Die zwölf Opfer in Madschd al-Schams waren allesamt Kinder und Jugendliche. Sie starben, als eine mutmasslich von der libanesischen Islamisten-Miliz Hisbollah abgefeuerte Rakete auf einem Fussballfeld in dem Dorf auf den von Israel besetzten Golanhöhen einschlug. Mit dem Blutbad rückt eine Minderheit in den Fokus der Medien, die im Grenzgebiet zwischen Israel, Libanon und Syrien lebt: die Drusen. Sie wären von einer weiteren Eskalation des Konflikts stark betroffen.
Wer sind die Drusen, was zeichnet ihre Religion aus und wie sieht ihr Verhältnis zu Israel aus? Ein Überblick über diese wenig bekannte Glaubensgemeinschaft.
Etwas mehr als eine Million Menschen im Nahen Osten zählen zur Glaubensgemeinschaft der Drusen. Mehr als die Hälfte von ihnen (rund 700'000) lebt im südwestlichen Syrien, der Rest vorwiegend im Libanon (ca. 280'000) und in Israel (ca. 125'000); eine kleinere Gruppe auch in Jordanien. Hinzu kommt eine weltweite Diaspora in weiteren Ländern, die zahlenmässig jedoch nicht stark ins Gewicht fällt.
Die Drusen sprechen Arabisch und werden deshalb oft für Muslime gehalten. Doch obwohl ihre Religion aus dem Islam hervorgegangen ist (siehe unten), sehen sich die meisten Drusen nicht als Muslime. Die religionsbedingte Endogamie – Eheschliessungen sind nur innerhalb der Gemeinschaft erlaubt – hat im Laufe der Jahrhunderte dazu geführt, dass die ursprünglich religiös definierte Gemeinschaft mittlerweile Züge einer eigenen Ethnie trägt. So ist das Erbgut der Drusen derart typisch und einzigartig, dass es sich zur Untersuchung von Krankheiten mit erblichen Faktoren eignet.
Die Drusen verfügten nie über einen eigenen, völlig unabhängigen Staat. In ihrer Geschichte gab es jedoch zwei Staatsgebilde, die unter der Oberherrschaft eines anderen Staates eine mehr oder weniger ausgeprägte Autonomie genossen: Im Osmanischen Reich existierte bis zum 19. Jahrhundert unter verschiedenen Dynastien das Emirat Libanonberg, das zeitweise grosse Teile Syriens umfasste; und im Französischen Mandat für Syrien und Libanon gab es von 1921 bis 1936 den État de la Montagne Druze (Daula Dschabal ad-Duruz). Dessen Flagge war die traditionelle drusische Flagge, die auf den fünf Farben Grün, Rot, Gelb, Blau und Weiss beruht. Diese tragen jeweils eine religiös-philosophische Bedeutung.
Die drusische Lehre wurde Anfang des 11. Jahrhunderts von Hamza ibn Ali ibn Ahmad begründet, einem persischen Missionar aus dem Ostiran. Es handelte sich ursprünglich um eine Reformbewegung innerhalb des Ismailitentums, das wiederum eine Strömung des schiitischen Islams darstellt. Ibn Ahmad vermischte die islamischen mit zoroastrischen und neuplatonischen sowie gnostischen Elementen und verbreitete die neue Lehre in seinen Sendschreiben und über Missionare.
Die Bemühungen trugen im Fatimidenreich Früchte, das sich damals von Nordafrika über Ägypten bis zum Libanon erstreckte. Einer der Missionare mit dem Beinamen ad-Darzī (persisch «Schneider») war erfolgreich in Kairo tätig; nach ihm wurden die Anhänger der neuen Lehre als Durūz («Drusen») bezeichnet. Selber nennen sie sich muwaḥḥidūn (arabisch «Bekenner der Einheit Gottes»).
Die drusische Theologie kreist um die Doktrin eines göttlich inspirierten Imams – Imame sind nach Gottes Ebenbild geschaffene perfekte Menschen, die das Göttliche widerspiegeln. Als letzte dieser göttlichen Manifestationen betrachten die Drusen den 6. fatimidischen Kalif al-Hakim, der 1021 verschwand und dessen Wiederkehr erwartet wird. Drusen glauben zudem an die Wiedergeburt, die sie vermutlich aus der antiken griechischen Philosophie übernommen haben. Ihre wichtigste heilige Schrift sind die «Sendschreiben der Weisheit».
Indem die Drusen sich solcherart von islamischen Vorstellungen entfernten und einen «Dritten Weg» beschritten, war der Bruch mit Sunniten und Schiiten unvermeidbar. Sie werden daher in der Regel nicht mehr zu den Muslimen gezählt, sondern gelten als eigenständige Religion. In der islamischen Gemeinschaft und von muslimischen Rechtsgelehrten werden sie zum Teil als Abtrünnige betrachtet, zum Teil aber auch akzeptiert.
Die Drusen missionierten in der Anfangszeit noch während einer kurzen Phase, doch bereits seit 1043 ist es nicht mehr möglich, zum Drusentum zu konvertieren – man wird also als Druse geboren, einen anderen Weg in diese Glaubensgemeinschaft gibt es nicht. Sie stellten die Mission wohl ein, um Konflikte mit muslimischen Herrschern zu vermeiden, und zogen sich in entlegene Gegenden zurück.
Das drusische Glaubensbekenntnis (tauhid) wird oft als Geheimlehre betrachtet, weil selbst den meisten Drusen ein tieferer Einblick in die Theologie verwehrt bleibt; dies ist der kleinen Gruppe von «Eingeweihten» oder «Wissenden» (uqqāl) vorbehalten, zu denen auch Frauen zählen. Die Eingeweihten nehmen an den rituellen Feiern in den Versammlungshäusern teil und lesen aus den geheimen Büchern. «Unwissende» (ğuhhāl) dürfen an den Versammlungen teilnehmen, aber die Schriften nicht selbst lesen.
Eingeweihte Männer tragen meist lange schwarze Gewänder und einen weissen Fez als Kopfbedeckung. Sie geniessen Respekt, sind aber hierarchisch nicht höhergestellt. Die Stellung der Frau ist besser als im Islam; obwohl auch die drusische Gesellschaft vielfach von Männern dominiert ist, sind Frauen theoretisch gleichberechtigt. Polygamie ist verboten.
Die Drusen in Israel verteilen sich auf eine grössere Gemeinschaft, die innerhalb der völkerrechtlich anerkannten Grenzen Israels lebt, und eine kleinere Gruppe auf den annektierten Golanhöhen. Diese beiden Gruppen unterscheiden sich deutlich in ihrem Verhältnis zum jüdischen Staat: Die Drusen im israelischen Kernland, die vornehmlich in Galiläa und im Karmelgebirge leben, sind israelische Staatsbürger und stehen diesem Staat loyal gegenüber. Die Drusen auf dem Golan, der völkerrechtlich nach wie vor zu Syrien gehört, besitzen hingegen mehrheitlich die syrische Staatsbürgerschaft.
Die Loyalität der Drusen zu Israel im Kernland hat verschiedene Gründe: Zum einen verstehen sich Drusen traditionell als loyale Bürger des Staats, in dem sie leben. Zum andern blieben die Drusen in der britischen Mandatszeit, als der Konflikt zwischen der jüdischen und der arabischen Gemeinschaft eskalierte, neutral und lehnten den arabischen Nationalismus ab. Dies führte dazu, dass die arabische Konfliktpartei sich gegenüber den Drusen feindselig verhielt, was wiederum eine Annäherung zwischen Juden und Drusen bewirkte. Bereits im Palästinakrieg 1948-1949 kämpften Drusen auf der Seite Israels.
Seit 1959 leisten drusische Männer – wie ihre jüdischen Landsmänner, aber im Gegensatz zu anderen arabischen Israelis – drei Jahre Wehrdienst. Ihr Anteil in Eliteeinheiten ist sogar grösser als derjenige der jüdischen Bevölkerung. Aus diesem Grund sind die Drusen in der jüdischen Mehrheitsgesellschaft hoch angesehen. Das zeigt sich etwa daran, dass das Rathaus von Tel Aviv nach dem Massaker in Madschd al-Schams in den Farben der drusischen Flagge beleuchtet wurde.
Der drusische Glauben ist in Israel als eigenständige Religion anerkannt; wie bei Juden, Muslimen und Christen regeln bei den Drusen eigene Gerichte Angelegenheiten des Personenstands wie Heirat und Scheidung. Die Drusen in Israel, deren aktuelles Oberhaupt Sheikh Mowafak Tarif ist, besitzen als Staatsbürger das aktive und passive Wahlrecht. Sie sind seit 1951 im Parlament, der Knesset, vertreten und stellten bereits mehrere Minister. Drusen wählen dabei mehrheitlich nicht-arabische und nicht-ultraorthodoxe Parteien.
Im gegenwärtigen Konflikt zwischen Israel und der Hisbollah sind die Drusen besonders betroffen, weil sie im Norden Israels leben – jener Region, die unter dem anhaltenden Beschuss durch die Hisbollah aus dem Libanon besonders stark leidet. Das gilt auch für die Drusen auf den Golanhöhen, wie sich mit dem Massaker von Madschd al-Schams gezeigt hat.
Das strategisch wichtige Gebiet wurde 1967 von Israel im Sechstagekrieg erobert und 1981 annektiert. Die drusische Bevölkerung – etwa 16 Prozent der Drusen in Israel – erhielt die Möglichkeit, die israelische Staatsbürgerschaft anzunehmen, doch die grosse Mehrheit verzichtete darauf. Grund dafür war nicht zuletzt die Furcht, bei einer eventuellen späteren Rückgabe des Gebiets an Syrien Repressalien des Regimes ausgeliefert zu sein. Lange hingen in den drusischen Ortschaften syrische Fahnen und Poster der syrischen Machthaber.
Doch seit dem Beginn des Bürgerkriegs im grossen Nachbarland im Jahr 2011 bröckelt die Loyalität zu Syrien zusehends. Besonders bei der jungen Generation, die nie in Syrien gelebt hat und nicht länger in diesem Schwebezustand verharren will, schwächt sich das Zugehörigkeitsgefühl zum syrischen Staat allmählich ab. Studierten junge Drusen früher mit syrischen Stipendien in Damaskus, gehen sie heute nach Haifa oder Tel Aviv. Nach 2011 schnellte die Anzahl der Anträge auf israelische Staatsangehörigkeit in die Höhe; 2018 waren bereits 20 Prozent der Drusen auf dem Golan Israelis. Die desolate Lage der Wirtschaft in Syrien verstärkt diesen Trend.
Im Libanon sind die Drusen neben den Griechisch-Katholiken die fünft- oder sechstgrösste Religionsgemeinschaft nach Schiiten, Maroniten, Sunniten und Griechisch-Orthodoxen. Sie geniessen das verfassungsmässige Recht auf Selbstverwaltung und verfügen über eine eigene Gerichtsbarkeit. Der vergleichsweise kleine Levantestaat ist das einzige Land, in dem sie eine grössere politische Rolle spielen.
Während des Libanesischen Bürgerkriegs verfügten die Drusen über eine mindestens 6000 Mann starke Miliz, die zusammen mit der PLO und linken Kräften gegen die mit Syrien verbündete Amal-Miliz und christliche Rechtsmilizen kämpfte. Angeführt wird die Minderheit seit Jahrzehnten von der einflussreichen Familie Dschumblat.
Der aktuell einflussreichste Drusenführer, Walid Dschumblat, kämpfte lange entschieden gegen den syrischen Einfluss im Libanon. Vor einigen Jahren wandte er sich jedoch der schiitischen Hisbollah zu, die im Syrischen Bürgerkrieg auf Seiten des Regimes eingriff. Ob das Einvernehmen mit der Hisbollah, das auch gegen Israel gerichtet ist, nach dem verheerenden Raketenangriff auf ein drusisches Dorf Bestand haben wird, ist derzeit noch unklar.
In Syrien verhielt sich die drusische Minderheit – ebenso wie die grössere christliche Minderheit – lange loyal zum Assad-Regime. Auch Assad ist als Alawit Teil einer Minderheit, und das Regime präsentierte sich stets als Beschützer der Minderheiten gegen islamistische Gruppierungen. Neben den Alawiten besetzten auch Drusen zahlreiche Offiziersposten in der Armee.
Nach Ausbruch des Bürgerkriegs im Jahr 2011 verhielten sich viele Drusen neutral – zumindest in der Anfangsphase. Viele Drusen flüchteten in dieser Zeit aus dem Land und verstärkten so die drusische Diaspora. Allerdings kämpften auch Drusen, und zwar sowohl auf Seiten des Regimes wie auf Seiten der Aufständischen, wobei in deren Reihen sich immer mehr islamistische Gruppierungen durchsetzten, die den Drusen feindlich gesinnt sind. 2018 überfiel der Islamische Staat (IS) die mehrheitlich drusische Stadt Suweida, tötete mehr als 200 Menschen und verschleppte viele Frauen und Kinder. Auch deshalb unterhalten Drusen oft selbst bewaffnete Milizen, die ihre Städte und Dörfer verteidigen sollen.
Im vergangenen Jahr kam es zu drusischen Protesten gegen den Präsidenten. Dies zeigt, dass die Loyalität der Drusen zu Assad bröckelt. Dem Machtapparat des syrischen Regimes dürfte dies jedoch nicht wirklich gefährlich werden.
Dass der Anteil von Drusen in israelischen Eliteeinheiten sogar grösser ist als derjenige der jüdischen Bevölkerung ist überraschend, aber durchaus nachvollziehbar. Ebenso die Proteste syrischer Drusen gegen das Assad-Regime.