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Anklage wegen Deepfake-Pornos: Fernandes gegen Ulmen und Anwalt Schertz

Lindemann-Anwalt sprach in Fernandes' Deepfake-Doku – jetzt verteidigt er Ulmen

Die Enthüllungen über Christian Ulmen lösen eine Welle der Empörung aus. Ein Mann, der sie brechen soll, spielt dabei eine Doppelrolle: Medienanwalt Christian Schertz.
22.03.2026, 04:5722.03.2026, 04:57
Steven Sowa / t-online
Ein Artikel von
t-online

Als Collien Fernandes kurz vor Weihnachten 2024 ihre Doku «Deepfake-Pornos: Jagd nach den Tätern» im ZDF veröffentlichte, kam darin auch ein bekannter Medienanwalt zu Wort: Christian Schertz. Der Jurist trat dort als Experte auf und sagte über Sexualstrafdelikte: «Wir müssen das Recht ändern, um den Schutz der Betroffenen zu verstärken.» Deepfake-Pornos seien für die dort gezeigten Frauen «aufgrund der scheinbaren Authentizität furchtbar traumatisierend».

Schertz urteilte:

«Das ist eine mediale Vergewaltigung.»

Er sehe die Gefahr, dass die Täter in ihrem Wahn aus den manipulierten Bildern «Taten folgen lassen».

In den Pornofilmen, die Collien Fernandes in ihrer Doku thematisierte, werden prominente Frauen zu Lustobjekten degradiert und teils in erschreckender Weise erniedrigt und gedemütigt. Wer hinter diesem kompromittierenden Material steckte, blieb trotz der Recherchebemühungen der Moderatorin und ihres Teams unklar.

Knapp anderthalb Jahre später wurden Informationen aus einem Anwaltsschreiben von Christian Schertz öffentlich. Am 19. März 2026 verschickte seine Kanzlei eine «presserechtliche Information für Christian Ulmen». Er, Christian Schertz, vertrete «ab sofort und allein» die Interessen des Schauspielers. Man werde gegen die Berichterstattung des «Spiegel» über die Anschuldigungen von Collien Fernandes gegen ihren Ex-Mann Christin Ulmen vorgehen und warne eindringlich davor, die Darstellungen aus der dortigen Recherche zu verbreiten. Diese sei «aus mehreren Gründen rechtswidrig».

Berlin, Deutschland, 06.10.2025: Haus der Kulturen der Welt: Die Möglichkeit der Unvernunft - Was darf Satire : Der Anwalt Christian Schertz im Gespräch mit Böhmermann nicht im Bild. Foto: Lenny Rothe ...
Anwalt Christian Schertz: Er ist der Mann, dem die beschuldigten Promis vertrauen.Bild: www.imago-images.de

Gemeint ist die Titelgeschichte des Magazins vom Donnerstag, dem 19. März 2026, überschrieben mit den Worten: «Du hast mich virtuell vergewaltigt» – dazu die Gesichter von Collien Fernandes und ihrem Ex-Mann, Christian Ulmen.

Die Parallele ist frappierend, so nah sind sich die Formulierungen: Christian Schertz, der Deepfake-Pornos als «mediale Vergewaltigung» einordnete, vertritt nun den Mann, dem seine Ex-Frau vorwirft, sie «virtuell vergewaltigt» zu haben. Eine Doppelrolle, wie man sie sonst nur aus Film und Fernsehen kennt.

Christian Ulmen werden in dem Bericht schwere Vorwürfe des Onlinemissbrauchs gemacht. Es geht um Fake-Pornografie, Telefonsex und um die Frage, ob er gegenüber Hunderten Männern im Netz die Identität von Collien Fernandes, die zu der Zeit noch seine Frau war, angenommen und diesen in ihrem Namen sexuelle Avancen gemacht haben könnte.

Ermittlungen befinden sich in einer «frühen Phase»

Collien Fernandes beschuldigt Ulmen, dies getan zu haben, und erstattete Anzeige gegen ihn. Laut dem «Spiegel»-Bericht hat sie für ihre Schilderungen eine eidesstattliche Versicherung vorgelegt. Sie macht sich also strafbar, sollten sich ihre Äusserungen als unwahr herausstellen. Derweil bestätigt das Bezirksgericht in Palma Ermittlungen gegen Christian Ulmen. «Das Verfahren ist noch im Gange», sagte Gerichtssprecherin Agnès Antich Andreu, die Ermittlungen befänden sich «in einer sehr frühen Phase». Für Christian Ulmen gilt die Unschuldsvermutung.

Christian Schertz und seine lange Promi-Liste

In deutschen Medienhäusern werden Mitteilungen von Schertz' Anwaltskanzlei gefürchtet. Sie gelten als höchste Eskalationsstufe, wenn Prominente in den Fokus von Ermittlungen und entsprechenden Presseberichten geraten. Christian Schertz vertrat Till Lindemann, als dem Rammstein-Sänger im Zuge der «Row Zero»-Enthüllungen Missbrauchsvorwürfe gemacht wurden. Er verteidigte Jan Böhmermann in der Schmähgedicht-Affäre gegen Recep Tayyip Erdoğan oder nahm sich dem bekanntesten deutschen «Me Too»-Fall an und vertrat die Schauspielerinnen, die dem Regisseur Dieter Wedel sexuelle Übergriffe vorwarfen.

Christian Schertz und der «Spiegel» haben zudem eine besondere Historie miteinander. Als das Magazin am 25. September 2021 die Geschichte «Der Fall Luke Mockridge» veröffentlichte, nahm sich der Medienanwalt der Sache an und vertrat den Comedian. Über Jahre boten sich die beiden Parteien ein juristisches Kräftemessen: Mehrere Gerichte beschäftigten sich mit der Berichterstattung, verboten Teile daraus – und doch ist «Die Akte Mockridge» bis heute in grossen Teilen auf der Seite des Mediums nachzulesen.

Die Methode Schertz, sie ist auch die eines Wellenbrechers. Wenn Enthüllungen über sexuelle Übergriffe, toxisches Verhalten oder Machtmissbrauch publik werden, führt das zu einem wiederkehrenden Muster: Seriöse Medien prüfen die Berichte, verweisen auf die Unschuldsvermutung, konfrontieren die Beschuldigten mit den Vorwürfen und dokumentieren die Fälle mit der gebotenen Sorgfalt. Derweil schwappt die Welle der Empörung längst durch die sozialen Medien, sickert in die letzten Winkel des Internets – und verbreitet ein Narrativ, das sich schwer wieder einfangen lässt.

Christian Schertz weiss das. Also verschickte der Anwalt sein Schreiben nur wenige Stunden nach der Veröffentlichung der «Spiegel»-Recherche und einem Instagram-Posting von Collien Fernandes. Der Anwalt versuchte so schnell wie möglich, vor die Welle zu kommen. Seine Mails wirken wie Warnsignale: Achtung, ab hier betreten Sie unsicheres Terrain – weiterlaufen auf eigene Gefahr.

Schertz, Ulmen und Fernandes

Doch dieses Mal ist etwas anders. Öffentlich wirkt es so, als stecke Christian Schertz in einem juristischen Dilemma. Er selbst war es, der noch im Dezember 2024 öffentlich eine Gesetzesänderung beim Thema Deepfakes forderte – und der jetzt einen Mann verteidigt, der womöglich genau das machte, wovor Schertz warnte: in einem «Wahn» aus Manipulationen «Taten folgen» lassen. Zumindest, wenn sich die Vorwürfe als zutreffend erweisen, wirkt diese Doppelrolle von Christian Schertz bemerkenswert.

Aus Sicht des Anwalts mag es nebensächlich sein, was er in der Vergangenheit gesagt hat. Schertz vertritt in erster Linie die Interessen seines Mandanten. Seine Aufgabe ist es, die Berichterstattung um Christian Ulmen einzudämmen, sodass dessen Persönlichkeitsrechte gewahrt bleiben. Wenn es Schertz gelingt, auch nur Teile der Schilderungen einzufangen und verbieten zu lassen, hat er seinen Job erfüllt.

In der ZDF-Doku trat er nicht als Rechtsbeistand auf, sondern als Experte. Als solcher hat er auf die Schwäche des deutschen Rechtssystems hingewiesen und angemahnt, dass die Ermittlung von Tätern in Deutschland zu «90 Prozent ins Leere» laufe. Schertz' Wissen über diese Ungerechtigkeit wird bei der Verteidigung seines Mandanten keine Rolle spielen, weil er sich in diesem Fall nur um die «presserechtlichen Interessen von Christian Ulmen» kümmert und ihn nicht strafrechtlich vertritt.

Ob dem Schauspieler überhaupt ein Gerichtsverfahren droht, ist derzeit noch vollkommen unklar. Collien Fernandes hat sich zwar bewusst entschieden, in Spanien Anzeige gegen ihren Ex-Mann zu erstatten, weil es dort eine strengere Gesetzeslage im Hinblick auf die Tatvorwürfe gibt, aber die Ermittlungen stehen noch ganz am Anfang.

Fernandes hat einen Tsunami losgetreten

Derweil ist die Welle der Empörung zu einem Tsunami angewachsen. Werbepartner distanzieren sich von Ulmen, Sender pausieren Serien oder Filme mit dem Schauspieler, Kolleginnen und Kollegen reagieren entsetzt. Collien Fernandes hat schon im Dezember 2024 viel Aufsehen erregt, als sie ihre ZDF-Doku drehte: Damals sprang das Suchinteresse an «Deepfake-Pornos» sprunghaft in die Höhe – und jetzt, anderthalb Jahre später, fügt sie ihrer Geschichte ein weiteres, sehr privates Kapitel hinzu. Die Diskussionen um gefälschte Promi-Profile und Manipulationen im Internet nehmen erneut Fahrt auf.

In Frankreich prägte das Missbrauchsopfer Gisèle Pelicot den Satz: «Die Scham muss die Seiten wechseln.» Pelicots Mann hatte sie über Jahre mit Medikamenten betäubt und im Internet für Vergewaltigungen angeboten. In Deutschland beendet Collien Fernandes ihre Anschuldigungen gegen ihren Ex in ihrem Instagram-Posting mit dem Satz: «Sexualisierte Gewalt ist bittere und knallharte Realität und findet tagtäglich unter uns, sogar in den eigenen Schutzräumen, statt! In unserem Zuhause, in dem wir uns sicher wähnten ... Es reicht!»

Die deutsche Justizministerin Stefanie Hubig hat am Freitag angekündigt, mit einem neuen Gesetz Strafbarkeitslücken im Fall von digitaler Gewalt zu schliessen. Den Sendern RTL und ntv sagte sie: «Wir wollen dafür sorgen, dass sich Täter nicht mehr sicher fühlen können, sondern dass sie damit rechnen müssen, dass sie bekannt und wirksam strafrechtlich verfolgt werden.» Als Experte dürfte Christian Schertz diesen Vorstoss vermutlich gutheissen.

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65 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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FACTS
22.03.2026 08:42registriert April 2020
"Seriöse Medien prüfen die Berichte, verweisen auf die Unschuldsvermutung, konfrontieren die Beschuldigten mit den Vorwürfen und dokumentieren die Fälle mit der gebotenen Sorgfalt. Derweil schwappt die Welle der Empörung längst durch die sozialen Medien, sickert in die letzten Winkel des Internets – und verbreitet ein Narrativ, das sich schwer wieder einfangen lässt."

Und wo genau ordnet sich hier Watson ein...?
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Madison Pierce
22.03.2026 11:21registriert September 2015
Ich sehe keinen Widerspruch.

Ein Anwalt, der einen des Mordes Angeklagten verteidigt, muss nicht gegen die Bestrafung von Mord sein.

Schertz kann Ulmen sogar für schuldig halten und trotzdem dessen Rechte vertreten.
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The Barbarian
22.03.2026 09:08registriert Oktober 2025
Die grösste Gefahr für eine Frau ist mittlerweile der Mann. Das sage ich als Mann.
In der "sicheren" Schweiz wird im Durchschnitt jede zweite Woche eine Frau umgebracht (Femizid).
Rund 1 von 3 Frauen weltweit erlebt im Lauf ihres Lebens körperliche und/oder sexuelle Gewalt durch einen Partner oder durch andere Täter. Die WHO nennt dafür etwa 30.%.
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