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So explosiv ist die Lage derzeit im Nahen Osten - Experte ordnet ein

Teaserbild Iran Hisbollah Israel, Nahostkonflikt
Weitet sich der Krieg über Gaza aus? Anschlag im Iran (Bild links) und das Begräbnis von Hamas-Anführer al-Aruri in Beirut.Bild: Keystone SDA

So explosiv ist die Lage derzeit im Nahen Osten – Experte ordnet ein

In Beirut stirbt ein Hamas-Anführer bei einem Anschlag, im Iran kommt es zu Terror während einer Gedenkfeier. Experte Erich Gysling über mögliche Folgen über Gaza hinaus.
04.01.2024, 18:1205.01.2024, 10:27
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Seit fast drei Monaten tobt der Krieg zwischen Israel und Hamas. In den letzten Tagen überschlagen sich die Ereignisse, neben dem eigentlichen Kriegsschauplatz im Gaza-Streifen auch mit Anschlägen im Libanon und im Iran. Was das für die Region bedeutet, ordnet der Nahost-Experte Erich Gysling ein.

Libanon: Tötung Hamas-Anführer

Das ist passiert:
Am Dienstagabend kommt es in Beirut zu einer Explosion. Dabei soll der Hamas-Anführer Saleh al-Aruri getötet worden sein.

Das wissen wir:
Mehrere Agenturen berichten von einem Drohnenangriff in der libanesischen Hauptstadt Beirut. Sieben Menschen seien dabei ums Leben gekommen, darunter Saleh al-Aruri, ein führendes Hamas-Mitglied. Tausende haben am Donnerstag an seiner Beisetzungsfeier teilgenommen.

Für Nahost-Experte Erich Gysling ist klar: «Dahinter steckt zu 99,9 Prozent Israel.» Der israelische Premier Netanjahu habe gesagt, dass Israel alle Hamas-Leute verfolge. Egal wo.

Mögliche Auswirkungen:
«Die Tötung al-Aruris hat unmittelbar keine Auswirkungen», sagt Gysling. Es herrsche ja bereits Krieg.

«Nur: Der Anschlag hilft nicht. Im Gegenteil.» Hamas werde sich im Gaza-Streifen nun nur umso mehr wehren, sagt Gysling und fügt an:

«Durch das anhaltende Grauen fast in den Hintergrund tritt das einstige Ziel Israels: die Geiseln lebendig befreien zu können. Je länger der Krieg andauert, desto weniger Geiseln werden in den Tunnelsystemen der Hamas überleben. Desto schlimmer wird es für die Geiseln, das Faustpfand der Hamas. Desto mehr Bombardierungen durch die Israelis gibt es im Gaza-Streifen. Diesen Horror können wir uns gar nicht wirklich vorstellen.»
Portrait of Erich Gysling, publicist, correspondent and Middle-East expert, pictured on June, 28, 2011, in Affoltern am Albis, canton of Zurich, Switzerland. (KEYSTONE/Gaetan Bally)
Nahost-Kenner Erich Gysling.Bild: KEYSTONE
Zur Person
Erich Gysling ist Journalist und Kenner des Nahen Ostens. Er arbeitete etwa als Leiter der Tagesschau und der Rundschau beim Schweizer Fernsehen. Gysling hat mehrere Bücher zum Nahen Osten veröffentlicht.

Für Gysling zeigen die letzten drei Monate: «Durch die Kampfhandlungen ist keine einzige Geisel freigekommen. Sondern einzig durch Verhandlungen.» Es bräuchte also dringend wieder Verhandlungen, so der Experte.

Iran: Terror am Grab

Das ist passiert:
In der iranischen Stadt Kerman kommt es am Mittwoch zu Explosionen. 84 Menschen werden getötet, 284 verletzt.

Die beiden Explosionen ereigneten sich während einer Gedenkzeremonie für den iranischen Top-General Ghassem Soleimani nahe seiner Grabstätte. Soleimani war vier Jahre zuvor von den USA im Irak getötet worden.

Das wissen wir:
Nahost-Kenner Gysling ging am Donnerstagnachmittag davon aus, dass die Anschläge aufs Konto einer inneriranischen Oppositionsgruppe gehen. «Konkret kämpfen beispielsweise die Belutschen seit Langem gegen das schiitische Regime.» Eine solche Täterschaft hielt Gysling für wahrscheinlicher als die Israelis oder die Amerikaner.

Warum? Der Anschlag in Kerman entspreche weder israelischer Taktik noch israelischer Interessen. Gysling:

«Der israelische Geheimdienst ermordete gezielt iranische Atomtechniker. Andere Aktionen des israelischen Geheimdienstes in Iran hatten konkrete Ziele, die im Zusammenhang mit dem Atomprogramm standen, etwa das ‹Implantieren› von Viren in bestimmten Anlagen.»

Am Donnerstagabend bekannte sich die Terrormiliz «Islamischer Staat» («IS») zum Anschlag.

Rede Hisbollah-Führer

Das ist passiert:
Hisbollah-Führer Hassan Nasrallah hat in einer Rede Israel vor einem Krieg gegen Libanon gewarnt.

Das wissen wir:
Anlässlich des vierten Jahrestags der Tötung von Soleimani hat Hisbollah-Führer Nasrallah in einer Rede klargemacht, wer al-Aruri getötet hat: für ihn eindeutig Israel. Nun droht er dem Land mit Krieg.

Mögliche Auswirkungen:
«Nasrallah brachte in seiner Rede zum Ausdruck, dass Hisbollah zwar für einen Krieg bereit sei, einen solchen aber eigentlich nicht wünscht», erläutert Gysling. Nasrallah wisse genau, dass er durch einen Krieg Libanon in ein gewaltiges Chaos stürze. Israel auf der anderen Seite wisse das ebenso.

«Entsprechend sind aktuell beidseitig Nadelstiche zu beobachten.» Gysling:

«Die Hisbollah-Miliz schwört ihre Treue gegenüber Ali Chamenei, dem iranischen Revolutionsführer. Was wiederum Chamenei für Direktiven ausgibt, wissen wir nicht. Es gibt zwischen Iran und Hisbollah einerseits eine gewisse Unabhängigkeit, andererseits aber auch eine gewisse Loyalität. Das ist typisch für den Nahen Osten: Fast alle Allianzen sind von Widersprüchen durchzogen. Es ist kaum etwas so schwarz-weiss, wie wir im Westen uns das zwecks besserer Verständlichkeit manchmal wünschten.»

Fazit

«Die Situation ist labil. Es kann jederzeit eine Eskalation geben», sagt Gysling. Eskaliere die Lage zusätzlich, dann sehr wahrscheinlich zwischen Hisbollah und Israel, konkret im Gebiet der Nordgrenze von Israel und im südlichen Libanon.

Vorläufig sei kein Friede in Sicht. «Israel will nicht aufhören, Hamas ebenso wenig.» Es sehe so aus, als würde sich der Horror noch lange hinziehen. «Und jeder Tote steigert den Hass der Gegenseite.»

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48 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Macca_the_Alpacca
04.01.2024 19:05registriert Oktober 2021
Frage: Wann war die Situation im nahen Osten mal nicht explosiv? Selbst in ruhigeren Phasen wie etwa 2010, als ich nach Israel gereist bin, lag da immer was in der Luft. Das erste was ich sah, als ich aus dem Hotelzimmer runter guckte, war ein Soldat mit M16 Gewehr. Als ich das Hotel zum ersten mal verliess kam ich - Mitten in eine Bombenentschärfung (mit ferngesteuertem Robi). Ich habe kein grösseres Geschäft betreten., ohne Metalldetektor. Und in der Shopping Mall patrouillierten Soldatinnen mit M16 Gewehren. Waffen wo ich auch hingesehen habe.
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