenminister

Als Reaktion auf den neuerlichen Vergiftungsfall tritt der Sicherheitsrat der Regierung, das sogenannte Cobra-Komitee, am Donnerstag zu einer Krisensitzung unter Führung des britischen Innenministers Sajid Javid zusammen. Federführend bei den Ermittlungen ist die mit über 100 Kräften beteiligte Anti-Terror-Sektion der Polizei.

Die Bevölkerung erwartet Antworten - viele Menschen in der Region fürchten um ihre eigenen Gesundheit, zumal auch diesmal wieder einige Bereiche in Salisbury und in dem Wohnort des Paares, dem rund 13 Kilometer weiter nördlich gelegenen Amesbury, vorsichtshalber abgesperrt wurden. Die Gesundheitsbehörde ging zunächst zwar nicht von einer «bedeutenden Gesundheitsgefährdung» für die Öffentlichkeit aus, doch die allgemeine Skepsis vermochte das nicht auszuräumen.

Schwere Diplomatenkrise

Schon im März waren Teile der Innenstadt von Salisbury abgeriegelt worden, nachdem die Skripals mit dem Kampfstoff vergiftet worden waren. Sie sassen bewusstlos auf einer Parkbank. Grossbritannien bezichtigte Russland, als Drahtzieher hinter der Tat zu stehen. Nowitschok war in der früheren Sowjetunion hergestellt worden.

Das Attentat auf die Skripals löste eine schwere internationale Krise aus. Zahlreiche westliche Staaten, auch Deutschland, wiesen Dutzende russische Diplomaten aus. Moskau reagierte mit ähnlichen Massnahmen. Die Skripals leben inzwischen an einem unbekannten Ort.

Am Samstag kollabiert

Bei den nun vergifteten Opfern handelt es sich nach Polizeiangaben um einen 45-Jährigen und eine 44-Jährige aus der Region. Zunächst sei die Frau am Samstag kollabiert, später mussten die Ärzte auch den Mann ins Spital bringen. Wissenschaftler prüfen nun, ob das Gift mit der Substanz identisch ist, die bei den Skripals verwendet worden war. Unter dem Begriff Nowitschok läuft eine ganze Gruppe eines bestimmten Nervengifts, das nach Hautberührung oder Einatmen binnen 30 Sekunden bis zwei Minuten Folgen beim Opfer zeigt.

Das Paar soll unter anderem eine Veranstaltung in einer Kirche besucht haben, bevor es am Samstag erkrankte. Die Beamten waren zunächst davon ausgegangen, dass die beiden möglicherweise verunreinigtes Heroin oder Crack-Kokain eingenommen haben könnten und sich daher im kritischen Zustand befinden.

Das Forschungslabor für Chemiewaffen im nahe gelegenen Porton Down wurde mit den Untersuchungen befasst. Dort war auch das Nervengift Nowitschok im Fall Skripal identifiziert worden. Unabhängige Untersuchungen der Organisation für ein Verbot der Chemiewaffen (OPCW) bestätigten damals das Ergebnis. (sda/dpa)

Das könnte dich auch interessieren:

Wie ich nach 3 Stunden Möbelhaus von Wolke 7 plumpste

Link zum Artikel

Die Fallzahlen steigen wieder leicht an – so sieht's in deinem Kanton aus

Link zum Artikel

Der Mann, der es wagt, Trump zu widersprechen

Link zum Artikel

Magic Johnson vs. Larry Bird – ein College-Final als Beginn einer grossen Sportrivalität

Link zum Artikel

4 Gründe, weshalb die Corona-Zahlen des BAG wenig mit der Realität zu tun haben

Link zum Artikel

Wie ansteckend sind Kinder wirklich? Was die Wissenschaft bis jetzt dazu weiss

Link zum Artikel

Das iPad kriegt Radar? Darum ist der Lidar-Sensor eine kleine Revolution

Link zum Artikel

Lasst meinen Sex in Ruhe, ihr Ehe- und Kartoffel-Fanatiker!

Link zum Artikel

So lief Tag 1 nach Bekanntgabe der «ausserordentliche Lage» für die Schweiz

Link zum Artikel

Corona International: EU beschliesst Einreisestopp ++ Italien mit 345 neuen Todesopfern

Link zum Artikel

Die Schweiz befindet sich im Notstand – die 18 wichtigsten Antworten zur neuen Lage

Link zum Artikel

Kalifornien macht Lockerungen rückgängig

Link zum Artikel

Ein Virus beendet Jonas Hillers Karriere: «Es gäbe noch viel schlimmere Szenarien»

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

7
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
7Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Skeptischer Optimist 05.07.2018 13:39
    Highlight Highlight Ein neues Kapital im britischen Frühjahrsmärchen.
  • piatnik 05.07.2018 12:34
    Highlight Highlight spätestens jetzt sollte klar sein das russland nichts damit zu tun hat
  • Rigelragelrugel 05.07.2018 11:08
    Highlight Highlight Befinde mich gerade beruflich in Salisbury und arbeite in Amesbury. Bin auch schon bei Porton Down vorbeigefahren, wobei mir ein Arbeitskollege gesagt hat, dass sein Vater dort als Schweinehirt arbeitet, welche für Experiment hinhalten sollen. In Salisbury selber sind noch immer Teile der Umgebung wo sich Skripal befand abgeriegelt und es stehen Securitys rum. Sonst merkt man eigentlich nichts mehr von diesem Vorfall. Ausser dass die Leute sich einen Scherz daraus machen und mir mit einem Flunkern sagen, ich solle bloss die Russen nicht reizen, wenn ich im Pub WM gucke...
  • Sebastian Wendelspiess 05.07.2018 10:52
    Highlight Highlight Das ist doch ein Witz. Letztes Mal war es bestimmt nicht Novichok, die 2 Russen überlebten ja alles.
  • Wilhelm Dingo 05.07.2018 08:03
    Highlight Highlight Zwischen Amesbury und Salisbury liegt Porton Down, nur jeweils 15 min. entfernt... https://de.wikipedia.org/wiki/Porton_Down#Tierversuche (credits@Radiochopf)
    • Ichiban 05.07.2018 11:04
      Highlight Highlight Ja und das bedeutet/beweist/zeigt auf dass...?
    • Wilhelm Dingo 05.07.2018 13:35
      Highlight Highlight @Ichiban: ...es beuted, dass die Rolle dieser Institionen in Porton Down in die Untersuchungen miteinbezogen werden müssen.

Liveticker

BAG meldet 70 neue Fälle +++ Forscher warnen vor neuer Corona-Welle in Grossbritannien

Artikel lesen
Link zum Artikel