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Warum sich der Kosovo-Konflikt verschärft – die Lage in 5 Punkten

Warum sich der Kosovo-Konflikt verschärft – die aktuelle Lage in 5 Punkten

Der Konflikt zwischen Serbien und Kosovo spitzt sich zu: Strassen sind blockiert, Serbiens Armee ist in Alarmbereitschaft. Ein Überblick.
27.12.2022, 21:0127.12.2022, 21:08
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t-online

Militante Serben blockieren eine Strasse im Nord-Kosovo, Serbien setzt seine Armee in Alarmbereitschaft, die serbische Regierungschefin warnt vor bewaffneten Konflikten: Der seit Jahren schwelende Konflikt um den Kosovo verschärft sich.

Kosovo police officers patrol in a mixed community neighborhood in ethnically divided town of Mitrovica, in northern Kosovo on Monday, Dec. 12, 2022. Barricades erected by local Serbs in the north of  ...
Kosovarische Polizisten: Sie werden oft Ziel von Angriffen militanter Serben.Bild: keystone

Was hat es mit der Blockade auf sich? Und was steckt hinter dem Konflikt? Ein Überblick:

Worum geht es im Konflikt zwischen dem Kosovo und Serbien?

Nach dem Zerfall des Vielvölkerstaats Jugoslawien gab es eine Serie von Kriegen auf dem Balkan in den 1990er Jahren. Unter Präsident Slobodan Milošević versuchte Serbien, sich mehrheitlich serbisch besiedelte Gebiete in anderen Teilrepubliken einzuverleiben.

Vor allem in Bosnien und Kroatien, und auch im Kosovo, kam es in der Folge zu ethnisch motivierten Vertreibungen, umfangreichen «ethnischen Säuberungen» und Kriegsverbrechen.

Um Massaker in der vor allem von Albanern bewohnten serbischen Provinz Kosovo zu beenden, beschloss die Nato 1999 Luftangriffe – der erste Kampfeinsatz deutscher Soldaten nach 1945. Mit der Nato-Intervention löste sich der Kosovo aus dem serbischen Staatsverband heraus und erklärte sich 2008 schliesslich für unabhängig.

In der Zwischenzeit war das Land von der UN-Mission Unmik verwaltet worden. 115 Staaten erkennen Kosovo heute als unabhängig an, darunter auch die Schweiz.

Serbien verweigert dem Kosovo hingegen die Anerkennung und betrachtet das Land als abtrünniges, südserbisches Gebiet. Im Ausland wirbt Serbien gar offensiv dafür, dass andere Staaten dem Kosovo die Anerkennung entziehen. In den vergangenen Jahren hatte es immer wieder Dialoge gegeben, allerdings ohne Einigung.

Die EU verlangt von Serbien, das Land anzuerkennen, um Mitglied in der Staatengemeinschaft werden zu können. Die Nato stellt zudem im Rahmen der KFOR-Mission Soldaten, die im Kosovo Unterstützung dabei leisten, die öffentliche Ordnung zu sichern.

Women hold Serbia's flag as they march in the northern part of Kosovska Mitrovica, Kosovo, Wednesday, Nov. 23, 2022. Serbs in the northern part of Kosovska Mitrovica protested against planned fin ...
Serbische Demonstration in Mitrovica: «Kurti, der Kosovo ist nicht euer Revier, sondern das Land unserer Vorfahren», heisst es auf dem Banner. Kurti ist der Präsident des Kosovos.Bild: keystone

Der Kosovo ist mehrheitlich von Albanern bewohnt, vor allem im Norden leben Serben. Viele von ihnen erkennen die staatlichen Einrichtungen des Kosovos nicht an.

Warum verstärken sich die Spannungen gerade jetzt?

Vor einigen Wochen hatten – ausgelöst durch einen Streit um Autokennzeichen – Hunderte serbische Polizisten, Richter, Staatsanwälte und andere Beamte im Kosovo ihre Arbeit eingestellt. Pristina hatte Angehörige der serbischen Minderheit verpflichten wollen, nicht mehr mit serbischen Nummernschildern zu fahren, sondern solche der Republik Kosovo zu akzeptieren. Die Kennzeichen-Regel wurde zwar verschoben, doch die serbischen Polizisten und Beamten kehrten nicht wieder an ihre Arbeit zurück.

Pläne der Regierung, am 18. Dezember Kommunalwahlen in den mehrheitlich serbischen Gebieten durchzuführen, mussten auf Eis gelegt werden. Die wichtigste Serben-Partei kündigte ihren Boykott an, und als die Wahlbehörden Anfang der Woche mit den Vorbereitungen beginnen wollten, kam es zu Schiessereien und Explosionen.

Ab dem 10. Dezember errichteten dann Hunderte militante Kosovo-Serben Strassensperren nördlich von der geteilten Stadt Mitrovica und blockierten so die Strassen, die zu den Grenzübergängen nach Serbien führen. Damit protestierten sie gegen die Verhaftung eines serbischstämmigen ehemaligen Polizisten, der nach Darstellung der kosovarischen Behörden Angriffe auf Beamte der Wahlkommission angeführt haben soll.

Heavy vehicles parked by local Serbs block the road in the village of Rudare, northern Kosovo on Sunday, Dec. 11, 2022. Tensions were high in northern Kosovo on Sunday, with Serbs blocking roads after ...
Eine Strassenblockade nahe Rudare: Seit dem 10. Dezember blockieren Serben Strassen zur GrenzeBild: keystone

Wie hat sich die Lage in den vergangenen Tagen entwickelt?

Auch an der Grenze haben die Spannungen zugenommen. Es gab nächtliche Schüsse auf Polizisten, auch die Einsatzkräfte der EU-Mission Eulex wurden mit einer Blendgranate angegriffen. Am vergangenen Sonntag verbreiteten mehrere serbische Medien ein Video, in dem Gewehrsalven zu hören waren. In den Berichten hiess es, es handle sich dabei um «Kämpfe», die am frühen Abend stattgefunden hätten. Die kosovarischen Streitkräfte hätten angeblich versucht, eine zuvor von Serben errichtete Barrikade abzubauen.

Dies wurde umgehend von der kosovarischen Polizei dementiert. Stattdessen befand sich kosovarischen Medien zufolge eine Patrouille der Kosovo-Friedenstruppe (KFOR) in der Schusszone. Die Nato-geführte Mission hatte erst vor wenigen Tagen ihre Präsenz in der Region verstärkt. Sie gab zunächst keine Stellungnahme zu dem Vorfall ab.

An diesem Dienstag nun haben militante Serben auch Barrikaden in der geteilten Stadt Mitrovica errichtet. Mehrere Lastwagen, die mit Steinen und Sand beladen sind, versperren seit Dienstagfrüh einen der Zugänge zu einem von Bosniaken bewohnten Viertel, berichtete das in der Stadt ansässige serbischsprachige Nachrichtenportal «kossev.info». Die militanten Serben fordern unter anderem die Freilassung des verhafteten Ex-Polizisten.

Was macht die kosovarische Regierung?

Die Regierung des Kosovos hatte erklärt, sie könne keinen Dialog mit «kriminellen Banden» führen. In Mitrovica sollen aber die Bewegungsfreiheit wiederhergestellt und die Barrikaden entfernt werden, so die Forderung.

Italian carabinieri part of the KFOR peacekeeping mission in Kosovo guard the main bridge in ethnically divided town of northern Mitrovica on Friday, Dec. 9, 2022. Kosovo law enforcement on Friday sai ...
Italienische Carabinieri in Mitrovica: Sie gehören zu der Nato-Friedensmission KFOR im Kosovo.Bild: keystone

Die Polizei des Kosovos sei in der Lage und bereit zu handeln, warnte sie zudem. Man warte aber darauf, dass die Nato-Friedenstruppe KFOR, die eine neutrale Rolle hat, auf die Aufforderung des Kosovos zur Entfernung der Barrikaden reagiere.

Wie reagiert die serbische Regierung?

Das serbische Verteidigungsministerium teilte am Montagabend mit, Präsident Aleksandar Vučić sei überzeugt, dass die kosovarische Regierung einen Angriff auf die Serben in der Region vorbereite und die Barrikaden gewaltsam entfernen wolle. «Es gibt keinen Grund zur Panik, aber es gibt Grund zur Besorgnis», teilte das Ministeirum mit. Vučić versetzte die serbischen Streitkräfte zum wiederholten Male in erhöhte Alarmbereitschaft.

In this photo provided by the Serbian Defense Ministry Press Service, Serbia Defense Minister Milos Vucevic, center, speaks with Serbian army chief of staff Milan Mojsilovic, center left, at the army  ...
Serbiens Verteidigungsminister Miloš Vučević (Mitte rechts) und Armeechef Milan Mojsilović (Mitte links): Die Armee wurde in Alarmbereitschaft versetzt.Bild: keystone

Zudem entsandte er bereits am Sonntagabend nach Medienberichten über angebliche Kämpfe den Armeechef, General Milan Mojsilović, an die Grenze. Die Situation an der Grenze sei «kompliziert und komplex» und erfordere «in der kommenden Zeit die Präsenz der serbischen Armee», sagte Mojsilović.

Serbiens Regierungschefin Ana Brnabić warnte vor einer weiteren Eskalation im Norden des Kosovos und machte für die Spannungen die kosovarische Regierung verantwortlich. «Wir sind wirklich am Rande bewaffneter Konflikte», sagte sie am vergangenen Mittwoch in Belgrad.

Die Regierung in Belgrad unterstützt die militanten Serben im Nord-Kosovo, die sich zumeist aus kriminellen und geheimdienstlichen Milieus rekrutieren. Über diese informellen Strukturen heizt Vučić immer wieder die Spannungen im Kosovo an. In den letzten fünf Jahren hatte er die serbischen Streitkräfte sechsmal in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt. Dies blieb jedoch in allen Fällen folgenlos.

(dpa, afp, reuters, cck)

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125 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Daniel Pünter
27.12.2022 22:00registriert April 2021
Serbien unter die russischen Sanktionen stellen und isolieren, zudem KFOR verstärken um die Grenze zu schützen.
Serbien ist fremdgesteuert vom Kreml, das darf man sich nicht bieten lassen.
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Jo Kaj
27.12.2022 21:32registriert Juli 2019
Was soll man dazu noch sagen. Das hinterlässt bei mir ein weiteres Mal Unverständnis. Als liefe nicht schon genug aus dem Ruder.

Einige Menschen wollen die Welt doch einfach brennen sehen. Und dann werden solche noch gewählt resp. „gewählt“. Zum 🤮
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magnet1c
27.12.2022 22:08registriert Mai 2018
Die Konfliktparteien haben seit dem Ende des Yugoslawien-Kriegs absolut nichts dazu gelernt. Seit jeher ist in Serbien die nationalistisch und faschistische Meinung ausgeprägt. Ferner hilft man zudem den Russen als Stellvertreter zwecks weiterer Unruhe und Chaos im Westen...
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