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Ein Wassermelonen-Käufer ruht sich in Ahmedabad im Schatten eines Baumes aus.
Ein Wassermelonen-Käufer ruht sich in Ahmedabad im Schatten eines Baumes aus.Bild: keystone

Bodentemperaturen von 65 Grad – so hart trifft Indien und Pakistan die Rekordhitze

Schon seit Monaten erreichen die Temperaturen sowohl in Indien als auch in Pakistan Höchstwerte – nicht ohne Folgen. Stromknappheit, Ernteausfälle und drohende Überschwemmungen sind die Folge.
05.05.2022, 17:2306.05.2022, 12:59

Bereits seit März leiden Indien und Pakistan unter extremer Hitze. In Nordwest- und Zentralindien wurde im März der Rekord der durchschnittlichen Maximaltemperatur geknackt – mit 35,9 und 37,79 Grad war es seit Beginn der Aufzeichnungen vor 122 Jahren noch nie so heiss. Dies gab das indische meteorologische Department (IMD) bekannt.

Ende April erreichten die Temperaturen auf der Erdoberfläche sogar bis zu 60 Grad, so Wissenschaftler Ashim Mitra des IMD. Wie er auf Twitter mitteilte, seien diese Temperaturen von verschiedenen Satelliten registriert worden.

Flirrende Hitze in Neu-Delhi am 2. Mai 2022.
Flirrende Hitze in Neu-Delhi am 2. Mai 2022.Bild: keystone

Doch niemand Geringeres als der Generaldirektor des IMD bezweifelt diese Daten. Solange diese Daten nicht vor Ort verifiziert worden seien, sei ihnen nicht zu trauen. «Satellitenbeobachtungen werden aus 36'000 km Entfernung von der Erdoberfläche gemacht. Sie können irreführend sein, wenn sie nicht überprüft werden», gibt er laut der «Hindustan Times» zu bedenken. Die bisher höchste Landtemperatur sei in Rajasthan gemessen worden, wo sie 52,6 Grad betragen habe. Er erinnert daran, dass man vorsichtig mit solchen Daten umgehen müsse, da sie Angst und Panik auslösen könnten.

Doch auch die europäische Weltraumorganisation hat mit ihrem Satelliten Sentinel-3 um Ahmedabad eine Bodentemperatur von über 65 Grad gemessen. Da der Himmel am 29. April wolkenlos gewesen sei, sei eine genaue Messung der Bodentemperatur möglich gewesen, schreibt die ESA auf ihrer Website.

«Die Daten zeigen, dass die Oberflächentemperaturen in Jaipur und Ahmedabad 47°C erreicht haben, während die heißesten Temperaturen im Südosten und Südwesten von Ahmedabad (sichtbar in tiefem Rot) mit maximalen Oberflächentemperaturen von etwa 65°C gemessen wurden.»

Hitzewelle führt zu massiver Stromknappheit

In Indien sind Hitzewellen nicht unüblich, aussergewöhnlich ist allerdings, dass diese in diesem Jahr bereits im März und April statt im Mai und Juni begannen.

Die frühzeitige Hitzewelle hat Folgen: Nicht nur die Menschen, sondern auch die Landwirtschaft leidet darunter. Die Weizenernte fiel in den am stärksten betroffenen Gebieten um bis zu 50 Prozent geringer aus.

Ein weiteres Problem stellt die grosse Nachfrage nach Strom dar, die zu einer Kohleknappheit geführt hat. Dies wiederum resultiert in massiven Stromausfällen, bei denen Millionen von Menschen bis zu neun Stunden am Tag keinen Strom haben. Neun Stunden, in denen weder die Klimaanlage noch der Kühlschrank funktioniert. Es handle sich dabei um die schlimmste Stromknappheit der letzten 60 Jahren, so die Behörden.

Eine Frau bei der Arbeit im Kohlendepot in Ahmedabad.
Eine Frau bei der Arbeit im Kohlendepot in Ahmedabad.Bild: keystone

Die Kohlevorräte in drei der fünf Kraftwerke, die Delhi mit Strom versorgen, haben in den vergangenen Wochen einen kritischen Stand erreicht. Sie seien unter 25 Prozent gefallen, so das Energieministerium in Delhi.

In einem Versuch, diese Vorräte wieder aufzufüllen, sah sich Indien gezwungen bis Ende Mai 650 Personenzüge zu streichen. Damit soll für Güterzüge Platz geschaffen werden, um die Kohlevorräte wieder aufzufüllen, so ein hoher Beamter des indischen Eisenbahnministeriums gegenüber CNN.

Ein Mann läuft über das ausgetrocknete Flussbett des Yamuna in Neu-Delhi.
Ein Mann läuft über das ausgetrocknete Flussbett des Yamuna in Neu-Delhi. Bild: keystone

«Wir leben in der Hölle»

Auch in Pakistan leidet die Bevölkerung unter der Hitze. Nazeer Ahmed wohnt in Turbat, in der Region Blochistan – in der vergangenen Wochen eine der heissesten Orte der Welt, berichtet «The Guardian». Fast täglich erlebte er Temperaturen von fast 50 Grad. «Wir leben in der Hölle», klagt Ahmed.

Mastung, ein Distrikt in Blochistan, ist bekannt für seine Äpfel und Pfirsichplantagen. Haji Ghulam Sarwar Shahwani, ein Obstfarmer, hat fast seine ganze Ernte verloren, nachdem die Bäume frühzeitig aufblühten und dann der Hitze zum Opfer fielen. Es sei das erste Mal, dass das Wetter einen solchen verheerenden Schaden angerichtet habe. Gegenüber «The Guardian» verleiht er seiner Verzweiflung Ausdruck:

«Wir wissen nicht, was wir tun sollen und wir erhalten keine Hilfe von der Regierung. Der Anbau ist zurückgegangen, es wachsen nur noch wenige Früchte. Die Landwirte haben wegen dieses Wetters Milliarden verloren. Wir leiden darunter und können uns das nicht leisten.»

Und das ist noch gar nicht alles: Auch im kühleren Norden machen sich die Konsequenzen der Hitzewelle bemerkbar. Pakistans Klimaminister Sherry Rehman warnt, dass die Hitzewelle zur Schmelzung der nördlichen Gletscher führe. Dies bedeutet, dass Tausende von Menschen von Überschwemmungen bedroht sind.

Rehman erhofft sich, dass die Hitzewelle einen Weckruf für die internationale Gemeinschaft darstelle.

«Klima- und Wetterereignisse werden bleiben und sich in Ausmaß und Intensität sogar noch verstärken, wenn die führenden Politiker der Welt nicht sofort handeln»

Tatsächlich sei die sengende Hitze wahrscheinlich ein Vorgeschmack auf das, was noch kommen werde, sollte sich die globale Erwärmung weiterhin so beschleunigen, warnen Experten.

Abhiyant Tiwari, Assistenzprofessor und Programmmanager am Gujarat Institute of Disaster Management, findet diesbezüglich klare Worte:

«Die extremen, häufigen und lang anhaltenden Hitzewellen sind kein Zukunftsrisiko mehr. Sie sind bereits da und unvermeidbar.»

(saw)

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quelle: epa/epa / jaipal singh
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71 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Pandabaer2
05.05.2022 17:33registriert Oktober 2021
Mein Humor:
Mit Kohle Hitze Produzieren, dann Strom Produzieren und danach den Strom zum kühlen brauchen.
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Verflixtundzugenäht
05.05.2022 18:04registriert April 2020
"Rehman erhofft sich, dass die Hitzewelle einen Weckruf für die internationale Gemeinschaft darstelle." Viel glück damit, in europa sorgt man sich mehr um steigende benzinpreise.
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Tutu
05.05.2022 18:27registriert Dezember 2019
Mal sehen, wann die ersten paar Millionen Klimaflüchtlinge bei uns auftauchen und wir die dann abweisen, weil das ja nur Wirtschaftsflüchtlinge sind? Selbst Schuld, wenn man dort geboren ist?
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