Iran nach den Massenprotesten: «Viele leben nur noch körperlich weiter»
Wenn es stiller wird um die Berichterstattung über den Iran, bedeutet das nicht, dass sich die Situation beruhigt hätte. Im Gegenteil: Seit den landesweiten Protesten im Januar leben viele Menschen in einer Mischung aus Angst und dem Gefühl, die Situation nicht länger tragen zu können.
Der deutsch-iranische Journalist Navid Moshgbar schrieb ehemals für watson. Er ist im Iran geboren und in Deutschland aufgewachsen. Heute steht er über Social Media in Kontakt mit Menschen im Iran. Moshgbar beschreibt im Interview mit watson, warum viele in dem zerrütteten Land erschöpft sind – und US-Präsident Donald Trump sie enttäuscht.
Navid, du bist in Deutschland aufgewachsen, hast aber weiterhin Kontakte in den Iran. Welche Nachrichten kommen hier kaum an?
Navid Moshgbar: In Nachrichten an mich taucht ein Satz immer wieder auf: «Selbst wenn ich nicht getötet wurde, bin ich innerlich gestorben. Ich funktioniere nur noch.» Dieses Gefühl beschreibt sehr gut, was im Iran passiert.
Dieses Gefühl hat sich seit den Massenprotesten Anfang des Jahres verfestigt. Wann hattest du das Gefühl, dass es kippt?
Es gab keinen klaren Moment, in dem alles kippte, aber am 8. und 9. Januar hatten viele landesweit das Gefühl: Jetzt könnte es passieren. In zahlreichen Städten gingen gleichzeitig sehr viele Menschen auf die Strasse, auch weil der Sohn des letzten Schahs, Reza Pahlavi, und andere Akteure zu genau diesen Tagen aufgerufen hatten. Viele dachten: Wenn wir so viele sind, kann das Regime das nicht mehr kontrollieren.
Doch dann wurde geschossen. Gezielt.
Ja, und das, während die Menschen versammelt durch die Strassen zogen. Zum Teil wurde aus Seitenstrassen geschossen, zum Teil aus der Menge heraus. Das war ein Schock: Du gehst mit dem Gefühl auf die Strasse, gemeinsam etwas zu verändern – und plötzlich schiessen die, von denen du dachtest, sie seien auf deiner Seite. Jetzt herrscht permanente Unsicherheit: Wenn das Regime das Internet abschaltet, wissen viele nicht, ob Menschen, mit denen sie am Vortag noch geschrieben haben, heute überhaupt noch leben.
Viele Strassenbilder wirken aktuell dennoch ruhiger. Eine falsche Normalität?
Die Stille heisst nur, dass die Leute Angst haben, noch einmal massakriert zu werden. Es heisst nicht, dass der Widerstand gegen das Regime aufgehört hat. Es wird nie mehr sein wie zuvor, weil die Menschen gesehen haben, dass selbst so grosse Proteste brutal niedergeschlagen werden. Das Regime ist offenbar zum Äussersten bereit, um an der Macht zu bleiben.
Hast du eine Vorstellung davon, welches Ausmass das Blutvergiessen im Iran seitdem hat?
Ganz genau kann das noch nicht beziffert werden. Berichten zufolge, beispielsweise von der «New York Times», waren es mindestens 36'500 Tote an zwei Protesttagen, zuletzt las ich von 50'000 bis 80'000 Toten. Entscheidend ist weniger die exakte Zahl als die Qualität des Verbrechens: Es wurde gezielt auf Demonstrierende geschossen, auf Augen, Gesichter, die Brust, oft so, dass Verletzungen bewusst verstümmelnd waren. Ärztinnen und Ärzte berichten, dass Verletzte den «finalen Schuss» teils im Spital bekamen. Viele gehen aus Angst vor Verhaftung oder Angst, getötet zu werden, gar nicht erst dorthin. Sie verschleppen ihre Verletzungen oder versuchen, diese per Ferndiagnose selbst zu behandeln.
Gleichzeitig gibt es Druck auf die Familien der Ermordeten. Was weisst du darüber?
Sie geraten in eine doppelte Erpressung. Es gibt Berichte, dass Angehörige hohe Summen zahlen müssen, um die Leichen überhaupt zu bekommen, und unterschreiben sollen, dass jemand durch etwas anderes gestorben sei, etwa einen Unfall. Schon bei früheren Protesten sagten junge Leute zu ihren Eltern: «Wenn ich nicht zurückkomme, bitte zahlt nicht für meine Leiche.» Es geht also nicht nur um Geld, sondern darum, dass selbst Trauer politisch kontrolliert wird.
In westlichen Medien waren zuletzt immer wieder Aufnahmen grosser Pro-Regime-Kundgebungen zu sehen. Wie entstehen trotz Widerstands solche Bilder?
Das Regime nutzt symbolische Daten, etwa den Jahrestag der Revolution, um Massenloyalität zu inszenieren. In diesem Jahr ist der Druck auf Angehörige von Inhaftierten besonders gross: Sie werden gezwungen, an solchen Veranstaltungen teilzunehmen, und müssen per Foto belegen, dass sie dort waren. Viele hoffen, dass ihre Verwandten dadurch im Gefängnis besser behandelt werden oder überhaupt eine Chance auf Freilassung bekommen – auch wenn das zu bezweifeln ist. Wenn dann in westlichen Nachrichten steht: «Hunderttausende bei Pro-Regime-Demo», trifft das viele Iranerinnen und Iraner hart, weil sie wissen, unter welchem Zwang viele dieser Menschen dort sind. Es entsteht im Ausland der Eindruck von Zustimmung, die so nicht existiert.
Wie wirkt sich das auf das Vertrauen in westliche Medien aus?
In der Exil-Community hat das zu einem massiven Vertrauensverlust geführt. Ein Beispiel ist eine grosse Demonstration der Volksmudschahedin (MEK) in Berlin, einer Gruppierung, die viele Iranerinnen und Iraner als Politsekte sehen und die im Land selbst nicht verwurzelt ist. In einigen Berichten wurden sie kaum eingeordnet. Etwa, wie sie im Iran wahrgenommen werden und welche Geschichte sie haben. Für viele bestätigt das den Eindruck: Unsere Realität wird nur oberflächlich verstanden.
Wie wird der Westen insgesamt gesehen, vor allem mit Blick auf Verhandlungen?
Viele Menschen glauben, dass Verhandlungen das Regime stabilisieren, weil fast immer über die regionale Sicherheit und die Atomfragen geredet wird, aber nicht über Menschenrechte. Die Menschen im Land wollen keine Verhandlungen, sie wollen einen Systemwechsel.
Wie sehen die Menschen im Land aktuell Donald Trump?
Als das Atomabkommen geschlossen wurde, verbanden viele Menschen damit die Hoffnung auf weniger Kriegsgefahr und wirtschaftliche Entlastung. Später entstand jedoch der Eindruck, dass das Regime die Gespräche vor allem nutzte, um Zeit zu gewinnen und am Atomprogramm weiterzuarbeiten. Als Donald Trump das Abkommen aufkündigte, setzten einige auf den angekündigten «Maximaldruck». Statt eines Umbruchs entstand vor allem Unsicherheit: Manche erwarteten Unterstützung für die Proteste, andere fürchteten Krieg. Zurück blieb Ernüchterung. Menschenrechte spielten für Trump keine Rolle. Das verbreitete Gefühl heute ist, dass sowohl Verhandlungen als auch Drohungen das Regime stabilisieren können – entweder durch Legitimation oder durch die Inszenierung als Opfer eines äusseren Feindes.
Gibt es eine Vorstellung im Land, wie Veränderung entstehen kann?
Die einen sagen: Ohne militärischen Druck von aussen wird das Regime nicht verschwinden, zumal es ausländische Milizen ins Land geholt hat, die es selbst aufgebaut oder unterstützt hat, die ohne Bindung an die Bevölkerung auf Demonstrierende schiessen. Die anderen lehnen einen Militärschlag strikt ab, setzen auf harte Sanktionen und darauf, dem Machtapparat die finanzielle Basis zu entziehen. Sie hoffen, dass Sicherheitskräfte sich irgendwann nicht mehr bezahlen lassen und die Struktur von innen auseinanderfällt.
Was ist deine Hoffnung für einen Iran nach dem Regime?
Dass die Menschen im Iran selbst entscheiden können, wie ihr Staat aussehen soll, nicht Exilgruppen und nicht ausländische Regierungen. Konkret heisst das: freie Wahlen unter internationaler Beobachtung, eine verfassungsgebende Versammlung und danach ein Referendum über diese Verfassung. Vor der Revolution gab es zwar Referenden, aber sie waren weder wirklich frei noch fair.
