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epa06070973 Protesters attend the demonstration 'Welcome to Hell' at the Fish Market (fischmarkt) ahead of the G20 summit in Hamburg, Germany, 06 July 2017. The G20 Summit (or G-20 or Group of Twenty) is an international forum for governments from 20 major economies. The summit is taking place in Hamburg from 07 to 08 July 2017.  EPA/FILIP SINGER

Der schwarze Block zieht durch Hamburg. Bild: FILIP SINGER/EPA/KEYSTONE

Kommentar

Die Welt ist gefährlich – aber früher war es noch schlimmer

Der Blick auf die heutige Weltlage stimmt nicht zuversichtlich. Aber früher war längst nicht alles besser. Und im Gegensatz zu unseren Vorfahren haben wir die Mittel, um es besser zu machen.



Donald Trump gibt den Tarif durch: «Die fundamentale Frage unserer Zeit ist, ob der Westen den Willen zum Überleben hat», sagte der US-Präsident am Donnerstag in Warschau. Seine Rede war ein Loblied auf Errungenschaften wie Rechtsstaatlichkeit und Meinungsfreiheit. Ausgesprochen von einem Mann, der die Meinungs- und Medienfreiheit verachtet. Ausgesprochen in einem Land, dessen nationalkonservative Regierung die Rechtsstaatlichkeit aushebelt.

Wir leben in bizarren Zeiten. Die Welt sei aus den Fugen geraten, hört man immer wieder. Es ist eine ideale Zeit für Schwarzmaler. Mein Kollege Philipp Löpfe hat geschrieben, er könne sich mit seinen 64 Jahren nicht daran erinnern, dass er je so pessimistisch in die Zukunft geblickt habe. Die Welt sei ein Pulverfass, «das jeden Moment explodieren kann». Das ist starker Tobak.

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Trumps Rede in Warschau. Video: YouTube/TIME

Man kann es nicht bestreiten, dass die Lage der Welt nicht zuversichtlich stimmt. Aber sind die Aussichten wirklich so düster? Ich bin zehn Jahre jünger als Löpfe, habe also schon einiges erlebt. Seit ich denken kann, interessiere ich mich für das Weltgeschehen. Und bei allem Respekt: Es gab Zeiten, in denen fühlte ich mich weniger wohl als heute.

Ich kann mich sehr gut an den Kalten Krieg erinnern. Wir verklären ihn heute gerne als eine Ära der Stabilität, in der sich die beiden grossen Blöcke gegenseitig in Schach hielten. Ich empfand ihn als bedrückende Epoche, in der das Damoklesschwert der atomaren Vernichtung über uns schwebte. Und als bleierne Zeit, in der ideologische Betonköpfe den Ton angaben.

Die 1960er Jahre waren eine Dekade des Aufbruchs in mancher Hinsicht, aber sie waren auch sehr gewalttätig, und das betrifft nicht nur die Kuba-Krise. Der linke und rechte Terrorismus in den 70er und 80er Jahren forderte mehr Opfer als die Islamisten-Anschläge der Gegenwart.

Terror ist Terror

Gerne wird eingewendet, der damalige Terror habe sich gegen «Institutionen» gerichtet und nicht gegen unschuldige Zivilisten. Gilt das auch für Anschläge wie jenen der Roten Armee Fraktion (RAF) auf das Springer-Verlagshaus in Hamburg im Mai 1972? Nur weil drei der sechs Sprengsätze versagten, kam es nicht zu einem Blutbad. Terror ist Terror, egal welches Etikett er trägt.

Bild

Früher war definitiv nicht alles besser. Das heisst nicht, dass unsere Gegenwart eine idyllische Zeit ist, keineswegs. Wir leben in einer grossen Weltunordnung. Es gibt keine klaren Machtstrukturen wie im Kalten Krieg. Hinzu kommen disruptive Entwicklungen wie Globalisierung und Digitalisierung, die unser Leben auf eine Weise verändern, die wir kaum erfassen können.

Labiles Gleichgewicht

Dies befördert rückwärtsgewandte Tendenzen, wie sie rechtsnationalistische Parteien in Europa propagieren. In der islamischen Welt gibt es ähnliche Strömungen. Ihre übelste Ausprägung ist der Terror des «IS». Eine echte Bedrohung für den Westen, wie sie Kulturpessimisten wie Donald Trump heraufbeschwören, ist er jedoch nicht – zumindest so lange wir es nicht zulassen.

Ein reales Problem ist hingegen das labile Gleichgewicht zwischen den drei Mächten China, Russland und USA, da hat Philipp Löpfe recht. In diesen Ländern sind revisionistische Kräfte am Ruder, die vergangener Grösse nachtrauern. «Die Geschichte lehrt uns, dass Nationen, die unzufrieden sind mit ihrem Platz in der Welt, jede Gelegenheit ergreifen, um in eine vorteilhaftere Lage zu geraten», sagte der Historiker Robert Kagan, als wir ihn zum Interview trafen.

Ein marodes Land

Kagan, ein führender Kopf der Neokonservativen in den USA, meinte China und Russland. In seinem Land sieht es nicht besser aus. Nie hätte ich mir träumen können, dass einmal ein Blindgänger wie Donald Trump ins Weisse Haus einzieht. Dabei haben gerade die Republikaner zu meinen Lebzeiten schon einige zweifelhafte Präsidenten gestellt: Nixon, Reagan, Bush Junior …

epa05936318 A supporter of US President Donald J. Trump holds up a 'Make America Great Again' banner during a rally at the Pennsylvania Farm Show Complex in Harrisburg, Pennsylvania, USA, 29 April 2017. The rally marked the president's 100th day in office.  EPA/TRACIE VAN AUKEN

Bild: TRACIE VAN AUKEN/EPA/KEYSTONE

Trump gewann mit dem Slogan «Make America great again», mit Betonung auf dem letzten Wort. Eigentlich ein widersinniger Anspruch, die USA sind das militärisch und wirtschaftlich mit Abstand stärkste Land der Welt. Im Innern aber ist vieles marode. Zu viele Menschen wurden wirtschaftlich abgehängt, das politische Zweiparteien-System ist hochgradig dysfunktional.

Demokratie in der Defensive

Man muss nicht wie Löpfe einen «zivilen Bürgerkrieg» (was ist das überhaupt?) heraufbeschwören. Tatsache ist, dass meine Überzeugung ins Wanken geraten ist, wonach die USA immer wieder einen Weg finden, sich zu erneuern und Fehlentwicklungen schonungslos aufzuarbeiten. Trump ist jedoch kein Alleinherrscher. Es gibt vernünftige Leute, die ihn aufhalten können.

Global betrachtet aber befindet sich die Demokratie in der Defensive, zum ersten Mal seit ich denken kann. «Starke Männer» wie Wladimir Putin, Recep Tayyip Erdogan oder Rodrigo Duterte haben Rückenwind. Und Chinas kommunistisches Regime scheint derzeit den Beweis zu erbringen, dass Wohlstand und Marktwirtschaft ohne liberale Demokratie möglich sind.

Golfregion könnte explodieren

Möglich ist auch, dass es im einen oder anderen Krisenherd zu einer Explosion kommen wird. In Nordkorea ist diese Gefahr gering. Diktator Kim Jong Un geht es einzig um den Erhalt seines Regimes. Brenzlig werden könnte es in der Golfregion zwischen den Erzfeinden Iran und Saudi-Arabien. Die angespannte Lage erinnert an das Europa vor 1914.

Hamburg im G20-Ausnahmezustand

Ja, die heutige Welt ist kein schöner Ort. Aber es gibt auch positive Tendenzen. Immer mehr Menschen wehren sich gegen die Missstände und setzten sich für Veränderungen ein. Damit meine ich nicht die Demonstranten am G20-Gipfel in Hamburg mit ihren antikapitalistischen Parolen aus der Mottenkiste und ihrer Lust an brutaler Gewalt. Obwohl sogar die NZZ einräumt, es gäbe «durchaus viel zu kritisieren am heute real existierenden kapitalistischen System».

Die Mutmacher

Wirklich Mut machen die jungen Menschen in Russland, die gegen den Putinismus auf die Strasse gehen. Die spät erwachte Opposition in der Türkei, die mit einem Marsch von Ankara nach Istanbul versucht, die aufziehende Erdogan-Diktatur zu stoppen. Die vermeintlich nur ans Geldverdienen denkenden Menschen in Hongkong, die sich gegen den Machtanspruch Pekings zur Wehr setzen.

In der islamischen Welt gärt es ebenfalls, das haben der «arabische Frühling» oder die grüne Bewegung im Iran gezeigt. Manchmal brauchen Veränderungen ihre Zeit. Überhaupt läuft vieles in die richtige Richtung. Trotz Terror und Kriegen gab es vielleicht noch nie so wenig Gewalt wie heute. Die Zahl der Menschen, die in tiefster Armut leben, nimmt laufend ab.

Selbstverschuldete Unmündigkeit

Daraus können neue Probleme entstehen. Wer nicht mehr mausarm ist, erhebt Ansprüche. Es sind solche Menschen, die in Nordafrika schrottreife Boote Richtung Europa besteigen. Doch diese Probleme lassen sich lösen. Gerade Europa kann zu einem Motor für positive Veränderungen werden, auch wenn derzeit vieles durch die Bundestagswahl in Deutschland blockiert ist.

Dieser Protestmarsch treibt Erdogan zur Weissglut

Wir haben die Möglichkeiten, um die zugegeben sehr grossen Herausforderungen zu bewältigen. Den Klimawandel habe ich noch gar nicht erwähnt. Im Unterschied zu unseren Vorfahren leben wir nicht mehr hinter einem Schleier des Nichtwissens und der Finsternis. Wir sind fähig, um uns aus unserer «selbstverschuldeten Unmündigkeit» zu befreien, um es mit Immanuel Kant auszudrücken.

Ob wir es schaffen, ist nicht gesichert. Wir sollten die Welt nicht durch die rosa Brille betrachten, aber auch nicht durch eine schwarze. Es gibt gute Gründe, um trotz der unerfreulichen Gegenwart positiv in die Zukunft zu blicken.

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Video: srf/SDA SRF

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    Alle Leser-Kommentare
  • Ohniznachtisbett 10.07.2017 11:19
    Highlight Highlight Ich bin mit Herrn Blunschi grösstenteils einig. Wie jede Zeit, haben auch wir in unserer, gewisse Probleme zu lösen. Wir haben Herausforderungen die neu sind und so, in der Vergangenheit nicht aufgetreten sind. Aber es gibt keinen Grund schwarz zu malen. Und obwohl ich die Medien schätze, für Ihren Beitrag der Berichterstattung und Meinungsbildung, muss ich auch sagen, dass die Medien auch den Schwarzmalern Wasser auf die Mühlen bringen. Leider kommen so viele News ungefiltert und nicht recherchiert erstmal auf irgendwelche Online Plattformen, erst danach wird recherchiert und eingeschätzt...
  • Barracuda 09.07.2017 16:46
    Highlight Highlight Die Argumentation in diesem Artikel kann ich nur bedingt nachvollziehen. Natürlich kann man sagen, dass es mal eine Zeit gegeben hat, wo es noch schlimmer war. So könnte man alles kleinreden, was natürlich völliger Schwachsinn wäre. Es gibt immer und überall Beispiele mit denen man aktuelle Entwicklungen kleinreden kann! Das ist etwa so intelligent wie wenn man einem Schwerkranken sagt "Es gibt Leute, denen geht es noch schlechter."
    • Phrosch 09.07.2017 17:56
      Highlight Highlight Ich hatte beim Lesen gar nicht das Gefühl, dass hier etwas kleingeredet wird. Es ging mir bei Herrn Löpfes Artikel genau wie Gerrn Blunschi: ich erinnere mich auch an Zeiten, die ich als bedrohlicher empfand. Ich möchte die Aufzählung ergänzen mit den Berichten des Club of Rome, die uns Gymnasiasten Ende der 70er vor Augen führten, dass unsere Rohstoffe begrenzt sind. Bloss gab es damals keine Alternativen. Es gibt heute wieder viel Bedrohliches, Entwicklungen die neu sind, aber wir haben auch mehr Information, sind vernetzter, können uns international austauschen und unterstützen.
    • Anam.Cara 11.07.2017 07:22
      Highlight Highlight Ich war in den frühen 70ern überzeugt, dass ich nicht so alt werde, wie meine Eltern. Weil mir demnächst irgend eine Bombe auf den Kopf fällt.
      Eine meiner frühesten Kindheitserinnerungen waren die Bombenteppiche in Vietnam - gefühlt täglich in der Tagesschau.
      In den 80ern haben wir die Welt auf einmal als weniger bedrohlich wahrgenommen. Und für mich ist sie das bis heute geblieben: weniger bedrohlich.
      Wenn wir lernen, die Angst vor den anderen in Respekt und Neugier zu verwandeln, dann wird die Welt jedesmal ein klein wenig friedlicher.
  • dave1771 09.07.2017 14:45
    Highlight Highlight wieso vergleichen?
  • dmark 09.07.2017 14:44
    Highlight Highlight Mit dem Pulverfass "Golfregion" gehe ich konform. Aber der Rest "läuft ruhig vor sich hin". Jeder möchte einen Platz an der Sonne haben und kleine Reibereien gibt es immer mal. In Afrika gäbe es noch "etwas Arbeit", aber ansonsten bin ich recht optimistisch.
  • Luca Brasi 09.07.2017 13:04
    Highlight Highlight Also dass liberale Demokratie nicht mit Marktwirtschaft und Wohlstand zusammemhängen muss, weiss man ja schon seit Singapur unabhängig ist und Südkorea unter der Wirtschaftsdiktatur Park Chun-hee stand. Putin ist auch nicht seit gestern der starke Mann in Russland und früher gab es genauso idiotische Regierungen wie Pinochet, Fujimori oder Ahmadinschad, die entweder auf Konfrontation gingen oder ihre eigene Bevölkerung niederknüppelten. Nur interessiert heute niemanden mehr die politische Situation in Peru, Chile, etc., weil wohl zu langweilig für die Sensationsmedien.
    • Gender Bender 09.07.2017 13:50
      Highlight Highlight Herr Brasi, ich mag ihre Ausgewogenheit und auch ihr breit abgestütztes Wissen.
    • dmark 09.07.2017 14:49
      Highlight Highlight Naja, Chile, Peru, Uruguay, Paraguay usw. (bis auf Venezuela) laufen im Moment recht ruhig vor sich hin. Es funktioniert einigermassen und auch die Bevölkerung scheint soweit zufrieden zu sein.
      Das war früher wirklich komplett anders.
    • Luca Brasi 09.07.2017 16:29
      Highlight Highlight @dmark: Genau das meinte ich ja. Wir schauen immer auf die Länder, die im Moment grössere Probleme haben. Wir übersehen aber dabei diejenigen, welche weniger Probleme haben und gar Fortschritte machen. 😉
  • NWO Schwanzus Longus 09.07.2017 13:01
    Highlight Highlight Diese Weltuntergangsstimmung die von vielen Geschürt wird ist absoluter Quatsch. Viele "Alternative Seiten" (FB, Hinter den Kulissen) berichten seit Jahren das der 3.Weltkrieg kurz bevorsteht. Es stellt sich als totale Angstmacherei aus. Diese Leute wollen halt nur Klicks und Aufmerksamkeit. Die Leute die das Lesen glauben den Scheiss dann auch. Insofern gebe ich Blunschi Sinngemäss recht das die Welt nicht in die Katastrophe rutscht. Kein Weltkrieg, nur weil es manche schreiben das er kurz bevorsteht weil dies oder das passiert sollte man es nicht glauben.
  • giandalf the grey 09.07.2017 12:55
    Highlight Highlight Vielen Dank für diesen Artikel! Ich finde es wichtig, dass man sich bewusst ist, was in der Welt schief läuft, aber halte es für eben so wichtig das Positive nicht zu vergessen und konstruktiv an die Probleme heran zu gehen.
  • Raphael Stein 09.07.2017 12:22
    Highlight Highlight Ziemlich zutreffend dieser Kommentar, sofern man rückwärtsgerichtet urteilt.
    Noch etwas weiter zurück würden wir uns ja im Mittelalter befinden. Da wollen einige ja nun wirklich nicht hin.

    In naher Zukunft darf man die USA gern aus dem Spiel lassen. Das wird ein zweites Italien.
  • Gender Bender 09.07.2017 12:15
    Highlight Highlight Chinesen sind nicht revisionistisch.
    Passender ist ihre Aussage, dass sie mit einem Auge die Vergangenheit schauen und das andere in die Zukunft richten. Das Tempo ist schier unglaublich und wir sollten uns ernsthaft warm anziehen.

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