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Der schwarze Block zieht durch Hamburg.
Der schwarze Block zieht durch Hamburg.
Bild: FILIP SINGER/EPA/KEYSTONE
Kommentar

Die Welt ist gefährlich – aber früher war es noch schlimmer

Der Blick auf die heutige Weltlage stimmt nicht zuversichtlich. Aber früher war längst nicht alles besser. Und im Gegensatz zu unseren Vorfahren haben wir die Mittel, um es besser zu machen.
09.07.2017, 11:1309.07.2017, 22:44

Donald Trump gibt den Tarif durch: «Die fundamentale Frage unserer Zeit ist, ob der Westen den Willen zum Überleben hat», sagte der US-Präsident am Donnerstag in Warschau. Seine Rede war ein Loblied auf Errungenschaften wie Rechtsstaatlichkeit und Meinungsfreiheit. Ausgesprochen von einem Mann, der die Meinungs- und Medienfreiheit verachtet. Ausgesprochen in einem Land, dessen nationalkonservative Regierung die Rechtsstaatlichkeit aushebelt.

Wir leben in bizarren Zeiten. Die Welt sei aus den Fugen geraten, hört man immer wieder. Es ist eine ideale Zeit für Schwarzmaler. Mein Kollege Philipp Löpfe hat geschrieben, er könne sich mit seinen 64 Jahren nicht daran erinnern, dass er je so pessimistisch in die Zukunft geblickt habe. Die Welt sei ein Pulverfass, «das jeden Moment explodieren kann». Das ist starker Tobak.

Trumps Rede in Warschau.

Man kann es nicht bestreiten, dass die Lage der Welt nicht zuversichtlich stimmt. Aber sind die Aussichten wirklich so düster? Ich bin zehn Jahre jünger als Löpfe, habe also schon einiges erlebt. Seit ich denken kann, interessiere ich mich für das Weltgeschehen. Und bei allem Respekt: Es gab Zeiten, in denen fühlte ich mich weniger wohl als heute.

Ich kann mich sehr gut an den Kalten Krieg erinnern. Wir verklären ihn heute gerne als eine Ära der Stabilität, in der sich die beiden grossen Blöcke gegenseitig in Schach hielten. Ich empfand ihn als bedrückende Epoche, in der das Damoklesschwert der atomaren Vernichtung über uns schwebte. Und als bleierne Zeit, in der ideologische Betonköpfe den Ton angaben.

Die 1960er Jahre waren eine Dekade des Aufbruchs in mancher Hinsicht, aber sie waren auch sehr gewalttätig, und das betrifft nicht nur die Kuba-Krise. Der linke und rechte Terrorismus in den 70er und 80er Jahren forderte mehr Opfer als die Islamisten-Anschläge der Gegenwart.

Terror ist Terror

Gerne wird eingewendet, der damalige Terror habe sich gegen «Institutionen» gerichtet und nicht gegen unschuldige Zivilisten. Gilt das auch für Anschläge wie jenen der Roten Armee Fraktion (RAF) auf das Springer-Verlagshaus in Hamburg im Mai 1972? Nur weil drei der sechs Sprengsätze versagten, kam es nicht zu einem Blutbad. Terror ist Terror, egal welches Etikett er trägt.

Früher war definitiv nicht alles besser. Das heisst nicht, dass unsere Gegenwart eine idyllische Zeit ist, keineswegs. Wir leben in einer grossen Weltunordnung. Es gibt keine klaren Machtstrukturen wie im Kalten Krieg. Hinzu kommen disruptive Entwicklungen wie Globalisierung und Digitalisierung, die unser Leben auf eine Weise verändern, die wir kaum erfassen können.

Labiles Gleichgewicht

Dies befördert rückwärtsgewandte Tendenzen, wie sie rechtsnationalistische Parteien in Europa propagieren. In der islamischen Welt gibt es ähnliche Strömungen. Ihre übelste Ausprägung ist der Terror des «IS». Eine echte Bedrohung für den Westen, wie sie Kulturpessimisten wie Donald Trump heraufbeschwören, ist er jedoch nicht – zumindest so lange wir es nicht zulassen.

Ein reales Problem ist hingegen das labile Gleichgewicht zwischen den drei Mächten China, Russland und USA, da hat Philipp Löpfe recht. In diesen Ländern sind revisionistische Kräfte am Ruder, die vergangener Grösse nachtrauern. «Die Geschichte lehrt uns, dass Nationen, die unzufrieden sind mit ihrem Platz in der Welt, jede Gelegenheit ergreifen, um in eine vorteilhaftere Lage zu geraten», sagte der Historiker Robert Kagan, als wir ihn zum Interview trafen.

Ein marodes Land

Kagan, ein führender Kopf der Neokonservativen in den USA, meinte China und Russland. In seinem Land sieht es nicht besser aus. Nie hätte ich mir träumen können, dass einmal ein Blindgänger wie Donald Trump ins Weisse Haus einzieht. Dabei haben gerade die Republikaner zu meinen Lebzeiten schon einige zweifelhafte Präsidenten gestellt: Nixon, Reagan, Bush Junior …

Bild: TRACIE VAN AUKEN/EPA/KEYSTONE

Trump gewann mit dem Slogan «Make America great again», mit Betonung auf dem letzten Wort. Eigentlich ein widersinniger Anspruch, die USA sind das militärisch und wirtschaftlich mit Abstand stärkste Land der Welt. Im Innern aber ist vieles marode. Zu viele Menschen wurden wirtschaftlich abgehängt, das politische Zweiparteien-System ist hochgradig dysfunktional.

Demokratie in der Defensive

Man muss nicht wie Löpfe einen «zivilen Bürgerkrieg» (was ist das überhaupt?) heraufbeschwören. Tatsache ist, dass meine Überzeugung ins Wanken geraten ist, wonach die USA immer wieder einen Weg finden, sich zu erneuern und Fehlentwicklungen schonungslos aufzuarbeiten. Trump ist jedoch kein Alleinherrscher. Es gibt vernünftige Leute, die ihn aufhalten können.

Global betrachtet aber befindet sich die Demokratie in der Defensive, zum ersten Mal seit ich denken kann. «Starke Männer» wie Wladimir Putin, Recep Tayyip Erdogan oder Rodrigo Duterte haben Rückenwind. Und Chinas kommunistisches Regime scheint derzeit den Beweis zu erbringen, dass Wohlstand und Marktwirtschaft ohne liberale Demokratie möglich sind.

Golfregion könnte explodieren

Möglich ist auch, dass es im einen oder anderen Krisenherd zu einer Explosion kommen wird. In Nordkorea ist diese Gefahr gering. Diktator Kim Jong Un geht es einzig um den Erhalt seines Regimes. Brenzlig werden könnte es in der Golfregion zwischen den Erzfeinden Iran und Saudi-Arabien. Die angespannte Lage erinnert an das Europa vor 1914.

Hamburg im G20-Ausnahmezustand

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Hamburg im G20-Ausnahmezustand
quelle: epa/epa / ronny wittek
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Ja, die heutige Welt ist kein schöner Ort. Aber es gibt auch positive Tendenzen. Immer mehr Menschen wehren sich gegen die Missstände und setzten sich für Veränderungen ein. Damit meine ich nicht die Demonstranten am G20-Gipfel in Hamburg mit ihren antikapitalistischen Parolen aus der Mottenkiste und ihrer Lust an brutaler Gewalt. Obwohl sogar die NZZ einräumt, es gäbe «durchaus viel zu kritisieren am heute real existierenden kapitalistischen System».

Die Mutmacher

Wirklich Mut machen die jungen Menschen in Russland, die gegen den Putinismus auf die Strasse gehen. Die spät erwachte Opposition in der Türkei, die mit einem Marsch von Ankara nach Istanbul versucht, die aufziehende Erdogan-Diktatur zu stoppen. Die vermeintlich nur ans Geldverdienen denkenden Menschen in Hongkong, die sich gegen den Machtanspruch Pekings zur Wehr setzen.

In der islamischen Welt gärt es ebenfalls, das haben der «arabische Frühling» oder die grüne Bewegung im Iran gezeigt. Manchmal brauchen Veränderungen ihre Zeit. Überhaupt läuft vieles in die richtige Richtung. Trotz Terror und Kriegen gab es vielleicht noch nie so wenig Gewalt wie heute. Die Zahl der Menschen, die in tiefster Armut leben, nimmt laufend ab.

Selbstverschuldete Unmündigkeit

Daraus können neue Probleme entstehen. Wer nicht mehr mausarm ist, erhebt Ansprüche. Es sind solche Menschen, die in Nordafrika schrottreife Boote Richtung Europa besteigen. Doch diese Probleme lassen sich lösen. Gerade Europa kann zu einem Motor für positive Veränderungen werden, auch wenn derzeit vieles durch die Bundestagswahl in Deutschland blockiert ist.

Dieser Protestmarsch treibt Erdogan zur Weissglut

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Dieser Protestmarsch treibt Erdogan zur Weissglut
quelle: epa / str
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Wir haben die Möglichkeiten, um die zugegeben sehr grossen Herausforderungen zu bewältigen. Den Klimawandel habe ich noch gar nicht erwähnt. Im Unterschied zu unseren Vorfahren leben wir nicht mehr hinter einem Schleier des Nichtwissens und der Finsternis. Wir sind fähig, um uns aus unserer «selbstverschuldeten Unmündigkeit» zu befreien, um es mit Immanuel Kant auszudrücken.

Ob wir es schaffen, ist nicht gesichert. Wir sollten die Welt nicht durch die rosa Brille betrachten, aber auch nicht durch eine schwarze. Es gibt gute Gründe, um trotz der unerfreulichen Gegenwart positiv in die Zukunft zu blicken.

Video: srf/SDA SRF
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