Die Strasse von Hormus – warum diese Meerenge so wichtig ist
Am Persischen Golf stehen die Zeichen auf Krieg: Die Verhandlungen im Atomstreit zwischen den USA und dem Iran stecken in einer Sackgasse, Washington verlegt zusätzliche Militäreinheiten in die Region, das Mullah-Regime verstärkt seine Streitkräfte und hat während eines Marinemanövers der Revolutionsgarden die Strasse von Hormus zeitweilig geschlossen.
Die Befürchtung, diese strategisch und weltwirtschaftlich wichtige Wasserstrasse könnte im Falle eines Kriegs blockiert werden, ist nicht neu – bereits im vergangenen Sommer stiegen etwa während des zwölftägigen israelisch-iranischen Kriegs die Charterpreise für Öltanker in der Strasse von Hormus deutlich an. Damals gab es jedoch keine nennenswerten iranischen Aktionen gegen den Schiffsverkehr in der Wasserstrasse.
Warum ist dieser maritime Flaschenhals so wichtig – und welche Folgen hätte eine Blockade?
Wo liegt die Strasse von Hormus?
Die Strasse von Hormus ist eine wichtige Wasserstrasse zwischen dem Iran im Norden und Oman sowie den Vereinigten Arabischen Emiraten im Süden, die den Persischen Golf mit dem Golf von Oman, dem Arabischen Meer und dem Indischen Ozean verbindet.
Zwischen den Inseln Larak (Iran) und Quoin (Oman) beträgt die engste Stelle nur etwa 38 Kilometer. Durch die schmalste Stelle der Meerenge führen zwei Schifffahrtswege, die jeweils nur gerade knapp vier Kilometer breit sind.
Warum ist sie so wichtig?
Die Strasse von Hormus ist der einzige maritime Zugang zum Persischen Golf – durch diesen Flaschenhals verläuft der gesamte Schiffsverkehr von und zu den Ölhäfen des Irak, Bahrains, Kuwaits, Katars und der Vereinigten Arabischen Emirate. Auch die wichtigsten Ölhäfen Saudi-Arabiens befinden sich am Golf; das Königreich verfügt lediglich über ein paar Ausweichhäfen am Roten Meer. Sie alle und auch der Iran exportieren den Grossteil ihres Rohöls über die Meerenge – und zwar vornehmlich nach Asien.
Im vergangenen Jahr wurden laut Daten des Marktforschungsunternehmens Kpler täglich durchschnittlich rund 13 Millionen Barrel (1 Barrel = 159 Liter) Rohöl durch diese Hauptader der weltweiten Ölversorgung transportiert – das entspricht etwa 31 Prozent des weltweiten Seetransports von Rohöl.
Im Jahr 2023 war das Volumen noch höher, wobei in der untenstehenden Grafik nebst dem Rohöl noch weitere Erdölflüssigkeiten enthalten sind. Nur in der Strasse von Malakka lag das Volumen höher:
Auch rund ein Fünftel des weltweiten Flüssiggas-Handels wird über diese Route abgewickelt – Katar etwa exportiert nahezu sein komplettes Flüssiggas über diese Route. In umgekehrter Richtung werden Lebensmittel zur Versorgung der Golfstaaten über die Strasse importiert. Ihr kommt daher eine enorme strategische Bedeutung zu.
Welche Folgen hätte eine Blockade?
Der Ölpreis, der aktuell für die Nordseesorte Brent bei rund 70 Dollar pro Barrel liegt, könnte innerhalb kurzer Zeit auf 120 Dollar steigen – diese Zahl nannten die Ökonomen Robin Winkler und Marc Schattenberg von Deutsche Bank Research laut Cash im vergangenen Juni während des Israelisch-Iranischen Kriegs. Höhere Ölpreise würden die Energiepreise erhöhen, die Inflation anheizen und die Konjunktur bremsen. Auch in der Schweiz müsste man mit einer anziehenden Teuerung rechnen.
Erst ein längerfristiger Ausfall der ölexportierenden Länder am Golf könnte jedoch nach Einschätzung von Experten eine internationale Wirtschaftskrise auslösen. Dies ist jedoch nicht ein zwingendes Szenario, da andere Staaten wie Kanada, die USA oder Norwegen ihre Ölfördermengen erhöhen könnten. Allerdings würde auch Russland von höheren Energiepreisen profitieren und seine Fördermengen ausweiten.
Schwer getroffen würden aber sicher die Öl- und Erdgasproduzenten am Golf, darunter besonders Kuwait, Bahrain und Katar, die nicht über brauchbare alternative Routen verfügen. Auch der Iran selbst, der täglich rund anderthalb Millionen Barrel Öl durch die Strasse von Hormus verschifft und die Einkünfte aus diesen Exporten unbedingt braucht, wäre betroffen. Getroffen würden aber auch die grossen Energieimporteure Asiens, vornehmlich China, Indien, Japan und Südkorea. Deutlich mehr als vier Fünftel des Öls und auch des Flüssigerdgases, die durch die Strasse von Hormus verschifft wurden, gingen 2024 dorthin.
Eine längerfristige Sperrung der Strasse von Hormus durch den Iran würde daher die Beziehungen des Mullah-Regimes mit China, das der einzige Ölabnehmer des Irans ist, schwer belasten. Leiden würden aber auch die erst in den letzten Jahren mühsam verbesserten Beziehungen Teherans zu den arabischen Golfstaaten, insbesondere Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Riad misstraut dem schiitischen Mullah-Regime ohnehin und betrachtet den Iran als regionalen Rivalen.
Gibt es alternative Routen?
Die arabischen Golfstaaten, vor allem Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate, haben in den letzten Jahren nach alternativen Routen gesucht, um die Strasse von Hormus zu umgehen. So betreibt Saudi-Arabien die Ost-West-Rohölpipeline, die eine Kapazität von 5 Millionen Barrel pro Tag aufweist. Die Emirate verfügen über eine Pipeline, die ihre Ölfelder mit dem Exportterminal Fujairah am Golf von Oman verbindet.
Die Kapazitäten dieser alternativen Routen sind allerdings nach wie vor deutlich beschränkt: Nach Schätzungen der amerikanischen Energy Information Administration (EIA) könnten im Falle einer Unterbrechung des Seewegs rund 2,6 Millionen Barrel Rohöl pro Tag zur Verfügung stehen, um die Strasse von Hormus zu umgehen.
Gab es bereits Blockaden der Strasse?
Die Drohung mit der Blockade des Schiffsverkehrs durch die Strasse von Hormus ist ein Druckmittel der iranischen Aussenpolitik. Schon während des Iran-Irak-Krieges in den 1980er Jahren (dem Ersten Golfkrieg) drohte die Islamische Republik damit, den wichtigen Seeweg zu schliessen – auch wenn dies ihre eigenen Exporte getroffen hätte. Beide Seiten versuchten damals im sogenannten Tankerkrieg, die Exporte des Feindes durch Angriffe auf Tanker und Handelsschiffe zu stören. Die USA registrierten während des Krieges kuwaitische Öltanker unter ihrer Flagge. Zudem schützten sie Energietransporte durch Marineeskorten im Golf.
Auch während des Streits um das iranische Atomprogramm im Jahr 2011 setzte Teheran die Blockade-Drohung als Druckmittel ein, und erneut im Jahr danach als Antwort auf amerikanische und europäische Sanktionen. Im Mai 2019 wurden vier Schiffe, darunter zwei saudische Tanker, vor der Küste der Vereinigten Arabischen Emirate angegriffen – allerdings ausserhalb der Strasse von Hormus. Grossbritannien, Saudi-Arabien und Bahrain schlossen sich darauf einer US-geführten Koalition für maritime Sicherheit zum Schutz der Schifffahrtswege an.
2023 und 2024 beschlagnahmte der Iran insgesamt drei Schiffe in der Strasse von Hormus oder in der Nähe. Es handelte sich um eine Vergeltungsaktion für die Beschlagnahmung von Tankern mit iranischem Bezug durch die USA.
